„Polder - Tokyo Heidi“ im Ersten

Wer hat uns erfunden?

Von Axel Weidemann
 - 22:27

Wer die Farben der japanischen Flagge umkehrt, ist von der Flagge der Schweiz nicht weit entfernt. Der Rest ist Kosmetik. Ähnlich macht es das im besten Sinn anarchische Sience-Fiction-Schauermärchen mit dem Namen „Polder – Tokyo Heidi“ des Schweizer Künstlerkollektivs „400asa“ unter der Regie von Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal. Hier bevölkern Figuren und Versatzstücke aus der japanischen Populärkultur die in eine finstere Retro-Zukunft gehüllte Landschaft der Schweizer Alpen.

Ähnlich wie in Steven Spielbergs Film „Ready Player One“ steht im Zentrum von „Polder“ ein Spiel, eine Simulation – und das Versprechen, mit ihrer Hilfe „die Einschränkungen der Realität“ überwinden zu können. Nicht nur ist die Simulation des Konzerns „Neuroo-X“ der Realität zum Verwechseln ähnlich, sie ist ihr überlegen. In ihrer neuesten, noch nicht marktreifen Version, beruht sie auf den unbewussten Wünschen der Nutzer und kreiert daraus individuelle Abenteuer. Zudem erweitert sie die Zeit: Eine verspielte Stunde fühlt sich in der virtuellen Realität an wie ein Tag.

Was macht dieser Film nun daraus?

Möglich macht das ein Prototyp, den Marcus (Christoph Bach), der verstorbene Chefentwickler von Neuroo-X entwickelt hat: „Das rote Buch“. Als hinreichend subtile Verknüpfung des gleichnamigen autobiographischen Werks von Carl Gustav Jung über die Kraft des Unbewussten sowie der „Worte des Vorsitzenden Mao-Tse-tung“, gibt es die roten Meta-Fäden des Plots vor. Denn die Chinesen, die in unserer Wirklichkeit eine Leben-gegen-Punkte-Simulation aufbauen, interessieren sich im Jahr 2025 brennend für die Arbeit von „Neuroo-X“. Der Film folgt nun in Sprüngen der Geliebten des Chefentwicklers, der Japanerin Ryuko (Nina Fog) und ihrem gemeinsamen Sohn Walter (Pascal Roelofse). Gemeinsam mit der Anwältin Gaby (Friederike Kempter) sammelt Ryuko Spuren, die Marcus hinterlassen hat, um das Geheimnis des Konzerns zu lüften.

Und wenn man sich fragt: Was macht dieser Film nun daraus? So muss die Antwort lauten: alles. Und zwar herrlich bis grotesk verspielt. Postkartenpanoramen, Mutterrollen, Zeitreisen, mythische Figuren, Sprache, Wahn- und Liebesbeziehungen – alles wird in seine Einzelteile zerlegt und neu zusammengewürfelt. Die Technik der Zukunft wird durch die Hülsen der Technik von einst (Wählscheibentelefone und Röhrenfernseher) dargestellt. Die verschiedenen Realitätsebenen bekommen unterschiedliche Farben. Zugleich schafft es „Polder“, den Zuschauer trotz Referenzgewittern von Nietzsche bis zum einstigen Google-Motto („Sei nicht böse“) nicht zu überfordern. Hinter den überzeichneten, aber bis ins Detail durchkomponierten Bildern, den Zitaten, dem mitunter bewusst laienhaften Schauspiel, dem Grusel und den Eruptionen des Wahnsinns blitzt stets die zeitgenössische Geschichte eines ungesunden Abhängigkeitsverhältnisses hervor: Jenem zwischen einem Konzern, der sich vorgenommen hat, die Welt zu verbessern, und dem – wie es in Konzernsprache heißt – „Klick-Vieh“.

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Kinotrailer„Polder – Tokyo Heidi“

Polder – Tokyo Heidi läuft am Dienstag um 0.35 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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