Nofretete-Ausstellung in Berlin

Auge in Auge mit der Pharaonin

Von Dieter Bartetzko
 - 11:16
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„Jahr 16, 3. Monat, Tag 15“. Diese lapidaren Zeilen elektrisierten im Frühjahr 2012 niederländische Archäologen. Von morgen an, wenn die große Nofretete-Ausstellung im Berliner Neuen Museum eröffnet ist, dürften sie Tausenden Besuchern ins Auge und so manchem Ägyptologen ins Konzept stechen. Denn die lapidare Datumsangabe ist der Anfang einer Urkunde, in der Nofretete gemeinsam mit ihrem Gatten genannt wird. Im sechzehnten Jahr der Regierung des „Ketzerpharaos“, wohlgemerkt.

Das ist eine Sensation. Denn bisher fand sich nach dem zwölften Regierungsjahr Echnatons keine einzige Erwähnung der Nofretete mehr. Sie sei, so die bisherigen Vermutung, vier Jahre vor ihrem Gemahl gestorben, vielleicht der Pest zum Opfer gefallen, die damals in Ägypten wütete. Oder, so eine weitere Spekulation, Nofretete, die statt eines Thronfolgers nur Mädchen - insgesamt sechs - zur Welt brachte, sei verstoßen worden und habe als namenloser Schatten im Nordpalast von Achetaton (heute: Amarna), Echnatons neuer Hauptstadt, ihre Tage beschlossen.

Des Pharaos nervöse Züge

Im Steinbruch Dayr Abu Hinnis, wo man vor dreitausend Jahren Material für Echnatons neue Stadt produzierte, wurde nun die Inschrift gefunden. Wie Nofretete im „Jahr 16“ ausgesehen haben könnte, zeigt eine Statuette, die ein Glanzstück der Ausstellung ist. Aus kristallin flirrendem Kalkstein gemeißelt, zeigt sie eine gebeugte ältere Frau, das Gesicht, noch immer berauschend schön, ist von Falten gezeichnet, die Brüste sind erschlafft, der Bauch ist es ebenso, doch der charakteristische zerbrechliche Schwanenhals trägt noch immer einen stolz gereckten Kopf. Man möchte den Blick nicht abwenden von diesem kleinen Kunstwerk, das alles, was die Spätphase der „Amarna-Kunst“ so köstlich macht, in Perfektion bietet: Lebensnähe und Abstraktion, Idealisierung und Wahrheitstreue, Stilisierung und Natürlichkeit in delikatem Gleichgewicht.

Doch die Schau stellt weder dieses Figürchen noch die weltberühmte Büste, deren hundertjähriges Ausgrabungsjubiläum ihr Anlass ist, in den Mittelpunkt. Den nimmt, dramatisch in einer wandhohen Nische plaziert und beleuchtet, eine Büste des Echnaton ein. Gleicher Fundort, gleiche Maße, gleiches Material: Berlins Experten sind sicher, dass dieses Porträt das Pendant zur Schönen mit der blauen Krone ist. Doch welch ein erschreckender Unterschied: Echnatons Gesicht ist grauenhaft entstellt, brutal zerschlagen wohl von denen, die im Auftrag der Nachfolger eine „Damnatio memoriae“ vollzogen, die Auslöschung des Andenkens dieses Herrschers, der mit seinem Atons-Kult, dem monotheistischen Sonnengottglauben, die Welt der Menschen und Götter auf den Kopf gestellt hatte.

Für die Ausstellung sind die abgeschlagene Kinn- und untere Mundpartie ergänzt worden. Doch das ändert wenig an dem Schreckensbild, über dem die legendäre haubenartige „Blaue Krone“ Echnatons sitzt wie ein Schandmal oder eine Narrenkappe. Nur die Schultern mit einem Halskragen und der Hals tragen noch Reste der ursprünglichen Bemalung und erinnern damit an die schöne Nofretete. Wie Echnatons Büste ausgesehen hat, zeigt eine zweite, vom Louvre ausgeliehene Büste von annähernd gleichen Dimensionen. Auf ihr sind deutlich die nervösen Züge des Pharaos zu sehen, die einige seiner im Neuen Museum verwahrten Porträtköpfe so faszinierend machen und Thomas Mann in seiner „Joseph-Tetralogie“ dazu inspirierten, ihn als von einem „etwas ausgeblühten Geschlecht“ und „beunruhigender Anziehungskraft“ zu beschreiben.

Die Grenze des Grotesken streifend

Eigentlich tragen alle Statuen und Büsten, die Ludwig Borchardt am 6. Dezember 1912 in der mutmaßlichen Werkstatt des Hofbildhauers Thutmosis in Achetaton entdeckte, solche Anzeichen: Wie immer rührt die zerbrechliche Schönheit der Prinzessinnen mit ihren sonderbar lang-runden Hinterköpfen, die dennoch nicht wie ein körperlicher Makel, sondern als exzentrischer Reiz wirken. Wie immer bannt das winzige, vor Energie vibrierende und noch im Alter bestechend schöne Gesicht der Teje, der Mutter des Echnaton. Und wie immer steht man fassungslos vor den gipsernen Gesichtsmasken, aus denen uns Antlitze von einer derart verblüffenden Individualität anschauen, dass die 3360 Jahre, die uns von diesen Adligen, Höflingen oder Bürgern Achetatons trennen, zum Nichts zu schrumpfen scheinen.

Das alles aber steht in Berlin seit Jahrzehnten zur Verfügung. Es wäre zu wenig, um eine spektakuläre Ausstellung zu füllen. Zwei Schritte hinter dem mächtigen, sanft gelb glühenden Sonnenkeil, der das Motto „Im Licht von Amarna“ symbolisiert, sieht man, dass auch Unvertrautes geboten wird: Da ist zum Beispiel eine der Gründungsstelen, die Echnaton und Nofretete an den Rändern jener Hauptstadt, die sie in einer Wüstenebene am Ufer des Nil zu bauen beschlossen, in den Fels meißeln ließen. Überwältigend riesig ragt sie auf, bekrönt von einem Relief des Königspaars, das noch jenen expressiven, die Grenze des Grotesken streifenden Stil zeigt, der die Anfangsphase der neuen Kunst prägte: bizarr aufgedunsene Oberschenkel und Bäuche, lächerlich dünne Wespentaillen, negroide Lippen, spindeldünne Fesseln.

Flankiert wird das von Hieroglyphen übersäte Gebilde von zwei Doppelstatuen, die gleichfalls Echnaton und Nofretete wiedergeben. Die Originale in Amarna sind längst verstümmelt, andere verschollen. Doch die in den zwanziger Jahren angefertigten Abgüsse genügen, um ahnen zu lassen, was es bedeutet haben muss, wenn Untertanen und Staatsgäste, ehe sie die Stadtgrenze überschritten, schon Auge in Auge den strengen Majestäten gegenüberstanden, die dort inmitten von Aton-Tempeln und Palästen regierten.

Achetatons meisterhafte Bildhauer

Majestätisch im höchsten, einschüchternden Sinne (so wie die gigantischen, infolge des Lichtkults dachlosen Aton-Tempel, deren größten in Berlin ein Modell zeigt) muss dieses „Hohe Paar“ gewesen sein. Denn neben den populären, bezaubernd lieblichen und intimen Darstellungen der beiden und der Ihren finden sich andere, die Gestalt werden lassen, was der Katalog als Allmacht einer „Heiligen Trias“ bezeichnet, die Echnaton an die Stelle der alten Götter setzte: zuoberst Aton, der alles erschaffende gesichtslose Lichtgott, als dessen Stellvertreter und einziger Vermittler auf Erden Pharao Echnaton gottgleich regierte, unterstützt von seiner gottgleichen Gattin, die lebender Inbegriff der Fruchtbarkeit war.

Von dieser einzigartigen Machtstellung kündet ein Porträtkopf Nofretetes aus grauem Granit, unnahbar, herrisch, herb. Er, seit den zwanziger Jahren als Einzelstück in Berlin, war, wie Nachgrabungen in den neunziger Jahren ergaben, Teil einer kolossalen Sitzgruppe, die Echnaton und die Königin gleich groß Seite an Seite thronend wiedergab. Es muss viele solche bezwingenden Kolossalstatuen aus „ewigem“ unantastbarem Granit gegeben haben, das bezeugen Fragmente, die gleichfalls in den Neunzigern und noch bei jüngsten Grabungen in den Tempeln Achetatons gefunden wurden. Einige dieser Torsi sind in Berlin zu sehen, nebst Hunderten Bruchstücken hinreißenden Kunsthandwerks: Majoliken und Einlegearbeiten in schimmerndem Türkis, Sonnengelb und dem berühmten „Amarnablau“, das so durchscheinend und verletzlich wirkt wie der (ausgestorbene) „Blaue Lotos“, die Wappenblume Altägyptens.

Wie meisterhaft die Bildhauer Achetatons ihre Kunst ausübten, wird selbst in diesen kümmerlichen Resten noch offenbar. Minutenlang steht man vor einem Kalksteinsplitter, dessen seidenglatt geschliffene Oberfläche sofort wiedererkennbar den sensiblen Mund und die scharf geschnittene Nase Echnatons zeigt. Acht Zentimeter lang ist das Bruchstück, nur fünf Zentimeter breit - und fesselt doch so wie einige Schritte weiter ein winziger wohlgeformter Finger, der das letzte Überbleibsel einer Statuette ist.

Ausgeburt eines Machtdeliriums und Größenwahnsinns?

Die erwähnte Echnaton-Büste des Louvre ist in Berlin präsent als 3D-Computerreplik des Originals - das ist längst so fragil, dass man es nur in äußersten Notfällen zu bewegen wagt. Dasselbe trifft auf die Nofretete-Büste zu - und war auf der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung auch wieder zu hören. Selbstverständlich im Zusammenhang mit den unvermeidlichen Fragen nach den Rückgabeforderungen Ägyptens. Mit einem salomonischen „Sie gehört allen“ beendete Generaldirektor Bertram Eissenhauer die Debatte. Zu Recht: Berlin ist Treuhänder der Nofretete - und Beschützer. Unvorstellbar, was ihr 2011 bei der Stürmung des Nationalmuseums in Kairo hätte widerfahren können, was ihr während der momentanen Unruhen geschehen könnte und was, eingedenk der Buddhas von Bamijan, bei einem Sieg fundamentalistischer Bilderstürmer.

Weniger salomonisch agierte Friedrike Seyfried, die Direktorin des Ägyptischen Museums: „Mich interessieren die Mumien nicht“, antwortete sie auf Fragen nach den DNA-Untersuchungen des letzten Jahres, die ergaben, dass die Eltern von Echnatons Nachfolger Tutanchamun Geschwister gewesen sind. Ein ehrenwerter Standpunkt, denn damit distanziert sie sich von den hanebüchenen Spekulationen und verschwitzten Phantasien über pharaonischen Inzest und Geschlechtertausch, die Nofretete zum König oder eventuell einen jungen Mann namens Semenchkare zur „Gemahlin“ Echnatons gemacht haben. Aber mit ihrem kategorischen Urteil wendet die Direktorin auch den Rätseln dieser Ära den Rücken zu: Unbestreitbar oft sind Männer und Frauen in dieser Kunst kaum oder gar nicht zu unterscheiden, unverkennbar sind erotischer Aspekt und Bruch mit Tabus. Zeichen und Folge der neuen Aton-Religion, die zumindest für den Pharao als ihren Schöpfer alle Grenzen aufhob? Zugespitztes Darstellen einer alles ergreifenden Botschaft von Liebe und Güte?

Oder ist die Amarna-Kunst Ausgeburt eines Machtdeliriums und Größenwahnsinns, der Echnaton als Enkel und Sohn von Pharaonen ergriff, die nie zuvor gekannte Machtfülle und Reichtum geschaffen hatten? In einer Ausstellung, deren Ziel die Aufklärung über diese rätselhafte und wunderschöne Kunst ist, sollte auch auf diese Fragen „das Licht des Aton“ fallen.

Im Licht von Amarna. 100 Jahre Fund der Nofretete. Im Neuen Museum Berlin; bis 13. April 2013.

Quelle: F.A.Z.
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