Nobelpreis für Medizin

Das tückische Versteckspiel der Viren

Von Barbara Hobom
 - 18:50
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Viren werden die Menschheit immer wieder aufs Neue als Krankheitserreger heimsuchen. Viele gefährliche Erreger haben zwar an Schrecken verloren, weil man sich mit Impfstoffen gegen sie schützen kann. Doch viele Viren sind bis heute nicht besiegt, andere tauchen in der menschlichen Population überraschend neu auf. Zu den herausragenden Pionieren der modernen Virusforschung gehören Harald zur Hausen sowie Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier, die für ihre wegweisenden Entdeckungen mit dem diesjährigen Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet worden sind. Zur Hausen hat herausgefunden, dass an der Entstehung des Gebärmutterhalskrebses der Frau und anderer anogenitaler Formen von Krebs bestimmte Varianten des Humanpapillomvirus ursächlich beteiligt sind. Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier haben den Erreger einer lebensgefährlichen Erkrankung, das Aidsvirus, entdeckt.

Der Gebärmutterhalskrebs ist die zweithäufigste schwere Krebserkrankung der Frau. Epidemiologische Studien hatten eine Übertragbarkeit dieser Art von Krebs nahegelegt, doch einen Erreger fand man zunächst nicht. Zur Hausen konzentrierte sich alsbald auf die Beobachtung, dass an den äußeren Geschlechtsorganen Warzen entstehen können, deren Auslöser offenbar übertragbar ist. Im entarteten Gewebe der Gebärmutter fand er zwar keine Viren, wohl aber zeigten sich bei bestimmten genitalen Warzen im Elektronenmikroskop virusartige Partikeln, Humanpapillomviren (HPV). Der Forscher isolierte das aus Desoxyribonukleinsäure bestehende Erbmaterial von Warzenviren und nutzte es für die Spurensuche nach Erregern im Gebärmutterhalskrebs und anderen Formen genitaler Tumore.

Viren als Krebsauslöser

Die ersten Ergebnisse waren enttäuschend. Zwar ließen sich mit den Gen-Sonden Humanpapillomviren in gutartigen Warzen nachweisen, nicht aber im Krebsgewebe. Zum Durchbruch kam es indessen, als zur Hausen und seine Forschergruppe unterschiedliche Varianten des Humanpapillomvirus fanden. Der richtige Schluss war schnell gezogen, denn bald zeigte sich, dass es harmlose und krebsfördernde Humanpapillomviren gibt. Die Varianten 16 und 18 ließen sich bei mehr als achtzig Prozent der Gewebeproben von Gebärmutterhalstumoren nachweisen. Die Forscher fanden weitere Humanpapillomviren mit onkogenem Potential, andere aber wirkten weniger stark krebsfördernd und noch andere konnten lediglich Warzen hervorrufen.

Zur Hausen und seine Mitarbeiter fanden heraus, warum manche Papillomviren Krebs verursachen können. Diese Viren bauen ihr Erbmaterial in das Genom der befallenen Zellen ein, so dass sie als Partikeln nicht mehr nachweisbar sind. Sie greifen mit Hilfe zweier Genprodukte (E6 und E7) in wichtige Kontrollsysteme ein, die die Zellen normalerweise vor unkontrollierter Teilung und Chromosomenschäden schützen. Da Virusinfektionen prinzipiell durch Impfstoffe zu verhindern sind, haben die Heidelberger und andere Forscher schon bald mit der Entwicklung von Impfstoffen begonnen. Vor kurzem sind solche Vakzinen zugelassen worden, mit denen man hofft, diese verbreitete Krebserkrankung der Frau besiegen zu können.

Die Suche nach dem Aids-Erreger

Als 1981 in New York und in Kalifornien junge, bislang völlig gesunde Männer an schwersten Infektionen und vielfältigen anderen Symptomen erkrankten und bald starben, standen die Ärzte vor einem Rätsel. Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier griffen die Herausforderung auf und begaben sich auf die Suche nach einem Erreger. Da vor allem die als T-Lymphozyten bezeichneten Immunzellen und die Lymphknoten insgesamt in Mitleidenschaft gezogen waren, vermuteten sie zunächst eine neue Variante eines als Human-T-Zell-Leukämie-Virus (HTLV) bekannten Erregers, zumal sie in der die infizierten Zellen umgebenden Flüssigkeit ein Enzym, die Reverse Transkriptase, nachweisen konnten.

Diese ist für Retroviren charakteristisch. Sie stießen in infizierten T-Zellen schließlich auf einen Verwandten dieser Viren, der bislang jedoch völlig unbekannt war. 1983 identifizierten sie den neuen Erreger. Sie nannten ihn Lymphadenopathie-assoziiertes Virus, LAV, da er mit einer Lymphknotenerkrankung einherging. Ihre Entdeckung wurde zum Durchbruch für die Aidsforschung. Wenig später hatte auch Robert Gallo von den amerikanischen National Institutes of Health bei Aidspatienten einen Erreger ausgemacht, den er HTLV-III nannte. Gutachter kamen zu dem Schluss, dass es sich um ein und denselben Erreger handelt, dem man nun den Namen Humanimmundefizienzvirus, HIV, gab.

Ein Impfstoff steht immer noch aus

Der Aidserreger hat sich als besonders tückisch erwiesen. Er baut sein Erbmaterial in das Genom einer befallenen Zelle ein, so dass ein Infizierter schwerlich jemals wieder von dem Erreger befreit werden kann. Außerdem ändert das Virus ständig seine äußere Gestalt. Das Immunsystem kann daher mit der Abwehr nicht Schritt halten. Kaum war der Erreger identifiziert, konnten jedoch Tests zu seinem Nachweis entwickelt werden. Dadurch ließen sich infizierte Personen identifizieren, Blutprodukte untersuchen und so wieder sicherer machen und vor allem antivirale Medikamente entwickeln, die den Ausbruch der tödlichen Immunschwäche verhindern. Das hat die Zahl der Aidsopfer erheblich gesenkt, doch sind derzeit mehr als drei Millionen Menschen infiziert. Ein Impfstoff ist trotz großer Bemühungen noch nicht in Sicht.

Harald zur Hausen, 1936 in Gelsenkirchen geboren, wurde nach dem Studium der Biologie und Medizin in Düsseldof promoviert. 1969 habilitierte er sich in Würzburg für das Fach Virologie, und von 1983 bis 2003 leitete er das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Françoise Barré-Sinoussi, Jahrgang 1947, hat Biochemie studiert und sich dann am Institut Pasteur in Paris der Virologie zugewandt. Sie leitet dort die Retrovirus-Abteilung.

Luc Montagnier, geboren 1932, wurde nach einem naturwissenschaftlichen Studium in Medizin promoviert. 1972 gründete er die Abteilung für Virale Onkologie am Institut Pasteur.

Quelle: F.A.Z.
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