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Johannes Coenen

Kampfauftrag: Verteidigung der neuen Reichsregierung

 - 11:05

Vor 70 Jahren misslang die Tötung Hitlers und die damals noch mögliche Rettung von Millionen Menschenleben in Konzentrationslagern, unter Bomben in deutschen Städten, im Elend der Flüchtlingstrecks, an drei mörderischen Fronten und in sowjetischen Gefangenenlagern.
An diesem 20. Juli 1944 erhielten 40 kriegsfreiwillige Reserveoffiziersbewerber (ROB) einer Ausbildungs-Inspektion im Hinterland des Mittelabschnitt der Ostfront einen Marschbefehl nach Berlin. Der Kommandeur informierte kurz: „ Hitler ist tot. Wir sind von unserem Eid auf ihn entbunden. In 10 Minuten Abmarsch zu einem Sammelplatz in voller Kampfausrüstung. Marschziel ist Berlin. Der Kampfauftrag lautet: Verteidigung der neuen Reichsregierung.“

Die Eile und Sorge um Pünktlichkeit und Vollständigkeit der Ausrüstung unterdrückte den Schock dieses historischen Befehls. Nach einem etwa 3-stündigen Eilmarsch in westlicher Richtung erreichten wir vor der Dorfschule einer polnischen Ortschaft den Sammelplatz. Von unseren per PKW gefolgten Offizieren war jedoch keiner zur Stelle. Nichts regte sich. Niemand kümmerte sich um uns. Die Langeweile der Ungewissheit gebar so manche Parole. „Man hat uns vergessen“ gab der Truppenclown zum Besten. Nach einer Stunde ungeduldigen Wartens gesellte sich ein fremder Hauptmann zu unserem verlorenem Haufen. Er teilte mit, dass der Führer ein „schändliches Attentat“ überlebt habe. Uns wurde das Schulgebäude als Unterkunft zugewiesen. Dort forderte der Offizier uns auf, einen Bericht über unsere bisherige Ausbildung zu schreiben. Während er Schreibmaterial verteilte, mahnte er halblaut aber eindringlich, die nationalsozialistische Ausrichtung unserer Ausbildung durch die Vorgesetzten zu betonen. Verdutzt schauten wir uns an, Die Aufforderung widersprach so sehr unseren Erfahrungen, dass wir die Absicht verstanden. Unsere Berichte sollten offensichtlich einer Entlastung der bisherigen Vorgesetzten dienen. Diese hatten nach unserem Abmarsch vom Misslingen des Attentates auf Hitler erfahren und mieden weitere Kontakte mit uns.

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Erst 60 Jahre nach diesem dramatischen 20. Juli 1944 berichtete der Zeitzeuge und aktiv an den Vorbereitungen zum Hitlerattentat beteiligte Kavallerie-Offizier Freiherr Philipp von Boeselager, dass er als Kommandeur der „Heerestechnischen Versuchseinheit des 11. Infanterieregimentes“ rund 1000 Soldaten nach Berlin in Marsch gesetzt habe. Diese Soldaten waren aus der Front des Mittelabschnittes ausgesondert und als gefallen gemeldet worden. Das fiel nicht auf, da die sowjetische Offensive im Mittelabschnitt zu dieser Zeit täglich mehrere 1000 deutsche Opfer forderte. Als das Misslingen des Attentates bekannt wurde, mussten diese 1000 in Marsch gesetzten Soldaten „alle wieder in die alten Löcher zurück“, so der verabredete Wortlaut des Befehls für diesen Fall. Es gab jedoch Probleme mit der „Wiederbelebung“ und Versorgung dieser angeblich gefallenen Soldaten. Sie waren auf der Verpflegungsliste bereits gestrichen. Das Heeresversorgungsamt erhielt eine Entschuldigung, man habe sich um eine Tausenderstelle bei der Zahl der Gefallenen verschrieben. Diese Ausrede wurde akzeptiert. Das Problem der „Wiederbelebung“ und Versorgung war gelöst. - Soweit Erinnerungen des Freiherrn Philipp von Boeselager. („Wir wollten Hitler töten“, www.dtv.de und Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-34634-4)

Nach dem Einsammeln unserer Ausbildungsberichte bestiegen wir 40 ROB-Unteroffiziere zwei bereitstehende Lastwagen zu einer Fahrt ins Ungewisse, also nicht „in die alten Löcher“ unserer polnischen Kaserne, aber auch nicht zur nahen Front. In dem schaukelnden Laster suchte jeder auf den knarrenden Holzbänken mit gespreizten Beinen und gesenktem Kopf Halt zu finden. Keiner schaute den Anderen an. Alle grübelten schweigend vor sich hin. Es herrschte eine gedrückte Stimmung. Wir hielten uns für unschuldig, standen jedoch heute als willige Werkzeuge der Verschwörer im Einsatz gegen Hitler. Was hatten wir zu erwarten? Endet diese Fahrt vielleicht in einem Konzentrationslager, wo uns Verhöre bevorstehen? Dann hätte man uns jedoch nicht mit allen Waffen auf die Lastwagen steigen lassen. Bis gestern galten wir noch als Führerreserve, als „Elitetruppe des Führers für den Endsieg“. Dienten dieser Titel und die außergewöhnlich lange Grundausbildung über 11 Monate als Artillerist, als Infanterist, sowie als Spezialtruppe für Sondereinsätze als Tarnung und Bereitschaft gegen den Führer statt für ihn? Wie waren wir in dieses Netzwerk des Widerstandes geraten?

Der einzige Niederrheiner dieser sonderbaren „Elitetruppe“ entdeckte auf dieser Fahrt im Nachsinnen über seinen Lebenslauf und angeregt durch die Niederschrift des Ausbildungsberichtes so manches Netzwerk, das ihn vor dem Wahn des Nationalsozialismus bewahrt hatte. Auf der knarrenden Bänken des Lastwagens ließ er sein Leben „Revue passieren“.

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Im Nachsinnen tauchte vor seinen Augen der Großvater auf, dem er als Knabe lauschte, wenn er Anfang der 30-er Jahre als einziger Zeitungsleser der Bauernfamilie seine Kommentare der Mutter zurief. Seit dem sogenannten Röhm-Putsch des Sommers 1934 waren die „Braunen“ für den Großvater Verbrecher und Mörder. Auf ein Foto zum Konkordatsabschluss reagierte er entsetzt. „Wie kann sich ein hoher Kirchenmann mit Vertretern der braunen Mörder an einen Tisch setzen ?“
In unserer Familie war Großvater für Politik zuständig. Keiner der 6 Söhne und Stiefsöhne trat der NS-Partei bei. Als Katholik wählte man Zentrum. Wenn diese Onkel zu Familienfesten mit ihren Weltkriegserlebnissen prahlten, stopfte ihnen eine Tante den Mund mit der Feststellung: „Ihr habt also ohne Bedenken auf Christen, sogar auf Katholiken geschossen !“ Der jüngste Onkel schwieg bei diesen Gesprächen. Er kehrte hochdekoriert und wegen Tapferkeit zum Offiziersstellvertreter avanciert 1918 aus dem Krieg zurück. Als 1940 deutsche Truppen Paris eroberten, war für ihn der Krieg dennoch verloren. Gegen die Welt könne man nicht gewinnen, lautete sein Kommentar.

Etwa im Jahr 1935 ersetzte unser Dorflehrer die Bibelstunde durch Germanenkunde. Das veranlasste die Lehrerin, mit dem Pfarrer und einigen Eltern ein Rettungsnetz zum Schutz der Jungen zu knüpfen. Mädchen galten noch als ungefährdet. Geeignete Buben wurden zu christlichen Internatsschulen vermittelt und so vor dem Einfluss des NS-Lehrers und vor einer nationalsozialistischen Erziehung durch die Hitlerjugend (HJ) bewahrt.-
Als die NS-Regierung im Frühjahr 1940 alle konfessionellen Internatsschulen schließen ließ, erhielten die Schülereltern Empfehlungen zu staatlichen Gymnasien, deren Leiter ihnen als bekennende Christen bekannt waren.

Ein solcher Direktor (Zeus) nahm die verwaisten Klosterschüler unter seinen persönlichen Schutz. Seine Abscheu vor dem Wahn der Naziherrschaft tarnte dieser vorzügliche Pädagoge geschickt. Diesem Historiker war das neue NS-Geschichtsbuch „Volk und Führer“ ein Gräuel. Als der bislang von den Nazis als „Sachsenschlächter“ verachtete Kaiser Karl der Große ab 1943 zum Vorbild für die Bekämpfung von Partisanen rehabilitiert wurde, konnte Zeus seinen Spott nicht verbergen. Er bezichtigte sich selbst so betont der Irrtümer seines eigenen Geschichtsbuches, dass die Söhne von Nazigrößen zufrieden waren und Andere ihn richtig verstanden.

Statt am Wochenende in einer der Hitlerjugend-Disziplinen Wehrertüchtigung zu leisten, arbeitete der niederrheinische Bauernsohn zusammen mit polnischen Gefangenen und ukrainischen Zwangsarbeiterinnen auf den Feldern des elterlichen Hofes. Er erlebte diese erniedrigten Gestalten nicht als „Untermenschen“, wie sie von der NS-Partei auf Plakaten dargestellt wurden, sondern als erbarmungswürdige Geschöpfe. Pole Joseph konnte genügend Deutsch und wagte bei der Feldarbeit die Frage: „Warum habt ihr unser Land überfallen, was haben wir euch getan ? –
In seiner Klasse galt der einzige Nicht-HJ-ler als „armer Zivilist“, der es ohne militärische HJ-Ausbildung demnächst beim „Barras“ schwer haben werde.

Unser „Zeus“ pflegte als schwer verwundeter Veteran des Weltkrieges Beziehungen mit dem Chef des Wehrbezirksamtes. Eines Tages verkündete er in unserer Klasse „Schulfrei“ für alle Schüler des Jahrganges 1925, die sich als Kriegsfreiwillige zum „ruhmreichen deutschen Heer“ melden. Die Söhne der Nazi-Größen unserer Klasse staunten. Andere verstanden die Absicht, uns vor der rabiaten Werbung der Waffen-SS zu bewahren. Der Chef des Wehrbezirksamtes empfing die Bewerber zum freiwilligen Kriegsdienst persönlich, um ihnen gewisse Waffengattungen des Heeres zu empfehlen.

Der Trick dieser Freiwilligenmeldung funktionierte. Als Mitte Juni 1943 SS-Werber das Lager des Reichsarbeitsdienstes in Hinterpommern heimsuchten, blieben Kriegsfreiwillige unbehelligt. Sie konnten zuschauen, wie SS-Werber fast alle anderen Arbeitsmänner mit brutalen Drohungen zum Eintritt in die Waffen-SS drängten.

Zum Wehrdienst brachte der Nicht-HJ-ler statt vormilitärischer Ausbildung einen „Haufen Komplexe“ mit. Sie mahnten ihn zu besonderer Wachsamkeit bei der Grundausbildung im polnischen Hinterland des Mittelabschnittes der Ostfront. Seine Bescheidenheit kam bei den Ausbildern gut an. Der harte Dienst der Grundausbildung machte dem Bauernsohn keine Probleme. Unter den 21 Kameraden der polnischen Kasernenstube galt er bald als unersetzbar. Er löste täglich das Problem, einen aus hölzernen Tonnen zusammengeschabten lockeren Butter- und Margarinehaufen gerecht für die 21 Stubenkameraden Portionen zu teilen. Alle waren mit seine Arbeit zufrieden, zumal er selbst die letzte, übriggebliebene Portion nahm. Als er sich bei Übungsschießen stets als einer der drei besten Schützen bewährte, stieg sein Ansehen enorm.

Wer mit offenen Augen und wachen Ohren merkwürdige Ereignisse und Äußerungen der Ausbilder wahrnahm, dem blieb die politische Ausrichtung dieser Truppe nicht verborgen. Man pflegte preußische Militärtradition. Politische Themen waren tabu. Vor Kontakten mit Leuten der Waffen-SS wurde gewarnt. In unserer Garnisonstadt Baranowitschi räumten wir das Soldatenheim, wenn grölende SS-Horden das Lokal betraten. Während einer Standortverlegung erlebten wir SS-Männer als „Untermenschen“. Sie prahlten von Massakern und bedauerten, dass es in Bialystok keine Juden mehr zu lynchen gab. Nie erlebten wir SS-Männer korrekt gekleidet.

Unsere Vorgesetzten duldeten keine abgedroschenen Marschlieder aus dem NS-Repertoire. Stattdessen lernten wir bewährte Marschlieder der Heerestradition, mit denen wir besser marschieren konnten. Gelegentlich eines Morgenappells befahl der Spies: Angehörige einer politischen Partei vortreten ! Nur 4 Kameraden meldeten sich. Sie erlebten alle Schikanen eines Strafexerzierens und wurden belehrt: „Mit dem freiwilligen Eintritt in das deutsche Heer erlischt jede Parteizugehörigkeit.“

Als unsere Mannschaft zum Begleitschutz für einen Versorgungszug zu einem entlegenen Stützpunkt im Partisanengebiet vorgesehen war, wurde dieser Einsatzbefehl in letzter Stunde einer anderen Truppe übertragen. Einige Tage nach dem Überfall auf diesen Versorgungszug durch weit überlegene Partisanen wurde uns der beklemmende Auftrag zuteil, am Massengrab der 38 gefallenen Kameraden Ehrensalut zu schießen.

Als längst fällige Frontbewährung galt schließlich ein achtwöchiges Kommando zur Verteidigung eines Stützpunkts im Partisanengebiet süd-westlich von Minsk, zu dieser Zeit ein Höllenkommando. Es fiel jedoch kein Schuss. Stattdessen gab es Kontakte mit merkwürdigen Gestalten, die uns mehrmals zu Pferde besuchten. Handelte es sich um einen privaten Waffenstillstand mit Partisanen ? Damals beherrschten Partisanen das gesamte Hinterland der Ostfront. Nach diesen 8 Wochen „Kampfeinsatz ohne Feindberührung“ galten wir als „Frontbewährte“ und konnten befördert werden. Normalerweise standen damals Offiziersbewerber nach einjähriger Ausbildung als Fähnrich oder Leutnant an der Front.

Im Nachsinnen auf den schaukelnden Lastwagen verdichtete sich der Eindruck, dass wir planmäßig vor gefährlichen Kampfeinsätzen verschont und für besondere Aufgaben in Bereitschaft gehalten wurden. Im Laufe der fast einjährigen Ausbildung wuchsen wir zu einer positivem Kameradschaft zusammen. Unsere Herkunft erstreckte sich über 1000 km Preußenland von Kleve bis Insterburg, also von der Maas bis an die Memel. Obwohl politische Themen Tabu waren, festigte sich eine Ahnung, dass wir aus gleichgesinnten Elternhäusern planmäßig gesammelt worden waren. Alle hatten sich als Kriegsfreiwillige für das Deutsche Heer vor der SS-Werbung gerettet.

Nach etwa zweistündiger Fahrt in nordwestlicher Richtung hielten die zwei Lastwagen auf einem ostpreußischen Bauernhof an. Der neue Befehl lautete: „Einsatz zur Erntehilfe !“ Einzeln wurden wir auf Bauernhöfen als Erntehelfer einquartiert. Auf diese Weise fand das Problem unserer „Wiederbelebung“ eine optimale Lösung. Wir 40 ROB-Unteroffiziere galten ab diesem 20. Juli 1944 – wie die rund 1000 zum „Schutz der neuen Reichsregierung“ in Marsch gesetzten rund 1000 Frontsoldaten ( siehe von Boeselager) als Gefallene und existierten auf der Versorgungsliste nicht mehr.

Bei der Erntearbeit fühlte sich der Bauernsohn in seinem Element. Eines Tages kam die Bäuerin in die Scheune und reichte ihm eine Schale mit entkernten Sauerkirschen, dick belegt mit Schlagsahne, mit der Bemerkung: „Ein letztes Mal kann ich einem deutschen Soldaten eine Freude machen.“ Der Russeneinfall vom Herbst 1914 war hier noch nicht vergessen, die Wunden noch nicht geheilt. In der 4. und letzten Woche der Erntehilfe lud die Gastfamilie zu einem Erntedankfest ein, dazu auch den Erntehelfer. Die Frage, ob er tanzen könne, hatte er in Erinnerung an den Tanzkursus seiner Klasse positiv beantwortet. Nach dem ersten Tanz schob die Tochter des Hauses ihren „Tänzer in Uniform“ in die Saalecke auf einen Stuhl und streichelte ihre Zehen. - Im Festsaal herrschte bedrückende Abschiedsstimmung.

Nach Abschluss der Ernte bestiegen wir Ende August 1944 wieder zwei Militärlastwagen. Einige Kilometer vor der Garnisonstadt Allenstein ließ man uns absitzen. Ein Fahrer wies uns an, den Rest des Weges Richtung Allenstein zur Kaserne „Friedrich der Große“ zu marschieren. Von diesem Tage an kommandierten wir uns selbst. Wir formierten uns unter dem Kommando des Flügelmannes und erreichten in etwa zwei Stunden singend Allenstein. Die Leute an den Straßen winkten uns freundlich zu. Sie hatten wohl lange nicht mehr eine solche singende Truppe erlebt. Das Kasernentor öffnete sich. Wir marschierten eine Runde um den Kasernenhof. Unser Anführer meldete dem Wachhabenden unsere Ankunft. - Und wieder wusste man mit uns nichts anzufangen. Der herbeigerufene Spieß der Kaserne war offensichtlich ratlos. Für ihn existierten wir nicht. Wir waren nicht angemeldet. Er wusste nicht, wie er uns unterbringen und verpflegen sollte. Unsere „Wiederbelebung“ war also noch nicht gelungen. Schließlich gab er die Erlaubnis, in den Pferdeställen Stroh zu beschaffen und uns damit auf dem verstaubten Speicher einer Kaserne einzurichten.

Von uns kaum bemerkt, strich ein behäbiger Unteroffizier um uns herum, der sich als Kantinenchef (Küchenbulle) vorstellte. Dieser interessierte sich für uns wie ein Bauer für seine Viehherde. „Ihr seid gut im Futter!, Ich habe für Euch keine Verpflegung, aber hungern braucht bei mir niemand“ rief er uns freundlich zu. Er bat um eine Namensliste. Bei dem Namen eines Landsmannes stutzte er, näherte sich und fragte „sit chej eene jong van onse veedokter üt Kalkar ?“ „Nee, ever wäll üt dän kreis klev“. Das genügte dem Metzger Geurtzen aus Kalkar. Jeden Mittag durfte sein Landsmann nach der Essensausgabe die Kantine durch die Hintertür betreten und mit dem Küchenchef speisen. Täglich gab es Rinderpansen, jedoch stets anders von diesem „Kuttelkünstler“ gewürzt.- Er warnte uns vor den Tücken der Aufgabenzuteilung beim Morgenappell. Wir sollten uns rechtzeitig freiwillig zum Ehrengeleit für Bestattungen von verstorbenen bzw. gefallenen Kameraden auf dem Soldatenfriedhof melden. Anderenfalls liefen wir Gefahr, dem täglichen Erschießungskommando zur Vollstreckung von Todesurteilen zugeteilt zu werden.

Trotz des Ausgehverbotes besuchten wir oft die schöne Garnisonstadt Allenstein. Dazu marschierten wir am Nachmittag geschlossen mit lautem Gesang in die Stadt und kehrten ebenso diszipliniert zurück. Eines Abends erwartete uns der Kommandeur des Standortes auf dem Kasernenhof. Unser Flügelmann kommandierte im Vorbeimarsch „Ehrenbezeigung“ und meldete dem Herrn Oberst: „Truppe vom Ausgang vollzählig heimgekehrt. Keine besonderen Vorkommnisse!“ Der Oberst stellte kurz fest: „Das deutsche Heer verfügt also noch über echte Soldaten. Danke für den Gesang. Wegtreten zur Nachtruhe“. Wir hatten ein Donnerwetter erwartet.

Noch vor dem Einfall der sowjetischen Armee in Ostpreußen erreichte uns Ende November 1944 ein Marschbefehl nach Norwegen. Dort galten wir wieder als „Führerreserve für den Endsieg“. Anstoß nahm an diesem Ehrentitel ein „Nationalsozialistischer Führungsoffizier“. Seit dem Hitlerattentat wurde jeder Heereseinheit ein NS-treuer Offizier als Gesinnungsspion zugeteilt. Wir entkamen den Nachstellungen eines solchen „Bluthundes“ durch einen zweiten Marschbefehl nach Berlin

Am 1. Mai 1945 erlebte die „Führerreserve“ bei Berlin ihren ersten und einzigen Kampfeinsatz. Der Tagesbefehl lautete: „Freikämpfen und Sichern einer Fluchtschneise für die Berliner Zivilbevölkerung !“ Im Morgengrauen versammelten sich Katholiken unserer Einheit nordwestlich von Berlin unter einer Eiche des Friesacker Waldes zu einer Feldmesse, während evangelische Kameraden ringsum Wache hielten und so auch an diesem unvergesslichen Gottesdienst beteiligt waren. Ein junger Feldkaplan kommentierte in seiner kurzen Ansprache unseren Tagesbefehl: „Selten erhielt eine deutsche Heerestruppe einen Kampfbefehl dieser moralischen Qualität!“

Nach verlustreichen Kämpfen um den Friesacker Wald überrollten uns sowjetische Panzer. Am Abend des 2. Mai geriet der Niederrheiner zusammen mit einem Kameraden in sowjetische Gefangenschaft. Kosaken führten ihre Gefangenen in einen nahen Melkschuppen, um sie als Spione zu erschießen. Die Gewehre waren schon entsichert, da fiel der Kamerad auf die Knie und betete in polnischer Sprache das „Vater unser“. Er zählte zu jenen Soldaten, die auf Grund eines deutschen Elternteiles in der Wehrmacht Zuflucht gefunden hatten.

Gerührt von dem unerwarteten Gebet ließen die Kosaken ihre Gewehre sinken. In diesem Moment erschallte auf der Straße unter den Kosaken lauter Jubel. Sie hatten von Hitlers Tod erfahren. Unter lautem Rufen „Hitler kapuut“ luden sie ihre eben begnadigten deutschen Gefangenen zu einer Siegesfeier ein. Sie rollten ein Fass Wodka heran und drängten ihre Gäste, nach Kosakenart mit Wodka ihre Mitfreude über Hitlers Tod zu beweisen. Am nächsten Vormittag fanden wir uns zusammen mit Kosaken kreuz und quer auf dem Boden liegend wieder. Wir hatten uns bewährt und die Freiheit verdient. – Ein polnisches „Vater unser“ und Hitlers eigenhändiger Tod hatten uns gerettet.

Quelle: FAZ.NET
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