Shahak Shapira im Interview

„Twitter schert das alles einen Dreck“

Von Florian Kölsch
 - 09:27

Was wollen Sie mit der Aktion „#Heytwitter“ aufzeigen?

Ich habe all diese Meldungen geschickt und überlegt: Was kann ich machen, um eine Reaktion zu erzwingen? Deswegen musste ich die Tweets zu Twitter bringen, damit sie Position beziehen, zu den Funktionen, die sie selbst ihren Nutzern zur Verfügung stellen. Und dann ging es auch darum, zu zeigen, dass es plötzlich eben nicht mehr egal ist, wenn es dann auf der Straße geschrieben steht. Manche Tweets stehen seit Wochen, seit Jahren auf Twitter – aber auf der Straße hat es eine ganz andere Fallhöhe.

Manche unterscheiden zwischen realem Leben und „nur online“. Im Internet darf man vieles „noch sagen“.

Ein paar Tage vor der Aktion habe ich überlegt, ob sie noch krass genug ist oder schon zu normal. Und allein dieser Gedanke zeigt, wo das Problem liegt.

Sie haben die Nutzernamen nicht geschwärzt.

Wieso sollte ich das machen? Das sind ja keine Privatnachrichten, die ich bekommen habe. Die Leute haben selbst entschieden, das öffentlich zu machen. Und meistens waren es auch anonyme Menschen, das ist das Problem auf Twitter. Auf Facebook ist das etwas anders. Und ich sehe da auch keinen Grund. Ich nehme keine Rücksicht auf Menschen, die andere nach Auschwitz schicken wollen. Da sollen sie dazu stehen.

Gab es eine Reaktion von Twitter?

Twitter reagiert, wie sie immer reagieren bei dieser Sache. Nämlich gar nicht. Twitter ignoriert. Von dem, was ich sehe, werden auch Presseanfragen ignoriert. Und das ist auch das Problem. Leute glauben, ich kritisiere sie, weil ich sage, dass sie alles löschen müssen. Es geht hier nicht um das Löschen, und in diesem Fall von Zensur zu sprechen, finde ich etwas absurd. Es ist ja nicht so, dass jeder ein Grundrecht auf einen Twitteraccount hat. Aber die Richtlinien, die Twitter festlegt, die legen nicht Deutschland, die Vereinigten Staaten oder die NSA fest – die legt Twitter selbst fest. Und so verkaufen sie dir diese Plattform. Und da finde ich es legitim nachzufragen: Wieso ist es ihnen so scheißegal, wenn diese Richtlinien nicht befolgt werden? Wenn ich zum Beispiel dreihundert Tweets gemeldet hätte und Twitter hätte mir dreihundert Mal gemailt, dass sie diesen Tweet nicht löschen können. Mit Begründung. Dann wäre es zwar – zumindest bei diesen Tweets – nicht besser. Aber es wäre etwas anderes. Dann hätten sie gearbeitet. Es geht darum, dass es Twitter einfach scheißegal ist.

Das zeugt von latenter Intransparenz.

Twitter ist ein komplett intransparentes Unternehmen. Allein die Adresse vom Büro herauszufinden war schon eine Herausforderung. Die Leute sollen es mal versuchen, Twitter anzurufen. Ich bin gespannt, was dann kommt. Man kann niemanden erreichen. Es gibt keine Nummer, es gibt keine Adresse. Es gibt mehrere Möglichkeiten, ignoriert zu werden: über E-Mail oder das Kontaktformular. Es gibt aber keine wirkliche Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Man fühlt sich schon so, als würden sie sich verstecken. Das zieht sich auch durch ihre komplette Politik und den Umgang mit der Sache.

Auf Twitter gab es für Ihren Beitrag Retweets von Volker Beck und Heiko Maas, die auch die Aktion sehr lobten. Glauben Sie, die Politik könnte, ja müsste, in dieser Sache hilfreich sein?

Ich freue mich immer, wenn man mit Volker Beck einer Meinung ist. Heiko Maas tut ja auch etwas dagegen. Ich kenne mich da aber auch gar nicht so gut aus, ich bin auch gar kein Jurist. Es gibt jedenfalls ein Gesetz, das im Oktober in Kraft tritt und das besagt, dass diese Unternehmen Meldungen in 24 Stunden bearbeiten müssen. Das finde ich gut, aber ich sehe nicht, wie Twitter das schaffen will, bei dem, was ich feststelle.

Wirkt so, als wäre Twitter unterbesetzt.

Dann sollen sie Twitter zumachen! Ich habe kein Mitleid mit diesen riesigen Tech-Giganten. Und warum soll es uns wichtiger sein als Twitter? Das verstehe ich auch nicht. Es wundert mich, dass es Twitter so egal ist. Wenn jemand Fotos von Brüsten hochlädt, dann sind sie sofort da.

Wir reden hier von einem der meistgenutzten Web-Dienste der Welt.

Wenn es so ein Start-up aus Bottrop wäre, die fünf Mitarbeiter haben – dann kann man sagen: Okay, ihr braucht Zeit. Aber bei Twitter? Wir reden über das Problem nicht seit gestern. Twitter und Facebook sagen: Bilder und Inhalte gehören – sobald man die AGBs gesehen hat – ihnen. Das kann man machen, aber damit kommt auch eine gewisse Verantwortung. Und das sieht man ja an der ganzen Sache mit Twitter: Sie kommentieren nicht, sie wollen nichts dazu sagen, sie wollen keinen Dialog. Und dann glaube ich auch nicht, dass sie das einen Dreck schert.

Wie kam Ihr Video an, in dem Sie sich zu der Aktion bekannt haben?

Die Kommentare waren zum größten Teil positiv. Aber es waren einige blöde Reaktionen dabei. Der Vorwurf des Vandalismus war schon extrem bescheuert, weil jeder, der ein bisschen aufpasst, weiß, dass es Kreidespray ist. Und es ist nicht nur Kreidespray, es ist Kreidespray in Hamburg. Das hat dort keine lange Halbwertszeit. Einmal mit Wasser drüber, dann ist es weg. Das ist kein Vandalismus. Die Polizei war auch da und ist direkt weitergefahren. Und dann gab es Leute, die sagten, dass sie mich jetzt wegen Volksverhetzung angezeigt haben. Da bin ich sehr gespannt. Ich finde, es ist eine schöne Ironie.

Das ist absurd.

Ich freue mich darauf. Wenn dann auch Twitter meine Gerichtskosten zahlen muss. Sind ja nicht meine Worte, ich habe nur zitiert. Es wäre schon lustig, wenn ich verurteilt werde für die Tweets, die Twitter nicht gelöscht hat.

Denken Sie, der User, der Ihnen das androht, zeigt Sie an? Ich habe den Tweet auch gesehen.

Mehrere waren das. Der wird das schon gemacht haben. Ich finde es nur traurig, dass Leute darin ihre Energie investieren und nicht gegen die Menschen vorgehen, die wirklich Volksverhetzung betreiben. Es gab auch einzelne Leute, die glaubten, dass ich das benutze, um irgendetwas zu promoten. Ein neues Buch. Haben Sie irgendwo einen Link zu einem neuen Buch gesehen? Ich nicht. Ich mach das alles allein, und es ist viel Arbeit. Und das kostet Geld, und ich bekomme kein Geld, weil ich eben keine Rabatt-Codes poste und keine Youtube-Anzeigen schalte. Es ist alles gratis und alles aus Überzeugung. Wenn ich nicht dahinterstehen würde, würde ich es nicht machen. Und dann gibt es noch die Leute, die glauben, ich würde jetzt alles löschen wollen im Internet. Und das ist einfach Blödsinn.

Da fühlen sich dann wohl einige in ihrer Meinungsfreiheit beschnitten.

Es ist schon krass, was manche Menschen für eine Idee von Meinungsfreiheit haben. Dass man auf Twitter schreiben darf, dass man Schwule nach Auschwitz schicken möchte. Und wie gesagt: Twitter ist kein Grundrecht. Man hat die Meinungsfreiheit, etwas zu sagen. Es gibt dann nur Konsequenzen. Und die Konsequenz könnte sein, dass Twitter deinen Account löscht. Was willst du machen? Es ist ein privates Unternehmen aus Amerika. Wie man es sieht: Sie entscheiden das selbst, oder sie ignorieren das selbst. Ich finde es albern, dass man so tut, als sei das Unternehmen nicht zu kritisieren. Am schlimmsten sind natürlich die Leute, die das geschrieben haben. Noch ist das harmlos, etwas über Twitter zu posten. Aber wenn du so etwas schreibst und merkst, es kommt nichts zurück. Du darfst es machen, niemand sagt etwas. Dann schreibst du es irgendwann nicht mehr nur noch auf Twitter, dann machst du es in der echten Welt. Und dann wird es gefährlich.

Quelle: F.A.Z.
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