Jahrestag Verdun

Mit dem Bajonett unter Dauerfeuer

Von Gerd Krumeich
 - 12:54
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Vor hundert Jahren begann der deutsche Angriff auf Verdun. Am 21. Februar 1916, 8h15 setzte ein Artilleriebeschuss ein, aus 1200 Rohren aller Kaliber, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hatte. Noch in einer Entfernung von gut zweihundert Kilometern hörte man die „Kanonen von Verdun“, wie es bald hieß. Das Dauerfeuer hielt bis Ende Juni an, als die deutschen Truppen gezwungen waren, an die Somme, einen noch größeren Kriegsschauplatz, weiterzuziehen. Hier griffen am 1. Juli die Engländer und Franzosen die deutschen Stellungen an, wobei diesmal das Vorbereitungsfeuer aus mehr als 3000 Geschützen kam. Später kamen noch mehr und noch ausgeklügeltere Mordwerkzeuge zum Einsatz, insbesondere die Tanks, die schließlich den Krieg entschieden.

Trotz aller dieser „Steigerungen“ (Clausewitz) des Krieges ist Verdun aber doch in gewisser Weise die größte dieser Schlachten geblieben. Dabei war das Vorgelände von Verdun ein kleines, überschaubares Schlachtfeld von nicht einmal achtzig Quadratkilometern. Doch nach dem Ende der Schlacht hatte jede Seite etwa 350.000 Verluste an Kämpfern zu verzeichnen. Umgekommen waren auf jeder Seite etwa 150.000 Soldaten. Nach dem Krieg wurden die Überreste von ungefähr 135.000 Toten eingesammelt und im Gebeinhaus von Douaumont, dem Ossuaire, gestapelt.

Solche Todesziffern sind später an der Somme und in Flandern noch übertroffen worden. Aber Verdun hat zum ersten Mal Verluste dieser Größenordnung mit sich gebracht und wird deshalb am stärksten erinnert. Dies umso mehr, als gegenüber den anderen Großschlachten an der Westfront die Kämpfe vor Verdun durch eine ganz spezielle Mischung von Nahkampf und Fernbeschuss charakterisiert waren. In diesem von tiefen Schluchten und leichten Anhöhen geprägten Gebiet gab es unter schwierigsten Witterungs- und Bodenverhältnissen ein ständiges Anrennen, den Feind nahezu immer in Sichtweite. Wobei „Anrennen“ oder gar „Stürmen“ doch nur Verbrämungen für das sind, was sich da im Schlamm – manchmal standen die Pferde bis zum Bauch in ihm – und bei ständigem Regen an Humpeln, Kriechen, Wälzen, an Rufen, Schreien und Keuchen abspielte.

Dieser ungeheuer verbissene Nahkampf geschah unter dem erbarmungslosen Feuer von Tausenden von Geschützen, einem so intensiven Beschuss, dass sich die Wälder vor Verdun binnen weniger Wochen in eine Mondlandschaft verwandelten. Auf Fotos sieht die Landschaft aus, als sei sie von Narben übersät. Das sind die Millionen Trichter – bis zu zwanzig Meter tief –, die die Sprenggranaten rissen. Aus ihnen flogen die Körperteile der Getöteten und verursachten oft schwere Verwundungen unter den Überlebenden. Aber das waren auch Löcher, die Schutz boten und die man miteinander zu provisorischen Gräben verbinden konnte, in denen man den Feind erwartete.

Erster Weltkrieg
100 Jahre Schlacht von Verdun
© history-vision.de, F.A.Z., history-vision.de, F.A.Z.

Für die Franzosen ist „Verdun“ über bald hundert Jahre die emblematische Schlacht geblieben, wo man sich festgekrallt, „keinen Daumenbreit Boden aufgegeben“ hatte, wie es in einem Tagesbefehl des Generalstabschefs Joffre hieß. „Ils n’ont pas passé“ – sie sind nicht durchgekommen – lautet die Inschrift des wohl eindrücklichsten der vielen Denkmäler, nämlich desjenigen auf der Höhe „Toter Mann“, die im Laufe der Kämpfe durch Granatbeschuss sieben Meter an Höhe verlor. Hinter diesem lakonischen und stolzen Satz steht das Bewusstsein, dass hier, wenige Kilometer vor der Stadt Verdun, alles bedingungslos aufgeboten worden war, um die Deutschen aufzuhalten. Nahezu zwei Drittel aller französischen Einheiten haben hier gekämpft, gelitten und geblutet. Versinnbildlicht wird dieser totale Einsatz durch das Bild der Noria, der ununterbrochen auf der Straße von Bar-le-Duc nach Verdun rollenden Lkw-Kolonne, die seit März 1916 Tag und Nacht Menschen und Material an die Front brachten. Noch heute sind die Kilometersteine dieser „Heiligen Straße“ mit Eichenlaub und Stahlhelmen markiert. Das wird auch weiter so bleiben – trotz der spürbaren Abnahme der nationalen Emphase, seit „die von Verdun“ und auch zumeist die ihnen folgende Generation verstorben sind.

Die deutsche Erinnerung an Verdun war lange Zeit ganz anders geartet. Verdun war für die dort kämpfenden Soldaten ein Ort gewesen, an dem man mit Elan hatte angreifen wollen, um die mächtige Festung zu nehmen und in Richtung Paris weiterzukommen. Dem unerträglichen Schützengraben-Maulwurfs-Krieg sollte ein siegreiches Ende bereitet werden.

Am Anfang lief auch alles nach Plan und sogar besser: Bereits am 25. Februar fiel Fort Douaumont in deutsche Hände, seine Verteidigung war sträflich vernachlässigt worden, weil man nicht mit einem deutschen Angriff gerade auf diesen furchterregenden Festungsgürtel gerechnet hatte. In Deutschland läuteten die Glocken, und es gab mal wieder schulfrei. Aber dann ging es nicht weiter, weil erstens die Franzosen ihre Artillerie in Stellung bringen konnten und weil zweitens Generalstabschef Erich von Falkenhayn zu wenige Truppen an die Verdun-Front geschickt hatte. Die mit dem Angriff betraute 5. Armee unter Führung des Kronprinzen konnte nur auf dem östlichen Ufer der Maas angreifen und blieb so dem französischen Beschuss von den Anhöhen des westlichen Ufers aus ausgesetzt. Als der Irrtum bemerkt wurde und man auch dort angriff, waren die Franzosen schon zu fest verschanzt – und das Gemetzel ging weiter.

Schließlich mussten die Deutschen die Angriffe auf Verdun einstellen, weil die Soldaten an anderer Stelle dringender gebraucht wurden, nämlich an der Somme, wo am 24. Juni 1916 der Fernbeschuss zur gigantischen Offensive der Engländer und Franzosen einsetzte. Das deutsche Interesse an der Verdun-Schlacht verlor sich dann erst einmal – es gab ja so viele andere Kriegsschauplätze mit noch größeren Schlachten und noch höheren Verlusten.

Nach dem Krieg aber trat Verdun auf unerwartete Weise wieder ins Bewusstsein, vor allem bei Soldaten. 1919 veröffentliche Falkenhayn seine Memoiren, in deren Anhang er eine Denkschrift abdruckte, die er vorgeblich „um Weihnachten 1915“ dem Kaiser persönlich überreicht haben wollte. In dieser sogenannten „Weihnachtsdenkschrift“ behauptete der Generalstabschef, er wolle Verdun gar nicht unbedingt einnehmen, sondern vor allem den Franzosen in aller Ruhe sehr viel Blut abzapfen. Für die Soldaten, die vor Verdun um den „Durchbruch“ gekämpft hatten und denen selbst reichlich Blut abgezapft worden war, war dieser vorgebliche Kalkül schreiender Hohn auf ihr Leiden und die toten Kameraden.

Viele Jahrzehnte lang haben nur wenige vermutet, dass diese Denkschrift, deren Original nie aufgetaucht ist und von dem weder der Kaiser noch der Kronprinz als Führer der Angriffsarmee, noch irgendein Generalstäbler die geringste Ahnung hatte, vielleicht nur eine nachträgliche Fälschung sein könnte, um die Niederlage vor Verdun zu bemänteln. Erst mit der Falkenhayn-Biographie von Holger Afflerbach und weiteren Detailstudien, etwa von Olaf Jessen und dem Verfasser, steht heute wohl der Fake-Charakter der „Weihnachtsdenkschrift“ fest.

Die deutsche Erinnerung an Verdun ist aber lange von dieser Fälschung bestimmt worden. Verdun war sinnloses Leiden, Tod und aberwitziger Fehlkalkül. Es gab ein großes „Schweigen um Verdun“, so eine kleine, erst spät aufgetauchte Erzählung Remarques, die mit folgenden Worten schließt: „Über diesem Leichentuch ist die Zeit zum Stillstand gekommen, vor der Qual, die zwischen diese Horizonte eingespannt ist; über diesem Leichentuch brütet das Schweigen, und Trauer und Erinnerung.“

Einer der wenigen, der das Schweigen brach, war Fritz von Unruh, expressionistischer Dichter, dessen bereits 1916 fertige Erzählung „Verdun“ 1919 erscheinen konnte. Aber das war eine große Ausnahme. Erst ab Ende der zwanziger Jahre brach die Verdun-Schlacht – vor allem durch die Publikationen von Werner Beumelburg, Edgar Maas und Hans Zöberlein – in der Erinnerung an den Weltkrieg durch. Der Angriffskrieg vor Verdun entsprach auch mehr dem Geschmack Hitlers und der Nationalsozialisten als etwa der Verteidigung- und Stellungskrieg an der Somme. Jetzt erst wurden die Toten von Verdun auch in Deutschland systematisch zu Helden umgeformt, deren stählerne Seele durch keinen Schmerz zu beeindrucken war.

Das wichtigste Gedenk-Ereignis war sicherlich das Treffen der „Verdun-Kämpfer“ Frankreichs und Deutschlands auf dem Douaumont in der Nacht des 12.Juni 1936, also auf den Tag genau zwanzig Jahre nach dem Abbruch der deutschen Angriffe auf Verdun. Im Zentrum der Veranstaltung, die mit dem nächtlichen Aufmarsch der 30.000 französischen, deutschen und italienischen Veteranen – jeder von ihnen mit einer Kerze in der Hand – auf den Douaumont begann, stand der vor dem Turm des riesigen Ossuaire verlesene und von allen nachgesprochene „Friedensschwur“: „Weil hier diejenigen, die hier und anderwärts liegen, in den Frieden der Toten eingetreten sind, nur um den Frieden der Lebenden zu begründen (...), deswegen schwören wir, den Frieden, den wir ihrem Opfer verdanken, bewahren zu wollen.“

Aber diese Gemeinsamkeit hielt nicht lange. 1939 mussten die Franzosen erkennen, dass die Deutschen zwar auch Frieden wollten, nicht aber sofort und unbedingt, sondern erst nach geglückter Revanche. Nach 1945 schließlich blieb Verdun für die Franzosen ein Erinnerungsanker nationaler Einheit und Größe, die durch Vichy und die Kollaboration erheblich ins Wanken geraten waren. Jeder Präsident der Republik begab sich im Zehn-Jahres-Rhythmus zu den Gedenkstätten, um angesichts der vielfachen innen- und außenpolitischen Spannungen und Frustrationen – von Dien Bien Phu bis Algier – das Vermächtnis der Poilus zu beschwören.

Bereits in den achtziger Jahren aber begann eine Entnationalisierung der Erinnerung an „Verdun“, auf Dauer symbolisiert durch den Händedruck von Helmut Kohl und François Mitterrand vor dem Gebeinhaus vom Douaumont am 22. September 1984. Eine Geste, die so emblematisch war, dass sie seitdem das Weltkriegs-Kapitel in den Geschichtsbüchern beider Nationen beherrscht. Ein weiterer Schritt der Manifestation deutsch-französischer Gemeinsamkeit an diesem Ort des Schreckens und Leidens war im November 2009 das Hissen der deutschen und der europäischen neben der französischen Fahne auf dem Douaumont – ausgeführt von Soldatinnen des Eurokorps.

In diesem Jahr werden Franzosen und Deutsche in der gemeinsamen Erinnerung noch einen Schritt weiterkommen. Am Sonntag wird das explizit zu einem deutsch-französischen Museum und Informations-Zentrum umgestaltete wichtigste Museum der Schlacht, das Mémorial de Fleury, offiziell eröffnet – am 29. Mai werden François Hollande und Angela Merkel es feierlich einweihen.

Auch die Schlacht von Verdun ist jetzt definitiv zu einem historischen Ereignis geworden. Sie ist herausgetreten aus dem Bereich des Erlebten und Erinnerten, eines Gedenkens in Trauer oder Stolz. Sie steht nun für ein anderes Totengedenkens und für Nachdenklichkeit – für das Nachdenken über die Geschichte eines Europas, das aus den Massakern unter Europäern erwachsen ist, für die „Verdun“ das stärkste Symbol bleibt.

 

Gerd Krumeich lehrte bis zu seiner Emeritierung Neuere Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Vor kurzem erschien sein gemeinsam mit Antoine Prost verfasstes Buch „Verdun 1916“ . Die beiden Historiker werden am Sonntag im Mémorial de Fleury auch gemeinsam den Eröffnungsvortrag halten.

Quelle: F.A.Z.
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