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Brian Johnson zum Siebzigsten

Der ewige Neue

Von Edo Reents
 - 14:33
Immer noch der Neue : Brian Johnson, seit 1980 Sänger von AC/DC, wird Siebzig. Bild: CARRETT/EPA-EFE/REX/Shutterstock, F.A.Z.

Wie viele Halbstarke mögen an jenem Hochsommertag 1980, als die Platte „Back In Black“ endlich herauskam, vor ihrer Stereoanlage gesessen haben? Wie würde der Neue wohl klingen – so ähnlich wie Bon Scott, dieser unfassbarste aller Sänger, oder doch ganz anders? Scott war keine sechs Wochen tot, da präsentierten AC/DC schon einen Nachfolger, einen, wie den einschlägigen Magazinen zu entnehmen war, bemützten Engländer mit starkem Newcastle-Akzent, der, wie die Hinterbliebenen versicherten, mit seiner geselligen Art gut zur Band passe. Zur Band zu „passen“ und Bon Scott nachzufolgen – das waren, so dürfte es jeder Fan damals gesehen haben, allerdings zwei Paar Schuhe. Jesus hatte ja auch keinen Nachfolger gefunden. Alles würde auf die Stimme ankommen.

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Man ließ also die Nadel herunter, und dann kam erst einmal – kein Gitarrenakkord, sondern ein Glockenschlag, mehrmals hintereinander. Dann eine Gitarre (Angus), dann, mächtiger, noch eine (Malcolm), die schraubten sich hoch, die Glocke läutete noch, und schließlich, endlich röhrte der Neue los, unglaublich schrill: „I’m a rolling thunder, a pouring rain/I’m coming on like a hurricane/My lightning’s flashing across the sky/You’re only young but you’re gonna die“.

Brian Johnson, der komischerweise dank Bon Scott zu AC/DC kam, der immer von gemeinsamen Tourneen von Scotts alter Band Fraternity und Johnsons Glam- und Pubrockgruppe Geordie geschwärmt hatte (vermutlich wegen der Zecherei), hatte alles richtig gemacht. Er klang tatsächlich ganz anders als Bon Scott. Das irritierte zunächst, ersparte einem aber nähere Vergleiche. Und er passte sehr gut zu dieser Musik, die muskulöser war als alles, was die Band vorher gemacht hatte. Man fragte sich allerdings, wie lange er in dieser kraftraubenden Manier weitermachen könne. Für diese eine Platte, die, mit geschätzten fünfzig Millionen Exemplaren, den wahrscheinlich ewigen zweiten Verkaufsrang belegt, reichte es jedenfalls; für weitere auch.

Stets bemüht, aber überhörbar

„Well“, sagte, nach einer langen Pause, Angus Young auf die Frage, ob Bon Scott nicht doch einmalig gewesen und mithin ja gar nicht zu ersetzen sei. „Well... Brian does his best.“ So ist es. Wie Ron Wood bei den Rolling Stones so ist auch Brian Johnson immer noch der Neue in dieser einzigartigen Band, und er hat diese Aufgabe ordentlich gemeistert. Die fortan von ihm fabrizierten lyrics hievte er mit seiner Kopfstimme in dermaßen artistische Höhen, dass die Frage nach deren Gehalt nachrangig war – irgendeine dumme Metaphernhuberei über Frauen und Autos halt, über die sich damals außer der seriösen Rockkritik kein Mensch aufregte. Heikel wurde es, wenn er sich ans Bon-Scott-Repertoire machte: Diese wahrhaft dreckigen Phantasien und, viel zu wenig gewürdigt, diese fast sozialkritisch angelegten Aufstiegs- träumereien hat er nicht annähernd so überzeugend intoniert wie Scott selbst.

Wieder etwas anderes war es dann live: Hier musste man bald über manche Indisponiertheit hinwegsehen. Wo Scott sich durch den majestätischen Lärm wie mit einem Schneidbrenner hindurchzufräsen pflegte, wurde Johnsons Organ davon oft einfach übertönt, so dass man ihn praktisch gar nicht mehr hörte. Nachdem er bei der jüngsten Tournee passen musste, um sein Gehör nicht völlig zu ruinieren (F.A.Z. vom 3. Juni 2016), ist die Frage, ob er wirklich als „dienstältester Gastsänger bei AC/DC“ („Die Welt“) in die Geschichte eingeht. Selbst wenn – es gibt Schlimmeres. Brian Johnson, der an diesem Donnerstag siebzig Jahre alt wird, hat ja noch andere Hobbys: Sie wissen schon, Frauen und Autos und Saufen...

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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