Literarisches Hörspiel

Was hätte Kant wohl dazu gesagt?

Von Jochen Hieber
 - 13:25
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Lediglich dreizehn Jahre währte W. G. Sebalds literarische Laufbahn. Vier der fünf belletristischen Bücher aber, die in dieser Zeit erschienen, machten Epoche - zudem wurde Sebald mit seinen kritischen Essays, zumal mit dem Band „Luftkrieg und Literatur“ von 1999, zu einer intellektuellen Instanz, so streitbar wie umstritten. Als er, 57 Jahre alt, Mitte Dezember 2001 Opfer einer kumulierenden Katastrophe wurde - er erlitt am Steuer seines Autos einen Herzinfarkt und verursachte einen schweren Unfall -, verlor die deutsche Literatur einen Autor, der auf dem Weg zum Repräsentanten war.

Große Resonanz fand sein erzählerisches Werk auch in England, wo er mit einigen Unterbrechungen seit Mitte der sechziger Jahre lebte und lehrte, und in den Vereinigten Staaten, wo ihn die Erz- und Chefkritikerin Susan Sontag als Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis ausrief. Grund dafür waren die Erzählbände „Schwindel. Gefühle“ (1990) und „Die Ausgewanderten“ (1992), die Prosa „Die Ringe des Saturn“ (1995), die er im Untertitel eine „englische Wallfahrt“ nannte, in allererster Linie jedoch der Roman „Austerlitz“, der wenige Monate vor seinem Tod erschien.

„Naturgeschichte der Zerstörung“

Sebalds poetische Spezialität waren die halb dokumentarischen, halb erfundenen Lebensläufe seiner meist von Kindheit an beschädigten Figuren, waren nicht zuletzt deren Schicksale im Nationalsozialismus, während des Holocausts und nach dem Zweiten Weltkrieg. „Auslöschung, Vernichtung und Verdrängung“, so formuliert es der Germanist Uwe Schütte in seiner Sebald-Monografie, hätten sich für diesen Autor zu einer „Naturgeschichte der Zerstörung“ verdichtet - vor allem den „Phänomenen des Zerfalls“ habe deshalb sein Augenmerk gegolten.

Schütte hat nun auch erheblichen Anteil daran, dass ein frühes Manuskript Sebalds zwar nicht wiederentdeckt, wohl aber wiedererweckt wird. Es handelt sich um das Drehbuch für einen Fernsehfilm, das zu Anfang der achtziger Jahre entstand, dann auf eine vergebliche Reise durch einige Redaktionen von ARD und ZDF geschickt wurde, um schließlich wieder in Sebalds Schublade zu landen. „Jetzund kömpt die Nacht herbey“ heißt das Werk. In zwanzig, meist nur wenige Minuten währenden Szenen versammelt es „Ansichten aus dem Leben und Sterben des Immanuel Kant“. Es findet sich inzwischen im Nachlass des Autors, den das Marbacher Literaturarchiv betreut.

Fotos und Illustrationen im Text

Originell, ja singulär ist das Drehbuch in mehrfacher Hinsicht. Es ist der erste Versuch in einem fiktionalen Genre, den der Literaturwissenschaftler Sebald unternahm: Er war weiland Dozent an der Universität von East Anglia in Norwich, die ihn 1988 auch zum Professor machte. „Jetzund kömpt die Nacht herbey“ ist zudem das einzige Filmskript, das es von ihm gibt: Sebald, der in seine Prosatexte programmatisch Fotos und Illustrationen montierte, arbeitete oft und gern mit den Kinoenthusiasten der Universität zusammen und entwickelte dabei eigenen filmischen Ehrgeiz. Und schließlich ist es auch das einzige Mal, dass er einen realen Philosophen zur Spiel- und Spiegelfigur seiner Phantasie und seiner Reflexion machte - angeregt hat ihn wohl Thomas Bernhards Theaterstück „Immanuel Kant“ von 1978, das allerdings gründlich misslang.

Zu Recht misslungen ist der einstige Versuch, das Drehbuch fürs Fernsehen zu realisieren. Es bietet zwar eine ganze Menge: konzentrierte Dialoge, so geistreiche wie hochkomische Aperçus, die atmosphärisch nur hingetuschte, aber in ihrem Minimalismus überzeugende Kulisse des preußischen Königsberg im 18. Jahrhundert sowie ein kleines, feines Figurenensemble - neben dem Großphilosophen der Aufklärung treten vor allem der Sekretär und Vertraute Wasianski, der englische Kaufmann und Lebensfreund Joseph Green und natürlich der Diener Lampe in nachhaltige Erscheinung. Was das Skript jedoch keineswegs bietet, ist eine szenische Opulenz, die nach bewegten Bildern verlangte, um auch nur ansatzweise bewegen zu können.

In der Kantschen Behausung

Die meisten Sequenzen spielen in den Innenräumen der Kantschen Behausung, im Speise- und im Studierzimmer, im Raum für die Vorlesungen sowie im Schlafgemach. Was machen Sebalds erfundene Realfiguren dort? Sie plaudern, scherzen, argumentieren, debattieren, sie streiten bei Gelegenheit, kurzum: sie wechseln Worte. Und selbst wenn Kant seine notorisch berühmten täglichen Spaziergänge mal ausnahmsweise nicht allein, sondern in Gesellschaft absolviert und zelebriert, redet man eben. Was auch sonst?

Es war deshalb eine vorzügliche Idee der zuständigen Radio-Redaktion im Westdeutschen Rundfunk, Sebalds Filmvorlage gegen die Intention des Autors jetzt eben als Hörspiel zu verwirklichen und sie dergestalt ganz zu sich selbst kommen zu lassen. Weshalb wir - und das ist ein Segen - auch das schiere Gegenteil des guten alten Schulfunks zu hören bekommen, mithin weder mit dem „Ding an sich“ und der „Erkenntnis a priori“ noch gar mit dem Lexikonsubstrat von Kants Hauptwerken, also den Kritiken der reinen wie der praktischen Vernunft und mit jener der Urteilskraft, traktiert werden: Solch pseudoauthentische Unterweisung wäre für Sebald ein Greuel gewesen.

Kant und sein Diener Lampe

Entstanden ist vielmehr ein wunderbar altmodisches Hörspiel, genauer noch: ein Hörbild (fast schon) seligen Gedenkens, in dem mal ein Hund bellt, mal eine Kirchenglocke die Stunde schlägt, mal ein karges musikalisches Motiv ertönt - und darüber eine so schöne wie schreckliche Weltfülle entsteht, wenn und weil die Figuren über das Erdbeben von Lissabon, die Französische Revolution, die Planetenbahnen, die Meteoritenschwärme, den Kaffee im Hause Kant, das Älter- und Immer-weniger-Werden des Philosophen räsonieren, wenn es schließlich ans Sterben geht und der Gipsabdruck des Totenschädels genommen wird.

Um Martin Reinke, der Kants Stimme ist und ihr ein wohltemperiertes Ostpreußen-Timbre verleiht, hat die Regisseurin Claudia Johanna Leist ein Sprecherensemble gruppiert, das dem Drehbuch als Hörspiel mehr als gerecht wird. Unwiderstehlich ist die Szene, in der Kant dem Diener Lampe (Martin Bross) einbleut, dass es nicht „Hartmanns“, sondern „Hartungs Journal“ ist, das er zu apportieren hat. Sebalds Vorbemerkung, gesprochen von Michael Schenk, und die übrigen neunzehn Szenen stehen diesem komödiantischen Juwel nicht nach.

Jetzund kömpt die Nacht herbey - Ansichten aus dem Leben und Sterben des Immanuel Kant ist am Samstag, 11. Juli, um 15.05 Uhr auf WDR3 zu hören und wird um 23.05 Uhr wiederholt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hieber, Jochen (hie.)
Jochen Hieber
Redakteur im Feuilleton.
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