Themenabend vor Russland-Wahl

In meinem Kleinbus sehen Sie Enthüllungsvideos

Von Kerstin Holm
 - 18:10
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Kurz vor der russischen Präsidentenwahl am kommenden Sonntag, die freilich eher auf eine rituelle Akklamation des Langzeitpräsidenten Wladimir Putin hinauslaufen dürfte, widmet der Kultursender „Arte“ dem Zustand der russischen Gesellschaft einen ganzen Themenabend.

In dessen Hauptstück, der großen Dokumentation „Russland hat die Wahl“, schildert der Filmemacher Alexander Rastorgujew den Aufstieg des Korruptionsjägers Aleksej Nawalnyj zu einem charismatischen Politiker, der das Kunststück fertiggebracht hat, die als politisch passiv geltende Jugend für sich zu mobilisieren, und das in fernen Provinzen und dem Druck der Behörden zum Trotz.

Putins Kritiker unter den einfachen Leuten

Rastorgujew, der Nawalnyj auf vielen Reisen begleitet und mit seinen Anhängern gesprochen hat, zeigt einen Mann, der die Sprache der Jungen spricht, offen auf sie zugeht, der die Korruption wie kein anderer analysiert und sie bekämpfen will. Viele Studenten, aber auch einige einfache Leute, das sieht man in ihren leuchtenden Gesichtern, fühlen sich endlich einmal von einem Politiker ernst genommen. Doch wohl genau deswegen verbot die staatliche Wahlkommission, die sich dabei auf eine Verurteilung Nawalnyjs in einem eher fragwürdigen Prozess berief, ihm zu kandidieren – und die fast heitere Gelassenheit, mit der er die Entscheidung aufnimmt, verrät, dass er nichts anderes erwartet hat.

Rastorgujew dokumentiert eine Wahlkampagne, die gleich nach den vorigen Wahlen vor sechs Jahren begann. Damals organisierte Nawalnyj mit dem vor drei Jahren ermordeten Politiker Boris Nemzow einen Protestmarsch gegen vermutete Stimmfälschungen, der in Moskau Zehntausende auf die Straße brachte. Die eigentlich genehmigte Demonstration auf dem Bolotnaja-Platz wurde zerschlagen, viele Teilnehmer bekamen Haftstrafen, doch der Kreml schien erschrocken. Jedenfalls sperrte man zur Amtseinführung das Moskauer Zentrum ab, und Putin wurde durch menschenleere Straßen zur Zeremonie chauffiert.

Welch ein Kontrast zu dem Umgang Nawalnyjs mit seinen Anhängern! In der Nordmeerhafenstadt Murmansk empfängt ihn die LGBT-Aktivistin Violetta Udina, die mit einer Frau zusammenlebt und schon mehrfach bedroht und verprügelt wurde. Doch sie wolle sich nicht einschüchtern lassen, erklärt Udina. Angst sei etwas für dumme Menschen. Nawalnyj, der stets billig reist, tritt in Anorak auf, wie ein Gleicher unter Gleichen, und fragt die versammelte Menge, ob sie Angst hätten. „Nein“ kommt die Antwort laut im Chor. Mit Nawalnyj fühle sie sich als Teil einer gemeinsamen Zukunft, gesteht die schüchtern lächelnde Udina, und sie verspüre, was in ihrem Leben selten sei, so etwas wie Glück.

Einer von ihnen

Im südrussischen Astrachan gehört der untersetzte Kleinbusfahrer Wladimir Semjonow zu Nawalnyjs Fans. In Semjonows Bus hängt ein Bildschirm, auf dem er seinen Passagieren Nawalnyjs Enthüllungsvideos zeigt. Außerdem gibt er ihnen Broschüren von Nawalnyjs „Stiftung zur Korruptionsbekämpfung“ zu lesen.

Der Oppositionspolitiker, dem sechzehn Prozesse anhängen, und der zweimal zu Bewährungsstrafen verurteilt wurde, versucht, repressiven Ordnungshütern und Provokateuren mit Humor zu begegnen. Als ihn Unbekannte mit einer grünen, schwer abwaschbaren Desinfektionsflüssigkeit bespritzten, erklärte er sein grünes Gesicht für cool. Als er nach Jekaterinburg kommt, wird eine genehmigte Demonstration kurzfristig verboten, das Gleiche geschieht in Kaliningrad und dann in Sankt Petersburg, wo zwei Nawalnyj-Mitarbeiter verhaftet werden und die dortige Leiterin der „Stiftung für Korruptionsbekämpfung“, die zarte, ernste Polina Kostylewa, zu einer Geldstrafe und vierzig Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt wird.

Was ist von diesem Mann zu halten, der, wie der Berliner Politologe Stefan Meister erklärt, den Russen die positive Botschaft vermittele, sie könnten etwas verändern, aber außer seiner Gegnerschaft zu Putin kein Programm habe? Der frühere Oligarch Michail Chodorkowskij, der jetzt von London aus Oppositionelle unterstützt, hält Nawalnyj sogar für politisch unfähig und potentiell gefährlich. Was Russland viel dringender brauche als Führerpersönlichkeiten, seien, so Chodorkowskij, funktionierende Institutionen.

Das mag sein, aber im real existierenden Russland erscheint Nawalnyj unersetzlich. Keiner klärt wie er über Korruptionspraktiken auf und fällt über sie ein ethisches Urteil. Und er gebe den Leuten das Gefühl, er sei einer von ihnen, erklärt auch der Politologe Kirill Rogow. Den Bewohnern einer Plattensiedlung im sibirischen Bijsk erklärt Nawalnyj wahrheitsgemäß, dass auch er in Moskau in einem Plattenbau lebe.

Aus dem gleichen Grund vermeidet er Auftritte in westlichen Medien, im bezeichnenden Gegensatz zu der liberalen Ersatzkandidatin Xenia Sobtschak, die, stark geschminkt und in getüpfeltem Seidenkleid, sich bei ihrem Amerika-Besuch gern vor dortigen Kameras produzierte. Kein Wunder, dass Putin es peinlich vermeidet, Nawalnyjs Namen auszusprechen – als habe er Berührungsangst vor dessen magischer Kraft.

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Propaganda und VertuschungKritische Medien in Russland unter Druck

Starker Kontrast im Vorprogramm

Der sehenswerte Beitrag über die „Generation Putin“ im Vorabendprogramm setzt hierzu einen heilsam ernüchternden Gegenakzent. Seine Helden sind zwei junge Leute, die kein anderes Leben kennen als das unter Putin. Der eine ist der angehende Journalist Andrej Nazirov, der mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in einer Plattensiedlung lebt und Putin als einen „Vater“ bezeichnet, für den er zu sterben bereit sei.

Nazirov gibt zu, dass die Pressefreiheit in Russland gelitten habe, doch dass Journalisten ihr Land möglichst positiv darstellen, das bezeichnet er als normal – westliche Länder täten das ebenso. Nazirov will das Gute sehen, über wachsende Armut und die rohstoffabhängige Wirtschaft redet er ungern. Im Unterschied zu der 22 Jahre alten Menschenrechtlerin Polina Nemirowskaja, die Präsident Putin vorhält, er habe während der achtzehn Jahre, die er an der Macht sei, nichts für die Bevölkerung getan. Sie hoffe, gesteht Nemirowskaja in elegantem Englisch, dass sie Putin überleben wird – und dass es nach ihm nicht noch schlimmer werde.

Quelle: F.A.Z.
Kerstin Holm
Redakteurin im Feuilleton.
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