Netzdiskurs

Das Elend der Internetintellektuellen

Von Evgeny Morozov
 - 15:20

Im Jahr 1975 veröffentlichte der britische Romancier Malcolm Bradbury den Roman „Der Geschichtsmensch“, eine beißende Satire auf den narzisstischen Pseudointellektualismus der modernen akademischen Welt. Der Roman erzählt von einem Jahr im Leben des jungen radikalen Soziologen Howard Kirk, eines „Theoretikers der Geselligkeit“, der an einem Buch über den Sieg über das Private schreibt. Im Rückgriff auf „ein wenig Marx, ein wenig Freud und ein wenig Sozialgeschichte“ stellt Kirk die These auf: „Es gibt kein privates Ich mehr, keine privaten Nischen innerhalb der Gesellschaft, kein Privateigentum, kein privates Handeln.“ (Und wie seine Frau sarkastisch feststellt, auch keine „private parts“, keine Genitalien mehr. In ihren Augen ist das Buch ihres Mannes „sehr leer“, aber es steht „immer auf der richtigen Seite“.)

Man kann Kirk nicht den Vorwurf machen, er dächte zu klein. Wie er zu beweisen versucht, „verleiht uns das soziologische und psychologische Wissen heute ein vollständiges Verständnis des Menschen, und die demokratische Gesellschaft ermöglicht uns einen totalen Zugang zu allem. Es gibt nichts, das man nicht in Frage stellen könnte. Es gibt keine Verstecke mehr, keine dunklen, geheimnisvollen Ecken der Seele. Wir alle sind ständig den Blicken des weltweiten Publikums ausgesetzt. Wir sind nackt und verfügbar.“

Gelegentlich praktiziert Kirk auch, was er predigt. So lädt er die Studenten seines Soziologiekurses ein, sich die Geburt seines Kindes anzuschauen, aber er mag es gar nicht, dass jemand in seine eigene Intimsphäre eindringt. Als eine Studentin (die zugleich seine Geliebte ist) das Manuskript seines Buches liest, weist er sie mit der Begründung zurecht, das sei privat. Und er wird wütend, als eine andere Studentin ihn in dem verzweifelten Versuch, seine Promiskuität zu beweisen, mit der Kamera zu verfolgen beginnt.

Das Private als Domäne der Egoisten

„Public Parts“ – das zweite Buch des wohl lautesten Internetgurus Jeff Jarvis – liest sich wie eine glatte, halbgare Fortsetzung des Kirkschen Romans, geschrieben von einem gealterten und inzwischen konservativeren Howard Kirk, der seine Tweedjacke gegen einen Smoking und seine Pfeife gegen ein iPhone eingetauscht hat. Jarvis’ intellektuelle Helden sind anders als die von Kirk, und an die Stelle seiner Hippieausdrücke sind business-freundliche Klischees getreten, doch die Botschaft ist dieselbe. Mit ein wenig Habermas, ein wenig Arendt und ein wenig Mediengeschichte stellt Jarvis die These auf: „Wenn wir zu sehr auf der Privatsphäre bestehen, könnten uns Chancen entgehen, in diesem Zeitalter der Links Kontakte zu knüpfen.“ Der Schutz der Privatsphäre, so sagt er, habe soziale Kosten. Man denke etwa an Patienten, die ihre Krankheitsdaten für sich behalten, statt sie Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen, denen sie bei der Suche nach neuen Behandlungsmethoden nützen könnten. Für Jarvis ist die Privatsphäre die Domäne der Egoisten. Wer zu viel für sich behält, handelt sich am Ende vielleicht nur einen Arztbesuch ein.

Warum legen wir so übertriebenen Wert auf die Privatsphäre? Jarvis sieht die Schuld bei habgierigen Verfechtern der Privatsphäre („damit kann man viel Geld verdienen“), die dafür bezahlt werden, die „Netizens“ in die Irre zu führen, jene amorphe Elite kosmopolitischer Internetnutzer, als deren selbsternannter Vertreter Jarvis regelmäßig in Davos auftritt. Auf seiner privaten Skala des Bösen rangieren die Verfechter des Schutzes der Privatsphäre zwischen Gaddafis afrikanischen Söldnern und habgierigen Investmentbankern. Sie können nur eines: „aufheulen, „Foul“ rufen, Pfeile spitzen, zornig werden; alles wurmt sie, und sie betrachten alles ungläubig, sie sind besorgt, sie schauen zu und sind beunruhigt“. Liest man Jarvis, könnte man meinen, Privacy International (Vollzeitbeschäftigte: drei) wäre ein Ungeheuer von ähnlich beängstigender Größe wie Google (Lobbyausgaben 2010: 5,2 Millionen Dollar).

„Der Schutz der Privatsphäre sollte nicht unsere einzige Sorge sein“, erklärt Jarvis. „Der Schutz der Privatsphäre hat seine Verfechter. Aber auch Öffentlichkeit braucht ihre Verfechter.“ Er nennt eine lange und manchmal etwas ermüdende Liste von Vorzügen, die „Öffentlichkeit“ uns einbringen könne: Sie „knüpft Beziehungen“, „entwaffnet Fremde“, „ermöglicht Zusammenarbeit„, „setzt die Weisheit (und Großzügigkeit) der Crowd frei“, „entschärft den Mythos der Perfektion“, „neutralisiert Stigmata“, „gewährt Unsterblichkeit… oder zumindest Vertrauen“, „organisiert“ und „schützt uns“ sogar. Vieles davon ist selbstverständlich. Müssen wir wirklich einen Blick in die Welt des Internethandels werfen, um zu erkennen, dass jeder, der zwischenmenschliche Beziehungen eingeht, ein wenig von seiner Privatsphäre aufgibt? Doch Jarvis beherrscht die Kunst, trivialste Beobachtungen in leere Geschäftsmaximen zu verwandeln.

Das Privatheitsbedürfnis eines Apostels der Öffentlichkeit

In einer Hinsicht übertrifft Jarvis allerdings den fiktiven Dr. Kirk: in seiner unvergleichlichen Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf sein divahaftes Ich zu lenken. Seine public parts sind wahrhaft öffentlich. Sein Kampf gegen den Prostatakrebs wurde kürzlich zu einer Art Online-Super-Bowl, in dessen Verlauf er vom Operationstisch aus twitterte und sich anschließend in seinem Blog über die daraus resultierenden Windelprobleme ausließ. Und wie der fiktive Kirk schätzt Jarvis die Privatsphäre, wenn sie ihm wichtig ist. Der Apostel der Öffentlichkeit möchte nicht, dass seine Kreditkartennummern, seine Passwörter, seine Emails, sein Terminkalender, sein Einkommen, seine Browsinggewohnheiten oder seine iTunes-Playlist an die Öffentlichkeit gelangen. Die digitale Geheimhaltung solcher Dinge steht für Jarvis nicht zur Disposition – aber nicht etwa aus Sorge um den Schutz der Privatsphäre. Er begründet solche Vorbehalte mit dem Hinweis auf andere Rechte, Befürchtungen und Besorgnisse. Er möchte seine Passwörter aus Angst für kriminellen Übergriffen geheim halten oder seinen Terminkalender, weil er ein beschäftigter Mann ist und nicht noch mehr Verpflichtungen eingehen will, oder sein Einkommen aufgrund „kultureller Konventionen“ oder seine iTunes-Playlist, weil die doch so trivial sei.

Hätte Jarvis sein Buch als Parodie auf sich selbst geschrieben, als beißende Attacke auf die engstirnigen akademischen Vertreter der Neuen Medien, die mit ihren aufgeblasenen, ahistorischen und leeren Verlautbarungen so rasch bei der Hand sind, dass selbst der schlimmste Vertreter der Postmoderne dagegen klar und verständlich erscheint, dann wäre es eine bemerkenswerte Leistung. Aber leider meint er es ernst. Dieses Buch wäre besser ein Tweet geblieben. Lässt man die begeisterten Schlagworte beiseite, bietet der Text zwei reichlich abgeschmackte Thesen: Erstens, eine demokratische Gesellschaft kann es sich nicht leisten, im Schutz der Privatsphäre den wichtigsten – oder gar einzigen – Wert zu erblicken. Zweitens, die Geheimhaltung von Informationen – durch Individuen, Unternehmen oder staatliche Institutionen – kann unter gewissen Bedingungen für einige oder alle Beteiligten sinnvoll sein. Jarvis glaubt, diese Thesen wären neu und originell und für das herkömmliche Denken geradezu heldenhaft subversiv. „Public Parts“ soll eine Streitschrift sein, doch es fällt Jarvis schwer, jemanden zu finden, der diesen Thesen nicht zustimmte. Um nicht vollständig auf kontroverse Inhalte zu verzichten, muss er schon weit von seinen Hauptthemen abschweifen und Ansichten zum Arabischen Frühling, zum Untergang der Sowjetunion und zur Zukunft der Autoindustrie einfügen.

Ein paar dieser Abschweifungen sind durchaus unterhaltsam, doch es gelingt Jarvis nicht, mit Scherzen über die Banalität seiner zentralen Thesen hinwegzutäuschen. Hier ein paar typische Aussagen: „Hinweis an Ärzte, Anwälte und Nagelstudios: Sie sollten besser online gehen und die Öffentlichkeit suchen.“ Welch eine unglaubliche Einsicht im Jahr 2011: Eine Online-Präsenz kann gut für Ihre Geschäfte sein. Oder man betrachte folgenden Durchbruch in der Marketingtheorie: „Wenn Ihr Unternehmen dafür bekannt ist, dass es mit Kunden zusammenarbeitet und ihnen die Produkte liefert, die sie haben wollen, werden Sie am Ende mehr treue Kunden haben.“ Bessere Produkte fördern die Konsumententreue. Aufgrund solcher nichtssagenden Bemerkungen klingt „Public Parts“ noch weniger revolutionär als die 1996er Ausgabe von „The Complete Idiot’s Guide to the Web“.

Altbekannte neue Ideen

Jarvis’ schlampige Diskussion des Schutzes der Privatsphäre ist typisch für seinen gesamten Ansatz und verdient daher, dass wir uns etwas genauer damit beschäftigen. Es gibt ohne Zweifel ernsthafte Argumente hinsichtlich der oft schädlichen Auswirkungen des Schutzes der Privatsphäre auf die nationale Sicherheit oder das Wirtschaftswachstum oder die Vielfalt des öffentlichen Lebens, und viele dieser Argumente sind bereits vorgetragen worden. Statt sich mit den Arbeiten führender zeitgenössischer Kritiker eines gedankenlosen Loblieds auf die Privatsphäre vertraut zu machen (man denke an Wissenschaftler wie Amitai Etzioni, Richard A. Posner, Richard Wasserstrom und andere), zieht Jarvis es vor, selbst zu deren Schlüssen zu gelangen, und verliert dabei einiges an intellektueller Schärfe, zumal er sich mit keinem der Gegenargumente auseinandersetzt, die im Gefolge dieser Arbeiten vorgebracht wurden.

Sein Buch zeugt von einer kaum zu überbietenden intellektuellen Faulheit. Wenn Jarvis nicht nur Offenkundiges in andere Worte fasst, trägt er Ideen vor, die er für frisch und brillant hält, die sich dann aber als schal, langweilig und alt erweisen. Wer sich die Stichworte „Privatsphäre“ und „Öffentlichkeit“ in einer der besseren Enzyklopädien anschaut, wird feststellen, dass es keine guten Definition für den erstgenannten Begriff gibt und dass die englische Übersetzung für „Öffentlichkeit“ (public sphere) problematisch ist. Jarvis hält solche „Erkenntnisse“ für originell. Seine Vision einer Welt, in der „die vormals als Konsumenten bezeichneten Menschen die Design-, Verkaufs- und Serviceketten hinaufgehen und ihre Erwartungen an die Produkte zum Ausdruck bringen können, bevor sie hergestellt werden“, wirkt schal und veraltet im Vergleich zu der ursprünglichen Idee der „Nutzerinnovation“, mit der Eric von Hippel sich schon Mitte der achtziger Jahre theoretisch auseinandergesetzt hat.

Kulturanthropologie auf touristischem Niveau

Wenn Jarvis in die Rolle des Kulturanthropologen schlüpft, wird Public Parts aus einem wirklich schlechten zu einem peinlichen Buch. Man denke etwa an seine Fixierung auf Deutschland. Jarvis staunt über das „deutsche Paradoxon“, wie er es nennt – die Tatsache, dass die Deutschen sich zwar in gemischten Saunas wohlfühlen, aber ihre Privatsphäre entschieden nach außen abschotten. Der deutsche Widerstand gegen Google Street View ist für Jarvis ein Rätsel. Wie er meint, gerät hier „ihr Erbe in einen fundamentalen Konflikt mit der Internetkultur – mit der Zukunft“.

Aber trifft das zu? Und was ist so schlecht daran, wenn die Deutschen ihr Erbe vor einer technischen Zukunft schützen, an der Leute wie Jeff Jarvis lukrative Aktienoptionen halten? Wer behauptet, beim deutschen Widerstand gegen Google gehe es in erster Linie um den Schutz der Privatsphäre, und er basiere auf ihren tragischen Erinnerungen an Hitler und die Stasi, der muss zeigen, dass andere mögliche Erklärungen hier nicht zum Zuge kommen. Vielleicht wollen die Deutschen sich ja nur nicht von einem amerikanischen Unternehmen tyrannisieren lassen. Vielleicht wollen sie auch nicht, dass ein Unternehmen – irgendein Privatunternehmen – Geld verdient, indem es ihr Heim in eine Ware verwandelt. Vielleicht haben sie Angst vor Cyberkriminalität und fürchten, Google könnte unbeabsichtigt ihr WLAN-Passwort aufzeichnen und weitergeben, wenn die Kamerawagen durch das Viertel fahren. Jarvis, der sein eigenes Bedürfnis nach dem Schutz seiner Privatsphäre so aufwendig rechtfertigt, indem er es auf andere Güter und Werte zurückführt, möchte nicht, dass auch andere dieses Privileg mit ihm teilen.

Eine ähnliche Verwirrung kennzeichnet seinen Umgang mit Finnland. Er erwähnt es zweimal: Zuerst erzählt er uns, dass es finnischen Unternehmen verboten ist, Bewerber bei Stellenausschreibungen zu googlen, und dann sinniert er über die Tatsache, dass in Finnland jedermanns Einkommenszahlen online zugänglich sind. Die letztgenannte Praxis ist ihm ein Rätsel, und er führt sie auf lokale Normen und die finnische Kultur zurück, wobei er betont, dass die Kultur, in der er lebt, solche Normen nicht billigt. (“Wenn es ums Geld geht, halte ich mich an kulturelle Konventionen…; hier bin ich nicht hundertprozentig öffentlich.“)

Der Gedanke, wonach die Privatsphäre von der Kultur abhängt, ist keineswegs neu. Schon 1928 behauptete Margaret Mead, die Samoaner besäßen kein Gefühl für die Privatsphäre – eine These, der andere Wissenschaftler später entschieden entgegentraten; sie warfen Mead vor, sie hätte nur nicht begriffen, in welcher Weise die Samoaner dieses Konzept verstanden. Das Beispiel Finnlands zeigt lediglich, dass die Einstellung gegenüber Privatsphäre und Öffentlichkeit von den wahrgenommenen Gleichheitsniveaus, von Solidaritätsgefühlen, Klassenunterschieden und vielen anderen Faktoren abhängen kann.

Man braucht kein Privatsphärenreduktionist oder Kulturrelativist zu sein, um zu erkennen, dass die Bereitschaft der Menschen, Privates preiszugeben, von ihren sozialen und politischen Arrangements und von den Ideologien abhängt, die auf diesen Arrangements basieren. Aus der Existenz solcher Unterschiede folgt nicht, dass es Kulturen gäbe, in denen die Privatsphäre keine Rolle spielte, sondern lediglich, dass man umfangreiches Hintergrundwissen benötigt, um deren Äußerungsformen in einer Kultur zu erkennen.

Doch der Kulturanthropologe Jarvis benimmt sich lieber wie ein ungezogener amerikanischer Student auf seiner ersten Auslandsreise. Alles ist so verrückt. Die Leute sind in der Sauna nackt. Und sie wollen nicht, dass ihre Häuser online sind. Was diese Spielereien sollen, bleibt unklar, auch wenn Jarvis die Kulturabhängigkeit von Privatsphäre und Öffentlichkeit einräumt. Letztlich kann Jarvis nur die bizarre Besorgnis äußern, dass Berlin auf Google Maps allzu verschwommen wirkt. Das wäre dann ja wohl die kulturelle Apokalypse. Doch solange Jeff Jarvis seine Einkommenszahlen für sich behalten darf, dürfte es vernünftig sein, auf Pluralismus zu setzen und es den Deutschen und den Finnen zu überlassen, wie sie mit der Privatsphäre umgehen.

Theoretische Ungeduld

Noch schlimmer wird es, wenn Jarvis sich auf das begriffliche Minenfeld begibt, das die Theorie der Öffentlichkeit darstellt. Warum er sich überhaupt auf diesen Gegenstand einlässt, bleibt ein Rätsel, denn dieser Umweg bringt ihm gar nichts bei dem Bemühen, Öffentlichkeit zu fördern oder die Privatsphäre zu besiegen. Vielleicht wollte er dem Kritiker Ron Rosenbaum seine intellektuellen Referenzen vorführen – der ihn einst aufforderte, zu beweisen, dass er Margaret Mead gelesen hatte. Eher schon wollte er wohl die endlose Debatte über die „Zukunft der Medien“ fortführen, zu deren Trivialisierung er so viel beigetragen hat.

Was ihn auch getrieben haben mag, am Ende gelangt er jedenfalls zu einer weiteren großen These: Eine Welt, die „Öffentlichkeit“ respektiert und kultiviert, wird viele Öffentlichkeiten hervorbringen und uns ein weitaus reicheres öffentliches Leben schenken, als die Tyrannei der einen monolithischen Öffentlichkeit es bislang hervorgebracht hat. Eine wahrhaft große These, doch Jarvis ist zu ungeduldig, um sie mit der intellektuellen Sorgfalt zu behandeln, die sie eigentlich verdiente. Wie bei der Behandlung der Privatsphäre lässt er die bereits vorhandene wissenschaftliche und philosophische Literatur zum Thema weitgehend unbeachtet. Die Debatte zwischen Dewey und Lippmann, die viele dieser Fragen vor fast einem Jahrhundert ansprach, erwähnt er nicht einmal. Von Bruno Latours jüngeren Versuchen, eine politische Theorie zu entwickeln, die die Entstehung problemorientierter und objektorientierter Öffentlichkeiten zu erklären vermag, ist nirgendwo etwas zu sehen.

Habermas für Dummies

Alles, was wir erhalten, sind ein paar flüchtige Blicke auf Habermas. Und nicht einmal das. Jarvis scheint zu glauben, ein vielgestaltiges Publikum wäre erst mit der Habermasschen Öffentlichkeit der Kaffeehäuser und Salons im 18. Jahrhundert entstanden, obwohl Habermas selbst genau das Gegenteil behauptet: dass nämlich die Entstehung der Öffentlichkeit es einem vielgestaltigen Publikum ermöglichte, zusammenzukommen, ihre Einzelinteressen hinter sich zu lassen und auf gemeinsamer Grundlage über gemeinsame Interessen zu debattieren. Dass Jarvis diesen wichtigen Punkt falsch versteht, erklärt so manche Aspekte seiner nachfolgenden Habermas-Analyse.
Können Menschen an der Habermasschen Öffentlichkeit teilnehmen und sich dennoch ihre Privatsphäre bewahren? Natürlich können sie das – solange sie dort über ihre sozialen oder gruppenmäßigen Besonderheiten hinausgehen. Habermas betont nicht deshalb den „kritisch-rationalen“ Charakter des Diskurses innerhalb der Öffentlichkeit, weil er, wie Jarvis meint, auf andere Ausdrucksformen herabsähe, sondern weil rationale Argumentation – und nicht zum Beispiel Tanz – das Medium war, das es dem Individuum ermöglichte, von seinen sozialen und politischen Interessen zu abstrahieren und sich dem umfassenderen Schicksal der Menschheit zuzuwenden.

Jarvis scheint Habermas’ Arbeiten zur kommunikativen Rationalität nicht zu kennen und liest ihn deshalb lieber im Rahmen der aktuellen, extrem ermüdenden Debatte über »Experten« (Journalisten) und »Amateure« (Blogger). Es ist schon komisch, dass er dem großen deutschen Denker am Ende vorwirft, arrogant-elitär zu sein. So läse Sarah Palin Habermas, wenn sie Habermas lesen könnte.

Aber selbst wenn wir über seine lächerlich simplifizierte Darstellung der Habermasschen Argumentation hinwegsähen, so dass aus dem Blog ein Äquivalent zum Kaffeehaus würde, fragt sich, weshalb wir dort stehenbleiben sollten. Weshalb wenden wir nicht auch den Rest der Habermasschen Argumentation auf diese Situation an und fragen, wie die privatwirtschaftliche Kontrolle der Medien deren zivilgesellschaftlichen Geist untergraben konnte.

Die Habermassche Öffentlichkeit hatte ein ganzes Jahrhundert Zeit, um sich außerhalb der Marktlogik zu entwickeln. Beim Internet beschränkte sich diese Zeit der Freiheit auf wenige Jahre Anfang der 1990er. Weder Jarvis noch Clay Shirky – der andere Organisator der nur für das Web bestimmten Ausgabe von „Habermas für Dummies“ - wollen sich mit den kulturellen Auswirkungen der politischen Ökonomie des heutigen Web auseinandersetzen. Stattdessen gehen sie stillschweigend davon aus, dass die heutigen Internetunternehmen schon irgendwie harmloser wären als die privatwirtschaftlich kontrollierten Medien, die ihnen vorausgegangen sind. (In einem Artikel über Googles Rückzug aus China ging Jarvis kürzlich so weit, Google den „Botschafter der neuen in der alten Welt“ zu nennen, „der gegenüber chinesischen Bürokraten und Hackern die Rechte, die Sicherheit und die Prinzipien des Netzes vertrat“. Aber weshalb sollten wir glauben, Mark Zuckerberg und Larry Page wären anders als Rupert Murdoch und Conrad Black? Weil sie Geeks sind? Wer das glaubt, steht unter dem Bann der Geek-Religion.

Banalitäten in mehrfacher Verwendung

Die erzählerische Spannung in Jarvis’ Buch basiert weitgehend auf der sprachlichen Verwirrung hinsichtlich der vielfältigen Bedeutungen von „Öffentlichkeit“ und „Privatsphäre“. Wie könnte man sonst Hannah Arendt mobilisieren, um die „Öffentlichkeit“ zu feiern und die „Privatsphäre“ zu dämonisieren, wo sie doch an anderer Stelle in ihrem Werk eindeutig die Bedeutung der Privatsphäre anerkennt – als Fähigkeit, „sich vor dem öffentlichen Blick zu schützen“, wie sie schreibt, und als Schutzschirm vor den Übergriffen des Totalitarismus. Und wer Richard Sennett zum Apologeten einer Welt ohne Privatsphäre macht, der hat “Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ nur oberflächlich und sein früheres Buch „The Uses of Disorder“ gar nicht gelesen, in dem er Anonymität und Chaos des städtischen Lebens preist – ein Denken, das in deutlichem Gegensatz zu dem hocheffizienten und transparenten Internet steht, für dessen Lob Jarvis den Autor in Anspruch nimmt. Sowohl Arendt als auch Sennett beklagen die Verwischung der Grenzen zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich, doch Jarvis möchte diese Grenzen noch stärker verwischen.

Auch Jarvis’ Stil ist ein Maß dafür, was als Internetintellektualismus gilt. Habermas findet sich hier neben deutschen Würstchen, Oprah, Botox und künstlichen Haarteilen. Selbst Thomas Friedman wäre entgeistert angesichts mancher sprachlichen Verrenkungen bei Jarvis. „Der neue amerikanische Traum muss viral werden.“ Mark Zuckerberg ist „ein Rätsel in Gestalt eines Nerd, der zum Milliardär wurde„. „Jedesmal, wenn Sie nicht teilen, verliert eine Beziehung ihre Flügel.„ Jarvis’ Gewohnheit, seine Banalitäten mindestens dreimal zu wiederholen, ist extrem nervtötend: So heißt es gleich mehrfach: „Was öffentlich ist, das ist öffentlich und sollte dies auch bleiben.“ Und: „Was öffentlich ist, das gehört uns, der Öffentlichkeit.“ Und: „Was öffentlich ist, das ist ein öffentliches Gut.“

Neben solchen Gemeinplätzen liebt Jarvis auch abstrakte, hochtrabende Formulierungen. In seiner Welt ist man nicht nur Mitbegründer, sondern „Mitschöpfer“ eines Unternehmens. Der Retweet-Button bei Twitter ist eine „Bekräftigung der Gemeinschaft“. Öffentlichkeit ist „ein Weg zu größerer Freiheit“, das „Emblem eines epochalen Wandels“, „ein Zeichen unserer wachsenden Stärke“, „ein Fenster, das einen Ausblick auf die Einstellung einer Gesellschaft gegenüber Veränderung und Risiko, Fortschritt und Innovation, Erfolg und Scheitern bietet“.

Breit verteiltes Oberflächenwissen

Doch es wird noch schlimmer. Jarvis widerspricht sich selbst etwa alle zehn Seiten. Er räumt ein, dass der Begriff des digital native, des jungen Menschen, der mit der neuen Technologie aufgewachsen ist, eine Fiktion sein könnte, und zitiert dann doch munter seinen 19jährigen Sohn als höchste Autorität in allen das Internet betreffenden Fragen. Derselbe Jarvis, der sich rühmt, sein erstes Buch über Google ohne sonderlich viele Kontakte zu diesem Unternehmen geschrieben zu haben, tadelt Aaron Sorokin, weil er für sein Buch „The Social Network“ zu wenig Forschung bei Facebook betrieben habe.

Er zitiert die Aussage eines französischen Politikers, wonach das Internet ein „internationaler Raum“ sei, um seine These zu belegen, dass das Internet den Netizens gehöre, obwohl der Minister in Wirklichkeit gefordert hatte, das Internet müsse wie jeder Raum dieser Art internationalen Regeln und angemessenen Regulierungsstrukturen unterworfen werden. Er tadelt Vorkämpfer für den Schutz der Privatsphäre, weil sie sich auf Grenzfälle konzentrierten, etwa auf Teenager, die ausgegrenzt werden, weil ihre privaten Videos im Netz auftauchen („diese Debatte hält sich gerne an Extreme…; Grenzfälle sind gut, um Debatten in Gang zu bringen, eignen sich jedoch nicht dazu, Aufschluss über Normen zu geben“), dann aber baut er seine Argumentation für „Öffentlichkeit“ ganz auf Grenzfällen auf. Wie normal sind Howard Stern, die New-York-Kolumnistin Julia Allison, Oprah Winfrey und Josh Harris aus dem Dokumentarfilm „We live in Public“? Gibt irgendeine dieser Figuren „Aufschluss über Normen“, die sich auf eine arbeitslose, nichtversicherte, alleinerziehende Mutter aus Iowa anwenden ließen?

Als wollte Jarvis dem alten Scherz gerecht werden, wonach ein Experte jemand ist, der immer mehr über immer weniger und am Ende schließlich alles über gar nichts weiß, wirft er einen Blick auf eine Unmenge verschiedener Branchen, von der Autoindustrie bis zu den Fluggesellschaft, vom Einzelhandel bis zu staatlichen Institutionen, kommt jedoch überall kaum über die oberflächlichste Analyse hinaus. Es gibt nur zwei Seiten über WikiLeaks (kaum verständlich bei einem Buch, das sich mit den Vorzügen von Öffentlichkeit befasst), und selbst diese zwei Seiten sind voller Gemeinplätze: Der WikiLeaks-Skandal beweise die „Banalität der Geheimhaltung“ und zeige, dass „die Regierung zu viel geheimhält“. Nach Jarvis lässt Julian Assange sich von einem Gesetz leiten, das lautet: „Einst hatte die Macht, wer etwas geheim halten konnte. Jetzt gewinnen jene die Macht, die für Transparenz sorgen.“

Aber was bedeutet das wirklich? Journalisten, NGOs und selbst Google sorgen auf die eine oder andere Weise für Transparenz. Haben sie deshalb auch mehr Macht? Was sagt die Enthüllung all der Diplomatenberichte durch WikiLeaks über die verlorene oder gewonnene Macht von Organisationen wie Human Rights Watch aus, die einerseits auf Geheimhaltung angewiesen sind, um in schwierigen Ländern arbeiten zu können, und zugleich Öffentlichkeit brauchen, um die Welt auf die schlimme Menschenrechtslage in diesen Ländern hinzuweisen? Dazu sagt Jarvis nichts. Wenn aufgrund von Gesetzesänderungen, die WikiLeaks ausgelöst hat, Wistleblower am Ende weitaus weniger gesetzlichen Schutz genießen, hieße das dann, dass auch sie mehr Macht gewonnen hätten?

Der Segen der Technologie

Die von Jarvis vorgetragenen Überlegungen zur Technologie zeigen nur wenig Konsistenz. Wann immer er etwas Positives darstellt, weist er das Verdienst daran instinktiv dem Internet zu. Das Internet ist der einzige Faktor, der für mehr Öffentlichkeit, mehr Demokratie, mehr Freiheit verantwortlich ist. Und immer wenn er sich dunkleren und schwierigeren Themen wie Diskriminierung oder Scham zuwendet, erklärt er, sie hätten nichts mit dem Internet zu tun und seien nur die Folge veralteter sozialer Sitten oder wirkungsloser Politik. In seiner Welt ist alles Gute technologisch und alles Schlechte sozial determiniert.

Dieser unsinnige analytische Rahmen zeigt sich am deutlichsten, wenn er den Verfechtern eines Schutzes der Privatsphäre vorwirft, sie wollten sich nicht mit fundamentaleren Problemen – wie sozialen Stigmata – auseinandersetzen, die weniger schwerwiegend sind, wenn man auf den Schutz der Privatsphäre pocht. Jarvis schreibt: „Eine größere Furcht bei der Offenlegung von Gesundheitsdaten betrifft das mit der Krankheit verbundene Stigma. Dieses Stigma ist mit großer Sicherheit ein Problem der Gesellschaft. Weshalb sollte jemand sich dafür schämen, krank zu sein?“ Dieselbe Logik wendet er auch auf Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung an: „Dass jemand sich schämt, als Homosexueller geoutet zu werden…, ist auch unsere Schuld. Wenn wir die Technologie für das Problem halten, laufen wir Gefahr, tiefere Mängel und wichtigere Lehren zu übersehen.“

Allerdings scheint Jarvis nicht zu sehen, dass die Öffentlichkeitsrhetorik auch genutzt werden könnte, um zu verhindern, dass man solche „tieferen Mängel und wichtigeren Lehren“ im Blick auf den wuchernden Sicherheitsstaat erkennt. „Wenn klar ist, dass gar keine Sicherheit keine Option darstellt, wofür würden Sie sich entscheiden?“ fragte er. „Für Körperscanner, Leibesvisitationen, Gesichtserkennung durch Überwachungskameras, mehr persönliche Daten auf den Reisedokumenten?“ Und sogleich teilt er uns mit, dass er gegen keines dieser Verfahren Einwände erhebt. Und er beschließt die Tirade mit einem Abschnitt, der die Überschrift trägt: „Öffentlichkeit schützt uns.“ Doch die Beweise für diese These bleibt er schuldig. Und warum, könnte man fragen, müssen wir unbedingt zwischen diesen Alternativen wählen? Warum sollten wir nicht lieber versuchen, den Terrorismus an seinen Wurzeln auszurotten, statt immer mehr Geld in Überwachungssysteme zu stecken und auf „Öffentlichkeit“ zu setzen? Wie es scheint, möchte Jarvis nur bei Problemen wie Scham und Diskriminierung an den Wurzeln ansetzen. Für alles andere gibt es rasche technische Lösungen.

Kritik an der Regulierung

Jarvis Rechtsverständnis ist ebenso unbedacht wie sein Technologieverständnis. Im Blick auf das vorgeschlagene „Do-Not-Track“-Gesetz, das es dem Nutzer ermöglichen soll, Online-Tracking auszuschließen, klagt er: „Dafür gibt es gar keinen echten Bedarf, da es bereits Tools gibt, mit denen man das Tracking verhindern kann.“ Wohin kann diese Logik uns führen? Sollten wir uns damit abfinden, dass die NSA unsere Telefone abhört, weil wir ja verschlüsselt miteinander reden können? Sollten wir zulassen, dass dubiose Lebensmittel in unseren Supermärkten angeboten werden, weil wir ja über Möglichkeiten verfügen, sie zu desinfizieren?

Es mag gute Gründe geben, gegen dieses Gesetz zu sein, doch Jarvis ist nicht daran interessiert, sich mit Freiheitsargumenten gegen Paternalismus oder mit Verbraucherschutz auseinanderzusetzen. „Der Versuch, neue Technologien im Blick auf schlechte Dinge zu regulieren, die möglicherweise geschehen könnten, ist deshalb problematisch, weil dadurch auch mögliche gute Folgen abgeschnitten würden“, schreibt er.

Das ist eine oft wiederholte Kritik am Vorsorgeprinzip, dem Gedanken nämlich, dass Technologien reguliert werden sollten, wenn eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass sie schädlich sein könnten. Jarvis lehnt es jedoch ab, diesen Gedanken detaillierter zu erörtern, wie er es auch ablehnt, irgendwelche Fragen zu erörtern, die nach staatlicher Politik, Philosophie oder Recht riechen. Es lässt sich kaum erkennen, ob er unfähig ist, solchen Fragen zu diskutieren, oder ob er lediglich befürchtet, dies sei nicht das ins Auge fallende Material, das er für seinen Blog haben möchte (in dem viele Ideen aus „Public Parts“ ursprünglich veröffentlicht wurden).

Der amerikanische Traum als Internettraum

Je mehr man von Jarvis liest, desto schwerer kann man sich des Eindrucks erwehren, dass er den Leser lediglich begeistern möchte, um dann weiterzugehen und die nächste coole Technologie in den Himmel zu heben. Man denke etwa an sein überschwängliches Lob für die „Open-Government-Bewegung“, eine Koalition aus Geeks und politischen Strebern, die darauf aus sind, staatliche Informationen online leichter verfügbar zu machen. Nachdem er erklärt hat, wie großartig das ist, verweist er kurz auf Lawrence Lessings vieldiskutierte These, wonach das blinde Streben nach staatlicher Transparenz Wähler abschrecken könnte – und dann lässt Jarvis die Frage fast ebenso abrupt fallen, wie er sie aufgegriffen hat. Diese Abneigung gegen philosophische Erwägungen ist zutiefst verantwortungslos. Ist Heuchelei in Demokratien ein unvermeidlicher Bestandteil des politischen Lebens, wie Judith Shklar und in jüngerer Zeit David Runciman behauptet haben? Werden Bemühungen um größere Offenheit und Transparenz bei Staat und Politikern den Staat und die Politik untergraben?

Auf solche Feinheiten lässt Jarvis sich nicht ein. Seine Welt ist einfach: „Abgesehen von Krieg, Kriminalität und dem Schutz des Einzelnen gibt es keinen Grund, weshalb Vertreter des Staates ihr Wissen vor der Öffentlichkeit verbergen sollten.“ Was ist mit Beratungen der Zentralbank über ihre Geldpolitik? Oder mit den Beratungen von Gerichten? Sollten sie in Echtzeit im Netz übertragen werden? Dazu sagt Jarvis nichts.

Er ist jedoch von seinen Ansichten hinreichen überzeugt, um die Ernennung von „Öffentlichkeitsbeauftragten“ zu fordern, die „das Volk in seinen Offenheitsinteressen vertreten“. Schließlich ist er der Anwalt des Volkes. Er weiß, was das Volk will, und das Volk kann sich nicht irren. In seinem ersten Buch erklärte Jarvis: „Wir brauchen keine Unternehmen, Institutionen oder Regierungen mehr, um uns zu organisieren.“ (Eine Ausnahme bildeten da offenbar sein Verlag, sein universitärer Arbeitgeber und die von ihm beratenen Kunden.) Heute ist er ebenso entgegenkommend im Blick auf seinen Populismus. Tatsächlich passen seine Vorstellungen bestens zu denen der Tea Party: „Öffentlichkeit ist ein Zeichen unserer auf Kosten [der Amtsinhaber] neu gewonnenen Macht. Diktatoren und Politiker, Medienmoguln und Marketingfachleute versuchen uns zu sagen, was wir denken und sagen sollen. Doch nun, in einer wahrhaft öffentlichen Gesellschaft, müssen sie auf das hören, was wir sagen, ob wir nun Twitter nutzen, um uns über ein Produkt zu beklagen, oder Facebook, um eine Protestveranstaltung zu organisieren.“

Solches Zeug muss bei basisorientierten Geeks großen Beifall finden. Aber warum sollte man die Möglichkeit ins Auge fassen, dass die Amtsinhaber vielleicht dieselben Mittel, nämlich die von Jarvis so verehrten Technologen, einsetzen, um uns zu sagen, was wir denken sollen, und zwar weitaus wirkungsvoller als jemals zuvor? Der Platz im Internet mag unendlich groß sein, die menschliche Aufmerksamkeit ist es nicht. Durch billigen Selbstverlag lassen sich die Chancen, gehört zu werden, marginal vergrößern, doch nichts an dieser neuen dezentralen Publikationsform lässt den Schluss zu, dass es alten Machtstrukturen unmöglich wäre, diese Form für ihre Zwecke einzusetzen – sofern sie denn schlau sind und überleben wollen. Was George Carlin über den amerikanischen Traum gesagt hat, gilt auch für den Internettraum, mit dem Cyberutopisten wie Jarvis hausieren gehen: Man muss schlafen, um ihn zu glauben.

Jarvis 1.0 und Jarvis 2.0

Für einen Menschen, der digitale Offenheit predigt, weiß Jarvis offenbar erstaunlich wenig über eine ihrer unvermeidlichen Konsequenzen: Die eigenen Fehler lassen sich weit besser finden und dokumentieren. Was Jarvis angeht, so wiederholt er unausweichlich, was er schon in seinem ersten Buch gesagt hat. Jarvis 1.0 schreibt: „Mein Leben ist ein offener Blog“, und Jarvis 2.0: „Mein Leben ist dieses offene Buch.“ Jarvis 1.0 erklärt: „Der Link verändert alles“, und Jarvis 2.0: „Der Link ist eine tiefgreifende Erfindung.“ Jarvis 1.0 zitiert David Weinberger (“Ein Zeitalter der Transparenz muss ein Zeitalter des Vergebens sein“) und Raymond Williams (“In Wirklichkeit gibt es Massen gar nicht, es gibt nur Weisen, Menschen als Massen zu betrachten“). Jarvis 2.0 zitiert die beiden ebenfalls, und zwar genau dieselben Zeilen. (Jarvis 1.0 glaubt, Williams’ Culture and Society wäre 1938 erschienen.) Jarvis 1.0 stützt sich bei seiner Argumentation auf das mikroökonomische Coase-Theorem und die Dunbar-Zahl (die Hauptnahrung positiven Internet-Denkens), und genau das tut auch Jarvis 2.0.

Es kann nicht überraschen, dass die Besetzung in beiden Büchern fast dieselbe ist. Die Liste der Kollegen unter den Internetgurus und Internetgläubigen, die in beiden Büchern auftauchen und dort wiederholen, was sie in allen anderen Internetbüchern sagen, ist zu lang, als dass ich sie hier vollständig wiedergeben könnte. Deshalb seien hier nur ein paar von ihnen genannt: Clay Shirky, Chris Anderson, Don Tapscott, Jay Rosen, Robert Scoble, Seth Godin, Nick Denton, Umair Haque, Arianna Huffington, Doc Searls, John Perry Barlow, Steven Johnson. Leider sagt Jarvis 2.0 nichts über Kevin Rose von Digg.com – von dem Jarvis 1.0 behauptet hatte, er sei „der neue Turner, Murdoch, Hearst – oder die neue Oprah“, was durchaus verständlich ist, da Digg.com zusammenbrach, kurz nachdem die Firma Jarvis’ Segen erhalten hatte. „Public Parts“ hat seinen eigenen Digg.com-Augenblick, wenn Jarvis geradezu atemlos die Vorzüge eines Internet-Startups namens Blippy preist, das auf der lächerlichen Annahme basiert, die Konsumenten wollten Informationen über ihre Kreditkartenkäufe austauschen. Jarvis meint: „Dieses Startup wird Sie umhauen.“ Doch das einzige, was Blippy bislang umgehauen hat, sind die Investoren, deren Geld die Firma verbrannt hat. Im Mai dieses Jahres hat die Firma ihre Hauptdienstleistung aufgegeben, doch davon erfährt man bei Jarvis nichts.

(Ein Internetguru wäre kein Internetguru, wenn er keine Thesen aufstellte, die seinen früher aufgestellten Thesen widersprechen. Man nehme etwa Google und die dort eingesetzten Algorithmen. Jarvis 1.0 lobte Google über alle Maßen. Jarvis 2.0 hat neue Freunde gewonnen, nämlich Facebook und Twitter. (Ein Internetintellektueller bleibt stets auf dem Laufenden.) Jarvis 1.0 schrieb: „Googles Ethik universeller Ermächtigung ist das gelegentlich vergessenen Ideal der Demokratie.“ Und er behauptete, das Unternehmen stelle »die Infrastruktur für eine Kultur der Wahl“ bereit, während „seine Algorithmen und sein Geschäftsmodell funktionieren, weil Google uns traut“. Jarvis 2.0 behauptet dagegen: „Durch unseren öffentlichen Austausch fordern wir Googles Maschinen heraus und fordern unsere Macht über das Internet von den Algorithmen zurück.“

Was ist aus dem Traum von Googles Algorithmendemokratie geworden, den Jarvis 1.0 so eifrig pries. Wie gelangte Jarvis 2.0 zu dem Schluss, die deutlichste Lektion, die das soziale Netz bereithalte, sei die Tatsache, „dass Menschen Beziehungen zu Menschen haben wollen, nicht zu Marken, Sprechern, Regeln, Robotern, Voicemails, Apparaten oder Algorithem“? (Mussten wir wirklich auf die Erfindung von Twitter warten, um zu wissen, dass Menschen lieber mit Menschen umgehen als mit Maschinen?) Natürlich verändern Menschen sich, und Ideen entwickeln sich, und es ist keineswegs falsch, seine Vorstellungen zu revidieren – solange man daraus kein Geheimnis macht. Jarvis vermittelt hier ein weit weniger respektables Bild. Bei ihm hat man den Eindruck, er hätte die Liebe zu Google verloren, als die Venturekapitalisten, die er auf Technologietagungen trifft und begrüßt, sich in Facebook und Twitter verliebten.

An der Seite einflussreicher Männer

Doch in einer wesentlichen Hinsicht bleibt Jarvis’ zweites Buch dem Geist des ersten treu. Man kann „Public Parts“ nur verstehen, wenn man das Buch als wortreiche Werbebroschüre für Jeff Jarvis liest, den Gedankenführer, Berater und internationalen Mysterienkenner. Die Broschüre – eine ausgeklügelte Übung in Eigenwerbung – steckt voller potenziell nützlicher Informationen. Wir erfahren, welches Honorar Jarvis für seine Vorträge und Reden erhält (bis zu 45.000 Dollar für weit entfernte Unternehmensauftritte) und welche Email-Adresse wir benutzen sollten, um ihm Beratungsaufträge anzubieten. Wir erfahren, dass Mark Zuckerberg ihn persönlich empfängt und dass er mit Größen aus der Wirtschaft Schulter an Schulter auf exklusiven Veranstaltungen hockt (Davos, Rupert Murdochs Rüstzeit für Unternehmen in Kalifornien, DLD-Konferenz in München). Wir wissen, dass es ihn nicht sonderlich um den Schlaf bringt, wenn er dubiose Branchen berät – er steht sich gut mit der Überwachungsbranche, und an einer bizarren Stelle in seinem Buch verteidigt er sogar die pharmazeutische Großindustrie. Außerdem hat er ein Kind im College. Sollten wir Jarvis dankbar für solche Offenheit sein?

Vielleicht soweit sein Streben nach Öffentlichkeit seine Referenzen als Clown erweitert. Ganz sicher soweit solche Offenheit uns dazu veranlasst, seine Vorstellungen und die seiner Genossen in der Cyberutopischen Internationale in Frage zu stellen. Wie Jarvis selbst schreibt: „Sag es einmal und du hast es für immer gesagt.“

Der Prototyp des Internetintellektuellen

Wenn es sich hier nur um einen isolierten Fall hyperventilierender Cybergelehrsamkeit handelte, gäbe es kaum einen Grund, sich allzu sehr über Private Parts aufzuregen. Aber der orakelhafte Jarvis spielt eine wichtige Rolle bei der Prägung unserer Art, das Internet zu sehen, auszugestalten und zu regulieren. (Wer an seinem Einfluss zweifelt, sollte sich einmal einen YouTube-Clip ansehen, auf dem er Nicolas Sarkozy kürzlich auf einer VIP-Veranstaltung in Paris wegen der Internetpolitik ins Gebet nimmt.)

In gewisser Weise ist er die Personifizierung des Internetintellektuellen.
Wie die meisten Internetintellektuellen ist Jarvis der Technologiemensch – der Nachfolger des Geschichtsmenschen in Bradburys Roman. Während der fiktive Howard Kirk den Hegelianismus und den Marxismus (vulgärster Prägung) benutzte, um alles durch den großartigen und unaufhaltsamen Gang der Geschichte zu erklären, verfügt Jarvis über einen anderen Bezugspunkt, ein anderes geheiligtes Telos: den ebenso großartigen und ebenso unaufhaltsamen Gang des Internet – in seinen Augen eine Technologie, die ihre eigenen Normen, ihre eigenen Gesetze und ihre eigenen Menschen hervorbringt. (Er sagt gerne: „wir, die Netzleute“.) Für den Technologiemenschen ist das Internet der Leim, der unsere globalisierte Welt zusammenhält, und das göttliche Numen, das sie mit Sinn erfüllt. Falls Sie dachten, der Ethnozentrismus wäre schlimm, wappnen Sie sich für den Internetzentrismus.

Heißt das, wir sollten das Internet – und die Technologie – vergessen, wenn wir erklären wollen, wie unsere Welt funktioniert? Natürlich nicht. Materielle Artefakte – und vor allem die Folgen ihrer Wechselwirkung mit Menschen, Ideen und anderen Artefakten – erhalten nur selten die gedankliche Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Aber aus der bloßen Anwesenheit solcher Artefakte in einer bestimmten Umgebung folgt noch nicht, dass sich diese Umgebung auf rein technologische Erklärungen reduzieren ließe. Wer überall die unsichtbare Hand des Internet »sieht«, ist auf dem besten Weg, seinen intellektuellen Halt zu verlieren. Dasselbe gilt für jemanden, der nur deshalb nach einfachen internetzentrischen Erklärungen greift, weil das lukrativ ist oder von der technophilen Crowd beklatscht wird. Die globale Reichweite des Internet ist kein Grund, dessen Standpunkt zur universellen Erklärung zu erheben. Solch ein Globalismus ist ein zutiefst provinzielles und faules Denken.

Warum wir wachsam sein sollten

Warum sollten wir uns über die wachsende Vorherrschaft solch eines Digitalismus Sorgen machen? Der Grund liegt auf der Hand. Weil internetfixierte Erklärungen alles andere beiseite drängen und unseren ganzen Wortschatz neu definierten. Zusammenarbeit wird neu interpretiert durch das Prisma von Wikipedia, Kommunikation durch das Prisma des Social Networking, demokratische Partizipation durch das Prisma des Crowdsourcing, Kosmopolitismus durch das Prisma des Lesens von Blogs exotischer „Anderer“, politische Erhebung durch das Prisma der so genannten Twitter-Revolutionen. Selbst die Verfolgung von Dissidenten wird als Verlängerung der Online-Zensur verstanden (statt umgekehrt). Im Blog des in Harvard beheimateten Herdictproject, das weltweit der Internetzensur nachgeht, konnte man kürzlich die Schlagzeile lesen: „Die Online-Zensur geht offline“. Wurden Aktivisten und Dissidenten vor Twitter und Facebook niemals malträtiert?

Natürlich kann man nicht leugnen, dass das Internet die Landschaft unserer Ideen und Vorstellungen verändert hat. Eine Zivilisation, die stolz darauf ist, eine Enzyklopädie wie Wikipedia zu schaffen, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit bestimmte Vorstellungen von demokratischer Partizipation, von Kooperation, von Forschung und Fachwissen und von der menschlichen Natur haben. (Der Titel einer 2009 gehaltenen Ansprache Yochai Benklers, des klügsten Internetutopisten und in mancherlei Hinsicht des Anti-Jarvis, erfasst sehr gut, worum es hier geht: „Nach dem Egoismus: Wikipedia 1 und Hobbes 0 bei Halbzeit.“) Die Ideen, die das Internet hervorbringt, sind ebenso wichtig wie das Internet selbst. Das ist ein weiterer Grund, weshalb man Internetintellektuelle wie Jarvis genau im Auge behalten sollte. Wenn wir ihnen nicht entgegentreten, gelingt es ihnen womöglich, uns davon zu überzeugen, dass wir tatsächlich in dem digitalen Wunderland ihrer Phantasie lebten.

Ein Tweet im Format eines Buchs

Doch solche Wachsamkeit fällt nicht leicht. Unseren Internetintellektuellen fehlt es an intellektuellem Ehrgeiz und an der nötigen Bildung, um ihr Denken mit früheren Traditionen der Gesellschafts- und Technologiekritik zu verknüpfen. Sie sind dringend auf die Vorstellung angewiesen, jeder ihrer Gedanken wäre völlig neu. Manchmal hat man den Eindruck, das intellektuelle Leben mache ihnen gar keinen Spaß. Sie lassen sich nie auf die mühsame Aufgabe ein, umfangreiche erklärende Artikel zu verfassen, in denen sie ihr Denken ausführlich entwickeln und begründen könnten und sich mit ihren Kritikern auseinandersetzen. Sie bloggen und twittern lieber, sie beraten andere Leute und halten Vorträge – Diskursformen, die ernsthafter Kritik nur selten zugänglich sind.

Natürlich schreiben sie auch Bücher. Doch wie Jeff Jarvis’ Beispiel zeigt, enthalten diese Bücher meist nur die Slogans, die sie in ihren lukrativeren und weniger strengen Formaten verbreiten. Sie ersetzen „das Beste, was gesagt und gedacht wurde“, durch das Beste, was gebloggt und getwittert worden ist.

Chuck Klosterman hat einmal gesagt: „Die Wertschätzung, die das Internet bei einem Menschen genießt, verhält sich proportional zu dem Wert, den dieser Mensch durch das Internet erhält.“ Internetintellektuelle erzählen Unternehmen und Regierungen gerne, was sie hören wollen – einschließlich jener Art von schlechten Nachrichten, die verkleidete gute Nachrichten sind. (Sie befinden sich in einem schlimmen Zustand, aber wenn Sie sich auf das Internet einlassen, werden all Ihre Probleme für immer gelöst sein.) Gelegentlich sind ihre Auftritte peinlich – Clay Shirkys Name fand sich auf der verachtungswürdigen Beraterliste des Gaddafi-Regimes. Aber dieses Risiko gehen sie ein. Und die Technologieunternehmen vergelten ihnen solche Gefälligkeiten. In der Einleitung zu Macrowikinomics – einem weiteren, jüngst erschienen Bestseller in der wuchernden Bibliothek der Technogelehrsamkeit – finden sich zahlreiche lobende Zitate der CEOs von Firmen wie Dell, Best Buy, Accenture, Dupont, Nike, Google und einem Dutzend anderer.

Warum solche Darstellungen auch beim breiteren Publikum beliebt sind, ist da schon rätselhafter. Es könnte sein, dass gewöhnlichen Menschen die surreale Wirrheit des Internet – Dinge wie WikiLeaks, Anonymous, Stuxnet, „Twitter-Revolutionen“ - so irrsinnig komplex und labyrintisch erscheinen, dass sie bereit sind, nach jeder Theorie oder Pseudotheorie oder theoretischen Erbauung zu greifen, die den Eindruck vermittelt, ein wenig Sinn in die verwirrende Situation zu bringen. Und wie könnte man solchen Sinn besser vorspiegeln als durch die Behauptung, die Quelle ihrer Verwirrung sei in Wirklichkeit Teil eines unaufhaltsamen historischen Prozesses, der seit Jahrhunderten voranschreite. Die meisten Internetintellektuellen wählen einfach einen beliebigen Punkt in der fernen Vergangenheit – die Ehre fällt in aller Regel der Erfindung des Buchdrucks zu – und ziehen eine gerade Linie von Gutenberg bis zu Zuckerberg, als hätte es die Gegenreformation, den Dreißigjährigen Krieg, den Terreur, die beiden Weltkriege und alles andere gar nicht gegeben.

Die willkürlichen Bezüge auf Gutenberg sollen den wild-ahistorischen Vorstellungen eine gewisse geschichtliche Würde verleihen. Die Unfähigkeit der Internetintellektuellen, die folgenschweren technologischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen der dazwischen liegenden Jahrhunderte zu berücksichtigen, fällt ins Auge. Trotz ihrer grandiosen Vorstellungen von der Technologie als Schlüssel für alle Rätsel des Lebens reicht ihr Blick nicht über ihre iPads hinaus. Und selbst ihr iPad interessiert sie nur als „Plattform“ - ein weiteres Schlagwort der Uninteressierten – und nicht als Artefakt, das unter fragwürdigen Bedingungen irgendwo in Ostasien zusammengebaut wird, um dann eine geradezu kultische Verehrung bei ihren glücklicheren Besitzern auszulösen. Der Mangel an elementarer intellektueller Neugier ist das Wesensmerkmal des Internetintellektuellen. Die Geschichte besteht nun einmal aus kleinen Dingen, doch kein Internetintellektueller möchte klein denken. Sie denken lieber groß – nachlässig, ignorant, hochtrabend und ohne den geringsten Sinn für den Unterschied zwischen kritischem Denken und Marktpropaganda.

Evgeny Morozov

Der 1984 in Weißrussland geborene Publizist Evgeny Morozov ist einer der prominentesten Internetskeptiker. Bekannt wurde er für seinen Widerspruch gegen die populäre Sichtweise, das Internet führe nahezu automatisch zum Sturz und zur Demokratisierung von autoritären Staaten. Unrechtsregime, so Morozov, könnten das Internet genauso effektiv für ihre Zwecke verwenden: zur Überwachung, zur Verbreitung nationalistischer Propaganda und zur Verfolgung von Dissidenten. Morozov ist derzeit Stipendiat an der Universität Stanford.

Der Text erschien zuerst in „The New Republic“ unter dem Titel „The Internet Intellectual“. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff.

Jeff Jarvis: „Public Parts: How Sharing in the Digital Age Improves the Way We Work and Live“, Simon & Schuster, 263 S., $26.99.

Quelle: FAZ.NET
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