Arthur Koestler

Die Signaturen der Lebensgefahr

Von Tobias Rüther
 - 14:20
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Manchmal beginnen große Entdeckungen ganz klein. Manchmal reicht es zum Beispiel, nur den richtigen Suchbefehl in einer Datei einzugeben – und dann ist von einem Augenblick zum anderen ein Rätsel gelöst, das seit Jahrzehnten erforscht wurde. Und aus einem unbekannten Germanistik-Doktoranden wird auf einmal so etwas wie ein Star.

Der bis zu diesem Augenblick der großen Entdeckung noch weitgehend unbekannte Doktorand heißt Matthias Weßel. Er forscht an der Universität Kassel über den Schriftsteller Arthur Koestler, der heute in der englischsprachigen Welt bekannter ist als in der deutschsprachigen. Dabei hat Koestler einen der wichtigsten Roman über den ideologischen Wahnsinn des 20. Jahrhunderts geschrieben: „Sonnenfinsternis“. Und um diesen Roman soll es hier gehen: darum, dass er eine zweite Karriere machen könnte, Jahrzehnte nach seinem Erscheinen, weil ein Doktorand einen Befehl eingegeben hat – und etwas fand, nach dem er eigentlich gar nicht gesucht hatte.

Ein Echtzeitroman der jüngsten Ereignisse

Koestler wurde 1905 in Budapest geboren, wuchs in Wien auf, begann im Weimarer Berlin eine Karriere als Journalist, trat in die Kommunistische Partei ein, bereiste Anfang der Dreißiger die Sowjetunion, erlebte dort den Horror des Stalinismus. Worüber er dann 1940 im französischen Exil – auf der Flucht vor den Nazis, zwischendurch auch mal als sowjetischer Agent eingesperrt von den Franzosen – einen Roman schrieb. „Sonnenfinsternis“ könnte man vergleichen mit Orwells „Farm der Tiere“ und „1984“, aber es ist eben keine Parabel oder Dystopie, sondern ein Echtzeitroman der jüngsten Ereignisse: Es geht um einen Veteran der Russischen Revolution, Rubaschow, der von seiner eigenen Partei als Verräter zum Tode verurteilt wird, weil er nicht mehr in die Machtlogik der neuen Nummer eins im Staat passt.

Koestlers Roman begleitet Rubaschow durch seine Verhöre im Gefängnis bis zur Hinrichtung. Es gibt damals viele echte Rubaschows in der Sowjetunion, sie werden umgebracht oder verschwinden für immer. „Darkness at Noon“ wird sofort ein sensationeller Erfolg, als der Roman noch 1940 erscheint, zuerst auf Englisch. Koestlers Freundin Daphne hatte den Text übersetzt, während er selbst noch daran schrieb, Koestler musste ihn später für die deutsche Ausgabe rückübersetzen. Das Original aber galt als im Chaos der Flucht verloren.

Bis der Kasseler Germanistik-Doktorand Matthias Weßel an seinem 32. Geburtstag im vergangenen Sommer eine Archivbestandsliste der Universität Zürich an seinem Computer öffnet und „Strg“ und „F“ und „Koestler“ eingibt. Eine Routineabfrage: Weßel sucht eigentlich nach Koestler-Dokumenten aus dem Nachlass des Verlegers Emil Oprecht. In dessen Europa-Verlag war 1938 Koestlers Buch „Ein spanisches Testament“ erschienen, ein Bericht aus dem Spanischen Bürgerkrieg, in dem Koestler als Kriegsreporter unterwegs gewesen und von franquistischen Truppen verhaftet und fast hingerichtet worden war. Nach Honorarabrechnungen dieses „spanischen Testaments“ sucht Matthias Weßel jetzt, nach Korrespondenzen: In seiner Doktorarbeit soll es nämlich unter anderem um die wirtschaftliche Karriere Koestlers in den Jahren gehen, als er noch auf Deutsch schrieb.

Zwei ziemlich quälende Wochen

Die ersten Einträge der Bestandsliste passen auch dazu, der nächste aber lautet: „Rubaschow. Unveröffentlichtes Manuskript, März 1940.“ Man muss sich Matthias Weßel an diesem Tag, der also sein Geburtstag war, als einen Menschen vorstellen, der Luftsprünge vor seinem Computer macht. „Mehrere“, sagt er. „An dem Abend hab ich schon mal etwas vorgefeiert.“

Und dann? „Dann folgten zwei ziemlich quälende Wochen, bis ich einen Scan des Manuskripts bekam“, antwortet Weßel. Wir sitzen in der Cafeteria seiner Kasseler Fakultät, vor uns auf Tisch liegt das gescannte Manuskript, abgeheftet in einem Aktenordner, ein paar gelbe Klebezettel schauen aus den Seiten heraus, die Seiten selbst: Schreibmaschinenschrift, gut leserliche Anmerkungen von Hand, Striche und Schraffierungen.

„Denn bis dahin war ja alles offen: Ist das Manuskript wirklich auf Deutsch? Ist es vollständig? Gibt es Merkmale, dass es wirklich ein Koestler-Originaltext ist? Und vor allem: Der Verlag weiß jetzt von dem Manuskript, du hast die Züricher Bibliotheksmitarbeiter darauf gebracht, dass es sich um ein relevantes Dokument handelt, jetzt werden es dort Leute in die Hand nehmen und für dich über den Scanner jagen! Und wenn da jemand auf die Idee käme, das weiterzuerzählen, wäre das ja kein Verbrechen gewesen.“

Aber dann kommt der Scan aus Zürich, und Weßel stellt schnell fest: Es ist das Originalmanuskript von „Sonnenfinsternis“. Beziehungsweise ist es ein Durchschlag davon – Koestler hat immer mit mehreren Durchschlägen getippt, das war so seine Art.

Ein Stempel der Zensurbehörde

Die Handschrift der Korrekturen erkennt Weßel sofort von anderen Manuskripten wieder, genau wie Koestlers typische Art, Absätze zu streichen. Ein Stempel der französischen Zensurbehörde verrät, dass dieses Manuskript mit der Post verschickt worden sein muss. Es gab immer Hinweise darauf, dass Koestler sein fertiges Manuskript an seinen Züricher Verleger geschickt haben könnte.

Aber warum hatte es vor Weßel noch niemand anderes entdeckt? Dieses „Rubaschow“-Manuskript konnte man ja offenbar schon seit langem im Züricher Archiv einsehen. Weßler erklärt sich das so: Die ersten Kapitel dieses Manuskripts sind identisch mit den ersten Kapiteln der deutschen Rückübersetzung, die Koestler noch im Krieg begonnen hatte – für die er Passagen des Originals nutzen konnte, die er auf der Flucht aus Frankreich nach England irgendwie doch noch ergattert hatte. Wer also nur oberflächlich hineinlas in das Zürcher Manuskript und es dabei mit den ersten Seiten von Koestlers Rückübersetzung verglich, musste denken, dass es der gleiche Text ist. Ist es aber nicht. „Es stapeln sich die wirklich signifikanten Unterschiede“, sagt Weßel. „Am reinen Inhalt ändert sich tatsächlich nicht viel, für die Ästhetik macht es schon einiges aus. Es hat eine Rückwirkung auf den Stil, und das macht es zu einem literarischeren Phänomen.“ Hunderte stilistische oder inhaltliche Abweichungen habe Weßel schon gezählt – allein in dem kleinen Teil des Manuskripts, den er in der Kürze der Zeit bearbeiten konnte.

Ein mörderischer ideologischer Kampf

Jetzt könnte man sagen: Herzlichen Glückwunsch, aber ist das nicht trotzdem germanistische Erbsenzählerei? Was ändert es, das Originalmanuskript eines Buchs zu besitzen, das sowieso schon berühmt ist? Das längst dazu beigetragen hat, den stalinistischen Terror begreifbar, spürbar zu machen? Ein Buch, dessen totalitären Konflikte aber mehr und mehr in Vergessenheit geraten sind, endgültig beschleunigt von den totalitären Konflikten und dem Terror von heute?

Wenn man „Sonnenfinsternis“ jetzt liest, diese stundenlangen Verhöre, in denen es um die Wahrheit der Partei und die Gesetzmäßigkeit der Geschichte geht, dann packt einen vor allem der Horror der Unausweichlichkeit: dass Rubaschow am Ende hingerichtet wird, egal, was er sagt und tut. Die Terminologien des Kommunismus aber sind einem fremd geworden: ein mörderischer ideologischer Kampf wird hier ausgetragen, den man heute intellektuell versteht, der damals aber seinen Lesern körperlich nah gekommen sein muss, sie lebten ja in diesem Konflikt, in den Ideologien, die ein ganzes Jahrhundert zerrissen.

Horror der Unausweichlichkeit

Für Matthias Weßel jedenfalls ändert sich durch den Fund eine Menge. Nicht nur der Fokus seiner Doktorarbeit, der jetzt vor allem auf dem Manuskript liegt: Eben war er noch ein Doktorand, der einen deutschsprachigen Autor sozioökonomisch erforschte, den viele seiner Kommilitonen gar nicht kannten. Jetzt sprechen diese Kommilitonen einen an, wenn man etwas verloren auf den Fluren der Kasseler Fakultät steht, und sagen: „Sie wollen doch sicher zu Herrn Weßel? Hier geht‘s lang.“ Weßel selbst hatte Koestler im Wintersemester 2008/2009 entdeckt, als er in einem Geschichtsseminar über „Deutsche Intellektuelle und die Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit“ ein Referat über „Sonnenfinsternis“ hielt.

„Der Fund ist für meine Doktorarbeit ein großer Glücksfall“, sagt er jetzt, und er strahlt jedes Mal, wenn er so etwas sagt, wenn auch etwas verlegen. „Wann passiert das schon, dass man einen Autor wiederentdecken will – und dann kriegt man wirklich eine ganz neue Textbasis?“ Denn genau darum geht es: um diese Wiederentdeckung. Aber sie muss offenbar noch Umwege gehen. Schon im vergangenen August nämlich hatte die Uni Kassel eine Pressemitteilung über ihren Doktoranden und seinen sensationellen Fund herausgegeben.

In deutschen Medien erschienen darauf zwar ein paar längere Meldungen, Weßel gab der „Rhein-Main“-Ausgabe dieser Zeitung ein Interview – aber erst, als kürzlich der große Koestler-Experte und Biograf Michael Scammell in der berühmten „New York Review of Books“ einen längeren Artikel über Weßel schrieb und darin leidenschaftlich forderte, es müsse jetzt auf Grundlage des Originalmanuskripts unbedingt auch eine neue englische Ausgabe des Buchs geben, erst dann kam die ganz große Bewegung in die Sache. Auch die „New York Times“ habe sich jetzt bei ihm gemeldet, erzählt Weßel.

England als geistige Heimat

Und diese Rezeptionsgeschichte des Funds – zu der ja auch dieser verspätete Text gehört – spiegelt, wie Koestler heute wahrgenommen wird: Als Autor, der eher zur englischsprachigen Welt gehört, wo ein Archivfund wie der von Weßel für Aufsehen sorgt. Und wo Studenten ihn bis heute an den Universitäten lesen. Koestler ist dort ein household name eben genau wie Orwell oder Stephen Spender, wie die großen linken Autoren, die vom Glauben abfielen, als sie erkannten, was die Sowjetunion wirklich war: ein Foltergefängnis. Dazu mussten sie gar nicht nach Moskau reisen, sie erlebten es auch im Spanischen Bürgerkrieg.

Koestler hatten die Nazis 1940 nach England vertrieben – was sie mit dem jüdischen Ex-Kommunisten gemacht hätten, kann man sich ausmalen. In England fand er dann eine geistige Heimat – und vor allem auch eine sprachliche: Bis zu seinem Freitod 1983 schrieb er nur noch auf Englisch (über zum Teil verstiegene und esoterische Themen, Koestler stiftete auch einen Lehrstuhl für Parapsychologie an der Universität Edinburgh, sie übernahm dafür seinen Nachlass). Dieser offenbar geglückte Wechsel unterschied Koestler von vielen exilierten Schriftstellern, die mit dem Englischen haderten, überhaupt fremdelten: Erst mit der Fremde, in die sie geflohen waren, dann mit der Heimat, in die sie im Frieden wieder zurückkehrten.

„Koestler ist zweisprachig mit Ungarisch und Deutsch aufgewachsen“, erklärt Weßel. „Wenn er eine Muttersprache hatte, dann dürfte das in den ersten acht bis zwölf Jahren das Ungarische gewesen sein. Als die Familie dann nach Wien zog, wurde Deutsch immer wichtiger. Es gibt aber nirgendwo einen Verweis darauf, dass Deutsch mit seinem Herzen verwachsen gewesen wäre. Beim Englischen war das vielleicht der Fall – er schreibt viel darüber, wie es sein Bewusstsein verändert hat und zu seinem Lebensstil passte. Wenn man seine Rastlosigkeit und Wurzellosigkeit betrachtet, könnte man sagen, dass er in England seine Heimat finden wollte.“

Auf gepackten Koffern übersetzt

Wenn man sich fragt, warum es Koestler offenbar selbst nicht interessiert hat, wo das Original seines berühmtesten Romans abgeblieben war, könnte es also daran liegen: Er war ein englischer Schriftsteller geworden und froh darüber. Dass er die ungelenke englische Übersetzung seiner Freundin Daphne nie korrigierte, auch die Stellen nicht, in denen sie die brutalen Verhörmethoden und die menschenverachtende Wortwahl der Figuren sprachlich milderte, erklärt Weßel wiederum mit dem Respekt vor ihrer Leistung.

Einen Text auf gepackten Koffern zu übersetzen, der noch nicht mal fertig war. Ihre und seine Fehler sind wie Fingerabdrücke dieser Panik und Klaustrophobie, Signaturen des Authentischen. Koestler selbst habe dann seine Rückübersetzung ins Deutsche als Chance verstanden, einen unter Hochdruck geschriebenen Roman nachträglich zu verbessern. Und wenn man es so betrachtet, werden aus den literaturwissenschaftlichen Daten eines Textes plötzlich Lebensspuren, Lebensgefahrspuren.

„Sie müssen sich vorstellen, unter welchen Bedingungen er das Original geschrieben hat“, sagt Matthias Weßel. „Da war keine Zeit, um an Dingen zu feilen oder elaborierte literarische Finessen einzubauen. Das Manuskript musste nun mal fertig werden!“ Dieses irgendwie fertig gewordene deutsche Manuskript wird die Grundlage einer Neuauflage bei Elsinor sein, dem heutigen Verlag der „Sonnenfinsternis“. Wann es so weit sein wird, steht noch nicht fest.

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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