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FAZ plus ArtikelNatalie Zemon Davis

Operation Gegengeist

Von Patrick Bahners
 - 15:50

Zwei Männer waren bestimmend für die entscheidende Wendung im Lebensweg der Historikerin Natalie Zemon Davis: ihr Ehemann, der Mathematiker Chandler Davis, und Senator Joseph McCarthy. 1952 erhielten die Eheleute Davis in Ann Arbor Besuch von zwei Herren vom Außenministerium. Die Beamten nahmen ihnen ihre Pässe ab. Sie waren als Autoren einer anonymen Publikation mit dem Titel „Operation Mind“ identifiziert worden. Die Broschüre versammelte Belege dafür, dass die Tätigkeit des Ausschusses des Repräsentantenhauses zur Untersuchung unamerikanischer Aktivitäten verfassungswidrig war. Natalie Zemon Davis war gerade aus Lyon zurückgekommen, wo sie mit den Archivstudien für ihre Doktorarbeit begonnen hatte. Erst acht Jahre später erhielten sie und ihr Mann ihre Pässe zurück. Chandler Davis hatte seine Professur verloren und eine sechsmonatige Gefängnisstrafe verbüßt. Die Eheleute wanderten nach Kanada aus. 1996, nachdem Natalie Zemon Davis an der Universität Princeton emeritiert worden war, kehrte sie an die Universität von Toronto zurück.

Senator McCarthy hat die Historikerin nicht auf ihr Thema gebracht. Sie forschte in Lyon schon über protestantische Drucker, die im sechzehnten Jahrhundert versuchen mussten, ketzerische Traktate an der katholischen Zensur vorbeizuschmuggeln. Aber indem der von McCarthy geschaffene Inquisitionsapparat sie gleich einer Zeitmaschine in die Lage der Subjekte ihrer Untersuchungen versetzte, gewann in ihrem Nachdenken Raum, was ihr Generationsgenosse Thomas Nipperdey die anthropologische Dimension der Geschichtswissenschaft genannt hat. Färbte die Mentalität ihres Widersachers auf ihre Methode ab? In die Richtung einer solchen Dialektik der Lebenserfahrungsgeschichte deutet eine ironische Bemerkung, die Natalie Zemon Davis vor zehn Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung machte.

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Quelle: F.A.Z.
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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