Neue Leitung des Humboldforums

Buhmann der Debatte

Von Andreas Kilb
 - 15:29

Stellen wir uns vor, ein Kulturpolitiker hätte vor sechzehn Jahren vorgeschlagen, das Berliner Schloss wieder aufzubauen und den Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten als Leiter zu berufen. Hätte das Projekt im Bundestag damals jene Zweidrittelmehrheit bekommen, die das „Humboldtforum“ auf sich vereinigte? Wohl kaum. Aber genau das ist jetzt passiert: Das Schloss, ein Betonbau im barocken Fassadenkleid, wird nächstes Jahr fertig; und Hartmut Dorgerloh, seit 2002 Chef der Potsdamer Schlösserstiftung, wurde gestern zum Generalintendanten ernannt. Nur was das Humboldtforum im Inneren des riesigen Kastens eigentlich sein soll, ist immer noch nicht klar.

Die beteiligten Institutionen, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das Land Berlin und die Humboldt-Universität, haben ihre Claims abgesteckt: Die Preußen bekommen zwei Stockwerke für ihre ethnologischen Sammlungen, die Berliner ein halbes für ihre Stadtgeschichte, die Uni eine Nische für ihr „Humboldt-Labor“. Irgendwo dazwischen und zugleich über allem sitzt der Intendant. Er soll Wechselausstellungen organisieren, die den starren Parcours der Staatlichen Museen auflockern, er soll die Veranstaltungsebene im Erdgeschoss bespielen, und er soll einen Laden zusammenhalten, der schon jetzt nach allen Seiten auseinanderfällt. Dorgerlohs Aufgabe, anders gesagt, ist die Quadratur des Kreises: Er muss einem von Anfang an uneinheitlichen Projekt einen Anschein von Einheitlichkeit geben.

Seit neuestem unter Kolonialismusverdacht

Und das ist nur die technische Seite seines Intendantenamts. Die wahre Herausforderung liegt im Inhaltlichen. Man baut eben nicht ungestraft ein Schloss mit weltkulturellem Anspruch. Das Humboldtforum wollte den anderen Kulturnationen zeigen, wie man die Globalisierung in den Museumsbetrieb übersetzt. Statt dessen wird es zum Buhmann einer Debatte, die es selbst heraufbeschworen hat. Die „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“, die Dorgerloh öffentlich beschwört, steht seit neuestem unter Kolonialismusverdacht. Bei den Staatlichen Museen reagiert man auf die Kritik an den Planungen mit Betriebsamkeit. Während in den oberen Etagen des Schlosses die Installationen für die Objekte aus Kamerun, Togo, Tansania oder Benin schon montiert sind, fahnden entnervte Kuratoren fieberhaft nach der Herkunft ihrer Schätze.

Aber auch Dutzende von Stellen für Provenienzforschung werden das Humboldtforum nicht davor bewahren, zum Turnierplatz antikolonialer Aktivisten zu werden. Um die Stürme zu bestehen, die über seinem Haus aufziehen, braucht der neue Intendant mehr als die Unterstützung der Kulturstaatsministerin und ihrer Verbündeten: Er braucht die Gunst des Publikums. Dafür ist Dorgerloh geholt worden – für das Geschick, mit dem er die Schlösser der Potsdamer Stiftung der Allgemeinheit erschlossen hat. Ein Gespür für Popularität ist bei Kulturverwaltern ein seltenes Talent. Als Herr des Humboldtforums wird es Dorgerloh dringend brauchen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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