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TV-Kritik „Maischberger“

Freie Wahl oder Pflicht zur Demutsgeste?

Von Hans Hütt
 - 03:20
Sandra Maischberger und ihre Gäste fragen sich, wie sehr Deutschland gespalten ist. Bild: WDR/Max Kohr, FAZ.NET

Das Wahlergebnis der Alternative für Deutschland (AfD) ist weder überraschend, noch erlaubt es politische Generalisierungen. Was ist schlecht daran, wenn manche Leute enttäuscht sind? Was für ein Bild von Demokratie schwingt in der Idee mit, dass politische Uneinigkeit des Teufels sei, wenn weit über 80 Prozent der Wählerinnen und Wähler offenbar nicht enttäuscht zu sein scheinen? Sandra Maischberger stellt an diesem Abend kurz nach dem Tag der Deutschen Einheit mit ihren Gästen die Frage, ob Deutschland vielleicht doch nicht vereint, sondern vielmehr gespalten ist.

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Die „taz“-Journalistin Bettina Gaus erinnert an eine Bemerkung ihres Vaters, der in den neuen Bundesländern ein neues Mezzogiorno entstehen sah. Martin Patzelt, früher Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt an der Oder, heute abermals für die CDU in den Bundestag gewählt, hat das Direktmandat seines Wahlkreises gegen Alexander Gauland gewonnen. Doch die AfD hat auch im tiefen Süden des Landes Stimmen gewonnen - und das liegt nicht nur an den Russlanddeutschen im Großraum Pforzheim oder den besonderen Erfahrungen, die der Landkreis Deggendorf im Herbst 2015 gemacht hat. Im Freistaat liegt das beispielsweise auch an dem zwiespältigen Bild, das die CSU als regierende Oppositionspartei vermittelt hat.

Bettina Gaus findet es beschämend, dass rassistische und reaktionäre Politik bei der Bundestagswahl so viel Zustimmung erhielt. Was bringt sie mit dieser Haltung zum Ausdruck? Wäre es nicht angebrachter, danach zu fragen, was die demokratischen Parteien versäumt haben? Martin Patzelt erklärt die Erfolge der AfD nicht sozialpolitisch. Ihre Wählerschaft im Osten gehöre nicht zu den Abgehängten.

Schreihälse und Sommermärchen?

Der Wirtschaftsjournalist Ralf-Dieter Brunowsky kontrastiert das „Sommermärchen“ von 2006 mit den hasserfüllten Schreihälsen von 2017. Warum wirkt dieser Kontrast so abgehoben? Brunowsky wirft den Ostdeutschen, ohne es so zu sagen, vor, undankbar zu sein. Pegida hindere den Freistaat Sachsen daran, wirtschaftlich attraktiver zu werden. Diese Haltung reduziert die Wahlfreiheit zu einer Demutsgeste von Schutzbefohlenen. Der Einspieler mit der Neujahrsansprache von Helmut Kohl zielt in die gleiche Richtung und verfehlt damit die tatsächliche Entwicklung, die in Ostdeutschland seither stattgefunden hat. Der Osten boomt insulär. Manchen Regionen geht es gut, anderen nicht.

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Es wirkt peinlich, wenn Wahlergebnisse zum Gegenstand psychologischer Diagnosen gemacht werden. Der politische Wettbewerb unterscheidet sich von Therapieangeboten. Die erfreulichste Haltung verkörpert in dieser Runde Martin Patzelt, der glaubhaft versichert, niemand wolle heute so leben wie in der DDR. Den Ärger über politische Bevormundung kann er verstehen.

Bettina Gaus vermisste im Wahlkampf die europäischen Themen, besonders bemängelt sie das Demokratiedefizit der Europäischen Union. Warum hat das der Spitzenkandidat der SPD nicht zum Thema gemacht?

Ohne Quellenangabe zitiert Frau Maischberger Alexander Gaulands Satz, „wir wollen uns unser Land zurückholen“, als machte sie sich die Haltung zu eigen. Was hat dieser Satz mit der Lebenswirklichkeit und den niedrigen Ausländerquoten in den ostdeutschen Bundesländern zu tun? Was erklärt die massive rechtsextreme Gewalt in Ostdeutschland?

„Du wirst nie wieder gewählt!“

Martin Patzelt relativiert auch diesen Eindruck. Nicht nur er hat sich persönlich um Flüchtlinge gekümmert. Die Gewalt gehe von einer kleinen Minderheit aus. Seine CDU-Parteifreunde hatten ihm vorausgesagt, er werde nie wieder gewählt. So kann man sich täuschen. Politische Feigheit macht sich nicht bezahlt.

Die Hansens aus Flensburg sind ein besonderer Fall. Der Marineoffizier ist Kreisvorsitzender der AfD, die Tierärztin Ortsvorsitzende der SPD. Er gehört zum libertären Flügel seiner Partei und wundert sich darüber, wie weit nach rechts örtliche FDP-Kandidaten rückten. Was ist von Parteifreunden zu halten, die Frau Hansen dazu rieten, sich scheiden zu lassen? Jetzt ist es Zeit für einen Blick auf die Studio-Kulisse. Im Hintergrund weht in den Umrissen Deutschlands eine sehr zerrupft wirkende Deutschlandfahne. Das Land wirkt wie ein Floß in stürmischer See. Aus der Ferne wirkt die Deko wie ein Abklatsch von Géricaults „Floß der Medusa“. So macht man auch mit Bildern Stimmung.

Dialog mit Respekt

Bei den Hansens fliegen nicht die Fetzen. Sie diskutieren viel. Sie engagiert sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Er hält davon gar nichts und sieht den Staat als Beute der Parteien. Frau Hansen kritisiert die Nanny-Politik ihrer Partei, wünscht sich mehr Engagement für die Autonomie der Bürger. Bei ihrem Landesvorsitzenden Ralf Stegner wird sie damit auf Granit beißen.

Boris Palmer plädiert für einen Dialog mit Respekt mit der AfD und ihren Anhängern, ist aber hart in der Auseinandersetzung. Seine Haltung hat in der Universitätsstadt Tübingen dazu beigetragen, dass die AfD nur bei knapp über fünf Prozent landete. Das bezeugt – neben der Erfahrung von Martin Patzelt in Frankfurt/Oder – eine interessante Grundlage für eine Jamaika-Koalition im Bund, die nicht dazu genötigt wäre, offene Flanken nach rechts zu schließen. Ob ihr die soziale Flanke fehlt, bleibt abzuwarten.

Die SPD wird sich die Chance nicht entgehen lassen.

Quelle: FAZ.NET
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