Musik und Intelligenz

Ganz schön lisztig

Von Felix-Emeric Tota
 - 11:00

Beethoven erleuchtet den Verstand, Beyoncé bezeugt Doofheit – auf der Internetseite „musicthatmakesyoudumb“ läuft eine „Studie“ über den Zusammenhang von Intelligenz und Musikgeschmack. Der Betreiber Virgil Griffith bittet College-Studenten darum, ihre Lieblingssongs und ihre College-Abschlussnote anzugeben. Die bisher errechneten Zusammenhänge sind auf der Seite in einem Diagramm veranschaulicht: Auf einer Intelligenzachse (rechts: kluger Kopf, links: nicht so klug) sind die Interpreten und Genres verortet; man kann beispielsweise ablesen, dass Frank Sinatra gescheiter macht als Justin Timberlake, intelligente Leute mehr Beatles als Bon Jovi hören und Pink Floyd sich im grundsoliden Mittelfeld des Geistes bewegt.

Jetzt kommt natürlich der Raketenwissenschaftler, der zum Ausgleich gerne etwas Heavy Metal hört, in Erklärungsnot. Könnte ihn das zum sozial Geächteten machen; wird er seine Vertrauenswürdigkeit verlieren? Menschen halten sich generell für klüger, als sie sind – vermutlich, weil es sich bewährt hat. Aber das hat jetzt ein Ende; nun kann man sich und sein Umfeld ohne aufwendige IQ-Tests genau verorten. Wer sein Milieu bisher nur der guten, alten Trennung von U- und E-Kultur nach zu werten wusste, kann nun fein skaliert ablesen, welchen Umgang er meiden sollte, wenn er Menschen nur noch auf Augenhöhe begegnen möchte. Die Vertuschungstaktik von „Geschmack ist subjektiv“ ist ausgehebelt. Das dürfte zu Veränderungen in der Gesellschaft führen.

Eltern werden die musikalische Früherziehung ihrer Kinder verschärfen und für lautstarken Nachhilfeunterricht in den Fächern „Chopin“, „Brahms“ und „Vivaldi“ zahlen müssen. Doktorarbeiten werden in Zukunft mit „Wagner cum laude“ ausgezeichnet, und lisztige Geschäftsleute werden als Crashkurs Bildungsbusreisen nach Weimar, Bayreuth und Salzburg anbieten. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat sein Versäumnis erkannt und arbeitet an einem Lehrplankanon „der gescheiten Musik“; Ministerin Johanna Wanka empfiehlt Schulklassen Ausflüge in Freilichtphilharmonien. Der Stein, der durch die Studie ins Rollen kommt, wird auch nicht vor neuen Bewerbungsmodalitäten auf dem Arbeitsmarkt haltmachen. „Sehr geehrter Herr Soundso, vielen Dank für Ihr Interesse. Leider müssen wir Ihnen absagen. Mit Bob Dylan waren Sie unter den letzten drei Kandidaten; jedoch mussten wir uns für jemanden entscheiden, der Beethoven hört.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBeyoncé KnowlesFrank SinatraJustin TimberlakePink FloydThe Beatles