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FAZ.NET-Tatortsicherung

Mit Gülle gegen Gammelfleisch?

Von Uwe Ebbinghaus
© NDR/Christine Schroeder, FAZ.NET

In dem neuen „Tatort“ aus Hannover wird ein Mensch getötet, um illegale Fleischpanschereien zu vertuschen. Bei den Schlachthofszenen hält sich Drehbuchautor und Regisseur Alexander Adolf allerdings auffällig zurück. Der Schrecken der Fleischverarbeitung soll im Kopf des Zuschauers entstehen, sagte er in einem Interview.

Das Erstaunliche an diesem surreal angehauchten Fall: Einige der unglaubwürdigsten Details sind gar nicht so abweggig.

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Frage 1: Im neuen „Tatort“ behauptet ein ausgestiegener Landwirt, Schweine würden in der Mast heute nur noch mit „Industrieabfall mit Zucker“ (Minute 23) gefüttert. Kann man das so sagen?

Wünscht dem Fleischverarbeitungsmagnaten Jan-Peter Landmann die Seuche an den Hals: Landwirt Janzen (Oliver Stokowski) mit Zuchteber
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Antwort von Prof. Josef Kamphues (Institut für Tierernährung, Tierärztliche Hochschule Hannover)

Da kann ich nur sagen, es wird heute viel Unsinn erzählt. In Deutschland, Europa und Nordamerika ist die Basis der Schweinemast, so wahr ich lebe, Getreide. Getreide ist die energieliefernde Komponente. Die proteinliefernde Komponente ist das Sojaextraktionsschrot und das Rapsextraktionsschrot. Wenn ich von Natur aus böswillig bin, kann ich diese beiden Produkte als Industriereststoff oder -abfall bezeichnen. Sachlich gesehen ist es so: Die Sojabohne wird entfettet, damit der Mensch daraus Öl und Margarine gewinnen kann. Den Rest will der Mensch nicht nutzen. Muss man es als Abfall bezeichnen? In der Wissenschaft bezeichnen wir es als Ölmühlennachprodukt. Und tatsächlich hat das Nebenprodukt einen hohen Wert, es ist seit 80 Jahren das wichtigste Eiweißfuttermittel der Welt.

Jetzt komme ich zu dem Zucker. Es gibt noch weitere Nebenprodukte, die wir gerne in der Schweinemast verwenden, weil wir wissen, dass das Schwein ein Allesfresser ist. Ein Paradebeispiel sind Nebenprodukte aus der Molkerei. Und was ist Molke? Molke ist Wasser plus Milchzucker. Molke ist wie eine Suppe, in die Getreide und meine Eiweißkomponenten gegeben werden. Auch hier haben Sie, wenn Sie böswillig sind, die Möglichkeit zu sagen: Das ist Industrieabfall mit Zucker, weil: Man spricht ja auch von der Milchindustrie. Aber: Was haben Sie davon?

Es gibt übrigens auch Süßwarennebenprodukte, die verfüttert werden. Wenn zum Beispiel Riegel wie Mars oder Bounty eine Datumware werden, nicht mehr im Lebensmittelgeschäft unterzubringen sind und nicht verschimmelt sind – wo gehen die hin? In die Schweinemast. Wunderbar. Die Schweine fressen es, wachsen und gedeihen, dass man eine Freude daran hat.

Schlachtszenen werden in diesem „Tatort“ nicht gezeigt, und Kommissarin Lindholm lässt sich in einem unbedachten Moment zu der Aussage verleiten: „Ich finde Fleisch auch spitze“.
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Diese Art der Fütterung wird im neuen „Tatort“ von demselben Landwirt als gesundheitsschädlich dargestellt – womöglich, weil bei der Tiermast größtenteils gentechnisch verändertes Getreide eingesetzt wird.

Prof. Kamphues: Natürlich wird auf der ganzen Welt genverändertes Getreide verfüttert, auch in Deutschland. Nur beim Geflügel nicht, da wird größtenteils unter Mehrkosten ein alter Standard aufrechterhalten, aber bei Rindern und Schweinen ist es der Normalfall. Anders geht es nicht mehr. Es gibt aber keine wissenschaftliche Untersuchung, die jemals einen Schaden für den Menschen nachgewiesen hätte.

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Frage 2: Der Fleischverarbeiter Jan-Peter Landmann behauptet im „Tatort“, seine Tiere schliefen vor der Schlachtung ohne Schmerz, ohne Stress, ohne Angst ein, „fast wie im Cluburlaub“ (Minute 85). Wie werden Masttiere in Deutschland getötet?

Geht nicht nur über Tierleichen: Jan-Peter Landmann (Heino Ferch) ist der einzige leitende Angestellte seines Großunternehmens
© dpa, FAZ.NET

Antwort von Prof. Thomas Blaha (Leiter der Außenstelle für Epidemologie in Bakum, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover)

Das ist in ganz Deutschland und Europa dasselbe. Die Tötung zur Schlachtung besteht aus zwei Schritten. Der erste Schritt ist die Betäubung, der zweite ist der Blutentzug. Es gibt zwei zugelassene Methoden der Betäubung. Das ist zum einen die Elektrobetäubung, da werden Gehirn und Herz des Tiers mit Strom druchströmt, es verliert in Sekundenbruchteilen das Bewusstsein und das Schmerzempfinden. Dann wird es entblutet. Betäubt wird auch mit CO2. Vier, fünf Tiere kommen in eine Gondel, diese Gondel senkt sich ab in einen tiefen Schacht, wo eine hohe Konzentration an CO2 herrscht. Sie verlieren ihr Bewusstsein, kommen wieder hoch und werden dort entblutet. Das sind hochgradig gesetzlich vorgeschriebene Prozesse. Das Betäuben und das Entbluten, der gesamte Fleischgewinnungsprozess, unterliegt der Überwachung durch Veterinärämter. Auf all diesen Schlachthöfen stehen Menschen, die vom Staat bezahlt werden, und die darauf achten, dass der Tierschutz und die Notwendigkeiten der Lebensmitteltsicherheit eingehalten werden. Dieses System hat Deutschland bereits vor hundert Jahren eingeführt, und die ganze Welt hat es nachgeahmt.

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Zitat Clemens Müller: „Das ist die Zukunft. Sie züchten Viren, um die Fäulnisbakterien zu zersetzen. Das nennt man Bakteriophagen. Das Revolutionäre an der Sache ist, sie züchten diese Bakteriophagen auf der Basis von Gülle. Schweinescheiße. Deswegen riecht's hier so gut.“ (Minute 77)

Frage 3: Kann diese „natürlichste Konservierung der Welt“, wie es im neuen „Tatort“ heißt, funktionieren?

© ARD, ARD

Antwort von Prof. Günter Klein (Institut für Lebensmittelqualität und -sicherheit, Tierärztliche Hochschule Hannover)

Das ist eine interessante Idee, aber es funktioniert so nicht. Wir beschäftigen uns sehr intensiv mit Bakteriophagen. Das sind Viren, die Bakterien zerstören, Bakterienfresser also. Sie werden zum Beispiel auch in der Medizin, besonders der Wundversorgung angewendet. Wir selbst haben Bakteriophagen recht erfolgreich eingesetzt, um bei Geflügel Campylobacter zu reduzieren, das sind die häufigsten bakteriellen Erreger von Durchfällen in Deutschland. Bakteriophagen kann man über das Trinkwasser zuführen. Auch ist es möglich, sie auf Schlachttierkörper von Geflügel aufzusprühen.

Allerdings sind Bakteriophagen sehr wirtsspezifisch, das heißt, in der Regel ist ein Bakteriophage nur für eine bestimmte Bakterienart zu verwenden, zum Beispiel Campylobacter oder Salmonella, aber nicht für verschiedene Spezies. Beim Fleischverderb aber haben wir es mit einer großen Vielzahl von Bakterien zu tun, die zum Teil nichts miteinander zu tun haben. Würde nur eine Art erfolgreich reduziert werden, würde man das gar nicht bemerken. Es gibt zwar auch polyvalente Phagen, die ein größeres Spektrum abdecken, in der Literatur findet man Hinweise aus den frühen neunziger Jahren, allerdings gelten sie als nicht geeignet, um Fäulnis zu verhindern. Die oben beschriebene Methode ist also sehr schwer vorstellbar, nicht praxisgerecht.

Hinzu kommt: Würde man Phagen nicht präventiv anwenden, sondern bei bereits eingetretenem Fäulnisprozess, was in ihrem Beispiel der Fall zu sein scheint, würde das nicht viel nützen. Denn die Bakterien haben die Substanz des Fleisches dann schon angegriffen und Stoffwechselprodukte erzeugt, Säuren, Fettabbau, Eiweißabbau. Das können Sie nicht mehr rückgängig machen. Und der letzte Punkt: rechtlich gäbe es für eine solche Anwendung keine Grundlage. Bakteriophagen passen in keine Kategorie der erlaubten Zusatzstoffe, weil sie zum Beispiel nach der Anwendung nicht mehr entfernt werden können.

Sie sagten, bei Geflügel würden natürliche Bakterienfresser aber schon angewandt.

Prof. Klein: Ja, unsere Studien liefen mit einer Ausnahmegenehmigung des Landesamts. Unser Versuch lief unter Aufsicht und war erfolgreich. Der Campylobacter-Wert war bei den behandelten Hähnchen signifikant geringer. Wir hatten einen Antrag gestellt, und für bestimmte Betriebe wurde das Verfahren zeitlich befristet zugelassen.

Wie werden Bakteriophagen gewonnen?

Prof. Klein: Bakteriophagen kommen in der Natur vor, im Kot von Geflügel und auch bei Schweinen. Gülle wäre die Weiterverarbeitung davon. Wobei die isolierten Bakteriophagen natürlich nicht nach Gülle riechen.

Im Tatort erkranken Menschen, die mit Bakteriophagen in Berührung kommen, an einem Darminfekt und an Lungenentzündung. Wie gefährlich sind sie für den Menschen wirklich?

Prof. Klein: Bakteriophagen sind generell harmlos für den Menschen. Der Mensch ist ja kein Bakterium. Höchstens das Aerosol als solches könnte Auswirkungen haben.

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So fand unsere Autorin den „Tatort: Ein sanfter Tod“ – wie fanden Sie ihn?

Quelle: FAZ.NET
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