Phänomen Bart

Männer in Großstädten

Von Johanna Adorján
 - 10:24
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Neulich in einer Bar in Berlin. Rund ein Drittel der männlichen Gäste trägt Bart. Nicht einen kurzen, bei dem man noch die Kinnform erahnt, oder dass überhaupt eines vorhanden ist – nein, es sind genau solche Bärte, wie ich sie eben in „Homeland“ gesehen hatte, und zwar an den Statisten, die pakistanische Taliban darstellen. Es dauert ein paar Minuten, bis ich bemerke, dass ich einige der Bärtigen kenne. Es ist schwer, das festzustellen.

Im Grunde müssen sie mir winken und ihren Namen dazu sagen. Mir stehen ja nur ihre Augen, Nase, Größe und Bewegungen zur Verfügung, um zu erahnen, wer sich hinter dem Bart verbirgt. Ein paar von ihnen kenne ich nur mit Bart. Ich habe also im Grunde keine Ahnung, wie sie aussehen. Es ist, als würde ich einige Freundinnen nur verschleiert kennen. Einen dieser Männer hielt ich lange für Mitte vierzig. Als ich irgendwann sein wahres Alter erfuhr, war es, als kennte ich mit einem Schlag seinen Sohn.

Ich musste an ein Interview denken, das ich einmal mit Roman Polanski gemacht habe. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema Bart zu sprechen kamen – ich glaube, es ging um die Ära der Hippies–, jedenfalls sagte er, um das Schöne an dieser Zeit zu illustrieren, damals hätten die Männer den Frauen nahe sein wollen, und das habe sich auch optisch gezeigt. Sie hätten sich die Haare lang wachsen lassen und weite Hosen angezogen, die aussahen wie Kleider. Oder wie die weiten Hosen, die die Frauen damals anhatten. (Und alle hatten Blumen im Haar.)

Er vertrat die Ansicht, dass die Bartmode von heute eine Kampfansage der Männer an die emanzipierte Frauenwelt sei. Also sozusagen zurück zum männlichsten Männerbild. Zu dem, was Männer und Frauen voneinander trennt. Er fand, diese Mode habe etwas Aggressives. Es war deutlich, dass er für die aktuelle Bartmode keinerlei Sympathien hegte.

Mode
Der Schnurrbart ist der neue Vollbart
© dpa, Afp

Scheiternde Antikonformisten

Ich habe meinen subkulturaffinen Friseur gefragt, woher die Bartmode eigentlich kommt. Ich hatte die Vermutung, sie sei in Brooklyn aufgekommen, wo ja einiges herkam, was junge Leute (und solche, die nicht wahrhaben wollen, dass man ihnen ansieht, dass sie schon etwas älter sind) tragen, wenn sie sich partout anders geben wollen als die Mehrheit. Er schüttelte den Kopf. (Er selbst ist übrigens glatt rasiert.)

Seiner Meinung nach kam diese Mode aus London und nahm ihren Anfang etwa zu der Zeit, als David Beckham anfing auszusehen, als verbringe er morgens mehr Zeit im Badezimmer als seine Frau. Sozusagen als Gegenbewegung zum selbst vor dem Intimbereich nicht haltmachenden Haarentfernungswahn von Männern, welcher wiederum ursprünglich aus der Schwulenszene stamme, denen ja aber die Trends oft schneller weggeschnappt werden, als sie sich einen Schnauzer wachsen lassen können. Tatsächlich scheint niemand zu wissen, wo das mit den modernen Bärten angefangen hat. Was dafür jüngst wissenschaftlich nachgewiesen wurde, ist, warum Hipster überall auf der Welt gleich aussehen.

Es liegt nicht allein daran, dass sie dem herrschenden Trend etwas Konträres entgegensetzen wollen beziehungsweise müssen (was bleibt ihnen qua Hipsterdiktat übrig). Was aber schließlich zu dieser bemerkenswerten Uniformität der Anders-sein-Wollenden führt, ist, dass zwischen dem Ausmachen eines Mainstream-Trends und der Festlegung auf einen sich davon abhebenden Stil erst mal einige Zeit verstreicht. Der Hipster beobachtet zunächst und wartet ab. Es dauert, bis er einen Stil zweifelsfrei als Mainstream ausgemacht hat. Er will dabei wirklich sichergehen. Und in der Pause, die dabei entsteht, formiert sich offenbar an vielen Orten der Welt nahezu gleichzeitig dieselbe, vermutlich einfach naheliegendste Gegen-Idee.

Jonathan Touboul heißt der Mann, der das wissenschaftlich nachgewiesen hat. Er ist Mathematiker am Collège de France, zeigt sich auf der Internetseite seiner Fakultät mit Dreitagebart, und dies fand er heraus: „Nach einiger Zeit wird ein zufälliges Ungleichgewicht erkannt, und alle antikonformistischen Individuen neigen dazu, sich diesem Trend entgegengesetzt zu verhalten, ungeachtet der Tatsache, dass es so viele von ihnen tun und somit eine klare Ausrichtung hin zum entgegengesetzten Trend entsteht. Dies wird zu einem späteren Zeitpunkt festgestellt, was zu einer wechselseitigen Umkehrung führt, und diese Schwingungen wiederholen sich periodisch. Trotz ihrer Anstrengungen scheitern Antikonformisten zu allen Zeiten dabei, sich der Mehrheit gegenüber abweichend zu verhalten.“

An Faulheit kann es nicht liegen

Aber es sind ja nicht nur Hipster, die heute Bart tragen. Auch nachlässige Männer tragen Bart oder solche, die immer schon Bart getragen haben, oder welche, die aussehen wollen wie Hipster oder die zuerst die Idee mit dem Bart hatten und sich jetzt nicht so einfach geschlagen geben wollen. Natürlich könnten es auch Holzfäller oder Fischer sein, die da mit Vollbart im Flugzeug neben jüngeren Bartträgern sitzen. Was weiß denn ich? Es sprengt meine Code-Entschlüsselungssynapsen, es stellt mich vor unlösbare soziale Rätsel – und damit geht es mir nicht anders als der libanesischen Polizei. Jüngst geisterte die rührende Geschichte von Mazen Hariz durch die internationale Presse, einem Barkeeper und Wirtschaftsstudenten aus Beirut, der viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres legt und einen imposanten Sieben-Monate-Bart sein eigen nennt. Täglich wird er von der Polizei aufgehalten. Die Überschrift fasste sein Nahost-Szene-Dilemma sehr hübsch zusammen: „Who’s That Lebanese Man With a Beard? Hipster Or Jihadi?“

In der Geschichte der Rasur hat es natürlich immer wieder unterschiedliche Moden gegeben. Manchmal wurden diese von oben diktiert, etwa von Alexander dem Großen, der seinen Soldaten das Tragen eines Bartes verbot (angeblich, um nicht vom Gegner am solchen gepackt werden zu können). Manchmal schien die Mode aber auch eine gesellschaftliche Befindlichkeit widerzuspiegeln. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich in England beispielsweise so viele bislang sorgfältig rasierte Männer plötzlich Bärte stehen, dass Aufsätze und Bücher zu diesem Thema publiziert wurden, mit Titeln wie „Why Shave? Or, Beards v. Barbary“ (1886) oder „The Beard! Why Do We Cut it Off?“. Damals mussten sich Männer in der sich verändernden Arbeitswelt der Industrialisierung behaupten und nicht zuletzt auch gegen die ersten Frauen, die begannen, ihre untergeordnete Rolle zu hinterfragen. Möglicherweise also sind Bärte tatsächlich ein Versuch, sich einer nach wie vor vorhandenen Männlichkeit zu vergewissern? Vor allem in Großstädten, in denen archaische männliche Eigenschaften ja eigentlich nur noch gebraucht werden, wenn mal ein Konzertflügel von einer Altbauwohnung in eine andere befördert werden muss?

Wenn das so sein sollte, dann wäre es um das männliche Selbstbewusstsein jedenfalls schlechter und schlechter bestellt. Denn die Bärte werden länger und länger. Und voller und voller. Die seit ein paar Jahren anhaltende Bartmode wurde gewissermaßen in gleitendem Übergang von der noch längeren Bartmode abgelöst. An Faulheit kann es nicht liegen. Denn offenbar, das Internet ist voll von Gebrauchsanweisungen, muss für einen Vollbart in etwa derselbe Aufwand betrieben werden wie für eine tägliche Glattrasur. (Es sei denn, man wohnt im Wald.) Von shampoonieren, pflegespülen und sogar föhnen ist zu lesen. Fragt man einen der Bärtigen direkt, warum sie einen Vollbart haben, fällt die Antwort typischerweise kurz aus. Es gefalle ihnen halt einfach. Sie finden also, dass ihnen ein Vollbart steht. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie ihre untere Gesichtshälfte nicht mögen?

Lebensmittelreste und Ben Affleck

Abgesehen davon, dass sich unter einem Bart Dinge wie ein fliehendes oder Doppelkinn natürlich prima verstecken lassen, bringt so ein Vollbart aber noch andere Vorteile mit sich:

– Er hält warm.

– Er verhindert lästige Insektenbisse.

– Er verringert das Risiko, an Hautkrebs zu erkranken.

– Man läuft damit nicht Gefahr, mit einem Politiker verwechselt zu werden (in der Politik sind Bärte selten, da wohl die Annahme herrscht, dass Wähler sehen wollen, wen sie wählen sollen).

– Man kommt auf jeden Fall in Filme, die erst ab 16 freigegeben sind.

– Man gehört einer Gruppe an.

– Man gehört einer Gruppe an, zu der nicht jeder Mann gehören kann (auch wenn wohl jeder Mann es mindestens einmal in seinem Leben versucht).

– Im Falle eines begangenen Verbrechens lässt sich im Handumdrehen das Aussehen verändern.

– Im Falle keines begangenen Verbrechens sieht man wenigstens ein bisschen terrorverdächtig (= wild und gefährlich) aus.

Allerdings spricht neben den bereits erwähnten Wiedererkennungsschwierigkeiten auch das eine oder andere dagegen:

– Man gehört einer Gruppe an.

– Lebensmittelreste

Ben Affleck

Dagegen spricht zunehmend übrigens auch die eine oder andere, was sich evolutionsbiologisch dadurch erklärt, dass Frauen, was männliche Gesichtsbehaarung angeht, eher die Ausnahme schätzen als die Regel, wie eine Studie der australischen Universität von New South Wales jüngst feststellte.

Bereits vor über einem Jahr wurde in mehreren Zeitungen hoffnungsvoll das Ende des Bart-Trends ausgerufen, aber offenbar verfrüht. Allein in England sorgte die neue Bartmode dieses Jahr für rückläufige Umsatzzahlen bei Rasier-Produkten von umgerechnet rund 91 Millionen Euro. Und wenn man sich in Mitte so umsieht– oder im Marais, in Williamsburg, Shoreditch, Södermalm oder einem beliebigen anderen Stadtviertel der Welt, in dem es einen Apple-Store und Bioläden gibt –, dann scheint tatsächlich fragwürdig, ob sich die Rasier-Industrie so schnell wieder erholen wird. Denn sind die Männer erst einmal über die ersten paar juckenden Stoppel-Wochen hinweg und hat ihr Bart erst mal dieses Volumen erreicht, das heute unter Skinny-Jeans-Trägern verbreiteter ist, als es weltweit Amish People und Dschihadisten zusammen gibt, wird die Entscheidung, sich das Ding wieder vom Gesicht zu nehmen, vermutlich immer schwieriger.

Aber was soll’s – immer noch besser als Hüte.

Quelle: F.A.S.
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