TV-Kritik: Sandra Maischberger

In der Sexismus-Debatte regiert die Eindeutigkeit

Von Frank Lübberding
 - 07:26

Im Jahr 1983 endete das Schweigen. Ein gerade erst gewählter Bundestagsabgeordneter der Grünen fasste wiederholt Mitarbeiterinnen seiner Fraktion an den Busen. Als er nach entsprechenden Gesprächen keine Verhaltensänderungen zeigte, machten die Frauen den Vorfall öffentlich. Die „Bild“-Zeitung nannte schließlich seinen Namen: Klaus Hecker. Er musste kurze Zeit später zurücktreten. Wenige Monate zuvor hatte seine damalige Fraktionskollegin Waltraut Schoppe eine aufsehenerregende Rede gehalten. Es ging unter anderem um den „alltäglichen Sexismus im Parlament“. Die Reaktion der Abgeordneten von Union und FDP war eine Mischung aus höhnischem Gelächter und schlichter Wut. Sie hatten von dem Begriff noch nie etwas gehört, empfanden ihn aber als eine ungeheure Provokation. Die Grünen brachen ein Tabu auf. Eines wurde nämlich sehr schnell deutlich: Sexuelle Belästigung war in allen Bundestagsfraktionen zu finden, aber niemand wagte bis dahin deren Thematisierung. Die betroffenen Frauen mussten sich wie Freiwild fühlen.

Damals wäre der Fernsehfilm "Meine fremde Freundin" unmöglich gewesen. Ein Mann, gespielt von Hannes Jaenicke, wird wegen Vergewaltigung fälschlich verurteilt, weil das vermeintliche Opfer vor Gericht lügt. Frauen waren in einem Klima des Schweigens schlicht nicht in der Position, um mit solchen Vorwürfen erfolgreich zu agieren. Niemand hätte ihnen geglaubt. Das hat sich geändert, wie sich nicht zuletzt am Fall von Jörg Kachelmann zeigte.

Das Elend der gegenwärtigen Debatte

Der Fernsehfilm der ARD reflektiert diese Entwicklung. Im Anschluss diskutierte Sandra Maischberger über „Sexuelle Nötigung – Männer unter Generalverdacht.“ Jaenicke war auch zu Gast und brachte gleich seine Befürchtung zum Ausdruck, jetzt Vergewaltigungsopfer unter den Generalverdacht namens Lügnerin zu stellen. Das zeigt schon das Elend der gegenwärtigen Debatte. Die Warnung vor dem Generalverdacht ist reine Camouflage. In Wirklichkeit wollen alle Seiten möglichst schnell generalisieren. Jedes Ereignis gilt als exemplarisch. Männer sollen über sich nachdenken, weil in Hollywood ein Kretin wie Harvey Weinstein seine Machtposition missbraucht. Frauen gelten dagegen manchen Männer als geifernde Flintenweiber, weil diese tatsächlich nicht mehr schweigen müssen. Sie können sogar Macht ausüben, indem sie Männer fälschlich beschuldigen. Der Vorwurf der „sexuellen Belästigung“ kann heutzutage Existenzen vernichten. Früher sollten sich Frauen nicht so anstellen, wenn es ihnen passierte.

Anja Keinath ist pensionierte Gymnasiallehrerin. Sie hatte vor Jahren einem wegen Vergewaltigung irrtümlich verurteilten Kollegen zur Rehabilitierung verholfen. Dieser Fall des Horst Arnold war die Vorlage des Fernsehfilms. Frau Keinath ging damals ein persönliches und berufliches Risiko ein. Sie machte es trotzdem. Die frühere Frauenbeauftragte sah darin keinen exemplarischen Fall, sondern betrachtete ihn als einen zu korrigierenden Justizirrtum. Sie entzog sich damit dieser Neigung zur Generalisierung. Zudem sind für Frau Keinath Frauen nicht mehr nur die hilflosen Opfer männlicher Übergriffe. Sie können sich mittlerweile zur Wehr setzen.

Ähnlich argumentierte Gisela Friedrichsen, langjährige Gerichtsreporterin des „Spiegel“. Irgendwann könne man „jedem, der einem zu Nahe kommt, die Meinung geigen“. Ein solches Selbstbewusstsein verlangt Differenzierungsvermögen. Dafür muss man nämlich trennen zwischen „sexueller Gewalt und blöder Anmache“, wie es Frau Keinath formulierte. Eine Vergewaltigung ist eben keine geschmacklose Meinungsäußerung, sondern ein schweres Gewaltverbrechen, wogegen sich das Opfer gerade nicht wehren kann.

Das unterschied die 72-jährige Friedrichsen von der fast vierzig Jahre jüngeren Teresa Bücker, Chefredakteurin des Frauenmagazins „Edition F„. Sie hielt nicht nur die Gefahr, als Mann ein mit Arnold zu vergleichendes Schicksal zu erleiden, für praktisch nicht vorhanden. Vor allem formulierte sie die These einer strukturellen Wehrlosigkeit der Frauen, weil sexuelle Übergriffe „häufig in Machtverhältnissen passieren“. Wenn Frau Keinath den gesellschaftlichen Wandel der vergangenen zehn Jahre herausstellte, vermittelte Frau Bücker den Eindruck von Verhältnissen im Bundestag des Jahres 1983. Als Frauen Angst haben mussten, den Mund aufzumachen, wie eine Mitarbeiterin der Grünen anlässlich der Hecker-Affäre im „Spiegel“ zitiert wurde. Frau Bücker verkennt somit den entscheidenden Unterschied zwischen der damaligen Situation und der von heute: Frauen haben an Handlungsmöglichkeiten gewonnen. Sie können sie missbrauchen. Das ist nicht mehr das Monopol von Männern. Vor allem müssen sie aber nicht mehr widerspruchslos männliche Dominanz hinnehmen.

Es ist schon erstaunlich, wenn Frau Bücker trotzdem auf dieser strukturellen Handlungsunfähigkeit beharrt. Ein Blick in die Medien beweist jeden Tag das Gegenteil. Frauen haben Macht hinzugewonnen, wie Frau Friedrichsen an einem Beispiel deutlich machte. So ließen manche Professoren beim Gespräch mit Studentinnen mittlerweile die Türen offen. Sie wollten damit eventuellen Beschuldigungen über sexuelle Belästigung aus dem Weg gehen, so Frau Friedrichsen. Es geht dabei gar nicht um das tatsächliche Risiko solcher Verleumdungen. Das legitimiert auch nicht das Verhalten jener Professoren, die hinter verschlossenen Türen ihre Machtposition ausnutzen. Es zeigt lediglich die Dynamik in den Geschlechterbeziehungen. Sie sind keine Einbahnstraße mehr, wo Frauen zu Objekten männlicher Dominanz degradiert werden. Diese Zeiten sind vorbei. Jaenicke nannte den Grund: Er gehört mit seinen 57 Jahren zu jener Generation, die mit dem politischen Feminismus aufgewachsen ist.

Deshalb gibt es trotzdem noch sexuelle Anzüglichkeiten, handfeste Übergriffe und sexuelle Gewalt bis zur Vergewaltigung. So berichtete Jaenicke von einem verstorbenen deutschen Filmproduzenten, in dessen Wohnwagen Frauen besser nur zu zweit gingen. Das galt damals noch als lässliche männliche Sünde, heute könnte es die berufliche und gesellschaftliche Existenz kosten. Dafür brauchte es nicht einmal ein Gerichtsverfahren wegen strafbarer Handlungen. Die Öffentlichkeit ist längst zum Gerichtshof geworden, der wie bei Jörg Kachelmann sein Urteil vor der richterlichen Urteilsverkündigung spricht. Vor regulären Gerichten ist dagegen die Wahrheitsfindung zumeist schwierig, worauf die Sat.1-Moderatorin Marlene Lufen hinwies. Das gilt nicht zuletzt für Vergewaltigungsverfahren, weshalb viele Frauen immer noch den Gang zur Polizei scheuen. Es ist die Angst vor einer abermaligen Demütigung. Obwohl sich Polizei und Gerichte heute um einen angemessenen Umgang mit Vergewaltigungsopfern bemühen, so Frau Friedrichsen.

„Auch nicht witzig“

Was dagegen hilft? Sicherlich kein zeitgenössischer Knigge, der „einvernehmliches Verhalten“ normiert oder das noch akzeptable Kompliment definiert. Gegen solche Fehltritte können sich Frauen bekanntlich wehren. Es handelt sich zumeist nicht um strafbare Handlungen, sondern um gesellschaftliche Konventionen. Deren Problematik brachte Frau Friedrichsen mit Selbstironie gut auf den Begriff: „Es gibt irgendwann einen Punkt, wenn man etwas fortgeschrittenen Alters ist, wo man die Komplimente nur noch für die Leistung bekommt. Ich kann Ihnen sagen, das ist auch nicht so witzig.“ Seltsam wurde es, als Frau Friedrichsen ihren Überdruss über die altdeutsche Sexismus-Debatte ausdrückte. Das Zukunftsproblem wären jene Milieus, wo sich „Sechsjährige von der Lehrerin nichts mehr sagen lassen, weil die eine Frau ist“. Frau Bücker zeigte sich über die Bemerkung enttäuscht. Sie wollte über dieses altertümlich-muslimische Patriarchat lieber schweigen, so der Eindruck, allerdings wohl nicht, um den teutonischen Altherrenwitz des Jahres 1983 besser dekonstruieren zu können.

In Wirklichkeit ist diese Ignoranz für solche weiblichen Lebenslagen anders zu erklären. Frau Bücker ist das Schicksal dieser Frauen gleichgültig, weil sie deren Männer als keine ernstzunehmenden Konkurrenten betrachtet. Die Sexismus-Debatte ist längst Teil eines Machtkampfes um gesellschaftliche Ressourcen geworden. Damit lässt sich schließlich die männliche Konkurrenz einschüchtern und zu Kompromissen in der gesellschaftlichen Machtverteilung bewegen. Und hier finden wir den Fortschritt seit dem Jahr 1983: Frauen müssen endlich ernstgenommen werden. Das ist für die Männer nach mehreren tausend Jahren Patriarchat zweifellos gewöhnungsbedürftig. Aber deshalb muss man nun wirklich nicht mehr jeden Altherrenwitz zu einem traumatischen Erlebnis aufplustern. Oder zu suggerieren, den Unterschied zwischen solchen Witzen oder Gewaltverbrechen nicht mehr zu kennen. Diese Witze waren übrigens schon damals öde. Aber das nur nebenbei.

Quelle: FAZ.NET
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