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FAZ.NET-Tatortsicherung

So wird im Darknet ein Mord bestellt?

Von Eva Heidenfelder
© NDR/Christine Schroeder, FAZ.NET

Der Leiter der Spezialabteilung Cybercrime des Landeskriminalamtes Kiel wird ermordet. Sarah Brandt (Sibel Kekilki) und Klaus Borowski (Axel Milberg) nehmen mit den Kollegen des Ermordeten im Darknet die Jagd nach dem Mörder auf.

Die Schilderungen der Polizeiarbeit im Bereich der Cyberkriminalität ist nah dran an der Realität. Bei den digitalen Details hätten die Autoren aber besser noch einmal die Suchmaschine angeworfen. Wir haben Experten befragt.

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Wolfgang Eisenberg, Leiter des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein: „Der Fingerabdruck war eine Revolution in der Polizeiarbeit. Wir stehen heute wieder vor einer Revolution. Computer verändern alle Aspekte unserer Arbeit.“ (Minute 14)

Frage 1: Im neuen „Tatort“ aus Kiel werden Ermittlungen in virtuellen Welten als neue Herausforderung dargestellt, der sich die Polizei in ihrer täglichen Arbeit stellen muss. Für den Bereich Cybercrime gibt es sogar extra das Dezernat 23. Trotzdem sind die Mitarbeiter „richtige Polizisten, keine Nerds“, wie gewitzelt wird, die sich Programmieren und Hacken selbst beigebracht haben. Heißt das, die Polizei setzt jetzt auch Beamte ein, die nicht zu den „Digital Natives“ gehören?

Das Dezernat für Cybercrime besteht im „Tatort“ aus genau zwei Kollegen: Cao (Yung Ngo, links) und Dennis (Mirco Kreibich) sind aber angeblich „echte Beamte, keine Nerds“.
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Antwort von Uwe Keller (Sprecher des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein):

Ob Datenklau, Hacking-Software oder Erpressung: immer häufiger finden Straftaten online statt. Im Jahr 2015 wurde deshalb im Landeskriminalamt (LKA) Schleswig-Holstein in der Tat das Dezernat 23 Cybercrime/Digitale Spuren mit 26 Mitarbeitern gegründet, um Fachwissen aus den Bereichen Ermittlungen und Forensik in einer Ermittlungseinheit zu bündeln. Auch in den Bezirkskriminalinspektionen in Kiel, Lübeck, Flensburg und Itzehoe wurden spezielle Cybercrime-Kommissariate eingerichtet. Neben polizeilichen Ermittlern, die sehr computeraffin sind, arbeiten in diesen Fachdienststellen aber selbstverständlich auch ausgebildete IT-Spezialisten, die sich wiederum im Bereich der Ermittlungsarbeit fortbilden müssen. Absolute Computerneulinge werden Sie im Dezernat 23 nicht finden.

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Frage 2: Kommissar Borowski fragt sich, warum das Dezernat Cybercrime im Darknet die Identität von Straftätern nicht ermittelt und bekommt als Antwort: „Wir sind ja nicht die NSA. Wir können die Anonymität im Darknet nicht aushebeln.“ Wozu gibt es die Einheit dann überhaupt?

Antwort von Uwe Keller:

Ermittlungserfolge der letzten Monate, beispielsweise die Zerschlagung der illegalen Plattform crimenetwork.biz, verdeutlichen, dass es den Ermittlern sehr wohl immer wieder gelingt, Täter aus der Anonymität des Darknet herauszuzerren und mit den Konsequenzen ihres Handelns im realen Leben zu konfrontieren.

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Cybercrime-Ermittler Cao: „Jeder Laserdrucker hinterlässt eine Signatur. Wenn man die Blaubytes ins Schwarz verschiebt, kann man die Signatur sichtbar machen. Das Muster können wir mit Datenbanken der Hersteller abgleichen. Mit etwas Glück ist der Drucker da registriert.“ (Minute 22/23)

Frage 3: Die Ermittler können eine erste heiße Spur zum Mörder aufnehmen, weil der Täter am Tatort ein Foto hinterlassen hat. In einem Copyshop finden sie tatsächlich das Gerät, das das Bild gedruckt hat. Da die Ermittler auch alle anderen Dokumente einsehen können, die der Drucker jemals verarbeitet hat, stoßen sie dann wiederum auf eine Zahlenreihe, die auf eine Website im Darknet verweist. Ist es wirklich so simpel das Gerät zu finden, auf dem gedruckt wurde – und wo bleibt der Datenschutz?

Borowski staunt nicht schlecht darüber, was mit moderner Technik alles möglich ist.
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Antwort von Falk Garbsch (Sprecher des Chaos Computer Clubs):

Es gibt in der Tat Hersteller, beispielsweise Xerox, deren Drucker auf jeder Seite eine Art Signatur hinterlassen, über die sie identifizierbar sind, der sogenannte „machine identification code“. Damit soll vor allem Banknoten- und Dokumentenfälschung verhindert werden. Was da im „Tatort“ mit den „Bytes“ erzählt wird, ist allerdings totaler Quatsch. Bytes sind eine digitale Maßeinheit, das hat mit Bildbearbeitung überhaupt nichts zu tun. Die Signatur besteht aus gelben Pixeln, die mit hochauflösenden Scannern sichtbar gemacht werden können. Was wiederum stimmt: Moderne Kopiergeräte und Drucker sind heutzutage oft mit Speichermedien ausgestattet. Dort werden dann gescannte und gedruckte Dokumente entweder zwischengespeichert oder teilweise dauerhaft abgelegt. In einem Copyshop sollte diese Funktion aber natürlich ausgeschaltet sein. Allerdings war es in der Vergangenheit häufig so, dass der Betreiber dem Hersteller zusätzliche Funktionen abkaufen musste, um die Speicherfunktionen komplett loszuwerden. Letztlich kann man sich also nicht immer darauf verlassen, wie ernst Hersteller und Betreiber von Kopiergeräten den Datenschutz nehmen.

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Frage 4: Die Website im Darknet, die sich hinter der Zahlenreihe verbirgt, nimmt anonym die Auftragsmorde entgegen. Über sie wurde auch der Mörder bestellt. Nach getaner Arbeit, die er mit einem Foto des Toten nachweisen muss, soll er über anonyme Bitcoins entlohnt werden. Geht das so einfach?

Nun muss der Mörder aus dem Netz nur noch außerhalb der virtuellen Welt gefunden werden.
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Antwort von Falk Garbsch:

Das ist stark vereinfacht. Zunächst einmal ist der Begriff Darknet hier eigentlich falsch. Unter dem Begriff Darknet versteht man in der Informatik eigentlich ein Netzwerk, welches von außen nicht ersichtlich beziehungsweise einsehbar ist. Auf der Welt existieren viele solcher Darknets. Gemeint ist im “Tatort“ wohl das Tor-Netzwerk. Dieses Netzwerk dient eigentlich dazu, Anonymität im Internet zu gewährleisten und wird auch beispielsweise von Dissidenten totalitärer Regime oder Journalisten, die über die dortigen Missstände berichten wollen, genutzt. Zugang zu diesem Netzwerk erlangt man beispielsweise über den Tor-Browser. Das dahinter liegende Netzwerk erlaubt dann den Zugriff auf das Internet oder die Kommunikation innerhalb des Netzwerkes und verschleiert dann die Internet-Adressen der Kommunikationspartner. Und genau in diesem Punkt wird es wirklich unrealistisch. Wenn man nicht weiß, mit wem man spricht, wird man ihn wohl kaum mit einem Mord beauftragen, geschweige denn Bitcoins dafür zahlen. Denn wie will man kontrollieren, ob das Gegenüber nicht ein verdeckter Ermittler ist oder mit dem Geld einfach abhaut, ohne den Auftrag ausgeführt zu haben? Da hilft auch ein Beweisfoto nichts, das könnte gefälscht sein. Der Mörder wiederum kann sich nicht sicher sein, die Bitcoins auch wirklich zu erhalten. Überhaupt ist der anonyme Handel über solche Netzwerke quasi unmöglich, das gilt auch für Waffen und Drogen. Denn die Waren müssen ja irgendwie übergeben werden. So wurde dann beispielsweise der Händler gefasst, der dem Amokläufer von München die Waffe verkauft hat. Dass Verbrechen rein über das Darknet oder Tor abgewickelt werden, ist insofern falsch dargestellt.

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Kommissarin Brandt: „Was ist das?“ – Staatsanwalt Austerlitzt: „Das Passwort von den Bitcoin-Brieftaschen. Das klebte an einem beschlagnahmten Computer. Die Bitcoins sind mittlerweile Millionen Euro wert!“ (Minute 80)

Frage 5: Am Schluss stellt sich heraus, dass der leitende Staatsanwalt mit dem Mord die Unterschlagung von Bitcoins im Wert von mehreren Millionen Euro vertuschen wollte, die bei den Ermittlungen im Fall der sogenannten „Karawane“ entdeckt wurden, einem virtuellen Marktplatz für illegale Waren wie Drogen, verschreibungspflichtige Medikamente oder Waffen. Ein realistisches Szenario?

Es könnte so schön werden mit all den Bitcoins. Denn noch hat Sarah Brandt Staatsanwalt Austerlitz nicht als Täter entlarvt.
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Antwort von Falk Garbsch:

Ich gehe davon aus, dass der Drehbuchautor damit auf den bereits vor Jahren abgeschalteten virtuellen Schwarzmarkt namens „Silkroad“ anspielt, der im Tor-Netzwerk versteckt war. Was absolut unrealistisch dargestellt wird, ist der Umgang des Täters mit dem gefundenen Passwort zu einer Bitcoin-Wallet. Er hätte sich einfach über das Passwort auf dem Klebezettel das Geld holen und den Zettel wieder an den beschlagnahmten Computer hängen können – und kein Mensch hätte im Nachhinein nachweisen können, dass er die Bitcoins abgehoben hat. Zumal er ja, da er als einziger den eigentlichen Sinn der Zahlenreihe erkannt zu haben scheint, über die nötigen Kenntnisse dafür verfügt. Das ist als Tatmotiv wirklich total konstruiert.

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Quelle: FAZ.NET
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