Pariser Literaturstreit

Michel Houellebecq vor Gericht

Von Andrea Klingsieck
 - 16:18

Dem französischen Schriftsteller Michel Houellebecq war es im vergangenen Herbst gelungen, durch seinem Roman „Plattform“ in weniger als zwei Wochen die gesamte islamische Gemeinschaft gegen sich aufzubringen, Freunde und Kollegen in Verlegenheit zu stürzen und dabei mehrere zehntausend Exemplare zu verkaufen. Nun muss er sich vor Gericht verantworten. Vier islamische Vereinigungen klagen ihn wegen „rassistischer Beleidigung“ und „Anstiftung zu religiösem Hass“ an.

Der Roman, im August 2001 in Frankreich erschienen, hat in erster Linie Sextourismus in asiatischen Ländern zum Thema. Doch nachdem seine Freundin bei einem islamistischen Attentat getötet wird, entwickelt der Protagonist Hass- und Rachegedanken, über die der Leser nur schwer hinweggehen kann: „Jedes Mal, wenn ich erfuhr, dass ein palästinensischer Terrorist oder ein palästinensisches Kind oder eine palästinensische schwangere Frau im Gazastreifen erschossen worden war, bebte ich vor Begeisterung.“

„Die dümmste aller Religionen“

Die Moscheen von Paris und Lyon, der „Nationale Bund der Muslime Frankreichs“ (FNMN) und die „Islamische Weltliga“ verklagten Houellebecq. Nicht wegen seines Roman an sich, sondern wegen seiner Äußerungen in einem Interview mit der renommierten französischen Literaturzeitschrift „Lire“, wenige Tage nach Erscheinen des Romans.

Dort setzte er seine religiöse Hetze fort: „Der Islam ist nun wirklich die dümmste aller Religionen. Wenn man den Koran liest, ist man erschüttert, wirklich erschüttert!“ sagte er da und qualifizierte den Islam als „gefährliche Religion, und das seit Anbeginn ihres Bestehens“. Auf die Bemerkung des Gesprächspartners, es handle sich bei seinen Äußerungen nicht mehr von bloße Verachtung des Islam, sondern um Hass, bestätigte der Autor: „Ja, ja, man kann von Hass sprechen“.

Michel Houellebecq sagte zudem auch das Ende des Islam vorher, der durch den kapitalistischen Materialismus ersetzt werde: „Man kann nur hoffen, dass dieser schnell siegen wird. Der Materialismus ist ein geringeres Übel. Seine Werte sind zwar verachtenswert, aber weniger zerstörerisch, weniger grausam als die des Islam.“

Anti-islamischer Rassismus

Die undifferenzierte Gleichsetzung von Islam und Fundamentalismus schockierte in Frankreich nicht nur die islamische Gemeinschaft. Die Terroranschläge vom 11. September, nur wenige Tage nach diesen Äußerungen, gossen zusätzliches Öl in das mediale Feuer um Houellebecq.

Für die Kläger beweisen die Äußerungen des Autors „zweifelsfrei jenen anti-islamischen Rassismus“, den er auch schon in seinem Roman bewiesen habe. „Im Mittelpunkt des Prozesses steht der anti-islamische Rassismus, nicht die Persönlichkeit und die Provokationsgier irgendeines Erfolgsautors“, hieß es in einem Kommunikee der Anwälte der Großen Moscheen von Paris und Lyon, Chems-eddine Hafiz und Gilles Devers.

Unglaubwürdige Verteidigung

Houellebecq verteidigte sich später, er sei kein Rassist und die Journalisten hätten seine Äußerungen verdreht dargestellt. Marc Feuillée, Herausgeber von „Lire“, erklärte hingegen, er besitze Tonaufzeichnungen des Gesprächs, die den Wortlaut des Angeklagten bestätigen könnten.

Auch die Behauptung eines Vertrauten, Houellebecq sei im Moment des Interviews betrunken gewesen, wolle dies aber nicht zu seiner Verteidigung vor Gericht anführen, ist schon deshalb unglaubwürdig, weil der Autor bis heute zu seinen Äußerungen steht und sie keineswegs revidiert hat.

„Alles, was in diesem Gespräch gesagt wurde, entspricht genau seinen Gefühlen, wenn nicht seinen Überzeugungen“, bestätigt auch der „Lire“-Chefredakteur Pierre Assouline.

Ein Voltaire unserer Zeit?

Houellebecq sieht dem Prozess gelassen entgegen und beruft sich auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung. Dabei hat er eine ganze Reihe von Schriftstellern hinter sich. Diese äußerten sich in einer Petition für den Angeklagten besorgt über eine mögliche Wiedereinführung des Delikts der Gotteslästerung und verglichen den Autor mit Montaigne, Pascal, Voltaire oder Lévi-Strauss. „Eine Meinung über die Religionen zu haben, eine der anderen vorzuziehen oder alle abzulehnen fällt unter das Recht der freien Meinungsäußerung“, heißt es weiter in der Petition.

Ob man Michel Houellebecq ernsthaft zum tapferen Verfechter der Meinungsfreiheit erheben kann, bleibt dahingestellt. Schließlich gehört Provokation zu seiner recht erfolgreichen Verkaufsstrategie. Der Gerichtsprozess dürfte stürmisch werden. Vor allem dann, wenn der Autor, wie erwartet, seine rassistischen Äußerungen nicht nur bestätigt, sondern vielleicht sogar noch verschärft. Mit weiteren Provokationen, eine Woche nach dem ersten Jahrestag des Anschläge vom 11. September, könnte er wieder von sich reden machen.

Quelle: @klin
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