Spreewaldkrimi im ZDF

Der Nebel bleibt undurchdringlich

Von Heike Hupertz
 - 17:50

Abgang mit Knall: Das ist ein konsequentes Ende nach zehn Folgen für den Polizisten Fichte (Thorsten Merten) und den knurrigen Thorsten Krüger (Christian Redl), der sich im „Spreewaldkrimi“ stets mit den Gewinnern des DDR-Untergangs angelegt hat und nun mit schweren Brand- und Rauchgasverletzungen mehr tot als lebendig aus seinem explodierenden Campingwagen gezogen wird. Den Auftakt bildet eine einzige Kamerafahrt: Von einer Kerze zur Propangasflasche zum bewusstlosen Kommissar mit Kopfwunde am Boden schwenkt der Blick, entfernt sich durch die Tür des Mobilheims und nimmt Aufstellung in einiger Entfernung (Kamera Nicolay Gutscher). Ein Moment der Stille, bevor alles in die Luft fliegt. Im Feuerschein erscheinen aus dem Spreewaldnebel ein Fährmann und ein unversehrter Krüger. Der Fährmann ähnelt Karsten Hellstein (Kai Scheve), der sich in der Folge „Feuerengel“ (2013) das Leben nahm. Hellstein ist tot, dann muss Krüger auch gestorben sein.

Oder noch nicht, wenn man der griechischen Mythologie folgt, die der Drehbuchautor Thomas Kirchner zitiert. Die Folge „Zwischen Tod und Leben“ wird zur Unterweltsfahrt mit vielerlei Zwischenstopps. Kirchner, der alle Folgen des „Spreewaldkrimis“ geschrieben hat, gestaltet sie als assoziatives Puzzlespiel der Erinnerungs- und Zeitebenen, in dem die früheren Fälle aufleuchten. Für den Regisseur Kai Wessel ist es nach der Auftaktfolge „Das Geheimnis im Moor“ (2005) und dem sechsten Film „Mörderische Hitze“ (2014) die dritte Arbeit für die Reihe, die begann, als die Provinzkrimimanier noch nicht epidemisch war. Lokale Politik, ehemalige Machenschaften der Treuhand, Altlasten, Gewinner und Verlierer der Zeitläufte standen in den Folgen im Mittelpunkt. Auf lineares Durcherzählen wurde von Anfang an verzichtet. Stattdessen setzte man auf Zeitsprünge und Wechselperspektive.

Fernsehtrailer
„Spreewaldkrimi - Zwischen Tod und Leben“
© ZDF, ZDF

„Zwischen Tod und Leben“ treibt nun die mäandernde Erzählweise auf die Spitze. Krüger besteigt den Kahn und versucht, die vergangenen Tage zu rekonstruieren. Der aktuelle Fall hatte etwas mit Hellsteins Sohn Knut (Tom Gramenz), dessen Ex-Freundin Jackie (Jasna Fritzi Bauer), Tochter der Bürgermeisterin Juliane Bach (Heike Jonca), dem Tod des in einer früheren Folge überführten Bodo Tankmann (Hermann Beyer) und der Neuordnung der Energiewirtschaft respektive des Verschacherns des volkseigenen Unternehmens an die vier größten westdeutschen Energiekonzerne Ende der Neunziger zu tun. Die Recherche damaliger Immobilienentwicklungsdeals führte Krüger zu etlichen Figuren, die in den vorigen Episoden zentrale Rollen spielten. Rolf Hoppe, Ulrike Krumbiegel, Christian Grashof, Anna Loos und Anja Kling haben hier prägnante Gastauftritte.

Während der Kahn mit einer Laterne am Bug durch den verzauberten Spreewald gleitet, gehen Krüger und seinem Charon manches durch den Sinn. Wie Orpheus auf der Suche nach Eurydike stößt Krüger immer weiter in die Unterwelt vor. Bei Vergil fließt dort rechts die Quelle „Mnemosyne“, zuständig für das Erinnern, links geht es zum Lethe, dem Fluss des Vergessens. Krüger aber begegnet Abzweigung über Abzweigung. „Quälende Bilder wie schwere Träume“, so der Mythologiekenner Karl Kerényi, begleiten die Unterweltfahrer stets, so auch hier. Das Filmorchester Babelsberg (Komponist Ralf Wienrich, Dirigent Sebastian Krahnert) liefert stimmungsvolle Begleitung, und der kühn-klare Schnitt von Tina Freitag verhindert Bedeutungsgewaber. Vom Wald mit Höllenhundkläffen und Käuzchenschrei geht es umstandslos auf die Intensivstation, wo Krügers Freundin Marlene Seefeldt (Claudia Geisler) hofft, dass er aus dem künstlichen Koma erwacht. Es wird vor- und zurückermittelt, dieselben Szenen erhalten an anderen Stellen des Films neue Bedeutung. „Die Summe der Teile“ sollte der zehnte Spreewaldkrimi ursprünglich heißen. Nichts weniger als Summe und Fazit von Krügers Ermittlungsarbeit will er sein. Ob es danach noch einen elften geben wird, bleibt offen.

Spreewaldkrimi – Zwischen Tod und Leben, 20.15 Uhr im ZDF

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenZDF