TV-Kritik „Hart aber fair“

Schützenpanzer und Schwachköpfe

Von Frank Lübberding
 - 07:24

Eine Autowaschanlage irgendwo in Deutschland. Eine Fernsehteam befragt die stolzen Halter von Sport Utility Vehicles (SUV) nach den Gründen für die Nutzung eines solchen Gefährts. Einer meint, er könnte es sich leisten, während es ein anderer für die Jagd benötigt. Das erlegte Wild will der ältere Herr aber lieber nicht mit dem SUV transportieren, schließlich könnte das Auto verschmutzt werden. Ein Dritter betont mit einer gewissen Süffisanz den reduzierten Kraftstoffverbrauch, wenigstens im Vergleich zum vorherigen Sportwagen aus Stuttgart-Zuffenhausen.

Dieser Einspieler in der Sendung von Frank Plasberg war für den Kabarettisten Werner Schneyder eine Steilvorlage. Im ersten Kommentar bei “Hart aber Fair“ versuchte er sich am richtigen Ton. Mit „denen“ käme er nicht ins Gespräch, handelte es sich doch um „eine Parade an Schwachköpfen,“ so das Verdikt: „Diese Leute vertreten eine Religion, oktroyiert von Werbeleuten und der Industrie.“

Zudem ersetze das „Auto gewisse Körperteile“, wobei diese Sichtweise früher vor allem den klassischen Sportwagenfahrer betraf. Angesichts des Größenwachstums bei den SUVs könnte das ein Indiz für einen dramatischen Schwund beim männlichen Geschlecht sein. Die Folgen wären nicht auszudenken.

Der Gastgeber selbst fährt allerdings auch einen SUV eines in München ansässigen Autoherstellers. Damit hatte Plasberg solchen Sottisen sogleich den Wind aus den Segeln genommen. Ihn ebenfalls als Schwachkopf zu titulieren, wagte Schneyder dann doch nicht. So regte diese Provokation niemanden mehr auf, weshalb er den Rest der Sendung gewissermaßen nur noch im Leerlauf lief.

Es ging um des „Deutschen liebstes Kind“, um eine schon lange nicht mehr gehörte Formulierung Plasbergs zu zitieren. Dieses Kind ist allerdings in der veröffentlichten Meinung längst in Ungnade gefallen. Vor vierzig Jahren hätte Schneyders Provokation noch funktioniert. Er hätte so das Auto als Symbol für Freiheit, Wohlstand und technischen Fortschritt attackiert. Heute paradiert Schneyder mit seinen Sottisen durch offene Türen. Man musste nur Matthias Wissmann als Vertreter der deutschen Automobilindustrie zuhören, um diesen Unterschied zu verstehen. Selbst für ihn ist das Auto nur noch eine Möglichkeit unter anderen, um Mobilität und Zeitersparnis zu gewährleisten. Offensichtlich wollen nicht einmal mehr Lobbyisten ihre Autos mit der Aura des gelungenen Lebens versehen. Es ist im Gegenteil zum Menetekel für eine unheilvolle Zukunft geworden. Mit dem Auto fahren wir ungebremst in die Klimakatastrophe, so das alles überwältigende Argument.

Wissmann sprach von einer sich bei uns ausbreitenden „Anti-Auto Religion“. Übrigens ausgerechnet in dem Land, das mit seinen Premium-Herstellern wie kein anderes vom Mythos des Automobils profitiert. Damit kann die alte „Corvette“ der Auto-Journalistin Lina van De Mars nicht mehr konkurrieren. Sie erinnert lediglich an längst vergangene Zeiten, als Autos eben mehr waren als ein bloßes Fortbewegungsmittel, sondern nicht zuletzt ein Transportmittel für sozialen Status. So hielt der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) das Lesen einer Zeitung in einem Zug für Genuß. Schneyder empfindet sich in der „Business Class“ einer Eisenbahn sogar als „zivilisierter Mensch.“

Aber wie soll das mit einem Sportwagen konkurrieren, der die sexuelle Attraktivität des Fahrers ausdrückt? Im Vergleich dazu ist das Zeitung lesen dann doch ein recht dröge Veranstaltung.

Daran bissen sich gestern Abend wieder einmal die Kritiker des Autos ihre Zähne aus. Natürlich braucht niemand einen Sportwagen, um beim Bäcker die Brötchen zu holen. Auch Plasberg benötigt nicht wegen seiner Kinder und der Anschaffung eines Hundes einen SUV. Senioren konnten zudem fünfzig Jahre lang in ein Auto einsteigen, das mit der Höhe eines Lieferwagens noch nicht konkurrieren konnte. Warum seit noch nicht einmal zehn Jahren Autos mit der ästhetischen Anmutung eines Schützenpanzers für das Publikum so attraktiv werden konnten, ist zudem ein ungelöstes Rätsel.

Es ist ein internationales Phänomen, worauf Wissmann hinwies. Mit der Lösung von Mobilitätserfordernissen hat das alles nichts zu tun. Es gibt nur einen Grund, warum das überhaupt möglich war. Weil diese Autos wegen des technischen Fortschritts wesentlich weniger verbrauchen als etwa die alte „Corvette“ von Frau van De Mars. Dieser Fortschritt hat erst die SUV-Mode möglich gemacht. Daran wird Wenzel als Umweltminister nichts ändern, selbst wenn er mit einem Kompaktwagen mit Hybrid-Motorisierung zu seinen dienstlichen Terminen in die niedersächsische Provinz fährt. Es ist folgenlose Symbolik, die eines nicht verhindern wird: Den Klimawandel. Sie verschafft Ministern lediglich ein gutes Gewissen – und ist vor allem völlig überflüssig.

Von der Vision zum Schrecken

In Großstädten ist der Individualverkehr längst an seine systemischen Grenzen gestoßen. Vor allem für junge Menschen in den Metropolen hat das Auto erkennbar an Attraktivität verloren. Wenzel wies darauf hin. Wenn alle gleichzeitig ihren Wagen benutzen, kommt niemand mehr voran. Autos brauchen Parkplätze, die es in Ballungsräumen wenig gibt und entsprechend teuer sind. Die Auto-gerechte Stadt ist so von der Vision der 1960er Jahre zum Schrecken des 21. Jahrhunderts geworden. Sogar Wissmann benutzt in Berlin das Fahrrad, so sagte er es jedenfalls. In Wien, so Schneyder, kostet eine Jahreskarte für den ÖPNV 320,- Euro. Dafür kann man Plasbergs SUV gerade zweimal volltanken. Unter diesen Voraussetzungen wird selbst der Besitz eines eigenen Fahrzeugs zunehmend unattraktiv. Es werden dafür alle möglichen Carsharing-Varianten ausprobiert. Sogar das private Verleihen des „liebsten Kindes“ gehört mittlerweile dazu. Plasberg stellte an einem Beispiel ein solches Modell vor. Die Motivation ist allerdings nicht die Rettung des Weltklima, sondern nüchterne betriebswirtschaftliche Überlegungen.

Den Haken dieser Politik machte Dorothee Bär (CSU) deutlich. Nicht nur die Bundestagsabgeordnete für den bayerischen Wahlkreis Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld und Haßberge findet es sicherlich „putzig“, wenn jemand wie Schneyder „in Wien wohnt und sagt, ich könnte auf das Auto verzichten.“ Die neuen Mobilitätskonzepte funktionieren leider nicht in der Provinz. Dort ist und bleibt das Auto die Voraussetzung für Freiheit. Nicht der Individualverkehr findet dort seine Grenzen, sondern die verkehrspolitischen Lösungsangebote der Metropolen. Hier hat man übrigens auch keine Probleme mit der Luftqualität. Die Debatte über die Zukunft des Individualverkehrs ist alleine auf die Bedürfnisse der Ballungsräume zugeschnitten. Das war gestern Abend mit der Ausnahme von Frau Bär nicht anders.

Und die Warnung vor der Klimakatastrophe wird niemanden überzeugen. Die wird nicht in Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld und Haßberge aufgehalten. Gefragt sind somit pragmatische Lösungen für überschaubare Probleme. Der SUV ist trotzdem die Lösung für ein Problem, das vorher wahrscheinlich Frank Plasberg gar nicht hatte. Sie werden ihre Attraktivität behalten, wenn niemanden etwas besseres einfällt.

Insofern war es wirklich ein Rätsel, warum Wenzel der Autoindustrie den Vorwurf machte, sie plane völlig am Markt vorbei. Sie hat in den vergangenen Jahren die Bedürfnisse der Kunden nahezu perfekt getroffen. Das schließt Lernprozesse nicht aus, die Wissmann für seine Mitgliedsunternehmen im „Verband der deutschen Automobilindustrie“ reklamierte. Aber den Autoherstellern kann man nicht vorwerfen mit folgenden Slogan zu werben: „Im SUV fühlen sie sich wie ein zivilisierter Mensch.“ Das bleibt das Privileg Schneyders. Unter Umständen verbirgt sich hier sogar eine gewisse Demut.

Plumpe Betrügereien wie beim VW-Diesel in den Vereinigten Staaten waren nämlich schon immer Teil unserer Zivilisation. Das funktioniert nur, weil die VW-Manager die Aufsichtsbehörden in Washington als eine „Parade an Schwachköpfen“ eingeschätzt haben müssen. Das kann Schneyder nicht passieren.

Quelle: FAZ.NET
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