TV-Kritik: „Ein Mann, eine Wahl“

Volkshochschulkurs mit Unterhaltungselementen

Von Frank Lübberding
 - 06:52

Über fehlende Informationsmöglichkeiten kann sich knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl niemand beschweren. So hatte gestern Abend die ARD zuerst die „Wahlarena“ mit der Bundeskanzlerin im Programm, um anschließend bei „Hart aber fair“ in einem „Bürgercheck“ über „Steuern, Rente und Wohnen“ zu diskutieren. Das ZDF wird entsprechend ihre „Klartext“ genannten Bürgersprechstunden mit den beiden Kanzlerkandidaten von Union und SPD am heutigen Dienstag und am kommenden Donnerstag veranstalten. Dazu kommen noch in beiden Sendern die regulären Talkshows und zusätzlich die Dokumentationen über den Wahlkampf.

Politisch hoch interessierte Fernsehzuschauer sehen fast alles, dürfen sich allerdings nicht über gewisse Ermüdungserscheinungen wundern. Wahlkämpfe leben davon, die immer gleiche Botschaft möglichst oft zu wiederholen. Erst wenn ein Kandidat das hundertste Mal etwas ausgesprochen hat, hat der Letzte unter Umständen das erste Mal davon gehört. Die spannende Frage ist somit, wie Parteien die politisch desinteressierten Zuschauer erreichen. Sie können aus einer Vielzahl von Programmen auswählen, wo Politik schlicht nicht vorkommt.

Miserabel Quoten von Privaten bei TV-Duell

Entsprechende Schwierigkeiten haben die privaten Fernsehsender mit der Wahlberichterstattung. Wenn Sat.1 und RTL gemeinsam mit den beiden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten das Kanzlerduell austragen, wird quasi automatisch ARD und ZDF eingeschaltet, entsprechend miserabel sind die Einschaltquoten der Privaten. In den vergangenen Jahren gab es nur eine Ausnahme. Das war die samstägliche „TV Total“ Ausgabe auf Pro Sieben einen Tag vor der Bundestagswahl. Stefan Raab erreichte damit eine jüngere Zielgruppe, die ansonsten an Wahlberichterstattung wenig Interesse hatte.

In der ersten Ausgabe im Jahr 2005 gelang ihm mit seinem Televoting sogar ein besonderer Coup. Dort hatte überraschenderweise die SPD die Nase vorn, obwohl die Union von Angela Merkel schon lange wie der sichere Sieger aussah. Das wirkte zu diesem Zeitpunkt völlig absurd, aber am Wahltag schien Raabs Umfrage plötzlich genauer gewesen zu sein als die der professionellen Meinungsforscher. Tatsächlich hatten diese den Stimmungsumschwung auch mitbekommen, allerdings wurden deren Zahlen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr veröffentlicht. Raabs „TV Total“ galt seitdem als verlässliches Stimmungsbarometer. Dieses Image steigerte wiederum die Attraktivität dieser Sendung, nicht zuletzt bei Parteien und Berichterstattern.

„Es muss ein Arschtritt durch Deutschland gehen“

So ein Format fehlt den privaten Fernsehanstalten zur Zeit. Daran konnte auch Klaas Heufer-Umlauf nichts ändern. Gestern Abend lief auf Pro Sieben sein „Ein Mann, eine Wahl“, eingerahmt von einer sechsstündigen Dauerschleife der „Big Bang Theory“. Es war ein Volkshochschulkurs mit Unterhaltungselementen. Allerdings kaut die politische Bildungsarbeit schon seit Jahrzehnten auf dem Problem herum, wie sie ihre vergleichsweise trockenen Inhalte selbst jenen Gruppen vermitteln kann, die sich ansonsten nicht dafür interessieren.

Heufer-Umlauf wählte dafür eine Mischung aus Politiker-Interviews und Prominenten-Statements. So interviewte er „Die Ärzte“-Ikone Bela B. auf einem Schießstand über sein politisches Erweckungserlebnis in den frühen 1990er Jahre. Die Zuschauer erfuhren im Pistolenfeuer etwas über Molotowcocktails auf Flüchtlingsheime in Rostock-Lichtenhagen. Mit jedem Argument fiel eine Pistolenhülse in einen Eimer. Den Vorsitzenden der „Bild“-Chefredaktion Julian Reichelt traf Heufer-Umlauf dagegen ganz zivil in dessen Büro. Beide waren unbewaffnet. Es ging um die Frage, ob „Emotionen in der Politik wie Fakten“ seien. Zweifellos, ansonsten könnte man auf solche Mätzchen am Schießstand verzichten.

Entsprechend interviewte er den FDP-Vorsitzenden in einem quietschgelben Chevrolet Camaro mit acht Zylindern, sechs Litern Hubraum und mehr als vierhundert Pferdestärken. Wobei es immerhin noch zu einem knalligen Statement von Christian Lindner reichte: In einer Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen umschrieb dieser Arbeitsanreize metaphorisch als „Tritt in den Arsch.“ Es müsse „ein Arschtritt durch Deutschland gehen“, so fasste das Heufer-Umlauf zusammen. „Vielleicht“, ergänzte Lindner. Ob dieser Sprachgebrauch eine gewisse spätrömische Dekadenz konnotiert, wird wohl erst die Zukunft weisen.

„Was wollen wir eigentlich erreichen?“

Cem Özdemir ist dagegen noch nicht einmal in einer emissionsfreien Pferdekutsche befragt worden, vielmehr in einem langweiligen Büroflügel des Bundestages. In dieser im Vergleich mit Lindner frappierenden Ideenlosigkeit spiegelte sich dieser Wahlkampf wieder. Warum das Menschheitsdrama Klimawandel niemanden interessiere, so das Thema des Interviews, was nicht zuletzt die derzeitigen Probleme grüner Wahlkämpfer zum Ausdruck bringt. Ob dieser Eindruck geplant war, oder einem glücklichen Zufall zu verdanken ist, lässt sich nicht so einfach feststellen.

Interessanterweise baute der Autor noch eine Meta-Ebene ein, die seine Selbstreflexion thematisierte. Dafür nutzte er den Kunstgriff des Alter Ego: Heufer-Umlauf trat in drei Rollen mit unterschiedlichen politischen Orientierungen auf. Dabei ging es allerdings nicht um kontroverse politische Inhalte, sondern um die Selbstbespiegelung eines Medienakteurs. „Was wollen wir eigentlich erreichen?“, so fragte einer der alternativen Heufer-Umlaufs. Unter anderem in Interviews kritisch zu sein, lautete eine Antwort, weshalb sich der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz experimentell gleich mit allen drei Protagonisten unterhalten durfte. Deren Unzufriedenheit über die Ergebnisse des Interviews wurden zwischenzeitlich auf dem Klo diskutiert. So wurde der Interviewer kurioserweise wichtiger als der Interviewte, was immerhin als subtile Kritik am zeitgenössischen Journalismus gewertet werden könnte.

Erwartungen des Publikums bedienen

Heufer-Umlauf wollte selbstredend keinen trockenen Volkshochschulkurs zum Thema Bundestagswahlen anbieten. Als Entertainer muss er die Erwartungen eines Publikums bedienen, das ohne solche Unterhaltungselemente umzuschalten droht, so die Vermutung. So hört sich der „Tritt in den Arsch“ eben interessanter an als die Terminologie von Ökonomen namens „Arbeitsanreize“. Wobei mancher Zuschauer „Arbeit“ durchaus als Lindners Tritt kennen gelernt haben sollte – und somit deren Zwangscharakter. Marxisten diskutierten das in früheren Zeiten unter dem Begriff der Entfremdung.

Das war aber wohl kaum die Intention von Heufer-Umlauf. Er will die politisch eher Desinteressierten erreichen. Insoweit erinnert das an Raabs „TV Total“. Nur sind die Desinteressierten wirklich noch so desinteressiert? Oder erleben wir in Wirklichkeit nicht eine seit Jahrzehnten ungekannte Politisierung breiter Bevölkerungsschichten? Nicht zuletzt die Flüchtlingskrise und der Aufstieg der AfD haben eine entsprechende Dynamik in Gang gesetzt. Insoweit kann man eigentlich auf die Mätzchen mit Bela B. am Schießstand oder Lindner im Camaro verzichten. Selbst trockene Volkshochschulkurse gewinnen eine ungeahnte Attraktivität, wenn die einen den aufkommenden Faschismus und die anderen den Untergang Deutschlands befürchten.

Wahlberichterstattung als Infotainment

Dabei geht es um das Politikverständnis der klassischen Moderne als Kampf der Ideologien. Ein von der Postmoderne geprägtes Mediensystem versteht darunter aber immer noch etwas anders. Nämlich jenen Zirkus, den der heutige Spiegel-Redakteur Nils Minkmar schon vor vier Jahren als charakteristisch für den damaligen Wahlkampf beschrieb. Inhalte sind beliebig, es kommt alleine auf den Knalleffekt an. Stilistisch bewegt sich „Ein Mann, eine Wahl“ in dieser Tradition. Hier soll in unterhaltsamer Form dem eher desinteressierten Bürger sein Wahlrecht schmackhaft gemacht werden. Wahlberichterstattung als Infotainment, wobei die Medien noch dazu am liebsten sich selbst und ihre Wirkung thematisieren.

Klaas Heufer-Umlauf ließ mit seinen Alter Egos in dieser Beziehung keine Wünsche offen. Ob Pro Sieben damit an den Erfolg Stefan Raabs anschließen kann, ist unwahrscheinlich. „Ein Mann, eine Wahl“ dokumentiert dafür die Widersprüche einer Zeit, wo in einem postmodernen Mediensystem die ideologischen Kämpfe der klassischen Moderne ausgetragen werden. Am kommenden Montag gibt es den zweiten Teil zu sehen. In Interviews äußern sich Jens Spahn (CDU), Katja Kipping (Linke) und Alice Weidel (AfD). Über fehlende Informationsmöglichkeiten kann sich also niemand beschweren. Es liegt halt an jedem Wähler, was er daraus macht.

Quelle: FAZ.NET
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