NSA-Skandal

Der verwettete Mensch

Von Frank Schirrmacher
 - 08:00

Die NSA-Abhöraffäre markiert nicht die Verletzung der Grenzen zwischen ziviler und militärischer Welt; sie ist das Datum ihrer endgültigen Verschmelzung. Hier sind nicht zwei sonst sorgfältig voneinander geschiedene Institutionen gewissermaßen beim Seitensprung ertappt worden. Hier wurde eine Ehe fürs Leben geschlossen.

Das ist nicht Orwell. Orwell ist vergleichsweise leicht: Ein totalitäres System und die Bedürfnisse des freiheitsliebenden Menschen sind leicht auseinanderzuhalten.

Ein letzter Mosaikstein

Was wir erleben und wofür die NSA-Enthüllung nur den letzten Mosaikstein bildet, ist eine Symbiose kommerzieller und militärischer Rationalität. In ihr verschmelzen Kriterien des persönlichen Nutzens mit denen der militärischen Feindaufklärung: auf der einen Seite der Effizienzgewinn durch Google-Earth, die jedem Einzelnen einen Feldherrnhügel bei der Navigation in der modernen Welt verschafft; auf der anderen Seite ein Unternehmen, das Autos losschickt, um jedes einzelne Haus des Planeten zu fotografieren und, wie man sich erinnert, nebenher Wireless-Lan-Daten abzuschöpfen; und das gerne auch mal einen Direktor der NSA für das eigene Unternehmen abwirbt.

Die Verstörung über Edward Snowdens Enthüllung ist keine darüber, dass jemand wie bei Watergate in Apartments einbricht und Wanzen, nicht einmal Trojaner installiert. Es ist der Schock darüber, wohin uns die Marktautomaten der Informationsökonomie zielsicher navigiert haben: in die Welt von Doppelagenten, die uns Suchergebnisse, Bücher, Freundschaften oder auch nur einen Arzttermin verschaffen und im Gegenzug jeden einzelnen unserer Schritte aufzeichnen, speichern und weitermelden.

Was interessiert die NSA?

Es mag sein, dass die NSA einige hochspezifische Anforderungen an die Digital-Industrie zur Terrorabwehr hatte; plausibler ist, worauf Constanze Kurz angesichts der astronomischen Datenmengen hinwies: dass die Aktion ebenso von Wirtschaftsspionage motiviert ist. Aber die entscheidende und völlig unbeantwortete Frage lautet: Beginnt sich die NSA für einen zu interessieren, weil sie Informationen aus dritter Hand hat - oder weil sie liest, hackt und aggregiert, was von uns ohnehin auf Facebook und im Netz vorhanden ist? Digitale Börsen-, Kommunikations- und Geheimdienstsysteme wollen nicht wissen, was war oder was ist, sondern was sein wird. Sie wollen Risiken einpreisen und minimieren: vom Aktienkurs über die Kreditwürdigkeit, die Gesundheitsprognose bis hin zur Frage, ob man im Begriff ist, ein Verbrechen zu begehen.

“Wir wissen, was sie morgen tun werden.“ Der Satz stammt eben nicht von der NSA, sondern vom Chef der „Fair Isaac Corporation“, jener Firma, die einst das Kredit-Scoring erfand und es nun ans digitale Zeitalter „angepasst“ hat.

Die Wurzeln von Big Data

Die Verschmelzung der militärischen und ökonomischen Sphären hat eine neue gesellschaftliche DNA geschaffen, in der private Wirtschaftsunternehmen mit militärischer Rationalität und Präzision Daten produzieren können und militärische und geheimdienstliche Bürokratien sie nach privatwirtschaftlichen Effizienz- und Risikokriterien verwerten dürfen.

Big Data beispielsweise, der Inbegriff der neuen Unternehmenskultur, wird bekanntlich gerade als das nächste ganz große Ding von Amazon bis IBM weltweit annonciert und implementiert. Tatsächlich handelt es sich bei Big Data aber nicht um eine Innovation, sondern um die Transformation eines militärischen Projekts in ein ökonomisches. Das Einzige, was neu ist, ist die Dimension des Unterfangens, die wiederum nur von den Kosten des digitalen Speichers und dem Vernetzungsgrad der Gesellschaft abhängt.

Paul Brackens 1983 (!) erschienener Klassiker über „Kommando und Kontrolle der Nuklearen Streitkräfte“ liest sich wie eine Werbebroschüre der Big-Data-Industrie. Computertechnologie, so Bracken vor dreißig Jahren, mache es jetzt möglich, Myriaden von Datenfragmenten des Feindes zu sammeln, auszuwerten und zu aggregieren. Damit ist auch die Zeit der Superspione vorbei, denn die ganz großen Geheimnisse werden, so Brackens Diagnose, viel präziser durch die Analyse der alleralltäglichsten Routinen in der Informationsökologie entschlüsselt.

Militärische Logik für den Absatz

Was das bedeuten kann, sagt, viele Jahrzehnte bevor eine amerikanische Supermarktkette herausfindet, dass der plötzliche Kauf von unparfümierter Body-Milk (3. Monat) und von Vitamintabletten (5. Monat) auf die Schwangerschaft der Käuferin schließen lässt, am 10. August 1982 Admiral Noel Gaylor: „Wenn wir die Kommunikation von Wäschereien in sowjetischen Häfen überwachen könnten, hätten wir gute Hinweise auf das Aus- und Einlaufen russischer U-Boote.“

Doch die Implementierung militärischer Überwachungsrationalität in unser ziviles Leben ist nur die eine und durchaus akzeptierte Seite der Verschmelzung. Die andere Seite ist die Ökonomisierung von Überwachen und Strafen durch die militärische und geheimdienstliche Bürokratie. Drei Sätze dazu: „Wir konzentrieren uns zu sehr auf unser handwerkliches Können als auf unsere Kunden, Partner und Stakeholder.“ Gefordert sei, die „Transformation“ des Unternehmens „von einem Monopol des industriellen Zeitalters zu einer Organisationsform des Informationszeitalters, die in Wettbewerbsmärkte eingetreten ist“. Sie müsse „das Internet als einen Kraft-Verstärker umarmen“, als ein Vehikel, „um zahllose Exzellenz-Zentren mit Mitarbeitern auf der ganzen Welt“ zu schaffen. Die Sätze stammen nicht von Chrysler oder den deutschen Zeitungsverlegern, sondern aus dem Gründungsmanifest, mit dem im Jahre 1999 der damalige NSA-Direktor Michael Hayden die Sicherheitsbehörde neu organisierte.

Neu sind die Weisen der Aggregation

Wo Privatunternehmen ihre Produkte partiell geheimdienstlich und Geheimdienste ihre Produkte partiell privatwirtschaftlich herstellen, ist der Begriff der „Informationsökonomie“ und „Wissensgesellschaft“ endgültig bei sich selbst angekommen. Tatsächlich spricht die NSA gerne und oft von ihrem „Produkt“ und nicht von Informationen, während umgekehrt fast schon die Autoverkäufer nicht mehr von Autos, sondern von Informationssystemen reden.

Neu ist nicht, dass die NSA menschliche Kommunikation überwacht; neu ist, dass durch die Verschmelzung der Sphären die Auswertung, Aggregation und Verwendung der Daten ökonomisch organisiert sind.

Das verändert die Lage vollständig. Darum ist Orwells „1984“, das gerade die Bestsellerliste zurückerobert, auch ein irreführendes Modell. Zu „1984“ als dem ganz Anderen kann man sich verhalten. Denn die Überwachungssysteme Orwells wie auch die im „Leben der Anderen“ sind ideologisch und totalitär. „Big Brother“ will die Persönlichkeit auslöschen und gibt erst Ruhe, als Winston seine Liebe aus Angst vor Folter verrät.

Wer nicht mitmacht, ist verdächtig

Wo Überwachung aber Bestandteil fast aller sozialen und ökonomischen Transaktionen geworden ist, die einem massive Vorteile auch auf sozialen „Wettbewerbsmärkten“ verschafft (sonst würde man beispielsweise sein GPS sofort abschalten), geht das nur unter Preisgabe der eigenen Lebenschancen. Warum sollt man das tun, wo im schlimmsten Fall nervige Werbung droht?

Doch mittlerweile droht nicht nur Werbung, sondern Verdacht. Nicht zufällig stellt Eric Schmidt, der Aufsichtsratschef von Google, in seinem neuen Buch die Frage, ob Staaten erlauben und Unternehmen akzeptieren können, dass sich Bürger der digitalen Kommunikation verweigern. Er sagt „Listen“ voraus (ohne mit ihnen zu sympathisieren!), durch welche diejenigen, die nicht mitmachen und das Opt-out wählen, gerade verdächtig werden.

Dinge, die uns beobachten

Überwachung als Bestandteil der Informationsgesellschaft verhindert ohne Zweifel Verbrechen und Terroranschläge. Sie verhindert aber auch, wie Stephen Baker gezeigt hat, dass die angeblich falschen Leute Kredite bekommen oder Karriere machen. Überwachung in der Gesellschaft der Zukunft ist eine gigantische Risikoeinpreisungsmaschine, die buchstäblich alles bewertet und hochrechnet. Vor ein paar Wochen hat Gordon Bell, Chef-Techniker bei Microsoft, hymnisch die nächste Vollkommenheitsstufe dieser Welt beschrieben.

Im „Internet der Dinge“ wird jeder Gegenstand, vom Toaster bis zur Türklingel, seine eigene IP-Adresse (und seine eigene Facebook-Seite) haben. „Alles wird eine Identität haben“, sagt Bell, und alles wird in Echtzeit den Versicherungsunternehmen seine eigenen Versagensrisiken übermitteln. Unnötig hinzuzufügen, dass auch, wie in unserem verzeichneten Leben, nichts mehr verloren gehen wird.

Bis in die letzen Winkel

Philip Bobbitt, früheres Mitglied des Nationalen Sicherheitsrats und Befürworter des „Informationsmarktstaates“, der im Wesentlichen ein Überwachungsstaat ist, hat aus eigener Anschauung berichtet, dass die Fähigkeit der NSA, menschliche Kommunikationssignale in Echtzeit aufzuzeichnen und auszuwerten, ziemlich genau der Fähigkeit moderner Staaten entspricht, internationale Geldströme zu verfolgen. Und Geoff Hollingworth von Ericsson prognostiziert im Gespräch mit Gordon Bell, dass die neue technologische Zivilisation eine einzige riesige Börse wird: „Dinge . . . sind Algorithmen, und sie wetten gegeneinander.“

Der NSA-Skandal wird, wie die Dinge liegen, in den USA wenig Aufregung erzeugen und in Europa mit einer Mischung aus Resignation und Appeasement murrend hingenommen werden. Das liegt daran, dass die Gesellschaft immer noch in den Mustern George Orwells denkt. Mag sein, sagt sich der zeitungslesende Mensch, dass die NSA Milliarden Daten gelesen hat, aber es ist offenbar noch nicht einmal ein Dutzend unschuldig verhaftet worden. Mag sein, irgendwelche Personalchefs, Kreditgeber oder Krankenkassen screenen unsere Zukunft, aber gemerkt haben wir das nicht. So etwa setzt sich das Sedativum zusammen.

Daten als Prognosen über unser Leben

Doch man verkennt das Wesen dieser wahrhaft Faustschen Wette, in die der Zivilist im einundzwanzigsten Jahrhundert eingetreten ist. Persönliche Daten haben nichts mehr mit Name, Adresse, Alter und Geschlecht zu tun - all das lässt sich mittlerweile in manchmal nur drei Schritten herausfinden. Daten im einundzwanzigsten Jahrhundert sind Erzählungen über unsere Zukunft, die wir nicht kennen. Nicht die Daten in unserem Pass sind, wie sich mittlerweile herumgesprochen haben dürfte, die Hintertreppe in unsere Seele, sondern deren Kombination zu neuen Lebensnarrativen über unseren digitalen Doppelgänger. Oder in den Worten des datenschutzunverdächtigen Eric Schmidt: „Wir stehen vor einem Wandel von einer Identität, die in der physischen Welt entsteht und in die virtuelle Welt projiziert wird, hin zu einer Identität, die in der virtuellen Welt geschaffen und in der physischen Welt erlebt wird.“

Überwachung ist eben nicht nur ein Bestandteil der militärischen Sphäre, sondern auch der industriellen Moderne. Shoshana Zuboff hat diese schon vor Jahren angesichts der ersten digitalisierten Firmen beschrieben. Der Arbeiter in der Moderne wurde nicht nur aus Effizienzgründen überwacht, sondern um seine Handgriffe so sehr auf maschinentaugliches Format zu reduzieren, dass er schließlich von Maschinen, die ihn imitierten, ersetzt werden konnte.

Heute hat sich auch das umgekehrt: Wir tragen Maschinen mit uns herum, die jeden unserer Handgriffe beobachten, um einen virtuellen Doppelgänger von uns herzustellen, der tut, was wir tun werden. Und das ist die Botschaft von Snowdens Tat: Nach Jahrzehnten des Spiels mit Virtualität nimmt die NSA diesen Doppelgänger ernster als den wirklichen Menschen.

Deregulierte Finanzmärkte nur der Anfang

Die NSA-Affäre zeigt, was es ist, was wir künftig erleben können: algorithmische Interpretationen unserer Existenz, die mit den Muskelpaketen des staatlichen Gewaltmonopols in der „wirklichen“ Welt durchgesetzt werden können. Nicht nur Eric Schmidt prognostiziert, dass wir unser digitales Ich systematisch managen müssen. In einer Welt, in der das Leben wie ein Aktienkurs bewertet werden kann, werden die Menschen tatsächlich zu Managern ihres eigenen Ichs werden müssen. Nichts, das keinen Preis haben wird.

Wir halten, mit Recht, die Regulierung enthemmter und automatisierter Finanzmärkte für eine der wesentlichen Forderungen an die Politik. Aber man sieht: Sie ist ein Anfang nur. Die Regulierung sozialer Kommunikation kann tatsächlich zur Freiheitsfrage einer Gesellschaft werden, die zur Verwirrung der Systeme schon damit beginnt, sich drei, vier, ungezählte virtuelle Identitäten zuzulegen (leider erfolglos).

Europas Aufgabe

Europa, das so sehr nach seiner Vision sucht, hätte hier eine. Vielleicht können wir wenig ausrichten gegen die Überwachungssysteme von Supermächten, die sogar die Virenscannerprogramme zur Ausspähung einsetzen. Aber Europa könnte Alternativsysteme schaffen, die sich der unmittelbaren kommerziellen Nutzung entziehen und damit die Verschmelzung der Kerne womöglich beendet: zumindest im Bereich von Suche und von sozialen Netzwerken.

Das braucht Subventionen, eine Vision groß wie die Mondlandung. Aber auch das Silicon Valley ist das Ergebnis von fünfzig Jahren staatlicher Subvention. Schön, wenn Minister und Ministerpräsidentin ins Silicon Valley reisen und mit Googles Datenbrille posieren. Aber die Frage stellt sich, ob wir wollen, dass unser Leben durch diese Brille gelesen wird.

Quelle: F.A.S.
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