Album der Woche

Das Hirn strahlt als böser Stern

Von Dietmar Dath
 - 16:50

Wenn sich Zähne im Mund eines schreienden Gottes auf einem Mond aus Eisen, der um einen Gasplaneten aus Nervengift kreist, gegenseitig langsam und knirschend kaputtbeißen könnten, müsste das genau so klingen: Ins Dunkelbrummen einer Grundbasslinie holzpoltern kuhwarme Stammestrommeln, bis eine breite Bronzeklinge aus elektrisch verzerrten Schneegestöbergitarren sie mittendurchschneidet, bevor Kampfmaschinen im Geschwindmarsch dazwischen sprengen, woraufhin die Doppelbassdrum eine Lawine losschüttelt, in deren Donner einer schreit wie vom kalten Kometen gestochen: „Il volere divino è il / moto del corpo celeste!“

Kaum sind die letzten beiden Wörter, welche „Himmelskörper“ bedeuten, ins Mikrofon gebrüllt – „Korrpo TSCHELESTEE!“ - wird’s zweitausend Zacken schneller, ein „Zeitsturm“ (Perry Rhodan, Heft 2867, verfasst von Michelle Stern) bricht los, der dann aber nach zwei Minuten und etwa fünfunddreißig Sekunden umstandslos und gut abgefedert ausgebremst wird, um in eine aufreizend ruhige Sorte Groove als aus der Astralwelt her wehende milde Brise überzugehen, in die sich ein unterm Baum meditierender Buddha hüllen kann wie in ein luftig-edles Prinzengewand.

Wer nicht folgen kann, wird mitgeschleift

Heiliger Notenschlüssel aus Stacheldraht, was ist bitte DAS denn? Das ist die Eröffnungsnummer des mehr oder weniger neuen (jedenfalls erst seit kurzem einigermaßen rasch auf CD erhältlichen) Albums der italienischen Band Progenie Terrestre Pura (sowas wie: „rein irdische Nachfahren“ oder „Nachfahren der irdischen Reinheit“ oder sonst ein sciencefictionales, avantgardistisches Kompositum). Die Platte heißt „oltreLuna“, sie führt über den Mond hinaus. Drei Leute aus Italien sind dafür verantwortlich, angeblich (es könnten aber auch zwei oder sechsundzwanzig halbe sein, nach beidem klingt es an unterschiedlichen Stellen, in unterschiedlichen Wendungen und Biegungen dieser tollen Musik). Progenie Terrestre Pura spielen extremen Heavy Metal mit Haaren aus Jazz und verfitzelten Wurzeln im Progressive oder auch Space Rock der Siebziger bis Neunziger des letzten Jahrhunderts und diversen Metal-Echos jener Stilseltsamkeiten, irgendwo zwischen Hawkwind, Voivod, den Silver Apples, Ozric Tentacles, dem Krautrock und dem Lärm einer startenden NASA-Rakete. Forcierte Weltentrücktheit, fast immer mehr als sechs Minuten lang, oft deutlich länger, und je weniger man folgen kann, desto lieber wird man mitgeschleift und durchgeschockt, breitgeträumt und spitzgeschliffen von den Strukturen, von der Dynamik, vom Können und Wollen der Band.

Schon ihre erste lange Platte, „U.M.A.“ aus dem Jahr 2014, war ein hochobskures Klangobjekt von wunderbar geordneter Undurchschaubarkeit, dessen letztes Stück daher mit Recht „Sinapsi Divelte“ hieß, auf deutsch also: „zerstörte Verknüpfung zwischen Nervenzellen“. Wollte man eins dieser Diagramme malen, die mit visuellen Mitteln die Dramaturgie einer musikalischen Komposition oder Aufführung darstellen sollen, dann müsste „U.M.A.“ wohl aussehen wie die sogenannte 600-Zelle der höheren Geometrie, auch unter dem Namen Hexacosichoron bekannt, eine Absonderlichkeit mit 1200 Flächen, 720 Kanten und 120 Ecken. „U.M.A.“ ist eine Abkürzung für „Uomini, Macchine, Anime“, also Menschen, Maschinen und Trickfilmfiguren (bzw.“Seelen“ auf italienisch), was ja alles drei (bzw. vier) hörbar auf die Leute zutrifft, die sich Progenie Terrestre Pura nennen, und die besagten Zeitsturm… nein, Moment mal. Anders. Ganz anders. Zeitsturm? Mag sein, nur: Dass Musik eine Zeitkunst ist, dass sie also vergeht, während man sie genießt, dass man zum Beispiel zwar Notenschrift, aber nicht wirklich die Musik selbst in einer Anmutung von „ist so, bleibt so“ fixieren kann wie einen Text oder ein Gemälde, denen es egal ist, wie lange man braucht, um sie zu erfassen, das erzählt einem heute jeder Eierkopf auf dem Konservatorium oder in der Pop-Intelligenzpresse. Stimmt ja auch, Zeit gehört zur Musik, Rhythmus und Tempo sind wichtig – wer wüsste das besser als Menschen von der Fakultät „Heavy Metal“, wo es doch in dieser Richtung zahlreiche Untergenres gibt, die durch ihren Zeitbezug bestimmt sind (Doom Metal ist laaaaaaangsam, Speed Metal ist schnellschnellschnellschnell, usw.).

Außerirdisch superkomplizierter Extremkrach

Wer aber Kopfhörer oder schöne Arrangements großer Lautsprecher lieb hat, weiß natürlich, dass diese Zeitkunst Musik mindestens ebenso sehr eine Raumkunst ist, auch wenn das in der Popmusik selten so konsequent genutzt wird wie beim Meisterwerk der Flaming Lips „Zaireeka“ (1997, lieber Gott, das ist jetzt also auch schon wieder zwanzig Jahre her, unfassbar, wie alt echte Neuheiten sich irgendwann anfühlen können), das man auf vier verschiedenen CDs GLEICHZEITIG abspielen muss, weil man es sonst nicht voll erleben kann.

Die äußerste Abstraktion von Raum aber ist bekanntlich der Kosmos insgesamt, und da spielt immer mehr ausgezeichneter Heavy Metal, das heißt: immer mehr Zeug dieser Gattung versucht, sich anzuhören, als wäre er so ausgedehnt, kalt und schwarz wie der viele, viele Platz zwischen den am weitesten voneinander entfernten Himmelskörpern, obwohl dieser viele Platz, da ohne Medium, das entsprechend schwingen kann, ja eigentlich nach gar nichts klingt und stumm ist.

In diesem Jahr gab’s außer der neuen Progenie Terrestre Pura schon mindestens eine weitere Sternstunde für besagte jüngere Entwicklung, die Wiederveröffentlichung des Dunkeldiamanten „Muukalainen Puhuu“ der stygisch finsteren Oranssi Pazuzu aus Finnland, benannt nach einem altbabylonischen Höllenmonster. Das alles überragende Spitzen-Dreigestirn der Sparte „außerirdisch superkomplizierter Extremkrach“ sind allerdings die drei Alben der ungeheuerlichen und herrlichen Vektor aus den Vereinigten Staaten von Amerika, „Black Future“ (2009), „Outer Isolation“ (2011) und – überhaupt das Beste, was die Richtung zu bieten hat – „Terminal Redux“ (2016). Vektor sind mittlerweile an bandinternen Schwierigkeiten zerbrochen, übrig blieb allein der großartige Gitarrist und Sänger David DiSanto, der allerdings hat erklären lassen, dass es Vektor weiter geben werde, solange er überhaupt lebt; man kann nur sehnlichst hoffen, dass er bald neue Mutanten findet, die auf seinem Niveau mitexplodieren können.

Das unvernünftige Nichteinverstandensein des Metal

In gewisser Weise kann man von allen dreien, Oranssi Pazuzu, Vektor und Progenie Terrestre Pura, wohl sagen, sie seien Erben der kanadischen Thrash-und-Undefinierbar-Metal-Band Voivod, die schon immer ähnlich groß und weit und tief gedacht und musiziert haben, immer auf der Suche nach ästhetischen „macrosolutions to megaproblems“, wie es auf einem der Hochplateaustücke ihrer Platte „Dimension Hätröss“ (1988) heißt, in stetem Kontakt übrigens auch mit den eigenen Vorläufern beim Wir-kommen-aus-dem-Weltraum-Gestus, wie die brillante Voivod-Coverversion von Pink Floyds „Astronomy Domine“ auf „Nothingface“ (1989) belegen mag. Na gut, nur: Was meinen aber alle diese Musiker eigentlich mit „Weltraum“?

Ein ganz tiefer Griff in den Abgrund, in die „Lawless Darkness“ (wie die Black-Metal-Band Watain röchelt), erinnert die Sinne und den Verstand daran, dass man im Abendland, wo die Idee der technischen Erschließung des Weltraums geboren wurde, immer davon ausgeht, es gäbe überall im Weltraum Dinge, und hinter denen stecke noch irgendwas, das sich nicht auf den ersten Blick enthülle, Atome, Ideen, Substanzen, Substrate – diese abendländische Art zu denken und zu empfinden hat man „Metaphysik“ genannt, also die Vermutung, über die Physis hinaus (meta) gebe es Gründe. Da draußen ist was, sagt die Vernunft.

Heavy Metal handelt aber von unvernünftigem Nichteinverstandensein („We’re not gonna take it“, heißt es bei Twisted Sister), von Wut, Trotz, Stolz, Verweigerung, Aufruhr, Zerstörung, kurz, von der Behauptung: Ihr sagt, da draußen sei was, aber wir sagen, da draußen ist nichts, und was da trotzdem sein mag, das kann uns mal. Nachmetaphysischer Krawall also, die schwarze Zukunft („Black Future“, Vektor). Aber kann Heavy Metal so spekulativ, so futuristisch sein? Ist das Spekulative und Futuristische nicht eher beim Techno daheim, hören künstliche Intelligenzen nicht Drum’n’Bass (der freilich auch schon wieder von gestern ist, wie viele der retrofuturistischen ästhetischen und quasiphilosophischen Auseinandersetzungen mit dem Hyperfetisch „künstliche Intelligenz“ auch), sind die Zuständigen für diese Stoffe nicht eher Roni Size, Drexciya oder technifizierte Formen großer moderner bis spätmodernistischer, überwiegend von afro-transatlantischen Menschen geschaffener Seelenmusik, Werke von Janelle Monáe, Laura Mvula, FKA twigs?

Roboter, nehmt euch in acht!

Keine Kunstrichtung hat ein Monopol auf einen Stoff. Die Begegnung von Menschen und Techniken und Themen und Emotionen hat mehr Austragungsflächen als eine 600-Zelle, und wo das objektiv gilt, gilt es subjektiv noch viel mehr (meine bisherigen beiden Lieblingsplatten dieses Jahr fühlen sich gleichermaßen an wie von morgen und sind doch extrem verschieden, einmal Metal, nämlich eben die neue Progenie Terrestre Pura, und das andere mal Elektronikasophie mit phantastischer Frauenstimme, „Fin“ von Syd). Unter Personen, die sich von Gitarrensounds schon länger verabschiedet haben, gibt es das platte Urteil, eine Musik wie Heavy Metal könne gar nicht von der Überschreitung des irdischen Hier und Jetzt handeln, man müsse sich doch nur mal diese ganzen Wikinger, Barbaren, Zombies auf den Plattencovern angucken, die mittelalterliche Satansikonographie, die Körper der Musiker, die mit ihren Muskeln und Posen andeuten, man müsse ganz stark, ja ein halbes Tier sein, um diese Klänge hervorzubringen, nichts als Atavismus, Rückständigkeit bis runter ins Biologische.

Tatsache ist aber, dass Heavy Metal teils per Verweigerung der automatisierten und computerisierten Gegenwart, teils per übertriebener Steigerung des Unmenschlichen, das die eindrucksvollsten Maschinen seit der industriellen Revolution auszeichnet, an Fortschritt und Ultrafortschritt geradezu gefesselt ist wie Prometheus an den Felsen. Um Gitarrensoli einer bestimmten Frequenzhöhe spielen zu können und davon nicht gespalten zu werden, so sehr jaulen die, muss man fast ein Roboter sein, suggeriert der Klang selber, und eins der überzeugendsten Stücke auf „U.M.A.“ von Progenie Terrestre Pura heißt „Sovrarobotizzazione“, Überroboterisierung.

Das, was diese Band macht, handelt davon, dass Menschen, für die der Moment unmittelbar bevorzustehen scheint, da sie am Arbeitsplatz, im Bettchen und beim Wählen durch Bots und blinkende Kaugummi-Automaten ersetzt werden, deswegen nicht verstummen müssen, sondern im Gegenteil. Der wogende Friede, der ruhige Bass gegen Ende der Schlussnummer „Proxima:B“ auf „oltreLuna“ scheint sagen zu wollen, dass die Leere, in die sich wirft, wer die Ungewissheit namens Zukunft voll akzeptiert, in Wirklichkeit nicht leer ist. Sie ist in Wirklichkeit ein Ozean voll mit unentdecktem Leben, unbekannter Intelligenz und Schönheit. Ein Meer des Möglichen.

Progenie Terrestre Pura: „oltreLuna“. Avantgarde (Über Import)

Quelle: Faz.net
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenNasa