TV-Film „Sanft schläft der Tod“

Er treibt sein finsteres Spiel mit dem Herzen der Familie

Von Heike Hupertz
 - 18:32

Für manche ist Fernsehen im positiven Sinn die Wiederkehr des Gleichen. Oft geht es zu wie beim Wettrennen von Hase und Igel. Der Igel, vulgo Holger Karsten Schmidt, ist immer schon dagewesen, wenn es um intelligent gestrickte Drehbücher geht und darum, bekannten Formen einen überraschenden Dreh und neue Sichtweisen zu geben. Im besten Fall kann man von seinen Filmen psychologisch feinfühlige Konstruktion und konfliktreich zugespitzte Relevanz erwarten, im schlechtesten immer noch spannende Unterhaltung mit schlauen Wendungen obendrauf. „Der Solist“, „14 Tage lebenslänglich“, „In Sachen Kaminski“, „Die Sturmflut“, „Mörder auf Amrum“, „Mord in Eberswalde“, „Harter Brocken“, „Das Programm“, „Auf kurze Distanz“, „Das weiße Kaninchen“ (mit Michael Proehl): nur einige der Filme, zu denen Schmidt das Buch geschrieben hat. Zusammen ergeben sie eine der Galerien des jüngeren Qualitätsfernsehschaffens. Die meisten haben Preise gewonnen, manche wurden mehrfach ausgezeichnet.

Der Igel ist immer schon da: Inzwischen muss man sich aufgrund der Vielzahl der jährlich gesendeten neuen Schmidt-Filme fragen, ob sich hinter dem Markennamen nicht ein kompletter „Writer’s Room“ verbirgt. „Sanft schläft der Tod“ ist sein neuer, bewegender Thriller in Fernsehfilmüberlänge, dem Regisseur Marco Kreuzpaintner das Wort „Suspense“ groß einschreibt. Erst nach und nach, mit rezeptionspsychologisch genau gesetzter Verzögerungstaktik, entbirgt sich hier die Tragik des Bösewichts (Matthias Brandt). Die Gewissheiten der meisten Biographien entpuppen sich innerhalb zweier Stunden als Erzählungen aus Bequemlichkeit, Eitelkeit oder Schuldabwendung. Das Verbrechen ist Katalysator der Lebenslügen. Rügen und die Stadt Binz werden dabei genauso als doppelbödige Orte mit erzählt wie die moralisch schillernden DDR-Verstrickungen des nun alkoholabhängigen Ex-Stasibeamten Herbert Winter (Manfred Zapatka). Zentrales Thema ist Familie als Schutzgemeinschaft und die Folgen ihrer mutwilligen oder tragischen Zerstörung. Mutterliebe, das ist nicht neu, kann töten oder retten.

Der Zuschauer verharrt in teilnahmsvoller Ohnmacht

Zwei Kinder werden entführt. Als morgens Anja Mendt (Marleen Lohse) vom Brötchenholen an den Pier zurückkommt, hat das für den Urlaub gecharterte Schiff mit den Schlafenden eben abgelegt. Der Entführer ist der Pantomime (Brandt), der den sechsjährigen Finn (Georg Arms) am Vortag mit Zauberkunststücken verführt hat. Finn bleibt verschwunden wie seine ältere Schwester Leila (Luisa Römer). Der Zuschauer kennt ihren Aufenthaltsort, genregemäß steigert das aber nur den Effekt der teilnahmsvollen Ohnmacht.

Das LKA übernimmt mit seinen psychologischen Fachkräften, Kempin und Nohe (Bernhard Schütz und Helene Grass), unterstützt von den Ortspolizisten, der hochschwangeren Vogt und dem übereifrigen Ninnemann (Cristina Große und Hannes Wegener). Ex-Polizist und Stasimitarbeiter Winter (Zapatka) drängt sich auf. Kurz vor dem Fall der Mauer gab es einen ähnlichen Fall. Ein Kind wurde gerettet, eines starb, die Mutter wurde wahnsinnig. Frank Mendt (Fabian Busch), der Vater von Finn und Leila, ist strikt gegen eine Beteiligung Winters an der Ermittlung. Aus persönlichen Gründen. Inzwischen zwingt der Entführer die Mutter Anja in ein Psychospiel. Und zumindest dem alten Haudegen Winter erschließt sich, dass der Entführer finsterste Absichten hat.

„Sanft schläft der Tod“ ist ein Thriller, dessen raffiniertes Buch durch die Regie, die luzide Kameraarbeit von Peter Joachim Krause und die Schauspielerinnen (besonders Marleen Lohse und Christina Große) und Schauspieler atmosphärisch noch gewinnt. Eltern könnten danach in Versuchung kommen, die ganze Nacht am Bett ihrer Kinder zu sitzen und ihnen beim Atmen zuzusehen.

Sanft schläft der Tod, heute um 20.15 im Ersten

Quelle: F.A.Z.
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