TV-Kritik: Maischberger

Warum „Xavier“ nichts mit dem Klimawandel zu tun hat

Von Frank Lübberding
 - 07:14

Wie sie es auch machen, sie machen es verkehrt. So gehört es zum Diskurs über den öffentlichen Diskurs besorgter Bürger, die Talkshows für ihre recht beschränkte Themenauswahl zu schelten. Immer nur Flüchtlinge und innere Sicherheit anstatt sich mit den Menschheitsthemen zu beschäftigen. Es wird zumeist der Klimawandel genannt. Gestern Abend war es soweit: Frau Maischberger diskutierte darüber – und jetzt war es auch schon wieder verkehrt. Der Europapolitiker und Finanzmarktexperte Sven Giegold (Grüne) drückte das noch vor Ausstrahlung der Sendung auf Twitter so aus: „Ich glaube, es hackt! 97 Prozent der Forscher halten den Klimawandel für menschengemacht. Trotzdem sitzt bei Maischberger heute ein Klimaskeptiker.“

Er meinte damit Alex Reichmuth, Wissenschaftsjournalist bei der Schweizer „Weltwoche“. Nun haben vor der Finanzkrise des Jahres 2008 wahrscheinlich sogar 99 Prozent aller Forscher den systemischen Zusammenbruch des Finanzkapitalismus für ausgeschlossen gehalten. Er passierte trotzdem. Im wissenschaftlichen Diskurs zählt dummerweise das Argument, und nicht die Mehrheitsmeinung.

Herrschaft des eigenen Diskurses

Der Tweet Giegolds brachte eine Mentalität gut zum Ausdruck. Die früheren Anhänger des herrschaftsfreien Diskurses halten mittlerweile die Herrschaft des eigenen Diskurses für die einzige akzeptable Debatte. Kurioserweise vergessen die Giegolds damit die eigene Geschichte. So hielt in den 1970er Jahren die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler und Ingenieure die Kritik der Ökologiebewegung an der Atomenergie für schlichten Unfug. Wer es von denen wagte, aus diesen Konsens auszubrechen, gefährdete seine Reputation und berufliche Zukunft. Die herrschende Meinung kann in der Beziehung unerbittlich sein. Es waren übrigens vor allem die Medien, die diesen Außenseitern eine Plattform boten.

So kam gestern Abend besagter Reichmuth zu Wort, ohne dass allerdings gleich der Diskurs vor Entsetzen in sich zusammenbrach. Schließlich war mit Hans Joachim Schellnhuber einer der renommiertesten Vertreter der erwähnten 97 Prozent zu Gast. Schellnhuber gilt als einer der Erfinder des Zwei-Grad-Ziels in der weltweiten Reduzierung des Kohlendioxidausstoßes. Außerdem noch mit Bärbel Höhn eine Parteifreundin Giegolds, die in Nordrhein-Westfalen von 1995 bis 2005 als Umweltministerin amtierte. Reichmuth werde gerne in Talkshows eingeladen, weil er „extreme Meinungen“ vertrete, so Höhn. So müsste man sich mit ihm beschäftigen anstatt mit der Bekämpfung des Klimawandels. Reichmuth entsprach Höhns Erwartungen. Er stellte sich nicht nur als „Klimaskeptiker“, sondern sogar als „Klimaleugner“ vor. So waren die Fronten rechtzeitig geklärt.

Reichmuth hantierte mit einem Standardargument aus der wissenschaftstheoretischen Trickkiste. Das Klima wäre viel zu komplex, um den menschlichen Anteil am Klimawandel hinreichend zu bestimmen, so sein Argument. Das lässt sich allerdings über jede Form der Wissenschaft sagen. Sie verkündet schließlich keine ewigen Wahrheiten, sondern ist eine Methode, um alle möglichen Phänomene plausibel zu erklären. Die sich daraus ergebenden Erkenntnisse gelten solange bis eine bessere Erklärung vorgelegt wird. Reichmuth hat in der Hinsicht schlicht nichts anzubieten, außer seine Skepsis. In der Beziehung hatte Frau Höhn über die Klimaskeptiker einen passenden Einwand zu bieten. Diese kommen im „wissenschaftlichen Diskurs“ nicht durch. Sie artikulieren tatsächlich zumeist nur eine vulgäre Variante der Wissenschaftskritik.

Auf Selbstmordkurs

Nur geht es in der Debatte um den Klimawandel gar nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um Politik. Und hier hat die Klimaforschung als politisches Projekt ein zentrales Problem. Sie fordert nämlich grundlegende Veränderungen in unserem Verhalten. Das betrifft praktisch alle Bereiche unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Die Wissenschaft soll diese Veränderungen legitimieren. Das bedeutet weniger Auto zu fahren, weniger Fleisch zu essen oder unser Landschaftsbild durch Windräder zu verschönern. Frau Maischberger zitierte sogar eine schwedische Studie von Klimaforschern, die ernsthaft die chinesische Ein-Kind-Politik als Reaktion auf den Klimawandel propagiert.

Schellnhuber hielt solche Vorschläge nicht für hilfreich. Doch „die wissenschaftliche Beweislage, dass unsere Zivilisation dem Feuer näher rückt, ist erdrückend. Aber gleichzeitig scheinen alle, die das Steuer noch herumreißen könnten, entschlossen, den Selbstmordkurs beizubehalten.“ Das Zitat stammt übrigens nicht aus der schwedischen Studie für den „Club of Rome“, sondern aus „Selbstverbrennung“, einem Buch von Schellnhuber aus dem Jahr 2015.

Klimaforscher kommen in ihrer überwältigenden Mehrheit ohne Weltuntergangsprognosen immer noch nicht aus. Er trifft bei uns nur auf eine ganz anders gestimmte Mehrheit in der Bevölkerung. Sie fährt gerne Auto und bevorzugt Fleisch. Wie soll man diese Mehrheit jetzt davon überzeugen, wegen der wissenschaftlich begründeten Zukunftserwartungen von Klimaforschern wie Schellnhuber ihr heutiges Verhalten zu ändern? Am besten durch den Beweis, dass dieser Klimawandel schon längst begonnen hat. Der Titel dieser Sendung, „Xavier und die Wetterextreme: Kippt unser Klima?“, entsprach dieser Perspektive. Jörg Kachelmann stellte allerdings schlicht fest, was davon zu halten ist: Nichts. Aus der wissenschaftlichen Perspektive eines Meteorologen gibt es bisher keine Zunahme solcher Ereignisse, auch nicht von deren Intensität. Schellnhuber widersprach Kachelmann interessanterweise nicht, obwohl ohne dieses Argument wirklich nur noch der Hinweis auf die mathematisch fundierten Klimamodelle aus den Supercomputern bleibt. Auf solchen Modellen beruhten allerdings auch die Risikoeinschätzungen der von Giegold ansonsten wenig geschätzten Investmentbanker vor dem Zusammenbruch des Marktes. Diese frönten dem Optimismus des hoffnungsvollen Spekulanten: Alles bleibt gut. Das ist bei den Klimaforschern bekanntlich genau umgekehrt.

Diese Zukunftserwartung des drohenden Desasters mag sogar gut begründet sein. Das ändert aber nichts an dem eigentlichen Problem, das wohl nicht nur Klimaleugner wie Reichmuth haben. Dem bisweilen grotesken Missverhältnis zwischen den angenommenen katastrophalen Folgen des Klimawandels und den eingeleiteten Maßnahmen der Politik. So ist Deutschland für zwei Prozent der weltweiten Kohlendioxidemissionen verantwortlich. Darauf wies Dorothee Bär (CSU) hin, bisher parlamentarische Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium. Ihre zukünftige Koalitionspartnerin von den Grünen sah in der Begrenzung des steuerlichen Dienstwagenprivilegs einen Beitrag zum Klimaschutz. Mit dem deutschen Steuerrecht den globalen Klimawandel zu bekämpfen, ist bestimmt gut gemeint. Leider Gottes nur ohne messbare Effekte für das artikulierte politische Ziel. Am 300 PS-SUV der ökologisch bewussten deutschen Kleinfamilie wird die Rettung der Menschheit halt nicht scheitern, obwohl diese Idee im Deutschland der politischen Romantik schon immer eine gewisse Attraktivität hatte.

Frau Bär wollte sich daher lieber nicht darauf festlegen, ob der Klimawandel vom Menschen gemacht worden ist – oder halt nicht. Sie steht auf den soliden Grundlagen des Pariser Klimaabkommens, so ihr Hinweis. Dieses Abkommen ist aber an Unverbindlichkeit wirklich nicht zu überbieten, wie Schellnhuber gemeinsam mit Reichmuth anmerkte. Frau Bär repräsentierte damit den Pragmatismus einer CSU, die dem Weltuntergang aktuell keine besondere Relevanz einzuräumen scheint. Sie ist aber immerhin nicht prinzipiell dagegen, ihn zu verhindern. Allerdings nur, wenn das der bayerischen Industrie und dem Lebensstil der neudeutsch dort Beheimateten (früher Bayern genannt) nicht allzu sehr beeinträchtigt.

Klimawandel, zerlegt in handliche Häppchen

So beschäftigt sich die Politik mit solchen Themen. Sie zerlegt sie in handliche Häppchen, nur halt unverdaulich für die Supercomputer der Klimaforscher. Die kennen sogar ein Szenario, wie sich in tausend Jahren der Meersspiegel bei einer globalen Erwärmung von fünf Grad Celsius entwickeln wird. Nicht schön, so könnte man Schellnhuber zusammenfassen. Von uns Lebenden wird niemand mehr da sein, um das zu beurteilen. Die zukünftige Jamaika-Koalition wird auf eine solche tausendjährige Perspektive in ihrem Koalitionsvertrag unter Umständen verzichten. Frau Höhn und Frau Bär wären vielmehr schon froh, die kommenden achtundvierzig Monate zu überstehen. Frau Maischberger machte somit alles richtig. Klimaskeptiker, die nichts als Skepsis anzubieten haben, sind nicht überzeugend. Klimaforscher aber eben auch keine Klima-Päpste mit Unfehlbarkeitsanspruch. Das gilt sogar dann, wenn sie hundert Prozent der Päpste beraten sollten. Oder Sven Giegold.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBärbel HöhnJörg KachelmannJamaika-KoalitionTwitterKlimawandel