Nilüfer Göle im Gespräch

„Der Islam ist dabei, einheimisch zu werden“

Von Karen Krüger
 - 14:12
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Frau Göle, Sie haben vier Jahre lang Untersuchungen in Deutschland, Frankreich, England und anderen Ländern durchgeführt, bei denen Sie Menschen, die Sie „gewöhnliche Muslime“ nennen, danach gefragt haben, was den Islam in Europa ausmacht. Was verstehen Sie unter „gewöhnlichen Muslimen“?

Es sind integriert lebende Muslime, Angehörige der Mittelschicht. Sie fühlen sich als ganz gewöhnliche Bürger, und doch sind sie nicht gewöhnlich. Denn wer gewöhnlich ist, geht in der Mehrheitsgesellschaft unter. Diese Muslime aber fallen auf, da sie ihren Glauben im Alltag leben wollen. Als Konsequenz muss Europa sich damit auseinandersetzen, dass Symbolfiguren des Islam mitten im öffentlichen Leben in Erscheinung treten: etwa durch Moscheen oder durch das Kopftuch. Muslime und alteingesessene Bürger, von denen viele in Folge der Säkularisierung schon fast antireligiös sind, teilen sich denselben öffentlichen Raum. Das führt zu einer gewissen Nähe, aber es kommt nicht wirklich zu einer Verbindung, geschweige denn zu einer gegenseitigen Anerkennung.

Die Sichtbarkeit des Islam scheint ein großes Problem zu sein. Konflikte entzünden sich oftmals an Moscheebauprojekten oder am Kopftuch.

Für Unruhe sorgt nicht nur der religiöse Aspekt, sondern auch die Tatsache, dass mit den Migranten eine neue Welt inmitten der Gesellschaft angekommen ist. Ein Großteil der europäische Öffentlichkeit erwartet von Muslimen eine komplette kulturelle Assimilation.

Es ist also auch ein Konflikt um Kultur?

Es gibt eine große Ablehnung des Fremden, dabei steht der Islam ganz weit oben auf der Liste. Nicht nur bei Rechtspopulisten, sondern auch bei Intellektuellen aus dem linken Lager, bei Feministinnen und in Teilen der Homosexuellenbewegung. Sie haben gegen die Macht der Kirche gekämpft, um sexuelle Freiheit und Geschlechtergleichheit zu erreichen. Nun fühlen sie sich bedroht von der Rückkehr der Religion im öffentlichen Raum. Sie zeigen sich wenig gewillt, gemeinsam mit Muslimen neue Normen zu entwickeln.

Es fehlt an Offenheit? Immerhin wird viel über den Islam debattiert.

Ja, aber die Debatte entwickelt sich nicht so, dass wir aufeinander zugehen würden. Wenn es etwa um Fragen der Halal-Ernährung geht, wird schnell eine Diskussion über Tierrechte daraus. Die Religion wird ausgespart.

Die Mehrheitsgesellschaft bleibt zu sehr in ihren alten kultureller Grenzen?

Ja, und damit geht die Debatte an der Realität der Muslime vorbei. Denn sie leben ihre Religion längst nicht mehr so, wie ihre Eltern und Großeltern dies einmal taten. Das wollen sie auch gar nicht, denn sie nehmen sich als Teil der europäischen Kulturlandschaft wahr. Für die meisten steht deshalb außer Frage, dass sie sich einerseits nach den weltlichen Gesetzen richten, andererseits auch die islamischen Vorschriften zu überprüfen haben. Da sie hier als Muslime eine Minderheit bilden, ist ihr religiöses Handeln nicht selbstverständlich. Wer beispielsweise im europäischen Arbeitsalltag fünfmal täglich beten möchte, braucht eine Strategie. Deshalb gehen die jungen Muslime sehr reflektiert an ihren Glauben heran. Indem sie ihre Religion in den öffentlichen Raum einbringen, geben sie Europa einen neuen Farbton. Genauso verhält es sich mit europäischen Konvertiten. Der Islam ist dabei, einheimisch zu werden.

Wir erleben die Geburt eines spezifisch europäischen Islams?

Wir erleben, wie der Islam einen neuen Zuschnitt bekommt. Nicht durch politische Lenkung, sondern auf Alltagsebene, an der Basis.

Sie begreifen den öffentlichen Raum nach Hannah Arendt als einen Bereich für Auftritte. Sie verweisen darauf, dass sich nach Arendt diejenigen als Staatsbürger verhalten, die den Mut haben, ihren privaten Schutzbereich zu verlassen, sich zu zeigen und ihre Besonderheit darzustellen – wenn man handelt und öffentlich in Erscheinung tritt, wird man zum Staatsbürger.

Arendts Gedanken waren hilfreich um zu begreifen, was es für Muslime bedeutet, sichtbar zu sein, und wie Praktiken des Sehen und Gesehenwerdens das Miteinander mit der Mehrheitsgesellschaft beeinflussen. Die öffentliche Wahrnehmung islamischer Glaubensmerkmale unterscheidet sich oftmals eklatant von der subjektiven Bedeutung, die Muslime diesen selbst zuschreiben. Wenn eine Person den islamischen Ernährungsvorschriften folgt, dann ist das für diese Person normaler Alltag. Es wird aber schnell als Provokation oder sogar Aggression wahrgenommen.

Wie könnte man dem begegnen?

Es sollte besser abgewogen werden, wie man die Dinge benennt. In Frankreich war zunächst vom Kopftuch die Rede, dann vom islamischen Schleier. Irgendwann wurde nur noch über den Hijab debattiert, dann über die Burka. Warum wählte man diesen Begriff? Er ist nicht einmal in Afghanistan geläufig. Es ist aufschlussreich, welche Ausdrücke Eingang in die europäische Debatte finden.

Zuletzt ging es um den Burkini.

Diesen Begriff hat etwas sehr ironisches. Im Arabischen existiert das Wort nicht, es ist eine kulturelle Komposition aus Bikini und Burka, so wie auch europäische Muslime eine kulturelle Komposition verschiedener Einflüsse sind. Der Burkini stellt den orthodoxen Islam und dessen Regelwerk in Frage und ist für Musliminnen ein Weg, einen Platz im westlichen Freizeitverhalten einzunehmen. Auch der Burkini ist nicht aggressiv gemeint, stiftet aber viel Ressentiments. Denn unsere Norm möchte, dass Frauen am Strand Haut zeigen. Manches Fremde wird in Europa als exotisch angenommen, anderes als bedrohlich abgelehnt. Letzteres gilt für den Islam, der sich kulturell eben nicht so leicht wie anderes kannibalisieren lässt.

Mit Hannah Arendt gesprochen ist also auch das Tragen eines Burkinis für Musliminnen eine Art, sich als Staatsbürgerinnen zu behaupten? Dann wäre er alles andere als ein Ausdruck von Parallelgesellschaft.

Genau. Manche Leute fordern, Muslime sollten eigene Strände nutzen. Aber genau das würde ja das Ausbilden abgeschlossener Communities, was Muslimen immer wieder vorgeworfen wird, befördern. Seitdem es in Frankreich an öffentlichen Schulen ein Kopftuchverbot gibt, gehen viele muslimische Mädchen auf Privatschulen. Sie werden isoliert.

Welche Rolle spielen Ihrer Ansicht nach die Medien in der öffentlichen Debatte?

Die Debatte wird vor allem von Stimmen bestimmt, die den Islam orientalisieren und skandalisieren. Es überwiegt die Polarisierung, Unterschiede werden immer weiter überzeichnet, so als brauche die Öffentlichkeit ständig eine Steigerung. Es wird der Eindruck erweckt, die muslimische Realität bestehe einzig aus Radikalisierung, Dschihadismus und aus dem Leiden von Flüchtlingen. Aber die Wirklichkeit ist viel komplexer und kennt die Extreme weitaus weniger, als der Eindruck erweckt wird. Das ist ein Problem, da es so fast unmöglich wird, die integriert lebenden Muslime, die in allen europäischen Ländern die Mehrheit bilden, wahrzunehmen. Wir diskutieren über sie, aber wir kennen sie nicht. Wir beziehen sie zu wenig in die Debatte ein.

Worin liegen die Gründe für die Überzeichnung?

Je radikaler etwas ist, desto faszinierter sind wir. Gleichzeitig ist es dann einfacher, es abzulehnen. Man kann sich so leichter rückversichern, dass das fremde Andere uns nicht nah ist.

Die meisten Muslime in Deutschland sind türkischer Abstammung. Sie selbst sind Türkin und haben viel über die türkische Gesellschaft geforscht. Wendet sich das Land gerade von Europa ab?

Mit ihrem Ruf nach einem starken Führer und der Intoleranz gegenüber Kosmopolitismus orientiert die Türkei sich offenbar zunehmend an Osteuropa. Wir sehen nur noch Erdogan. Sein Team sehen wir nicht. Sogar Erdogans Freunde, die mit ihm die AKP gegründet haben, sind nicht mehr da.

Erdogan spricht gern von der „Neuen Türkei“, die mit ihm auf den Weg gebracht werde. Wie soll sie aussehen? Als die AKP 2002 an die Macht kam, sagten viele, Erdogan habe eine versteckte Agenda und wolle das Land in einen islamischen Staat verwandeln.

Ich habe nie daran geglaubt, dass es eine versteckte Agenda gibt. Ich war eine derjenigenen, die an den von Erdogans AKP angestoßenen Prozess der Demokratisierung glaubten. Ich glaubte daran, dass es möglich sein würde, einander religiöse und säkulare Empfindlichkeiten zu erklären, so dass sich die Gesellschaft für Pluralität öffnen kann. Etwa zehn Jahre lang hat es funktioniert. Doch dann setzte aus Gründen, die noch genau zu analysieren sind, eine Rückwärtsbewegung ein.

Türkische Oppositionelle geben auch Europa eine Mitschuld an der Rückwärtsbewegung.

An dieser These ist sicherlich etwas dran, wobei auch die Türkei Verantwortung trägt. Als die Verhandlungen mit der EU begannen, hat Europa die Türkei auf eine sehr emotionale Art ins Abseits gestellt. Damals wurden die Herzen von sehr vielen Menschen in der Türkei gebrochen. Denn sie dachten, sie gehörten schon lange zu Europa. Es gelang den türkische Verhandlungspartnern nicht, dieses Gefühl nach Europa zu transportieren. Im Gegenteil, die Debatten waren sehr kontraproduktiv. Gleichzeitig wurden von Seiten Europas viele Desinformationen verbreitet. Nehmen wir als Beispiel die Abschaffung der Todesstrafe im Jahr 2002. In Europa wurde dem kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei war das für die Türkei ein riesiger Schritt. Europäische Beobachter kommentierten, es handele sich lediglich um eine kosmetische Reform. Ich habe mich sehr schlecht gefühlt, als ich das hörte, denn es entsprach nicht den Tatsachen. Und nun, da Ankara die Todesstrafe wieder einführen möchte, regt Europa sich fürchterlich auf. Jetzt weiß ich auch nicht mehr weiter.

Derzeit konzentriert sich Ankara auf politische Säuberungen. Welche Rolle wird der Islam einnehmen, wenn das Ausschalten der Opposition abgeschlossen ist?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es auch um unterschiedliche Interpretationen der Religion geht. Die Bewegung von Fethullah Gülen ist eine religiöse. Sie hatte den Staat infiltriert, lange unter dem wohlwollendem Blick der Regierung. Dann aber wendete sich das Blatt, und nun sollen die Institutionen und die Gesellschaft wieder davon gesäubert werden.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Und welche Interpretation der Religion wird danach an Raum gewinnen? Immerhin ist ja Erdogan zutiefst religiös.

Vielleicht wird die Religion noch stärker betont werden, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Und gewiss wird es einen Versuch geben, den Islam auf eine bestimmte Art neu zu definieren. Ich hoffe, dass der Wandel des Islam in eine demokratische Richtung unterstützt wird. Ich sehe in der Türkei derzeit aber nicht das Element der Religion im Vordergund, sondern Nationalismus und vor allem Nativismus.

Was könnte Europa tun?

Die Möglichkeit dazu wurde leider verpasst. Es gab einen Moment dafür, aber es wurde nicht erkannt, wie entscheidend er war.

Wann waren Sie zuletzt in der Türkei?

Während des Putschversuchs war ich in Istanbul. Niemand wollte einen Staatsstreich, ich sah, wie die Leute sich den Panzern entgegenstellten. Wir dachten, es könnte der Beginn einer neuen demokratischen Ära sein. Aber die Zeichen stehen nun ganz anders. Ich hoffe, das ist nur vorübergehend und nicht strukturell.

Erdogan hat gesagt, der Putschversuch sei ein Geschenk Gottes.

Ja, das hat er gesagt. Unfassbar!

Nilüfer Göle wurde in Ankara geboren, lebt in Frankreich und lehrt Soziologie an der Pariser „Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales“.

Ihre Studie erschien unter dem Titel „Europäischer Islam. Muslime im Alltag“. Aus dem Französischen von Bertold Galli. Klaus Wagenbach Verlag, 304 Seiten, 24 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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