Politiker und ihre Vierbeiner

Wer führt den Hund vom Chef Gassi?

Von Julia Voss
 - 15:57
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An diesem Wochenende ist es still im Buckingham Palace. Kein Gebell, kein Hecheln, kein Tripptrapp auf den Stufen. Niemand hebt das Bein an den königlichen Buchsbäumen; niemand rast die Kieswege hinunter. Anna, Linnet, Monty, Holly und Willow sind abgereist. Zusammen mit Königin Elizabeth II. Nach Schloss Windsor.

Die fünf Hunde der englischen Queen, die wohl zu den am häufigsten abgebildeten Tieren der Welt zählen, bilden die Oberschicht einer modernen Haustierklasse: das politische Tier. Das politische Tier ist ein Medienstar, der in gepanzerten Limousinen oder Privatjets reist, an Staatsgästen schnüffelt und auf Fototermine geht. Man sieht es im Fernsehen, in Tageszeitungen, Illustrierten und auf eigenen Internetseiten. Ausgerechnet der Welsh Corgi scheint dafür auf den ersten Blick zwar wenig geeignet: ganz dreieckig die fledermaushaften Ohren, der Kopf eine Kugel, der Körper ein Rechteck und die Beine vier Klötzchen. Wie ein mit Pelz bezogener Scherz der Geometrie. Oder eben wie ein Dackel, dem der Kopf eines Schäferhunds aufgeschraubt wurde. Zu keinem Zeitpunkt wirkt der walisische Zwerg-Schäferhund königlich. Und doch liegt wohl darin der Reiz. Etikette, Dünkel, Gespreiztheit sind den kernigen Tieren fremd, sie verkörpern weder Luxus noch Extravaganz und machen damit gut, wodurch das Königshaus die Öffentlichkeit vergrätzt.

Eine Art Podest

Die Termine, die von den als liebenswürdig und lernfreudig geltenden Corgis wahrgenommen werden, sind vielfältig. Als Mittler zwischen Volk und Königshaus lockern die kleinen Botschafter etwa die Stimmung bei Empfängen im Buckingham Palace auf. Vergangene Woche begrüßten sie im Rudel die Rugby Teams von England und Neuseeland. Im Dezember sorgte das Schicksal von Pharos für Schlagzeilen: Der Bullterrier von Prinzessin Anne hatte den Corgi so schwer verletzt, dass Pharos eingeschläfert werden musste. Damit verringerte sich die Zahl der königlichen Haushunde zu Jahresbeginn auf neun: fünf Corgis plus vier sogenannte „Dorgis“ - das Ergebnis eines mit dem Dackel von Königinmutter anbandelnden Corgis.

In England gehört die Berichterstattung über die Hoftiere seit Jahren selbstverständlich zum Boulevard, und angeführt wird damit von Königin Elizabeth II. ein Trend, der über die Insel hinaus um sich greift: der Hund, die Katze, das Pferd als politisches Accessoire. Die Queen ist dabei die einzige Frau, die auf Tiere setzt; es sind ansonsten männliche Staatsoberhäupter, die sich mit Tieren zeigen, - oder solche, die es werden wollen, wie der im Wahlkampf befindliche französische Innenminister Nicolas Sarkozy. Auf weißem Pferd mit Flattermähne ritt kürzlich der konservative Präsidentschaftskandidat auf Stimmenfang durch die Camargue. Teile der Presse spöttelten, Sarkozy habe mit dem Pferd eine Art Podest gesucht, um seine Körpergröße auszugleichen: Angeblich misst er 1, 65 Meter, sein Ministerium beharrt allerdings auf 1,70 Meter.

Sonst reiten nur die amerikanischen Präsidenten

Offensichtlich ging es aber um mehr. Sarkozy, der für seine markigen Ausfälle gegen Migranten bekannt ist und Pädophilie für eine Erbkrankheit hält, inszenierte sich in einer alten Herrschaftspose. Vorbild sind die Reiterstandbilder in Paris. Oder auch eines der berühmtesten Napoléon-Bilder des Künstlers Jacques-Louis David: Das Gemälde „Napoléon beim Übergang über den Großen St. Bernhard“ zeigte 1800 den - übrigens ebenfalls kleinwüchsigen - französischen Herrscher am Höhepunkt seiner Macht auf dem Rücken eines sich aufbäumenden Schimmels.

Um die Botschaft eines Reiterporträts zu verstehen, braucht man kein Kenner der Kunstgeschichte zu sein. Das historische Detail, dass es in der Porträtmalerei lange dem Adel vorbehalten war, sich hoch zu Ross abbilden zu lassen, während die Bürger das Pferd nur am Halfter führen durften, unterstreicht: Die Beziehung zwischen Pferd und Reiter ist hierarchisch aufgeladen. Symbolisch steht es für Macht und Unterwerfung, weshalb es unter demokratischen Politikern nicht verbreitet ist, sich auf einem Pferd zu zeigen. Ein eigener Fall sind die in Cowboy-Manier reitenden amerikanischen Präsidenten. Sarkozys Auftritt als Reiterstandbild bleibt die Ausnahme.

Mensch und Hund - ein freiwilliges Zweckbündnis

Das Tier aber, das in demokratischen Zeiten die Liste der politischen Tiere anführen muss, ist der Hund. Nicht irgendein Hund allerdings. Nicht der Schäferhund nämlich - sondern der Labrador.

Schon in der biblischen Parabel vom reichen Prasser und dem armen Lazarus waren es Hunde, die Lazarus die Geschwüre leckten, bevor er von Engeln ins ewige Leben getragen wurde. In dieser Handlung zeigen zahlreiche Bibelillustrationen den Hund und kennzeichnen ihn so als Symbol der Treue - sowohl zum Glauben als auch zu seinem Herrn. Die sprichwörtliche Treue des Tieres dürfte dabei auf einer Urerfahrung des Menschen beruhen. Die paläoanthropologische Forschung geht davon aus, dass sich Mensch und Hund freiwillig zusammenschlossen. Der Hund, um Nahrungsabfälle und Unterschlupf zu erhalten. Der Mensch, um einen Jagdgefährten und Beschützer zu haben.

„The Urhund“

In die menschliche Gemeinschaft fügt sich der Hund wie in ein Rudel. Seine unbedingte Loyalität zu den Menschen, mit denen er lebt, ist die Folge davon. Die symbolische Funktion des Hundes spiegelt demnach sein Naturell, und es war die Kunst, die durch alle Jahrhunderte hindurch den ergebenen Freund des Menschen porträtierte. Der italienische Renaissancemaler Tizian gab um 1550 „Venus mit dem Orgelspieler“ ein lockiges Bologneserhündchen dazu, das die Gattentreue ins Bild setzte; der spanische Hofkünstler Diego Velázquez stellte 1635 in „Prinz Balthasar Carlos als Jäger“ dem Infanten einen sehnigen Windhund zur Seite, im Hintergrund liegt mit zusammengekniffenen Augen ein schlafender Jagdhund.

Den Rekord in Sachen Hundemalerei brach im neunzehnten Jahrhundert die englische Königin Viktoria, die von 1837 bis 1901 regierte und in dieser Zeit mehr Tierbilder in Auftrag gab als alle Regenten zuvor. Unter Viktorias Patronat wurden der weltweit erste Tierschutzverein gegründet, das erste Tierschutzgesetz verabschiedet und das erste Tierheim gegründet, das Londoner „Battersea Dog's Home“. Zusammen mit Prinz Albert ließ sich Viktoria ungeniert im umfangreichen Privatzoo porträtieren, den sie in ihren Gemächern versammelt hatte, darunter Papageien, Singvögel und die beiden Lieblingshunde: Islay, ein King-Charles-Spaniel, und Tilco, ein currygelber Terrier.

Die königliche Tierliebe schwappte so ins Bürgertum über. Die Hundeliebhaber des neunzehnten Jahrhunderts sind Legion. Vielleicht an dieser Stelle nur einer: Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, der sein Arbeitszimmer mit der Terrierhündin Polly teilte, die unter Fachkollegen später nur noch „the Urhund“ hieß. Es war Polly, die Darwin wesentliche Einsichten über die Nähe von Mensch und Tier verriet.

Uneingeschränkte Macht oder treue Ergebenheit

Königin Viktoria etablierte eine Dreiecksbeziehung zwischen Staatsoberhaupt, Öffentlichkeit und Tier, die bis heute Bestand hat: Mit der von ihr eingeführten Haustiermode zogen Katzen und Hunde in die Wohn- und Schlafzimmer ein, teilten Sofas, Betten oder Sessel und schufen mit dieser Nähe das Fundament für die gesamtgesellschaftliche Tierbegeisterung. Gleichzeitig traten die königlichen Lieblinge in den Dienst der Öffentlichkeitsarbeit. In der Geschichte waren die beiden Haushunde Islay und Tilco wahrscheinlich die ersten Herrschaftstiere, die der Bevölkerung namentlich bekannt waren. Im Jahr 1843 malte sie Edwin Landseer als Auftragsporträt. In den Jahrzehnten danach wurden sie in zahlreichen Drucken verbreitet.

Tritt der Hund als Begleiter eines Staatsoberhauptes auf, symbolisiert er also eine Beziehung: die des Herrschers zu seinem Volk. Anders der Löwe. Der Löwe - mit dem sich der italienische Diktator Mussolini gerne zeigte - verkörpert ausschließlich die Eigenschaften des Herrschers: seine Stärke oder uneingeschränkte Macht. Der Hund dagegen versinnbildlicht den idealen Staat: die treue Ergebenheit des Volkes und die gute Behandlung, die es vom Herrscher erfährt.

Jetzt ist der Schäferhund tabu

Je nach Rasse kann die Symbolik immer wieder kippen, bissige oder scharfe Hunde rücken in das Bedeutungsfeld von Raubkatzen. Wenn sich also Adolf Hitler mit dem Schäferhund Blondi fotografieren ließ, wollte er damit zwar auf der einen Seite Volksnähe demonstrieren. Auf der anderen Seite stand der Schäferhund wie Mussolinis Löwin für den uneingeschränkten Machtanspruch. Wegen dieser Vorgeschichte wäre es keinem deutschen Politiker anzuraten, sich mit einem Schäferhund zu zeigen. Und tatsächlich sind es nicht die gefährlichen Rassen, die im politischen Raum Karriere gemacht haben, sondern die niedlichen, friedlichen: Der Labrador Retriever, den Hunderatgeber übereinstimmend als lebhaft, anhänglich und sympathisch charakterisieren und der zuerst die Seite von Bill Clinton und François Mitterrand schmückte, später Nicolas Sarkozy, Dick Cheney oder Wladimir Putin.

Die amerikanische Spielart des Welsh Corgis ist der Scottish Terrier. Wie der Corgi macht sich auch dieser legohaft eckige Vierbeiner durch Drolligkeit gut Freund. Es war zuerst Franklin D. Roosevelt, von 1932 bis zu seinem Tod amerikanischer Präsident, der einen solchen Hund besaß und ihn mit offenem Autoverdeck auf seinem Grundstück spazieren fuhr. George W. Bush brachte im Jahr 2000 schließlich den Terrierrüden Barney ins Weiße Haus, fünf Jahre später folgte die Hündin Miss Beazley.

Ihre Alltagsroutine bleibt im Dunkeln

Wenn der Hund in der Politik das Volk symbolisiert und das gewünschte Vertrauensverhältnis zum Staatsoberhaupt, so führen Barney und Miss Beazley dies mustergültig vor: Auf der Website des Weißen Hauses wird für Kinder eine virtuelle Tour durch die Räumlichkeiten angeboten - aus Hundesicht. Der Teilnehmer der Begehung nimmt die Perspektive von Barney oder Miss Beazley ein, es geht treppauf, treppab, mit Schnüffelgeräuschen und Pfotengetrappel. Besucht wird das Oval Office, es gibt aufmunternde Worte des Präsidenten, einen scherzenden Sekretär, eine strahlende First Lady, und im Hintergrund spielt die United States Marine Band „The President's Own“. In kühl abgewogener Symmetrie erfährt der Betrachter über beide Seiten nichts - weder etwas über den Präsidenten, was zu erwarten war, noch über Barney und Miss Beazley, die ebenfalls ein Geheimnis bleiben. Wo die beiden ihren Bedürfnissen nachgehen, wer ihnen den Futternapf morgens hinstellt, wer sie Gassi führt, die Alltagsroutine also der politischen Tiere bleibt ganz im Dunkeln. Und das nicht ohne Grund.

Zum ersten Mal deutete sich das Motiv der Verschwiegenheit im Schicksal der Katze Socks an. Socks zog 1993 mit Bushs Amtsvorgänger Bill Clinton ins Weiße Haus ein. Weil Katzen sonst nur im Arm von Dr. No und anderen Bösewichten der Filmgeschichte gesehen worden waren, wurde die schwarzweiß gescheckte Hauskatze schnell zum Kulttier. Es gab Videospiele, in denen Socks auftrat, Musik-Clips und Comics. 1998 legten sich die Clintons zusätzlich den schokoladenbraunen Labrador Buddy zu, ein Schritt, den Kommentatoren als Machtkonsolidierung interpretierten. Die Katze, das Symbol von Unabhängigkeit und Freiheitsliebe, das im politischen Raum also für die Toleranz des Staatsoberhaupts gegenüber der Selbstverwirklichung seiner Bürger stand, wurde um den traditionellen Hund ergänzt. Der öffentlichen Beliebtheit der Tiere tat es keinen Abbruch: 1998 veröffentlichte Hillary Rodham Clinton, damals noch als First Lady, ein Buch über Hund und Katze im Weißen Haus. „Dear Socks, Dear Buddy“ wurde ein Bestseller.

Wie geht es den Welpen?

Die Funktion von Tieren in der Politik demonstrierte der antike Machthaber Alkibiades auf radikale Weise. Nachdem er seinem Hund den Schwanz abgeschnitten hatte, wurde er gefragt: „Alkibiades, warum aber hast Du dem Hund den Schwanz abgeschnitten?“ Und Alkibiades sagte: „Weil ohnehin über mich geredet wird. Es ist aber besser, man redet über den Hund als über mich.“

In der Gegenwartsgeschichte war es die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja, die Putins Labradorhündin Koni in diesem Sinne beschrieb. Zweimal taucht Koni in ihrem „Russischen Tagebuch“ auf: Zum ersten Mal im Protokoll des 8. Dezembers 2003, als die Opfer eines Terroranschlags im Nordkaukasus bestattet wurden. Putin berichtete bei seiner öffentlichen Ansprache stattdessen von Konis neu geworfenen Welpen. Zehn Tage später durften Bürger in einer Fernsehsendung dem Präsidenten Fragen stellen. Eine davon lautete prompt: Wie geht es den Welpen?

Warum sich Hillary von Tieren fernhält

Natürlich kommen Tiere auch in weniger drastischen Situationen zum Einsatz. Öffentlichkeitsarbeit verrichten sie jedoch immer - als Sympathieträger und identitätsstiftende Projektionsfläche.

In den deutschen Medien war Koni zuletzt am 21. Januar zu sehen, als sich Kanzlerin Merkel im Kurort Sotschi am Schwarzen Meer mit Putin traf. Koni tapste auf die Kanzlerin zu, legte ihr den Kopf in den Schoß, wedelte an Putin vorbei - und verschwand. Mit freundlicher Ratlosigkeit nahm die Kanzlerin die Zuwendung auf. Denn wie fast alle weiblichen Staatsoberhäupter inszeniert sich Frau Merkel nicht mit politischem Tier. Die einzige Ausnahme ist die englische Königin, die ein Traditionsrecht darauf hat. Selbst aber Hillary Clinton, die sich als First Lady mit Leidenschaft um die Tiere des Weißen Hauses kümmerte, hält, seitdem sie selbst das Präsidentenamt anstrebt, Abstand. Der Grund dürfte auch ein Medienkalkül sein: Denn der Staatsauftritt mit Tieren demonstriert immer auch Macht und Überlegenheit. Der Besitz von Macht aber wird bis heute Frauen besonders übel genommen. Unter Politikerinnen hat sich deshalb ein nüchterner Stil durchgesetzt. Sie regieren weniger symbolisch.

Vielleicht konnten sie deshalb ein Gespür für den Abgrund des politischen Tiers entwickeln. Die Geschichte von Socks ging nämlich so aus: Als Clinton 2001 das Weiße Haus verlassen hatte, zog die Katze zur Sekretärin. Auch der Neufundländer, mit dem sich Gerhard Schröder so gerne ablichten ließ, blieb nach der Trennung von seiner Frau Hiltrud bei ihr. Ein Rundruf bei den staatstragenden Adressen bestätigt: Wer die öffentlichkeitswirksamen Tiere füttert, kämmt oder Gassi führt, will niemand sagen. „Vielen Dank für Ihre Fragen“, antwortet die Pressedame auf unsere Anfrage zum Privatleben von Barney und Miss Beazley: „Es ist uns unmöglich, Ihnen Auskunft zu erteilen.“ Die Antwort liegt ja auch auf der Hand. Mit Sicherheit sind es nicht die Staatsoberhäupter, die sich um die Tiere kümmern. Aus Haustiersicht heißt das: Die Welt steht kopf. Der Präsident ist nur ein Hundesitter. Die Nummer eins für Barney, Miss Beazley, Koni oder Buddy ist die Sekretärin. Der Gärtner. Der Hausmeister. Darin liegt der stille Humor des politischen Tiers.

Quelle: F.A.Z., 28.04.2007, Nr. 99 / Seite Z1
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