Celentano zum Achtzigsten

Adriano nazionale

Von Andreas Rossmann
 - 08:29
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Auch in Köln hat er eine Kultstätte. Ecke Lübecker und Maybachstraße. Auf, grob geschätzt, dreißig Fotos ist er dort zu sehen. Gleich neben der Bar thront er, helllila Unterhemd, Goldkette mit Kreuz, dunkle Hose, einen weißen Hut in der Hand, auf einem Hocker und lacht. Unverschämt nonchalant und gut gelaunt. Als hätte er gerade seinen Job auf dem Bau geschmissen, als würde er gleich die nächste Frau verführen. Die Sportbar und Trattoria in der Nordstadt ist eine Instanz, und der Künstler, den sie im Schilde führt, ist es erst recht: „Celentano“.

Der Bauarbeiter, der Liebhaber, der Italiener von nebenan – das ist Adriano Celentano auch. Und mit mehr als 120 Millionen Platten in seiner Heimat (und fast noch einmal so vielen im Rest der Welt) der erfolgreichste Entertainer, neuitalienisch: „Showman“, den die Republik hervorgebracht hat. Als Rock’n’Roller hat er losgelegt, sich als „Italiens Antwort auf Elvis Presley“ geriert, mit einem Kurzauftritt in Fellinis „La dolce vita“ geglänzt, sich und Claudia Mori, mit der er seit 1964 verheiratet ist, in einem Lied zum „schönsten Paar der Welt“ erklärt und eine Karriere verfolgt, für die nicht nur die Reibeisenstimme zum Markenzeichen wurde: Sein elastischer Gang hat ihm den Spitznamen „Il Molleggiato“, der Federnde, eingetragen. Auch dass ein halbes Dutzend Celentano-Imitatoren durch die italienische Provinz tingeln, bestätigt seinen Kultstatus.

Adriano Celentano ist schon früh als Schauspieler und Showmaster aufgetreten, in mehr als vierzig Filmen hat er mitgewirkt, gelegentlich auch Regie geführt. Mit Charme und Komik war er auf den Schürzenjäger abonniert, doch seine Machos waren immer auch Karikaturen von Machos, Talent zur Selbstironie zeichnet ihn aus. Für die albernsten Faxen und Klamauk war er zu haben, doch hat er sich als wacher und unabhängiger politischer Kopf erwiesen: So hat er, als ihm die staatliche RAI zum fünfzigsten Geburtstag eine Show ausrichtete, sechzehn Minuten lang einfach nichts gesagt – seine Kritik an der Geschwätzigkeit des Fernsehens.

In seine Shows hat er Dario Fo und andere unliebsame Künstler eingeladen, und 2005 in seiner Sendung „RockPolitics“ Ministerpräsident Berlusconi vorgeworfen, die Pressefreiheit einzuschränken, und ihm, der Inter-Fan dem Milan-Chef, geraten, doch besser ins Satirefach zu wechseln.

Aber vor allem ist Celentano Sänger geblieben. In vielen Genres bewandert, wenn auch kein großer Virtuose, hat er alle Kollegen im bel paese übertroffen. „Lasciatemi cantare/con la chitarra in mano/lasciatemi cantare/sono un italiano.“ Einfacher als in dieser ersten Strophe des Lieds von Toto Cutugno lässt es sich nicht sagen: „Lasst mich singen/mit der Gitarre in der Hand / lasst mich singen / ich bin Italiener.“ Auch Adriano Celentano hat „L’Italiano“ aufgenommen und darin sich selbst und das Land porträtiert. Dessen Klischee wird bestätigt, dochdie unbekümmerte Selbstverständlichkeit hebt es wieder auf.

Er personifiziert die Widersprüche Italiens

Auch deswegen vermag Celentano unser Fernweh nach Italien so unmittelbar anzusprechen. „Azzurro“, die Canzone von Paolo Conte, hat er zur inoffiziellen Nationalhymne gemacht: „Das ganze Jahr suche ich den Sommer/und jetzt auf einmal ist er da.“ Politisch an dieser Sehnsucht ist nur, wie sie die Politik links liegenlässt, die in einem Titel wie „Svalutation“, vielleicht dem ersten Lied, das die Abwertung der Lira besingt, auf das mediterrane Lebensgefühl zurückschlägt. Die Widersprüche Italiens personifiziert Celentano wie kaum ein anderer Künstler.

Geboren in Mailand, ist er doch ein „ragazzo del sud“ (Junge aus dem Süden), so der Titel eines Liedes, in dem es heißt, den „Kindern der Entbehrungen“ bleibe nur die Wahl zwischen „Straßenräuber und Polizeianwärter“. Die Eltern waren Arbeitsmigranten aus Apulien, die wie Kalabresen und Sizilianer die Industrialisierung und Modernisierung des Nordens mittrugen, ohne vom Wirtschaftswunder etwas abzubekommen.

Adriano Celentano ist in einer kurzen, engen Straße neben der Mailänder Zentralstation aufgewachsen, der er in einer seiner schönsten Balladen ein Denkmal setzt: „Il ragazzo della Via Gluck“. Es ist die Geschichte von „einem von uns“, der „zufällig“ hier geboren wurde, die Geschichte einer Vorstadt, deren grüne Wiesen mit Teer und Zement planiert wurden, die Geschichte einer Nation, die von Fortschrittsfieber, Landflucht, Entwurzelung, Bauspekulation erschüttert und zerrissen wird – Italien in fünf Minuten. „Eine der hässlichsten Straßen des Landes“, sagt Celentano, und doch steht Haus Nummer 14, sein Geburtshaus, seit kurzem unter Denkmalschutz. Nicht Schönheit, Zeitzeugenschaft ist das Kriterium dafür.

Auch an seinem achtzigsten Geburtstag, den er an diesem Samstag feiert, wird Adriano Celentano auftreten: nicht als Sänger, sondern als Moderator seines Konzerts in der Arena di Verona 2012, das Canale Cinque ihm zur Ehren ausstrahlt. Im Kölner „Celentano“ wird es auf zwei großen Bildschirmen übertragen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Rossmann
Redakteur im Feuilleton.
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