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TV-Kritik: Günther Jauch

Herrschaftswissen und acht Jahre eines Lebens

Von Frank Lübberding
 - 05:40
Heribert Schwan bei der Vorstellung seines Buchs „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ Bild: Reuters, FAZ.NET

Talkshows haben als Live-Sendungen einen Vorteil. Hier bekommen die Gäste nicht nur die Möglichkeit, sich um Kopf und Kragen zu reden - sie nutzen sie auch manchmal. Vor allem, wenn Sachverhalte noch nicht geklärt sind, denn dann fällt es schwer, sich auf vorbereitete Statements zurückzuziehen. Am Sonntagabend war das bei Günther Jauch zu erleben. Er beschäftigte sich mit „Helmut Kohl – wem gehört seine Geschichte?“.

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Der Anlass: Das gerade erschienene Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ von Heribert Schwan und Tilman Jens ist zum Bestseller geworden, nicht zuletzt wegen einer Spiegel-Titelgeschichte wenige Tage vor seinem Erscheinen. Die Erwartung, jetzt würden lediglich die bekannten Positionen ausgetauscht, wurde enttäuscht. Es gab tatsächlich einige neue Erkenntnisse zu hören.

Eine latente Drohung

Das beginnt schon mit der Motivation von Schwan, dieses Buch zu veröffentlichen. Er war seit dem Beginn der Zusammenarbeit zu Kohls engem Vertrauten geworden. Das endete bekanntlich im Jahr 2009. Schwan machte deutlich, was ihm diese Jahre bedeuten: „Ich habe acht Jahre meines Lebens an dieser Sache gearbeitet“. Wie „dumm“ müsse man sein, einen Mann „mit meinem Herrschaftswissen als Ghostwriter“ einfach zu entlassen. Zudem habe er nicht nur die bekannten 630 Stunden mit Kohl geredet, sondern zugleich noch diverse, zum großen Teil noch unveröffentlichte Archivmaterialien gesichtet.

Dahinter versteckte sich eine latente Drohung. Allerdings nicht wegen der Kenntnis von Parteivorstands- und Kabinettsprotokollen - deren Zusammenfassungen konnte man schon immer Montags im besagten Nachrichtenmagazin lesen. Sondern vielmehr wegen Schwans Einblick in die Protokolle der Telefongespräche Kohls mit anderen Regierungschefs. Sie sind zumeist auf Jahrzehnte gesperrt, und hier könnte Schwan Einsichten bekommen haben, die unter Umständen politischen Sprengstoff enthalten. In jedem Fall entstand bis 2009 ein eindrucksvolles Opus, das vier Bücher umfasste, mit zum Teil mehr als 1000 Seiten pro Band.

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Kohls Opus Magnum als Nebenbeschäftigung

Das erforderte Schwans ganze Kraft, nimmt man an. Er erledigte das allerdings als WDR-Angestellter mit einer Nebentätigkeitserlaubnis des Senders in seiner Freizeit. Schwan wurde 2009 pensioniert, somit erst nach Beendigung seiner Dienste für Kohl. Vier solche historisch wichtigen Bände in der Freizeit zu schreiben, dazu sich der Mühsal der Archivarbeit auszusetzen, das ist in der bisherigen Debatte noch nicht hinreichend gewürdigt worden. Aber es macht zugleich deutlich, wie tief die Kränkung bei Schwan sein muss, als Mann mit Herrschaftswissen einfach vor die Tür gesetzt worden zu sein. So wird wohl endgültig der geplante letzte Band der Memoiren zum Zeitraum 1994 bis 2002 nicht mehr erscheinen. Das betrifft dann die Jahre des Niedergangs des Staatsmannes Helmut Kohl, inklusive des desaströsen Endes mit der Spendenaffäre. Das „Vermächtnis“ ist nichts anderes als der Versuch, diesen Band zu ersetzen. Schwan, so ist zu vermuten, hätte über die Protokolle weiter geschwiegen, wenn er nicht 2009 plötzlich vor die Tür gesetzt worden wäre.

Ob Kohls heutige Ehefrau, die vielfach angefeindete Maike Kohl-Richter, nicht doch gute Gründe hatte, einen Versuch der Kohlschen Selbstdemontage via Schwan zu verhindern, sollte man ernsthaft diskutieren. Es ist nicht auszuschließen, dass Kohl tatsächlich bis heute so denkt, wie es in den bisher veröffentlichten Protokollen zu lesen ist. Diese These Schwans hat zumindest bis heute niemand dementiert. Auch nicht Kohls Rechtsanwalt Stephan Holthoff-Pförtner, der bei Jauch eine bemerkenswert schwache Vorstellung ablieferte. So beklagte er den Abdruck des Abschiedsbriefes von Hannelore Kohl in Schwans Buch, der aber tatsächlich schon im Jahr 2001 in der „Welt“ zu lesen war, worauf Schwans Co-Autor Jens hinwies.

Verwirrung um gelöschte Kassetten

Aber es wurde noch besser. Es wurde nämlich bekannt, dass ein wesentlicher Teil der Original-Kassetten mit den Aufnahmen der Interviews gelöscht ist. Sie befinden sich heute wieder im Besitz von Kohls Anwalt. Das konnte sich Schwan nun gar nicht erklären. Nikolaus Blome, Führungskraft beim „Spiegel“, wohl auch nicht. Aber dafür versicherte er, die in seinem Blatt abgedruckten Aussagen Kohls überprüft zu haben. Wohl nicht mit den Originalaufnahmen, sondern mit von Schwan angefertigten Kopien. Dort ist dann aber niemanden aufgefallen, dass diese Kopien nicht mehr vollständig sind? Oder sind Schwans Kopien vollständig, aber nicht mehr die Originale? Oder sind allein die von Schwans Schwester schon 2001 und 2002 angefertigten Transkripte die einzigen noch vollständig erhaltenen Quellen? Schwan will nun sogar Kopien dieser Protokolle dem Bundesarchiv überlassen, wie er zum Erstaunen aller Zuschauer mitteilte.

Der Altkanzler und seine Ehefrau hätten sich entschlossen, das komplette Archiv Kohls einer Kommission von Historikern anzuvertrauen, wie Holthoff-Pförtner ankündigte. Maike Kohl-Richter nämlich drohte allmählich nicht nur das Image als böse Stiefmutter, was vor allem die Söhne Kohls vermitteln, sondern zudem das einer Nachlass-Manipulatorin. Immerhin geriet sie noch nicht in den Dunstkreis einer Elisabeth Förster-Nietzsche, die es als alleinige Nachlassverwalterin ihres Bruders Friedrich zu einiger Berühmtheit brachte.

Wie war das bei Willy Brandt?

Durchaus zuzustimmen war der Witwe Willy Brandts, Brigitte Seebacher-Brandt, die das Vorgehen des gekränkten Ghostwriters in Nebenbeschäftigung „unterirdisch“ nannte und die Diskussion „unsäglich“. Sie wurde als Expertin für die Nachlassverwaltung großer Staatsmänner eingeladen. So widersprach auch niemand ihrer Forderung, solche Nachlässe an einem Ort aufzubewahren und ihre Nutzung nach transparenten Kriterien zu erlauben. Es war allerdings durchaus bemerkenswert, wie wenig sich Frau Seebacher-Brandt bemühte, ihre eigene Brandt-Monografie gegen die Angriffe Schwans zu verteidigen. Sie sei lediglich als ein Diskussionsbeitrag zu verstehen. Brandt starb 1992. Die in der Kohl-Debatte zu spürende Emotionalität ist 22 Jahre nach dem Tod des SPD-Politikers nicht mehr vorhanden.

Das hinderte sie allerdings nicht daran, in einer Nebenbemerkung Herbert Wehner noch einen mitzugeben. Dessen Nachlass sei nämlich bis heute nicht frei verfügbar, weil ihn dessen Witwe Greta – oder die „Leute, die sie kontrollieren“ - in ihrer Obhut habe. Ihr Buch war übrigens vor allem aus einem Grund umstritten gewesen: Sie beschrieb Wehner als Verräter, um das böse Wort vom kommunistischen Spion nicht zu verwenden. So konnte man bei Jauch noch alte SPD-interne Rechnungen begleichen.

Kohls Interviews waren kein Blackout

Bisher hat Kohl keine einzige Aussage aus Schwans Buch dementiert. Er hat auch nicht die besonderen Umständen der Jahre 2001 und 2002, den Freitod seiner ersten Frau und die psychischen Belastungen der Spendenaffäre, als Erklärung angeführt. Er hat also nichts von dem gesagt, was die Kritiker Schwans auch gestern Abend zur Relativierung seiner Aussagen nutzten, etwa: Kohl rede nun einmal in der ungeschützten Gesprächssituation mit einem engen Vertrauten so wie mit Schwan. Das täten außerdem alle „Vollblutpolitiker“ und „großen Staatsmänner“. Sie hätten im Gegensatz zu den „grauen Mäusen“ neben großen Stärken eben auch große Schwächen, wie Frau Seebacher-Brandt anmerkte.

Das ändert aber nichts an der Frage, wie eigentlich die bisher bekannt gewordenen Kohl-Sentenzen inhaltlich zu beurteilen sind. Zusammenfassend gesagt, bewegen sie sich bisher auf dem Niveau von Kommentaren in sozialen Netzwerken, wo das, was besser im geschützten Raum eines Kellers bliebe, in Echtzeit gepostet werden kann. In den Kohl-Protokollen ist somit das zu lesen, was der Union als öffentliche Erklärung das Schicksal der Piratenpartei beschert hätte. Kohl hätte die CDU mit seinem bisweilen unsäglichen Gerede, „hinterfotzig“ wäre der richtige Begriff, zerstört. Schwan und Jens hätten das Buch twittern können, wenn auch die Tantiemen geringer ausgefallen wären.

Staatspolitischen Erzählunge und die historische Forschung

Es gibt nur einen Punkt, der bisher für die Protokolle spricht: Das betrifft Kohls Aussagen über das ökonomische Ende des Ostblocks als eigentliche Ursache für den Zusammenbruch der DDR. Das ist zwar für den Historiker nichts Neues, aber das „kontrastiert schon zu den pathetisch gehaltenen Reden zu Feiertagen“, wie es Blome ausdrückte. Diese staatspolitischen Erzählungen dienen halt einem anderen Zweck als die historische Forschung. Schwan hat das ungewollt deutlich gemacht. Das betrifft weniger eine schon historisch gewordene Figur wie den Altkanzler, sondern heutige Würdenträger, die etwa die Freiheit zur Maxime ihres Amtsverständnisses gemacht haben.

So erfuhr man in dieser Sendung durchaus Neues, und Heribert Schwan hat die Möglichkeit genutzt, sich um Kopf und Kragen zu reden. Seine einzige Motivation, das von Kohl gewährte Vertrauen zu brechen, war offenkundig sein als persönliche Kränkung erlebter Rauswurf. Ansonsten hätte er wohl weiter geschwiegen. Aber die Protokolle sind nun einmal in der Welt, aus welchen Gründen auch immer. Das ist nicht mehr rückgängig zu machen, selbst wenn es für Helmut Kohl eine gewisse Tragik hat. Im Vergleich zu den Enthüllungen eines Edward Snowden ist der Ertrag dieser Kohl-Protokolle bemerkenswert gering. Aber, das sei zu Schwans Ehrenrettung gesagt, eine Nominierung für den Friedensnobelpreis wird er sicherlich nicht erwarten.

Quelle: FAZ.NET
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