Album der Woche: Tom Petty

Denn sie zerstören, was sie nicht verstehen

Von Jan Wiele
 - 22:01
© Getty Images, Adria K Music / Reprise
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Amerika wird gerade einmal wieder abgewickelt - ganz programmatisch sogar in George Packers diagnostischem Reportage-Roman „Die Abwicklung“, der inzwischen auch in Deutschland zu den Bestsellern zählt. Untergangsblues ist in der amerikanischen Literatur nichts Neues: Noch frisch, zum Beispiel, ist die Erinnerung an Paul Austers Roman „Sunset Park“, der die Auswirkungen der Finanzkrise in gespenstischen Impressionen verlassener und geplünderter Häuser von Opfern der Zwangsvollstreckung ausmalte. Das Abrechnen mit Amerika und seinen großen Versprechen, die sich als leer erweisen, gehört aber schon lange auch mit zur Rockmusik. Bruce Springsteen, Neil Young, unter den Jüngeren etwa Bill Callahan: alles große Abwickler des amerikanischen Traums, mal subtil, mal mit der Abrissbirne.

Jetzt hat es auch Tom Petty erwischt. „Burnt Out Town“ heißt ein Stück auf seinem neuen Album, zu dem man sich vielleicht Bilder aus Packers Reportagen oder Austers Roman vorstellen könnte, vielleicht aber auch solche aus Cormac McCarthys „The Road“: Asche auf der Hauptstraße, Freunde werden zu Feinden, ein apokalyptisches Szenario. Das gebeutelte lyrische Ich zählt selbst zu den Plünderern: „And here I am, stealing gas with a garden hose.“

In „All You Can Carry“ rät Tom Petty dem Hörer, alle bewegliche Habe unter den Arm zu klemmen und sich aus dem Staub zu machen. Mit dem letzten Stück des Albums, das wie ein Vermächtnis wirkt, liefert er dazu dann die Begründung nach. Es heißt „Shadow People“. Der Sänger beobachtet während einer roten Ampelphase die Menschen in den Autos rundum und fragt sich, was wohl in ihren Köpfen vorgehe. Der eine denke an Kunst und Literatur, der andere an Waffen, noch ein anderer hat vielleicht - gute amerikanische Untergangssitte - zu Hause schon Wasser und Nahrungsmittel für die Zeit nach dem Jüngsten Tag gebunkert. Und schließlich ist da noch einer, dessen Anblick den Sänger schaudern lässt: „And this one carries a gun for the U.S.A./He’s a 21st century man/And he’s scary as hell / Cause when he’s afraid / He’ll destroy everything he don’t understand“, heißt es da. Und dann: „Shadow people / Living in a shadow land.“

Album der Woche
Tom Petty „Hypnotic Eye"
© Adria K Music / Reprise, Adria K Music / Reprise

War es das also nun mit dem Schattenland Amerika? Und macht Tom Petty nun als Letzter das Licht aus? Nicht ganz. Denn so eine zünftige amerikanische Untergangserzählung kommt doch selten ohne Lichtblick aus. Bei George Packer, zum Beispiel, heißt es gleich im Vorwort, dass die Abwicklung neue Freiheit bedeute. Bei Bruce Springsteen wird eigentlich nie ein Traum begraben, ohne dass er dafür einen neuen, noch viel schöneren träumt. Und auf Tom Pettys Album heißt gleich das erste Stück: „American Dream Plan B“. Es ist dies ein wahrer Optimismus-Jingle mit dem Refrain „I got a dream, I’m gonna fight ’til I get it right“.

Dass die alte Vinylplatte des amerikanischen Traums ein B-Seite hat, ist ja eine ganz nette Vorstellung. Aber das Problem von Pettys Platte ist, dass sie musikalisch wirkt wie eine ganze Kollektion verstreuter B-Seiten. Der Opener beginnt mit einem trockenen Rock-Riff, das von AC/DC sein könnte, aber für ein solches Stück ist Petty dann doch nicht der richtige Sänger. Beim Stichwort „Dream“ kann man Tom Petty aber auch einfach an sich selbst messen: Mit „Running Down A Dream“ oder dem elegischen „Hung up an Overdue“, auf das sich dann der herbeigesehnte „Dream come true“ reimte, hatte er eigentlich alles zum Thema gesagt und gesungen.

Untergangsgeschichte mit Lichtblick

Bei den weiteren Stücken bewegt er sich mit seiner eingespielten Band aus Mike Campbell (Gitarre), Benmont Tench (Tasteninstrumente), Steve Ferrone (Schlagzeug), Ron Blair (Bass) und einigen Gästen auf einer Bandbreite von langsamem Jazz-Swing („Full Grown Boy“) über atemlosen Rockabilly („Fault Lines“) bis zur Ballade („Sins of My Youth“), ohne jedoch das Potential dieser sehr guten Musiker wirklich auszuschöpfen. Gelegentlich darf Campbells Gitarre bei Soli schön weinerlich klingen, wie nur sie es kann. Und mit „Red River“ hat man immerhin einmal so etwas wie eine klassische Tom-Petty-Nummer mit seinem typisch zweistimmigen Gesang im Refrain.

Warum man dieser Auswahl von Stücken schließlich den Titel „Hypnotic Eye“ verpasst hat, samt hypnotisierendem Grafik-Design, will sich allerdings nicht so recht erschließen. Bei manchen musikalischen Passagen mag man sich zwar entfernt an die Swinging Sixties und die dazugehörige Bildstörungsmode erinnern, diese Klammer bleibt aber ziemlich lose.

Vielleicht hat die Plattenfirma aber auch bemerkt, dass das Album für den naheliegenden, nämlich den großen programmatischen Titel zum amerikanischen Traum, einfach nicht genug Substanz hat. Als Geschichtenerzähler jedenfalls hat man Tom Petty schon in weitaus besserer Form gehört, denkt man etwa an „Into the Great Wide Open“ zurück. Immerhin endet auch diese Untergangsgeschichte mit einem Lichtblick: „Shadow People“ ist nämlich schon verklungen, als plötzlich noch eine kurze, akustische Coda folgt: „Waiting for the Sun to be straight overhead“, singt Tom Petty da.

Tom Petty & The Heartbreakers: Hypnotic Eye. Reprise 936249373 (Warner)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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