NSU-Dokudrama

Sie wusste, was sie tat

Von Harald Staun
 - 16:05
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Am Morgen des 25. Juni 2012 brach Beate Zschäpe zu einer Fahrt nach Gera auf, um ihre kranke Großmutter zu besuchen, am Tag darauf wurde sie wieder zurück in die Haftanstalt Köln-Ossendorf gebracht. Acht Stunden dauerte die Fahrt, vier Stunden hin, vier Stunden zurück. Mit ihr im VW-Bus saßen zwei Beamte des BKA, denen es gar nicht lange genug dauern konnte. Der Ausflug war für die Ermittler eine seltene Gelegenheit, die Angeklagte zum Sprechen zu bringen.

Über Gott und die Welt könne man reden, oder auch nicht, das war die Einladung des BKA-Hauptkommissars Rainer Binz, „den beste(n) Vernehmer des BKA“, wie ihn die „Süddeutsche Zeitung“ nannte. Nur das, was damals im Wagen stattfand, keine Vernehmung war, weil es keine sein durfte – das hatten sich Zschäpes Anwälte vor der Fahrt zusichern lassen. Es gibt daher auch keine Aufnahmen von den Gesprächen, nur ein kurzes Video von einem „außerplanmäßigen Halt zum Toilettengang“, welches die Bundespolizei zu Einsatzdokumentation anfertigte.

Aber es gibt einen zwölfseitigen Vermerk, den die BKA-Beamten unmittelbar nach dem Ausflug verfassten. Es ist nur eine große Zusammenfassung der Gespräche, aber sie erlaubt einen Blick auf Zschäpe, von dem man auch nicht so genau sagen kann, was für eine Person er zeigt; der aber schon deshalb interessant ist, weil er jener Figur, die man fast nur von ihren Auftritten im Münchner Gerichtssaal kennt, ein paar unerwartete Facetten hinzufügt. Auch wenn sie am Ende nicht über Gott redeten, aber immerhin über den Kölner Dom.

Annäherung an eine Unbekannte

Dass diese Ausnahmesituation eine eher kursorische Sicht auf diese Frau ermöglicht, eine Momentaufnahme, die es sich im Gegensatz zum Prozess erlauben kann, die Frage nach ihrer Schuld zu ignorieren, darin liegt auch der Reiz, die Fahrt in den Mittelpunkt einer filmischen Betrachtung über Zschäpe zu stellen. „Ich fand die dramaturgische Möglichkeit interessant, so auf den Stoff zuzugehen. Ich wollte kein NSU-Erklärstück machen. Es ist eher eine Annäherung an eine Unbekannte“, sagt Raymond Ley, der Drehbuchautor und Regisseurs des Films „Letzte Ausfahrt Gera: Acht Stunden mit Beate Zschäpe“, der kommende Woche im ZDF laufen wird.

Damit hat sich Ley für einen ganz anderen Ansatz entschieden als Christian Schwochow, der die Geschichte des NSU als Teil einer Spielfilmtrilogie für die ARD verfilmt hat, mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe. Die Möglichkeit, sich der Person über dieses spezielle Setting anzunähern, das besondere Material, das ist für Ley gewissermaßen die Antwort auf die Fragen, die sich jede Fiktionalisierung des Stoffes gefallen lassen muss: Kann man einen Film über eine Frau machen, von der man nur die Maske kennt? Taugen die Mittel des Dokudramas dazu, eine Figur zu beschreiben, zu reflektieren? Muss man, um sie zur Protagonistin zu machen, nicht sehr genau wissen, wie man sie darstellen will? Kann man vermeiden, ein Urteil über sie zu sprechen? Und sollte man damit nicht wenigstens warten, bis das Gericht das seine verkündet hat? „Die Fahrt verändert sich ja nicht, nur unser Blick auf die Fahrt kann sich verändern“, sagt Ley.

Kalte Nazi-Braut oder Dummchen

Schon in früheren Dokudramen haben er und seine Frau Hannah, die mit ihm die Drehbücher schreibt, den Zugang über exemplarische Szenen gewählt: Ley hat das Tagebuch der Anne Frank eben nicht verfilmt, sondern es in „Meine Tochter Anne Frank“ durch den Fokus auf die Vater-Tochter Beziehung aus einer neuen Perspektive betrachtet. In „Eine mörderische Entscheidung“, seinem Film über die Kundus-Affäre, hat er sein dokumentarisches Material mit Spielszenen ergänzt, die eher die Komplexität der fatalen Situation veranschaulichten, statt einfach die Lücken auszumalen, um ein vollständiges Bild zu suggerieren.

Auch in „Letzte Ausfahrt Gera“ dienen die fiktionalen Elemente nicht einfach nur dazu, den dokumentarischen erzählerisch aus der Verlegenheit zu helfen – was wohl auch der Grund dafür ist, warum sie sorgfältiger inszeniert sind, als man es von den meisten Filmen des Genres kennt, wo ihre Aufgabe so oft alleine in der Rekonstruktion einer bilderlosen Wirklichkeit besteht. Dass sich im nüchternen BKA-Protokoll der Plot für einen Spielfilm verbirgt, kommt dem Film dabei zusätzlich zugute. Denn natürlich zielte die gemütliche Fahrt darauf ab, Zschäpe einen Rahmen zu bieten, in dem sie vielleicht doch etwas von sich offenbart, bewusst oder unbewusst.

„Sie hätten sie ja auch mit dem Hubschrauber nach Gera fliegen lassen können“, sagt Ley. Und auch wenn es bekanntlich am Ende auch nicht zu schlagzeilenträchtigen Aussagen reichte, liegt für die Zuschauer doch eine gewisse Spannung in der Frage, ob man während der Gespräche irgendeinem Geheimnis auf die Spur kommen kann, eher einem neuen Zugang zu ihrem Charakter als einem sachdienlichen Hinweis, einer Beate Zschäpe jenseits der Karikaturen, die sich über ihre Rolle im NSU so sicher sind, die kalte Nazi-Braut oder das nichtsahnende Dummchen, als das sie sich selbst so gerne selbst darstellt.

Gummibärchen und das Wetter auf Fehmarn

Es ist eine seltsame Form des Gesprächs, das sich zwischen Zschäpe und den Ermittlern entspinnt, dem gutgelaunten Rheinländer Binz, der im Film Zoller heißt, und den Joachim Kroll mit hinterhältiger Gutmütigkeit spielt, und seiner Kollegin (Christina Grosse). Sie reden über das Wetter auf Fehmarn, über Gummibärchen und das Vorabendfernsehprogramm, über das Essen im Knast und Friseurbesuche im Gefängnis („Ich werde nur von der Chefin geschnitten“). Es ist ein Smalltalk mit doppeltem Boden, den Zoller betreibt, und natürlich ist es nicht der Inhalt der Gespräche, der ihre Inszenierung interessant macht, sondern die Dynamik, die sich bei diesem gegenseitigen Abtasten entfaltet. Es sind ziemlich durchschaubare Tricks, mit denen der Ermittler arbeitet, aber das heißt nicht, dass Zschäpe die Einladung ausschlagen muss, auf sie hereinzufallen.

Denn offensichtlich hat sie tatsächlich das Bedürfnis, einiges loszuwerden: Sie beschwert sich über die Temperatur in der Zelle, über ihren Ausschluss aus der Jogginggruppe, über Details aus den Akten, die in der Presse auftauchen, über ihre Verteidigung. Sie interessiert sich für die Darstellung ihrer Flucht in dem Buch „Die Zelle“, das Zoller scheinbar zufällig in Gera besorgt hat. Und schon damals deutet sich ihre Interesse an einer Aussage an: Wenn sie rede, sagt sie, werde ihre Aussage „vollständig und umfassend“ sein. In Leys Film klingt das fast so, als meine sie das ernst.

Weil Ley darauf verzichtet, den Inhalt der Gespräche mit Bedeutung aufzuladen, bleibt viel Raum für die Interpretation der Figur. Lisa Wagner spielt Zschäpe, ohne sie allzu schematisch zu imitieren, vielleicht kommt sie ihr deshalb so erschreckend nah. Sie habe versucht, nicht einfach nur ein Abziehbild zu liefern, sagt sie, was nicht heißt, dass sie keinen Blick für die Macken ihrer Vorlage hat: Wie sie das Haar nach hinten wirft, den Kopf zur Seite neigt, wie sie die Mundwinkel verzieht und die Schultern, das alles erinnert gespenstisch an die Frau, die man aus dem Gerichtssaal kennt.

Koketterie, Genervtheit, Arroganz

Aber es ist weniger die Ähnlichkeit mit der vertrauten Fassade, die Wagners Zschäpe so besonders macht. Es ist eher ihr Mut, aus den Fragmenten eine plausiblen Figur zusammenzusetzen, aus ihrer Eitelkeit und ihrer Koketterie, ihrer Genervtheit, ihrer Arroganz. Natürlich ist das eine Anmaßung, eine Spekulation, aber eine, der man immer auch anmerkt, dass sie sich der Problematik dieser Aufgabe bewusst ist, der grundsätzlichen Falschheit einer fiktionalen Beate Zschäpe; die nicht so tut, als offenbare sich in der Intimität der Autofahrt eine Person, die wahrer, echter, ehrlicher ist als die Zschäpedarstellerin auf der Bühne des Gerichtssaals. Ihre Figur, sagt Wagner, sei „eine Form der Überhöhung“, eine „Hypothese, die durchaus eine Basis hat“.

„Wenn man Zschäpe im Gerichtsaal sieht, merkt man, wie sie versucht, sich komplett zu entziehen – durch ihr Schweigen, durch das Verneinen von Bildern“, sagt Wagner. „Sie denkt, sie würde sich dadurch nicht sichtbar machen. Aber das macht sie natürlich trotzdem, durch die Art und Weise, was sie unterlässt. Das habe ich versucht, spürbar zu machen.“ Dass sich Wagner dabei jeder Wertung ihrer Figur enthält, steht in einem seltsamen Widerspruch zur Haltung Leys, dem es wichtig war, die Mitschuld Zschäpes zumindest zu suggerieren: Es sei durchaus die Intention des Films, das „Bild einer meinungsstarken rassistischen Nationalistin“ zu vermitteln, „die wusste, was sie tat, was sie ,erduldete‘ und was sie damit mindestens beförderte“, schreibt er in einem Statement.

Dass sich Wagner diese Absicht nicht zueigen machte, ist ein Glück für den Film: um Zschäpe zu spielen, erklärt sie, musste sie ihr „innerhalb ihres Kosmos recht geben. Alles andere wäre eine Verrat an der ‚Figur‘, ein nicht gefülltes Vorzeigen. Ich wollte nicht meine Meinung über diese Frau spielen.“

Das Regiment der Terrorhausfrau

Am Ende liegt es vor allem an den Qualitäten der fiktionalen Szenen, der Imagination der Autofahrt, dass er durch seine dokumentarischen Ergänzungen eher verliert. Daran ist nicht das Material schuld, das Interview mit Adile Simsek etwa, der Witwe des ersten NSU-Opfers, die noch einmal erzählt, welche respektlosen Fragen sie sich damals von der Polizei gefallen lassen musste oder jenes mit Patrick Wieschke, dem Eisenacher NPD-Vorsitzenden. „Ich würde diese Abgründe nicht vermissen wollen“, sagt Ley.

Das Problem dieser Ebene ist nicht, dass sie, wie es in vielen Dokudramen der Fall ist, die fiktionalen Behauptungen belegen sollen. Es wirkt viel eher so, dass den Film hier der Mut zur Offenheit verlässt, den er in der Darstellung Zschäpes als Plaudertasche zeigt; dass er doch nicht darauf verzichten will, eine Haltung zu Zschäpe zu formulieren, die Ausnahmesituation des Ausflugs in den Kontext der NSU-Verbrechen zu setzen, der jedem Zuschauer eigentlich klar genug sein müsste.

Den gleichen Eindruck hinterlassen auch die Szenen, die Zschäpe mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in der Zwickauer Wohnung zeigen, an jenem Ort also, an dem die Terrorhausfrau ihr strenges Regiment geführt haben soll. Ley zeigt sie beim Sex mit Bönhardt, wie sie seltsam abwesend in die Kamera schaut oder beim Googeln nach „Sexy Cora“, ihrem berühmten Lieblingspornostar. Und einmal, als die Uwes nach Hause kommen, herrscht sie sie an: „Schuhe aus!“ Schon klar, wer hier die Hosen anhat.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Nicht wie im Vorabendprogramm

Während Wagner über ihre Rolle redet, in einem Berliner Restaurant, beantwortet ihr Anwalt im Münchner Oberlandesgericht die Fragen von Richter Manfred Götzl. Als Ende vergangenen Jahres klar wurde, dass Zschäpe sich zu einer Aussage bereit erklären würde, sei schon eine gewissen Unruhe aufgekommen, sagt Ley.

Aber zum einen konnte er mit einem neuen Ende noch darauf reagieren. Zum anderen sei es eher unheimlich gewesen, wie sie in ihrer Erklärung genau das „narzisstische, bauernschlaue Kalkül“ bewies, das er ihr unterstellt hatte. Auch die aktuellen Antworten tragen nicht viel dazu bei, das Bild zu verändern, das man sich im Verlauf der Jahre von Zschäpe machen konnte, selbst wenn sie nun zum ersten Mal Namen der Unterstützer nennt. Aber belegt das etwas? Fügen sich so, wenigstens bruchstückhaft, allmählich die Details zu einem Bild dieser Frau zusammen? Oder fügt sie sich umgekehrt langsam in das Bild ein, das man sich von ihr machen will?

Das Vorabendprogramm, sagt Zschäpe, als sie sich im Auto über das Fernsehen unterhalten, sei doch „total unrealistisch“. „In diesen ganzen Gerichtssendungen kommt in letzter Minute ein wichtiger Zeuge und der Fall nimmt eine dramatische Wendung. „Ja, ja, dramatische Wendung“, sagt Zoller, „darauf hofft man immer“. „Glaub’ ich nicht dran“, antwortet Zschäpe. Vielleicht muss man ihr manchmal einfach recht geben.

„Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe“ läuft am Dienstag, um 20:15 Uhr im ZDF

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Staun, Harald (stau)
Harald Staun
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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