Zerplatzte Träume

Liefern kann im Grunde jeder

Von Christian Geyer
 - 12:26

Das ist eine wunderbare Idee: Die Zeitschrift „Neue Rundschau“ kündigt in ihrem neuen Heft an, künftig regelmäßig über „zerplatzte Träume“ berichten zu wollen. Der Schriftsteller Thomas von Steinaecker führt das Vorhaben mit den Worten ein: „Wir wollen wissen, warum. Warum wurden dieser Text, dieses Album, dieses Gebäude, diese Sinfonie, dieser Film, dieses Gemälde nichts? Warum endet eine Geschichte, die häufig so vielversprechend begann, manchmal jäh und manchmal erst nach jahrelangem, bitterem Kampf? Uns interessiert das Ringen. Das Hoffen und Bangen.“ Es ist ja richtig: Liefern kann im Grunde jeder. Im nicht-zu-Potte-kommen liegt die Kunst – und manchmal auch der Gewinn für den Kunden, dem das Schlimmste erspart geblieben wäre, wenn der Künstler rechtzeitig resigniert hätte. So oder so liegt der Reiz des Projektes, eine Reihe von „unabsichtlich unvollendeten Kunstwerken“ vorstellen zu wollen, in der eingenommenen Perspektive, in welcher die Erfüllung des Traumes dem Traum ganz äußerlich wird. Ist hier, im ungewissen Ausgang, der Traum nicht in der Tat ganz bei sich selbst?

Wer ihn lebt, setzt eine Parallelwelt frei, in welcher der Zwang von Ort und Zeit unterlaufen und ein richtiges Leben im falschen geführt werden kann: ringend, hoffend und bangend. Dort, im Hoffen und Bangen, entstehen die Motti, um derentwillen manche Bücher überhaupt erst geschrieben werden: „Für NN., mit der jeder Tag eine Freude ist.“ Hat umgekehrt nicht schon aufgehört zu träumen, wer seiner Abgabe (von Text, Album, Gebäude, Sinfonie, Film, Gemälde) ganz sicher ist? Solche den Traum korrumpierende Erwartungssicherheit stellt sich ein, wenn man durch die Erfahrung seiner Routine weiß, dass es am Ende noch immer gutgegangen ist. So jemand weiß: Ich werde liefern können, auf Biegen und Brechen meinetwegen, aber deswegen doch frei von Bangen und Hoffen und jedenfalls ganz ohne die entsetzlichen Übersprungs- handlungen, die sich im dräuenden Blick auf ein offenes Ende einzustellen pflegen. Da ist es mit Händen zu greifen: das Risiko, dass der Traum schneller ausgeträumt ist, als es dem Werk guttut.

Natürlich kann es nicht darum gehen, wie die „Neue Rundschau“ zu Recht unterstreicht, Kunst als Fristsache schlecht zu reden. In der Fristgerechtigkeit ihrer Herstellung zeigt sich der Profi. Doch ist das eben nur eine Facette handwerklichen Könnens. Die andere ist, den Amateur im Profi lebendig zu erhalten, den Liebenden, dem nichts gelingt, wenn nicht das innere Verhältnis zu seiner Sache stimmt, ob die Sache dann zur Abgabe kommt oder nicht. Wir rühren hier nicht zuletzt auch an eine Frage der Geschmackshygiene: Warum unbedingt alles raushauen wollen aus der Künstlerwerkstatt, nur weil es einmal vielversprechend begann? Warum einen Traum nicht freiwillig zurückziehen, bevor andere ihn platzen lassen? Jeder verhinderte Künstler sollte zur Schonung seines Publikums doch bitte cool bleiben und die Nerven behalten: Im Zweifel lebt es sich besser im Ruf des Traumtänzers als des Stümpers.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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