TV-Kritik: Maischberger

„Es war unfassbar“

Von Frank Lübberding
 - 06:53

Die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen beschrieb gestern Abend die Stimmungslage, die vor fast dreißig Jahren während des Gladbecker Geiseldramas herrschte. Es war eine „Mischung aus Faszination und Entsetzen“, alle warteten vor dem Fernseher oder dem Radio auf jede neue Meldung und konnten „nicht glauben“, was sie sahen. „Es war unfassbar“, was in diesen drei Tagen zwischen dem 16. und 18. August 1988 passierte. Zwei Bankräuber nehmen Geiseln, holen eine Komplizin ab, um anschließend ungestört durch die Republik zu fahren. Sie kidnappen in Bremen einen Bus, geben Pressekonferenzen und Interviews. Sie erschießen auf einem Rastplatz einen Jungen, fahren in die Niederlande und werden erst am dritten Tag auf einer Autobahn in der Nähe von Köln von der Polizei gestoppt. Eine weitere Geisel wird bei dieser Aktion aus der Waffe eines Geiselnehmers getötet.

Ulrich Kienzle war damals Chefredakteur von Radio Bremen. „Hoffentlich kommen die nicht nach Bremen“, so beschrieb er bei Sandra Maischberger die Stimmung in der morgendlichen Redaktionskonferenz des Senders. Es war schon am ersten Tag deutlich geworden, dass es sich in Gladbeck nicht mehr nur um einen missglückten Banküberfall mit anschließender Geiselnahme handelte. Hier begann etwas aus dem Ruder zu laufen, wenn auch noch niemand genau wusste, was eigentlich. Die Geiselnahme war innerhalb von Stunden zum bundesweiten Medien-Spektakel geworden.

Polizei machte Geiselnahmen möglich

Spätestens als die beiden Geiselnehmer mit ihren Opfern in Bremen ankamen, beschlich selbst unbeteiligte Bürger ein mulmiges Gefühl. Es schien, als könnten sie durch Zufall sogar in der eigenen Stadt und vor der eigenen Haustür auftauchen. Niemand schien sie daran zu hindern. Die Polizei wollte die beiden Gladbecker Geiseln schützen, daran hatte niemand einen Zweifel. Dadurch wurden aber gleichzeitig weitere Geiselnahmen möglich. Genau das geschah mit dem damals siebenjährigen Johnny Bastiampillai in dem gekaperten Bus. Er schilderte gestern Abend sein Unverständnis, warum so etwas ihm und seinen Leidensgenossen überhaupt passieren konnte. Sie waren sprichwörtlich unter den Augen der Polizei als Geisel genommen worden. Von zwei Bankräubern, die noch einen Tag vorher in einer von der Polizei umstellten Bank in Gladbeck festsaßen.

So lässt sich auch diese „Mischung aus Faszination und Entsetzen“ erklären, von der Friedrichsen sprach. Es passierten lauter Dinge, die gar nicht hätten passieren dürfen. Natürlich hätte es die Polizei nicht zulassen dürfen, den kleinen Johnny so einem Risiko auszusetzen. Kienzle sprach daher vom „Staatsversagen“, gewissermaßen auf offener Bühne. In dem zu Recht hoch gelobten Film wird die Dramaturgie dieser Ereignisse eindringlich geschildert. Nur wusste damals niemand etwas von den Diskussionen in den Polizeistäben. Die Polizei erschien uns Zuschauern bloß als hilflos, wenn die Geiselnehmer Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski scheinbar unbesorgt durch die Lande fuhren.

Joe Bausch, Gefängnisarzt in der JVA Werl und nebenberuflich im Kölner „Tatort“ Gerichtsmediziner, beschrieb, was sich jeder Beobachter damals zwangsläufig fragte. Warum nutzt die Polizei nicht eine der zahllosen Möglichkeiten, um diese Tragödie im Gewand des Possenspiels endlich zu beenden?

„Mangel an richtigen Entscheidungen“

Es blieb Bernd Heinen vorbehalten zu erklären, was so schwierig zu verstehen ist. Der Chef der uniformierten Polizei in Nordrhein-Westfalen machte nämlich deutlich, warum in jeder einzelnen Situation die damalige Polizei durchaus gute Gründe für ihre Entscheidung hatte. Im Film wird das auch deutlich – unklare Lagebeurteilungen, desaströse Kommunikation, fehlende Einsatzkräfte, das Risiko für Geiseln und Unbeteiligte. Der damalige Düsseldorfer Innenminister Herbert Schnoor (SPD) hat das später in einem Untersuchungsausschuss so formuliert: Es habe in seiner Verantwortung keine falschen Entscheidungen gegeben, sondern nur „einen Mangel an richtigen.“ Er wird in dem heute ausgestrahlten zweiten Teil noch seine Auftritte haben.

Paradoxerweise trifft das die damalige Situation. Die Polizei hatte schlicht den Überblick verloren; sie war sich der Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst. Am Ende wurde die Gangster-Odyssee mit Gewalt beendet, trotz des immer noch vorhandenen Risikos für die Geiseln. Der schon längst entstandene politische Schaden ließ es einfach nicht mehr zu, die Geiselnehmer weiterhin mit der zuvor noch gültigen Begründung durch Nordrhein-Westfalen fahren zu lassen.

„Hysterisierung“

In diesem Vakuum polizeilichen und politischen Handelns konnten die Medien überhaupt erst ihre Rolle neu definieren. Schon in Gladbeck wurden sie zum bevorzugten Ansprechpartner von Rösner. Kienzle sprach von einer „Hysterisierung“, die allmählich um sich griff, von der neuartigen Konkurrenzsituation mit den gerade erst zugelassenen privaten Fernsehsendern. Der Appetit kam gewissermaßen beim Essen, so war das zu verstehen. Einer machte was vor, alle anderen sahen das anschließend als akzeptabel an. So verschoben sich in kürzester Frist alle Grenzen journalistischen Handelns. Wer in Bremen mit Rösner ein Interview machte – Kienzle nannte das eine Pressekonferenz – konnte in Köln schon zum Akteur werden. Da stieg sogar ein Reporter in das Auto der Geiselnehmer ein, um ihnen den Weg aus der Stadt zu zeigen. Besagtes Interview eines „Radio Bremen“-Kollegen mit Rösner nannte Kienzle „harmlos.“ Zudem sei es in den „Tagesthemen“ noch nicht einmal zuerst gezeigt worden – das „heute journal“ habe es schon vorher ausgestrahlt.

Gerichtsreporterin Friedrichsen kritisierte diese Sichtweise mit erkennbarer Empörung. Kienzle habe „den Tätern eine Bühne gegeben“, und „damit eine Eigendynamik entwickelt“, außerdem „andere Journalisten motiviert, zu berichten.“ Doch waren es wirklich die Journalisten, oder nicht eher die faktisch abwesende Polizei? Friedrichsen verkennt die Struktur dieser Eigendynamik. Die Journalisten taten nichts anderes als eine Leerstelle zu nutzen, die die Polizei und die Umstände hinterlassen hatten.

Das Geiseldrama war längst zu einem grotesk anmutenden Roadmovie geworden. Die Täter im ganzen Land namentlich bekannt, dazu völlig übermüdet. Sie hatten keine Chance mehr zu entkommen, waren dafür zu den Hauptdarstellern in einem Film mit unzähligen Regisseuren geworden. Vor allem Rösner hatte das instinktiv erkannt, wenn er etwa in den Interviews seine Ausweglosigkeit demonstrierte. Und wie Journalisten in eine solche Situation geraten konnten, beschrieb sehr anschaulich der damalige dpa-Korrespondent Manfred Protze. Er war aus Zufall auf den Bremer Linienbus getroffen, der auf der Autobahn Richtung Holland fuhr. Protze wusste zu diesem Zeitpunkt nichts von dem Mord an dem 14 Jahre alten Emanuele De Giorgi auf der Raststätte Grundbergsee. In einem Taxi verfolgte er den Bus, da hielt hielt dieser plötzlich und einer der Geiselnehmer schoss auf die Verfolger. Nichts von dem war vorhersehbar. Vor allem nicht die Abwesenheit der Polizei.

Metaphysische Krücken

Die habe aus ihren damaligen Erfahrungen entsprechende Schlussfolgerungen gezogen, so Heinen. Aber gerade nicht, um in jeder Situation anders zu handeln als damals, sondern um schon in der Frühphase den völligen Kontrollverlust zu verhindern. Heute würde man über Gladbeck anders reden, hätte etwa ein frühzeitiger Zugriff in einem Desaster mit Toten geendet. In dem Film darüber wäre es dann um die Unfähigkeit gegangen, die bis dahin bewährte Deeskalationslinie zu verlassen. Die Polizei ist heute wesentlich professioneller im Umgang mit solchen Einsatzlagen, wie Heinen deutlich machte. Sie hat aus Gladbeck gelernt. Nur ist die damalige Eigendynamik durchaus gut zu erklären.

Dafür braucht man nicht die metaphysischen Krücken, die etwa der Regisseur dieses hervorragenden Zweiteilers, Kilian Riedhof, in einem Interview mit dem „Stern“ anbietet: Gladbeck sei „die Begegnung mit dem Animalischen“ gewesen. „Das traf die Bonner Republik unvorbereitet, weil nach dem Dritten Reich die direkte Auseinandersetzung mit dem Bösen weitgehend verdrängt worden war. Aber nun saß das Monster mitten in einer Fußgängerzone, dem Inbegriff bundesdeutscher Alltäglichkeit.“ Rösner und Degowski waren keine Monster, sondern simple Berufskriminelle. Sie hatten am Morgen des 16. August 1988 keine Ahnung, was mit ihnen in den nächsten beiden Tagen passieren würde, als sie die Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck betraten.

Monster geben keine Interviews

Monster sehen anders aus, zumeist ohne Tattoos, sie geben auch keine Interviews. Das Monster Degowski hat sogar im Knast in Werl noch den Hauptschulabschluss nachgeholt und eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen. Er wurde vor drei Wochen aus der Haft entlassen, mit der Aussicht auf ein „straffreies und unauffälliges“ Leben in Freiheit, wie es Bausch formulierte. Die Schuld am Mord von Emanuele De Giorgi wird ihn trotzdem bis zum Lebensende begleiten. Sie lässt sich auch nicht mit dreißig Jahren Freiheitsentzug begleichen.

Ob sich ein Fall wie Gladbeck wiederholen wird? Friedrichsen würde keine Hand dafür ins Feuer legen, dass Kollegen sich heute in einer vergleichbaren Situation anders verhalten. Diese Skepsis ist berechtigt. Aber unter heutigen Bedingungen ist Journalismus nur noch ein Akteur unter vielen. Bei einem mit Gladbeck vergleichbaren Ereignis lohnt sich ein Blick auf Twitter. Die gleiche Lust an der Sensation, die gleiche Mischung aus Faszination und Entsetzen ist dort zu erleben. Die Menschen, die das machen, sind so wie Du und ich.

Journalisten hätten immerhin noch die Möglichkeit zur professionellen Distanz. Aber darauf sollte sich niemand verlassen. In Gladbeck hat das nämlich auch schon nicht funktioniert.

Quelle: FAZ.NET
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