TV-Kritik „hart aber fair“

Der Dreck muss weg

Von Joachim Müller-Jung
 - 09:16

Problem erkannt, Problem gebannt? Der Umweltschutz liefert auch nach vierzig oder fünfzig Jahren ökopolitischer Kernerarbeit immer noch allerfeinstes Anschauungsmaterial dafür, warum diese Formel schön aussieht, aber leider selten funktioniert – weil nämlich der Mensch eben Mensch ist und kein wandelnder Algorithmus. Die Frage ist immer dieselbe: Wann siegt das schlechte Gewissen über die Trägheit des Systems und unsere eigene Bequemlichkeit? Das einzugestehen, war schon die erste, angesichts von Diesel-Trauma und Klimadauerkrise scheinbar übermenschliche Hürde, die gestern in der „Hart aber fair“-Sendung mit Frank Plasberg in der Rolle des ökologischen Gewissensforschers zu nehmen war.

Plastik hat in Grindwalmägen nichts zu suchen, nichts im Fisch oder im Albatros und erst recht nicht im Mineralwasser. Das war die Ausgangslage, und das hat die im Ersten zurzeit laufende Serie über die Lage der Weltmeere mit eindrucksvollen Bildern jedem Zuschauer klar gemacht. Und jeder konnte, was bei manchen abstrakten Umweltthemen – Ozon, Stickoxide, Bodenerosion oder Überdüngung – schon sehr viel schwerer ist, mit den Bildern einiges anfangen.

Der Plastikmüll ist ein Megaproblem

Sie zu verdrängen kann in dem Fall nicht gelingen. Denn Plastiktüten und Verpackungsmüll sind hier das Problem. Ein Megaproblem, da waren sich Plasbergs Talkgäste von vorneherein und ausnahmslos einig, wenn man allein die Menge an Mikroplastik sieht, die in quälend langsamer Geschwindigkeit aus dem Wohlstandsmüll entsteht und die Nahrungsnetze buchstäblich verstopft: Geschätzte 150 Millionen Tonnen jährlich, eine unvorstellbare Zahl. Eine, die gepaart mit den Bildern von Tauchern und Tieren, die durch eine alptraumhafte Welt zwischen Plastikfetzen und Partikelwolken schweben, maximale Durchschlagskraft erzeugen sollte - so dürfte sich das Plasberg als Diskussionsleiter vorgestellt haben.

Nachhaltigkeit
Larven als Lösung für unseren Plastikmüll?
© EPA, reuters

Die Sache ist nur die, dass das Problembewusstsein selbst wie ein träger, langer Fluss mäandert, immer auf der Suche nach Ausflüchten und Erklärungen, mögen sie auch noch so hilflos scheinen. Der Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe musste da nicht einmal besonders harte Lobbyarbeit leisten in der Sendung, er musste nur den Anschein erwecken, dass er selbst eigentlich Plastik hasst und wann immer möglich meidet, und dass die Kunststoffchemie nach dem Eintritt in den Markt vor siebzig Jahren ansonsten ja ziemlich „clever“ war. Langlebige Produkte, die frische Lebensmittel konservieren und an denen man sich nicht die Finger schmutzig macht, das war seinerzeit wohl das, was man heute – wenn auch widerwillig - Sprunginnovation nennen würde.

Schlechtes Gewissen kauft nicht ein

Die Finger schmutzig macht man sich aber halt doch, wenn auch drei Generationen später. Um dieses kleine Eingeständnis kamen der Lobbyist und der studientreibende Handelslehrer an seiner Seite, der offenbar erfolgreich die Lebensmittelindustrie berät, nicht herum. Aber das war für die beiden auch kein wirkliches Dilemma, denn das schlechte Gewissen kauft nicht ein. In der Verbraucherrealität ist das Problem längst so unausweichlich, sind Plastikprodukte so ubiquitär, dass auch der neue bundesdeutsche Grünen-Held Robert Habeck ebenso wie die Gewissensforscherin Heike Vesper vom WWF und der Meeresgutachter Dirk Steffens allergrößte Mühe hatten, die wiederum sehr abstrakte umweltpolitische Bühne aufzumachen, in der es um Lösungen geht nach dem guten alten Ökomotto: Global denken, lokal handeln.

Lösungen jedenfalls müssen her, an dem Punkt war man sich nach der Hälfte der Sendung und nach zäher Problemeinführung einig, diese Hürde in eine bessere Welt immerhin wollte man nehmen. Es war also Zeit für das emotionale Momentum. Jener Moment, den sich ein streitlustiger Fernsehmann wie Plasberg – Fakten hin oder her - natürlich regelrecht herbeisehnt. Dafür hat man eine Redaktionsmannschaft im Hintergrund, und die haben geliefert. Es war der Auftritt der Journalistin Kerstin Mommsen, die erklärte, wie sich das ökologische Gewissen bei ihrem achtjährigen Sohn Paul regte und er die ganze Familie zum inzwischen mehrwöchigen „Plastikfasten“ im Alltag überredete. Das beeindruckende Ergebnis: Die Zahl der gelben Säcke im Mommsen-Haushalt reduzierte sich binnen Wochen von sechs auf drei.

Reicht ein gutes Beispiel?

Die Lösung? Jeder konnte nach dem halbstündigen Einführungslamento erkennen, dass das zwar ein beispielhafter Beitrag zur allgemeinen Besinnung, ein lokaler Ansatz sein kann, einer mit Nachahmerpotential, dass diese Initiative bei aller Hochachtung allerdings auch kaum die globale Antwort auf die Plastikschwemme sein kann. Denn für solche hochgradig reflektierten und schwer zu organisierenden Ökomaßnahmen, da waren sich Umweltpolitiker Habeck und Lebensmittelberater Thomas Roeb schnell einig, ist erfahrungsgemäß höchstens eine Minderheit, freiwillig allenfalls zwanzig bis dreißig Prozent der Verbraucher, zu gewinnen.

An der Stelle hätte die umweltpolitische Diskussion endlich Fahrt aufnehmen können. Der Teil der Debatte nämlich, der über die ausführliche Problembeschreibung hinausgeht, über das wenig heilsame Industrie- versus-Verbraucher-Gejammer, und der den Stand der internationalen Verhandlungen zur Plastikregulation aufzeigt. Daran allerdings war offenbar Plasberg wenig interessiert, dem wie so oft auch bei Gesundheitsthemen die Wissenschaft zu abstrakt und die Politik zu alltagsfern ist. Der Zuschauer hätte dann nämlich, wenn das Personal dafür eingeladen gewesen wäre, erfahren, dass die von Habeck und Steffens auch nur angerissene Debatte um Plastiksteuer und -verbote in vielen Ländern längst in vollem Gang ist. Einige Länder wie Großbritannien etwa haben schon ein Mikroplastikverbot in Hautpeelings und Kosmetikprodukten, wenigstens das, und ja sogar in den Vereinigten Staaten ist man mit ordnungspolitischen oder fiskalischen Lösungsansätzen im Kampf gegen die Plastikflut längst weiter als hierzulande, wo das größte grüne Gewissen gerne verortet wird.

An den durchschlagenden Erfolg der Selbstverpflichtungen durch die Industrie, höhere Recyclingquoten anzupeilen und eine Plastikvermeidungsstrategie zu verfolgen, glaubt man anderswo jedenfalls nicht mehr. Dabei darf man das gute alte Verursacherprinzip und das in Europa praktisch erfundene Vorsorgeprinzip in der Umweltpolitik, längst noch nicht abschreiben. „Wer den Dreck produziert, muss ihn wegräumen“, diese von Meeresbotschafter Steffens formulierte Handlungsformel funktioniert zwar nicht immer und bleibt schon gar nicht ohne interessierte Widerstände, wie der Dieselskandal zeigt. Aber der stellenweise hitzige Auftritt des Grünen-Chefs Habeck hat sehr wohl gezeigt: Die Plastikindustrie darf sich noch nicht allzu sicher fühlen, die Daumenschrauben muss sie schon noch fürchten. In der Plasberg-Sendung freilich war davon wenig zu spüren. Im Gegenteil: Wenn derjenige, von dem man erwarten musste, dass er im Kreuzfeuer steht, am Ende auch noch die ganze Runde zum Essen einladen will, dann ist die Sendung ihrem Titel wohl kaum gerecht geworden.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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