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Päpstliches Lehrschreiben

Kann denn Liebe Sünde sein?

Von Christian Geyer
 - 20:24
Papst Franziskus bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz Bild: dpa, F.A.Z.

Am „etc.“ sollt ihr ihn erkennen. Den Papst, der sich nicht scheut, auch in kirchenrechtlichen Texten das pralle Leben in Form eines „etc.“ zur Geltung zu bringen. Dass das Leben die Form sprengt, sich also im Zweifel nicht formvollendet verhält, ist geistesgeschichtlich eine Binse, die aber im derzeitigen Pontifikat die revolutionäre Kernbotschaft abgibt. Deshalb der römische Toast aufs „etc.“, auf ein und-so-weiter auch dort, wo die spezielle Textgattung, die juristische Materie, eine normative Ausformulierung erwarten lässt. Es meldet sich, mit anderen Worten, auch in kirchenrechtlichen Schriftstücken mit Franziskus der barmherzige Prediger zu Wort, weshalb sich bei Kritikern von links wie rechts die Einschätzung durchgesetzt hat, man dürfe die Worte des gegenwärtigen Papstes eben nicht auf die Goldwaage legen.

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Was für einen Global Player, der sich im Ganzen ja doch als Agentur des Über-Ichs, als entschieden normative Instanz versteht, ein erkennbar zweifelhaftes Kompliment ist, wenn man es nicht gleich frei heraus als institutionelles Missgeschick etc. bezeichnen will. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller weist auf die päpstliche Unbefangenheit im Umgang mit dem Kirchenrecht hin. Franziskus halte die Dinge in der „Schwebe“ - was sich in der Tat besondere in dem jüngsten Lehrschreiben „Amoris laetitia“ zeigt, einer Unterweisung in Sachen Ehe und Ehebruch, welche schon jetzt als der am heftigsten diskutierte päpstliche Text nach der Pillen-Enzyklika Pauls VI. gelten kann.

Schüller unterstreicht das Paradox, dass der argentinische Papst sich in seinem bisherigen Pontifikat einerseits als ein „eifriger Gesetzgeber“ erweist, „der vielfältige kirchenrechtliche Normen erlässt“. Andererseits, zugespitzt wiedergegeben, pfeife Franziskus auf kirchenrechtlichen Sachverstand. Das zuständige vatikanische Fachgremium bleibe „selbst bei der redaktionellen Überarbeitung der päpstlichen Gesetze außen vor“, dessen „signifikant hoher Sachverstand“ werde nicht abgefragt, ein unprofessioneller Vorgang, den Schüllers Aufsatz in der theologischen „Herder-Korrespondenz“ „unverständlich genug“ nennt. Nur so, mit dieser Unbekümmertheit gegenüber dem fachlichen Sachverstand, lasse sich erklären, dass gerade die jüngsten päpstlichen Gesetze „nicht in kirchenrechtlich exaktem Latein, sondern sprachlich ,luftigem’ Italienisch abgefasst wurden, noch dazu mit etlichen pastoralen Stilblüten, die die Verwendung von Alltagssprache nun einmal so mit sich bringt“. Die Verwendung von „etc.“ sei in diesem Zusammenhang symptomatisch. So nennt der Kirchenrechtler es einen „Aberwitz“, dass Franziskus bei der Novellierung der eheprozessrechtlichen Normen ebenso unvermutet wie sachfremd mit dem „und so weiter“ operiere, ein Gestus der Wurstigkeit, „der in Rechtstexten der Kirche schlicht nichts zu suchen hat“.

Warum gibt der Papst Sündenfreiheit?

Einem Missverständnis ist vorzubeugen. Hier geht es nicht um irgendein ehrpussliges Einklagen der Expertise durch die Experten. Hier geht es um die Standards der argumentativen Klarheit in der autoritativen Lehrverkündigung. Wenn solcher Anspruch auf Klarheit in höchster Instanz aufgegeben wird, und sei es in einem Pastoralschreiben wie „Amoris laetitia“, ist das Chaos programmiert: „Liebe, und mach, was du willst“ - diese Parole des Augustinus will definiert sein. Wird ihr theologischer Gehalt nicht präzise bestimmt, sonder wie vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn schwärmerisch besungen, so kommt sie dem faktischen Verlust des Sündenbegriffs entgegen, seiner psychologischen, bis zur Unkenntlichkeit reichenden Relativierung. Damit wäre nicht nur eine kulturgeschichtlich einflussreiche Denkfigur mit einem Federstrich gelöscht. Was etwa wäre Georges Batailles Lob der erotischen Übertretung ohne den starken Sündenbegriff? Was müsste ohne die wirkmächtig inszenierte Sünde in der Kunstgeschichte unverstanden bleiben? Und wie wäre es ohne Verbotsidee um den erotischen Kitzel überhaupt bestellt? Wenn es die Theologen schon nicht schaffen, sollten die Sexualwissenschaftler dem Papst die Schleifung der Verbote ausreden (mit einem Argument aus der Lebenswirklichkeit: wahre Lust arbeitet sich am Über-Ich ab).

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Warum hält der Papst nicht am strikten Sündenbegriff fest - und gibt Sündenfreiheit? Der päpstliche Paternalismus vereinnahmt auch jene als Menschen, die es zu „begleiten“ gilt, welche auf klerikalen Eskort gar keinen Wert legen. Freilich, und hier wird es bitter, hätten auch die Märtyrer der Geschichte bei einem päpstlich demolierten Sündenbegriff das Nachsehen. Denn werden nicht sie, diverse Märtyrer, durch die Stilisierung der Gebote zu „Idealen“ hoch über der „Lebenswirklichkeit“ (Franziskus) wenn nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, so doch als unverbesserliche Skrupulanten hingestellt? Sind sie im Lichte einer psychologistisch entkernten kirchlichen Normentheorie im historischen Rückblick womöglich umsonst gestorben? Haben sie den Verpflichtungscharakter der Gebote schlicht überschätzt, wie sie den Entlastungseffekt ihrer eigenen widrigen Lebensumstände, ihrer „Situation“ (Franziskus) unterschätzten? Hat es ihnen, anders gesagt, bloß an Unterscheidungsvermögen gefehlt, an der pastoralen Einsicht nämlich, wonach es in Fragen von Gut und Böse nun mal keine „auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung“ etc. (Franziskus) gebe?

Zwischen vage und autorität

Wenn in diesem Stil von „etc.“ - ob in rechtlichen oder pastoralen Texten - dann tatsächlich mal eben die überkommene Sakramentenordnung revolutioniert wird, wie sich aus „Amoris laetitia“ herauslesen lässt und von entsprechenden Deutungen festgehalten wird, dann entbrennt in den Episkopaten und theologischen Lehrstühlen der Weltkirche genau jene aktuelle, mit schismatischem Sound geführte Kontroverse, deren Positionen entgegengesetzter nicht denkbar sind. Was wiederum durch den Schwebe-Charakter eben auch des Textes „Amoris laetitia“ vorgegeben scheint. Dessen Stil vermeidet beinahe schon programmatisch Klarheit und semantische Festlegungen, als lägen die konträren Deutungen, die der Text zulässt, geradezu in der Absicht des Verfassers. Umso erstaunlicher dann der autoritäre Schnitt, insofern der Papst auf verwirrte Nachfragen, wie die Dinge denn jetzt genau gemeint seien, dann doch einen Master-Deuter lizenziert, hier eben den Wiener Kardinal, dessen wiederum eher gefühlige Interpretation die vom Text her möglichen anderen Interpretationen letztverbindlich aus dem Felde schlagen soll.

Tatsächlich pendelt dieses sich im „etc.“ (beziehungsweise in Fußnoten) kristallisierende Verfahren hermeneutisch zwischen „vage“ und „autoritär“ und prägt insgesamt den Duktus eines Dokuments, das Kardinal Walter Kasper auf die sphinxhafte, in der Sache aber wohl zutreffende Formel gebracht hat: „Der Papst ändert keine einzige Lehre, und doch ändert er alles.“ So, im überraschend autoritären und handwerklich nachlässigen Zugriff hat Franziskus auch die eheprozesslichen Normen (die Annulierungs-Frage sogenannter ungültiger Ehen) novelliert, und zwar an der Bischofssynode vorbei, trotz päpstlicher Beschwörung einer neuen Synodalität als dem angeblich leitenden Kirchenprinzips des dritten Jahrtausends. In der Sache eher reformorientierte Kirchenrechtler wie Schüller formulieren denn auch Zweifel, ob Franziskus „die bischöfliche Kollegialität wirklich ernst nimmt“. Festzuhalten sei, dass er die Annulierungs-Novelle „mit päpstlicher Höchstgewalt ohne weitere bischöfliche Beratung und Einbeziehung kurialen Sachverstands in Kraft gesetzt hat“. Deutlicher könne ein Papst der Bischofssynode kaum zeigen, „welches verfassungsrechtliche ,Leichtgewicht‘ ihn tatsächlich berät und wofür er es augenscheinlich nicht braucht“.

Zwei-Körper-Lehre des Papstamtes

Freilich machen sich die römischen Verwerfungen derzeit nicht nur an Franziskus fest, sondern auch an seinem Vorgänger Benedikt alias Joseph Ratzinger. Dessen Konstruktion eines „emeritierten Papstes“ neben dem Amtsinhaber ist nicht minder ins kirchenjuristische Kreuzfeuer geraten. Die Debatte schwelt schon seit längerem, aber erst kürzlich hat sie neuen Drive bekommen, nachdem Georg Gänswein, Benedikts Sekretär, die gewagte Deutung eines erweiterten Papstamts veröffentlicht hatte, ohne dass bis heute geklärt wäre, wie genau sich Ratzinger selbst zu dieser Deutung verhält. So hatte Gänswein bei einer Buchvorstellung quasi eine Zwei-Körper-Lehre des Papstamtes in die Welt gesetzt, indem er von einem „erweiterten Amt“ des Papsttums sprach, welches sich Franziskus (quasi Körper eins) und Benedikt (quasi Körper zwei) in je unterschiedlicher Funktion teilen - Franziskus als „aktiver“, Benedikt als „kontemplativer Teilhaber“.

Der Flucht ins Deutungsspektrum dieser Worte sind Grenzen gesetzt, auch weil Gänswein ausdrücklich Benedikts Beibehaltung von weißem Talar und der Anrede „Heiliger Vater“ als Beleg für seine Papsttheorie einstufte. Wäre dem so, hätte man es bei Joseph Ratzinger in der Tat mit einem Schattenpapst zu tun, weswegen dem kirchenjuristischen Konstrukt eines „Papa emeritus“ immer häufiger öffentlich widersprochen wird - mittlerweile auch von Vertrauten Ratzingers wie Kardinal Walter Brandmüller oder dem Kirchenrechtler Giuseppe Sciacca, der das Ganze „juristisch und theologisch unhaltbar“ nennt. Warum trat Ratzinger nicht wieder ins Kardinalskollegium zurück, wie ein anderer Papst dies bei seinem Rücktritt vorgemacht hatte? Einstweilen dauern die römischen Turbulenzen an.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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