TV-Kritik: Maischberger

Ilkay und Mesut sind unsere Jungs!

Von Frank Lübberding
 - 05:53

Heute beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Natürlich freut sich jeder Fußball-Enthusiast auf dieses Ereignis. Trotzdem ist die Stimmung heute spürbar anders als vor der WM in Brasilien. Das war in der Talkshow von Sandra Maischberger zu bemerken. Wie vor vier Jahren ging es gestern Abend um König Fußball vor dem ersten Anpfiff. Nur war es damals eher ein launiger Stammtisch, der mit jener Ernsthaftigkeit tagte, die der wichtigsten Nebensache der Welt angemessen ist. Es ging halt um Fußball.

Nicht nur in Deutschland bewunderten Fans die spielerischen Fähigkeiten der jungen Mannschaft. Sie entsprach dem gewandelten Selbstverständnis dieses Landes. Mit Spielern unterschiedlicher Herkunft entsprach sie nicht mehr dem Klischee des deutschen Fußballs, der ihn nicht spielt, sondern als Arbeit betrachtet. Der DFB hatte diesen Imagewandel seit dem Sommermärchen von 2006 kräftig unterstützt. Es war der entscheidende Schritt aus der Agonie, in die der deutsche Fußball nach dem Gewinn der Europameisterschaft im Jahr 1996 geraten war.

„Das Halbfinale ist Pflicht“

So einte das Land vor vier Jahren die Begeisterung für die Mannschaft. Es gab lediglich den Zweifel nicht weniger Experten, ob sie es dieses Mal endlich schaffen würde. Oder ob ihr am Ende nicht jener Biss fehlte, den ein Champion braucht. Von dieser Atmosphäre ist nichts mehr zu spüren, auch nicht bei Maischberger. Es ging meistens um Politik. Das betraf den Gastgeber Russland, aber mehr noch die endlose Debatte um Ilkay Gündogan und Mesut Özil. In sportlicher Hinsicht sprach Toni Schumacher aus, was viele denken: „Das Halbfinale ist Pflicht.“ Dort entscheidet die Tagesform, bisweilen sogar nur das Glück.

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In Moskau gelandetDie Mannschaft ist angekommen

Es hat auch seit dem Turnier von 1962 keine erfolgreiche Titelverteidigung mehr gegeben, worauf Reinhold Beckmann hinwies. Am Ende beruhe der Titelgewinn auf einer Kombination außergewöhnlicher Umstände, so sein Argument. Markus Merk und Fritz Pleitgen ließen eine gewisse Skepsis erkennen. Der frühere Schiedsrichter sagte, er wisse „nicht, wo die Mannschaft gerade steht“. Der ehemalige WDR-Intendant drückte es anders aus: Die Mannschaft könne „die Vorrunde überstehen.“ Das ist nicht unbedingt die Erwartung an einen Titelverteidiger. Nur ist das Spanien vor vier Jahren passiert – und Italien beim Turnier in Südafrika im Jahr 2010. Brasilien scheiterte zwar vier Jahre vorher erst im Viertelfinale in Frankfurt am Main. Nur war die Trostlosigkeit ebenfalls das einzig bemerkenswerte an der brasilianischen Vorstellung.

Wahrscheinlich wollte Pleitgen daran erinnern, was wir alle längst vergessen haben. Tatsächlich fehlt der deutschen Mannschaft seit dem Titelgewinn die Leidenschaft und Unbekümmertheit der Jugend. Ihre Stars sind vier Jahre älter geworden. Man weiß nicht, ob sie zu satt sind, wie die Spanier vor vier Jahren. Oder nach den zuletzt schwachen Vorstellungen schlicht verunsichert. Reinhold Beckmann benannte als erfahrener Sportjournalist, was eine erfolgreiche Mannschaft, die bis in das Halbfinale kommen kann, unbedingt braucht: innerer Zusammenhalt. Seit Sepp Herbergers Triumph von 1954 hat der Zusammenhalt bei uns als „Geist von Spiez“ fast schon eine mythologische Bedeutung. Beckmann erinnerte an das Campo Bahia in Brasilien. An die Rolle von Per Mertesacker nach dem desolaten Achtelfinale gegen Algerien. Nach diesem Spiel, so Beckmann, habe Mertesacker gewusst, dass er in der Stammelf keine Rolle mehr spielen werde. Trotzdem machte er sich als „Mutter der Kompanie“ unentbehrlich. Wohl nicht zuletzt durch das beherzte Interview mit ZDF-Reporter Boris Büchler. So wurde das Algerien-Spiel zum Wendepunkt, vergleichbar mit der Vorrunden-Niederlage gegen die DDR beim Turnier von 1974.

Von diesem Zusammenhalt der deutschen Mannschaft ist jetzt wenig zu spüren. Die Verantwortlichen des DFB und der Bundestrainer ringen darum, wollen die Debatte um Gündogan und Özil endlich beenden. Diese ist aber nicht die Ursache, sondern eher ein Symptom der Verunsicherung. Alle waren sich in der politischen Beurteilung des Posierens mit dem türkischen Präsidenten einig. Claudia Roth (Grüne) machte deutlich, was sie davon hält, nämlich nichts. Sie versteht zweifellos mehr vom Fußball als die meisten ihrer Verächter.

Ansonsten versuchten sich alle an Erklärungen für dieses PR-Desaster. Schumacher und Merk wiesen auf die Rolle der Familie in der Türkei hin. Schumacher kennt das Land als Spieler von Fenerbahçe Istanbul, Merk als Experte im türkischen Fernsehen. Beckmann fragte sich, wo die Berater dieser beiden Spieler waren, bevor das Foto mit Erdogan gemacht wurde. Von Gündogan zeigte er sich besonders enttäuscht. Ihn hatte der langjährige „Sportschau“-Moderator doch anders erlebt, als reflektierten und politisch interessierten Zeitgenossen. Der vom Bundestrainer für Russland nicht nominierte Emre Can hatte Erdogans Einladung ja auch erst gar nicht angenommen.

Schwergewicht in der kapitalistischen Kulturindustrie

Beckmann kritisierte die Versuche des DFB, die Debatte für beendet zu erklären. Er liegt selbstverständlich richtig: Die Diskussion findet dann halt ohne den DFB statt. Ob Mesut Özil gut beraten ist, nichts zu sagen, kann man bezweifeln. Aber was soll er sagen? Sich entschuldigen? Dabei hat er sich nicht „schuldig“ gemacht, lediglich ein politisches Statement abgegeben. Dafür haben die beiden Fußballspieler nun wirklich genug Prügel bezogen, zum Glück nur im übertragenen Sinn. Oder war es keine politische Meinungsäußerung, wie Gündogan wiederholt erklärt hat? Es wird ihm nicht geglaubt. Diejenigen, die Özils Schweigen kritisieren, werden nichts anderes als Erklärung akzeptieren als das, was sie von den beiden hören wollen.

So werden die Spieler gnadenlos von allen Seiten politisch „instrumentalisiert“ - das ist in diesem Fall fast schon ein Euphemismus. Die Fernsehmoderatorin Marlene Lufen stellte die richtige Frage nach der Politisierung des Sports. Wurde eigentlich jemals ein Spieler gefragt, ob er nach dem „Sommermärchen“ als Posterboy für das moderne, weltoffene Deutschland fungieren wollte? Die Spieler wurden in diese Rolle gedrängt. Tatsächlich träumten sie aber nur den Traum Millionen kleiner Jungs überall auf der Welt: Fußball zu spielen, Karriere zu machen, sicherlich viel Geld zu verdienen. Einmal ein WM-Endspiel zu gewinnen, heißt, fast unsterblich zu werden. Das ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Und zugleich ist es das einzige, was dem Fußball seine völkerverbindende Kraft verleiht.

Er ist aber zugleich ein Schwergewicht in der kapitalistischen Kulturindustrie. Das ist nicht schön anzusehen. Reinhold Beckmann erinnerte mit weniger schönen Worten an die Fifa. Der Sport wurde schon immer politisiert. Fritz Pleitgen wies mit der Nüchternheit eines erfahrenen Beobachters darauf hin. Putin will die Weltmeisterschaft nutzen, um sein Image aufzupolieren. Das machten alle bei solchen Gelegenheiten, sagte Pleitgen. Die Olympischen Spiele in Berlin waren der Anfang dieser Politisierung. Die Nazis nutzten sie als Werbekampagne für ihr Regime. Nicht nur in den Vereinigten Staaten gab es deswegen massiven Widerstand gegen eine Teilnahme. Die junge Bundesrepublik bewarb sich 1972 mit München, um aus diesem Schatten von Olympia in der Diktatur herauszukommen.

Das mit den „fröhlichen Spielen“ gelang, bis palästinensische Terroristen israelische Sportler ermordeten. Die Attentäter nahmen nicht nur die Israelis zur Geisel, sondern den Sport für ihre politischen Interessen. Dem kam dieser sich selten entziehen. Pleitgen nannte als Beispiel das erste Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft in der damaligen Sowjetunion im Jahr 1955. Der Kreml wollte das instrumentalisieren, Adenauer das Spiel erst gar nicht stattfinden lassen. Am Ende siegten die Sowjets mit 3:2. Der deutsche Torhüter Fritz Herkenrath sei überragend gewesen, sagte Pleitgen. Die Zuschauer in Moskau seien begeistert gewesen, obwohl der Krieg gerade erst zehn Jahre vorbei war. Es siegte die Faszination des Fußballs über die Politik.

Schluss mit den Pfiffen

Wenn heute die Fußball-Weltmeisterschaft beginnt, freuen sich nicht nur die Menschen in Russland. Die aber besonders als gute Gastgeber, gleichgültig, wie ihr Präsident heißt. Es ist ein Fest, trotz der Schattenseiten der Kulturindustrie und der Politik. Der Bundestrainer muss eine Mannschaft formen, die mehr ist als ein Aufguss der Weltmeistertruppe von 2014. Das könnte nur schiefgehen. Ob es gelingt, weiß niemand. Aber es dürfte niemandem damit gedient sein, sich den ganzen Tag nur mit der politischen Instrumentalisierung zweier Schlüsselspieler zu beschäftigen.

Es müsse einmal „Schluss sein mit den Pfiffen“ gegen Özil und Gündogan, sagte Claudia Roth. Sie gehört einer Partei an, die es mit Schlussstrichen ansonsten nicht so hat. Und die nicht gerade als Bollwerk gegen die Moralisierung aller Lebensbereiche bekannt ist. In dem Fall aber möchte man ihr zustimmen. Ilkay und Mesut sind unsere Jungs, selbst wenn sie manchmal törichte Bilder machen. Beide haben unsere Unterstützung verdient. Ansonsten hat Sandra Maischberger gestern Abend Toni Schumacher sogar nach seinem Foul an Patrick Battiston im Halbfinale gegen Frankreich im Jahr 1982 gefragt. Er zeigte sich eher uneinsichtig. Die rote Karte hätte er damals trotzdem bekommen müssen, auch ohne Videobeweis. Um eine Frage muss sich Fußball-Deutschland indes nicht mehr kümmern: Warum in Brasilien Philipp Lahm bis zum Achtelfinale auf der Sechs spielen musste. Das wird der Mannschaft aber auch nicht dabei helfen, bei dieser WM wenigstens die Vorrunde zu überstehen.

Quelle: FAZ.NET
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