ZDF-Krimi „Dengler“ zum NSU

Zwei tote Uwes machen noch keinen Doppelmord

Von Oliver Jungen
 - 18:03
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Eine schützende Hand ist immer noch eine Hand. Sie kann sich, um eigene Spuren zu verwischen, blitzschnell um den Hals legen. Nur drei Wochen nach Dominik Grafs umstrittenen RAF-„Tatort“, der einen bewusst nicht verhinderten Suizid oder gar eine staatlich gedeckte Hinrichtung der Stammheimer Gefangenen als Denkmöglichkeit durchspielte, behelligt das ZDF uns mit einer Verschwörungstheorie auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

Es handelt sich um die dialoglastige Verfilmung des achten Romans über den ehemaligen BKA-Ermittler Georg Dengler. Sein Autor, Wolfgang Schorlau, nutzt die Ungereimtheiten im Zusammenhang mit dem offiziell als Suizid geltenden Tod der beiden zum sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) gehörenden Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November 2011 für die steile These, der Verfassungsschutz habe sich dabei zweier inoffizieller Mitarbeiter entledigt. Ein geheimer Auftraggeber – da wartet also eine kleine Überraschung – hat Dengler auf den Fall angesetzt.

Nach der NSU-Trilogie der ARD, der man allenfalls vorhalten kann, aus realen Mordtaten reichlich früh Fernsehunterhaltung gemacht zu haben, ist das der zweite Spielfilm zu dieser Thematik, der noch vor dem Abschluss des Münchner NSU-Prozesses zu sehen ist. Sollte es in solchen Fällen nicht eine Pietätsfrist geben? Zumal, wenn man auf einen Thriller abzielt? Dominik Graf hat immerhin vierzig Jahre gewartet.

Tatsächlich erweist sich der Krimi um den ehemaligen Zielfahnder Dengler (Ronald Zehrfeld) in jeder Weise als Gegenstück zum Rotschatten-„Tatort“: Wo dort Fragen zu weiteren Fragen führten, verstolpert man sich hier in großspurige Antworten, wo dort eine erzählerisch komplexe Atmosphäre eine eigene Sogwirkung entfaltete, pfropft man die Spekulationen hier einer müden Handlung auf. Das ist schade, weil Lars Kraume (Buch und Regie) ausgerechnet in diesem virulenten Fall unter dem Niveau bleibt, das diese Serie bislang auszeichnete.

Dass Dengler seinen Job beim Bundeskriminalamt an den Haken gehängt hat, weil ihm Zweifel an den offiziellen Ermittlungen zum Kölner Nagelbombenattentat des NSU gekommen waren, wissen wir aus einer früheren Episode. Warum er jedoch persönlich derart involviert ist, dass es selbst seinen engsten Mitstreitern – abermals die rotzig-rührende Hackerin Olga (Birgit Minichmayr), daneben der LKA-Mitarbeiter Marius Brauer (Tom Wlaschiha) – obsessiv vorkommt, erklärt sich auch diesmal nicht. Überhaupt interessiert sich der Film für seine Figuren weit weniger als für die Aktenlage, so dass wir auf die Motorrad-Action und die Kabbeleien früherer Ausgaben verzichten müssen zugunsten einer Talking-Heads-Regie, die nur unterbrochen wird für Schwarzweißszenen, die den imaginierten Tathergang von Eisenach zeigen.

Auf der Seite des BKA sind wieder Dr. Müller (Rainer Bock) und Schneiderhahn (Götz Schubert) zu sehen, die sich mehr als verdächtig verhalten. Um die Verschwörungstheorie zu untermauern, muss Denglers ehemaliger Chef (Jürgen Prochnow) Dinge sagen wie: „Es gibt mehr Nazis in diesem Land, als man wahrhaben will. Dahinter steht ein starker politischer Wille.“ Er bringt die These ins Spiel, der NSU könnte Teil des V-Männer-Netzwerks des Verfassungsschutzes gewesen sein. Das alles ist hochpolitisch. Inszeniert aber wird es geheimnislos, wirkt oft geradezu aufgesagt.

Wenn sich ein Film dermaßen auf eine schrille Vermutung zur Realgeschichte verlässt, ist es ruinös, wenn diese nicht haltbar ist. Ein gutes Jahr nach dem Erscheinen von Schorlaus Buch, in dem die Verschwörung ein noch viel größeres Ausmaß besitzt und wie ein schlechter Russenfilm in die amerikanische Botschaft führt, hat der NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags die beiden darin breit diskutierten Mordindizien zurückgewiesen. Dass sich keine Rußpartikel in Mundlos’ Lunge fanden, muss keineswegs bedeuten, dass er das Feuer im Wohnwagen nach den Schüssen auf Böhnhardt nicht selbst gelegt haben kann. Und die vermeintlich fehlende Gehirnmasse, die auf eine Exekution an anderem Ort hinweisen soll, wurde auf Fotos dann doch noch entdeckt.

Fernsehtrailer
„Dengler – die schützende Hand“
© ZDF, ZDF

Dass Polizei und Verfassungsschutz im Fall der unfassbar schlampigen oder bewusst verschleppten NSU-Ermittlungen auch ohne Doppelmordhypothese schlecht dastehen, ist eine ganz andere Sache. Der Film hingegen krabbelt schließlich unwürdig aus dem angerichteten Schlamassel heraus und gibt uns dann doch – ähnlich wie Graf, aber noch unmotivierter – eine letzte Kopfnuss in Sachen reißerischer Systemkritik mit. Der nächste „Dengler“ wird hoffentlich wieder offener und spannender.

Dengler – Die schützende Hand, heute, Montag 6. November, um 20.15 Uhr im ZDF.

Quelle: F.A.Z.
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