TV-Film „Meine fremde Freundin“

Ein Mann unter Verdacht

Von Heike Hupertz
 - 17:24

Zu den Kollateralschäden der Offenlegung sexualisierter Gewalt und des Machtmissbrauchs infolge des Falles Harvey Weinstein gehört der Herrenwitz. Beleidigt erinnert sich dieser spezielle Humor an Zeiten, als Shampooflaschen fürs weibliche Haar immer rund und länglich sein sollten, weil Frauen ja so gern „Sie wissen schon was“ in die Hand nehmen, wie es der Referent auf einer Marketingspitzenmanager-Konferenz in Frankfurt coram publico formulierte. Noch immer schwärmt der Herrenwitz vom grölenden Gelächter der meisten Anwesenden. Kampagnen wie „#metoo“ vermitteln anlässlich wesentlich gravierender Vorkommnisse: Herabsetzungen solcher Art und Schlimmeres sind Alltagsphänome, von Frauen selbst ignoriert und verharmlost. Sie sind auf kein bestimmtes Milieu beschränkt und auf kein Geschlecht. Es handelt sich um ein unzivilisiertes Grundrauschen unserer Gesellschaft.

Der Abteilungsmacho Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) ist ein Meister der herabsetzenden Bemerkungen seinen Mitarbeiterinnen gegenüber. Gleich am ersten Arbeitstag bietet er der neuen Kollegin im Gesundheitsamt Hannover, Judith Lorenz (Ursula Strauss), an, ihr nicht nur beim Tragen schwerer Akten zu helfen. In der Tat stecke ihr der Umzug im Kreuz, erwidert Lorenz freundlich. „Sie tragen ja ohnehin recht schwer. Stehe unterstützend zur Seite“, bemerkt der Vorgesetzte und taxiert ihren Busen.

Nur „freundlich einmal ihre Brüste beiseitegeschoben“

Kurz darauf rügt er sie vor den Kollegen wegen ihrer Arbeitshaltung. Nicht sehr hilfreich sei ihr ausgeprägter Aktionismus. Nun müsse er mal wieder alles richten. Keine Frage, Lehmann ist ein sexistischer Kotzbrocken. Die Vorgängerin von Judith Lorenz hat wegen seiner Übergriffigkeit gekündigt. Später gibt er gegenüber seinem Anwalt zu, dass er diese „total inkompetente Frau“ vielleicht ein „bisschen derb“ behandelt und „freundlich einmal ihre Brüste beiseitegeschoben“ habe, als sie versucht habe, mit tiefem Dekolleté bei ihm zu punkten. Judith Lorenz dagegen versucht nicht zu punkten. Sie gibt ihm passende Antworten. Andrea Bredow (Valerie Niehaus), die sich schon lange fragt, warum die kompetente Abteilungsleiterin Dr. Gonzor (Johanna Gastdorf) Lehmanns Verhalten toleriert, bewundert die Neue und freundet sich mit ihr an. Zwei Wir-sagen-uns-alles-und-halten-zusammen-Freundinnen. Als Judith Lorenz nicht mehr zur Arbeit erscheint, weil Lehmann sie im Aktenraum vergewaltigt habe, macht Andrea Bredow ihr Mut, den Mann anzuzeigen.

Sein Verhalten, sein Ausrasten und seine verächtliche Art, mit den Vorwürfen umzugehen – alles spricht gegen ihn. Seine Frau Kirsten (Winnie Böwe) und das Gericht stufen die Geschädigte als glaubwürdig ein. Lehmann erhält eine mehrjährige Haftstrafe. Aber war er es? Und wenn nicht, hat es dieses Ekel dann nicht doch verdient, vielleicht stellvertretend für andere Täter, die Frauen in die Enge treiben und um beruflichen Erfolg bringen? Oder wird hier ein auf die virile Karte setzender Unsympath von einer skrupellosen Frau instrumentalisiert, die an seinen Posten will und die entsprechende Schwachstelle entdeckt hat?

Stefan Krohmers Film (Drehbuch Daniel Nocke und Katrin Bühlig) macht vieles anders, als man es bei diesem emotionalisierenden Themenkomplex erwarten könnte. Krohmers Blick richtet sich, wie in seinen anderen Filmen, auf das Alltägliche, Beiläufige. Gedreht wurde in einem verlassenen Trakt eines Hannoveraner Amtsgebäudes. Die Atmosphäre des Büros ist frei von Hysterie, das Geschehen umso abstoßender. Obwohl Gerichtsverhandlungen vorkommen, folgt der Film „Meine fremde Freundin“ keiner üblich zuspitzenden Gerichtsfilmdramaturgie. Hier geht es mehr um die Dramaturgie des Zweifels und das Aufdecken neuer Tatsachen, die Vorurteile und Urteile bestätigen und dann wieder mit einem Fragezeichen versehen.

Andrea Bredow betrachtet Judith Lorenz mit zunehmender Skepsis. Allmählich zerbröselt der Vertrauensvorschuss, auch des Zuschauers. Andreas Mann Martin (Godehard Giese), als Jurist von Beruf Infragesteller, verstärkt den distanzierenden Blick. In der zweiten Hälfte führt der Film in einer Ellipse zum Ausgang des Verdachts unter nun veränderten Vorzeichen.

Der Film ist eine sachliche, gleichwohl raffinierte Lektion über die Notwendigkeit, Fälle sexualisierter Gewalt, die sonnenklar auf der Hand zu liegen scheinen, genau zu prüfen. Vom Herrenwitz zur körperlichen Erniedrigung führt kein direkter Weg. Im Anschluss an diesen bedenkenswerten Film diskutiert Sandra Maischberger mit ihren Gästen über „Sexuelle Nötigung, Lügen und Vorurteile“.

Meine fremde Freundin, um 20.15 Uhr in der ARD.

Quelle: F.A.Z.
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