Album der Woche: Lorde

Selbstgemachtes Dynamit

Von Dietmar Dath
 - 18:40

Es fängt faul an, abgestanden: „I do my makeup in somebody else’s car“. Blass und verschnupft klingt das – schon drückt ein blinder Pianist ohne Arme mit original karmesinrotem Baumwollumhängebart seine schwere Denkerstirn auf drei platt melancholische Tastenkombinationen, die zu jener matten Singerei passen wie die Heuchlerträne auf die Lügnerbacke, und im nächsten Moment stöckelt die verstimmte Sängerin mit moroser Mühe hinterher, Beziehungslosigkeit und Anonymität des modernen Lebens wollen ja mal wieder aus voller Schleimlunge beweint werden: „We order different drinks at the same bar“.

Furchtbar. Seit wann ist dieser herzensträge Nouveau-Roman-Deppenduktus aus dem Chansonsondermüll eigentlich wieder erlaubt, und auch noch als Pop-Songtext?

Kann das gedämpfte Aufstoßen sexueller Schwindsucht wirklich der Auftakt zum neuesten Produkt einer Künstlerin sein, die sich dem allgemeinen Gehör vor vier Jahren mit ihrem ersten Album „Pure Heroine“ als faszinierende singende Vogelspinne mit attraktiv knacksendem Rhythmusrippengerüst und giftig-feinen Lyrik-Borstenhärchen empfahl? Wo ist das absolut eigene Timbre hin, das zehn Stücke lang klang, als habe die Dame sich die Zunge mit Chilimarmelade und Lüneburger Salzschokolade mutwillig wundgebrannt, danach einen strengen Fastenmonat an Plastikscherben alter Vinylplatten von Kate Bush, Björk und Tori Amos gelutscht und sich schließlich im Studio mit grünlackierten Krallenbeinen in die feuchten Erdgruben ihrer angstschweißfeuchten Liederhöhlen gegraben, um mit tausend Augen ebenso feindselig wie sexy daraus hervorzublitzen?

Wo ist ihr satanisches Sprechflüstern hin, wo sind die kleinen Ironiekiekser (niemand wird das Wort „divine“ je lässiger auf der zweiten Silbe betonen, als sie’s auf „Ribs“ getan hat)? Wo bleibt der leuchtende Hochmut, mit dem sie raushängen ließ, dass sie im Gegensatz zu allen überbekannten Knödelnachtigallen und Kreischkehlchen im Fach „Frau singt apokalyptische Gefühle“ weiß, dass Gesang bei Popmusik wenig mit messbarem Stimmumfang oder akademischer Atemtechnik zu tun hat, dafür aber viel (noch mehr als selbst in der Oper und in der Operette) mit Schauspielerei? Wie schön war das, als sie damals in der Eröffnungsnummer „Tennis Court“ kundgab: „Well, I’m boooo-ooored“, prima: Noten können sich auf Melodien fläzen wie die Kurtisane auf dem Samtsofa, Prost Absinth!

Die Erbin David Bowies

Aber das hier jetzt, diese blöde Beziehungskistensuppe: „I know about what you did and I wanna scream the truth“ – was ist denn mit Lorde passiert, der gerade mal zwanzig Jahre alten, einzig legitimen Erbin David Bowies in ganz Neuseeland? „She thinks you love the beach, you’re such a damn liar“: Anderen Menschen vorwerfen, sie wären nicht aufrichtig, so was tut doch eine Künstlerin mit Berufsehre nicht. Hat irgendein Kiffer sie zwischen ihrem ersten und ihrem zweiten Album zur wahren Empfindung und protestantischer Geständnistiefe bekehrt?

Eigentlich kann das nicht sein. Schließlich hat Lorde die Jahre seit „Pure Heroine“ ja nicht in der Landkommune verbummelt, sondern unter anderem den perfekt zauberzickigen Klapperschlangentanz „Yellow Flicker Beat“ geschaffen und ihn auf dem Soundtrack zum Fantasy-Kinoblockbuster „The Hunger Games: Mockingjay Part 1“ installiert, einem Gala-Gemeinschaftswerk, auf dem unter ihrer Anleitung (das Ding ist „executive produced and curated by Lorde“) von Grace Jones bis Ariana Grande nur die Allerbesten jene enorme Reichweite an Hochdramatik abstecken durften, zu der Lorde, wie man seit „Pure Heroine“ weiß, auch ganz allein imstande ist.

Doch noch grünes Licht

Missvergnügen und Sorge um ihr Talent, die während der Eingangstakte von „Green Light“, dem ersten Stück ihres neuen Albums „Melodrama“, aufkommen, sind aber unbegründet: Nach der geschilderten halben Minute Mulmigkeit fällt sich die Raffinierte als ihr eigener Chor ins Wort, droht erst mal mit dem weißen Hai und dreht dann den Haken, der unbemerkt längst im Song steckt, blitzschnell um: „But I hear sounds in my mind“ – die Stimme nimmt die Backen voll wie die junge Madonna, das Kummerklavier wird zum Partyschmetterling, und von diesem Moment an lässt „Melodrama“ keine Sekunde lang nach: Alles, was folgt, stimmt und glänzt, vom wiederholten, stets passenden Diebstahl bei Bowies „Changes“-Stottern („homemade d-d-d-dynamite“ heißt das einmal, und später: „I overthink your p-punctuation use“ auf „The Louvre“) bis zum Beweis, dass man die bei „Green Light“ so perfid angetäuschte Klavierballade nicht nur als emotionalen Staubfänger, sondern auch als ernsthaft luxuriöse Synthese aus Elton John und John Cage angehen kann: „Liability“, das Liebeslied der Stunde, Weihe für alle, ganz bei sich, „so I guess I’ll go home into the arms of the girl that I love“.

Entwarnung: Lorde bleibt grandios. Ob das, was sie will und kann, auch fernerhin Kunst sein wird und nicht früher oder später zur Masche verfusselt, weiß nach zwei Platten zwar bloß der liebe Gott. Aber dass hier eine potentiell große, möglicherweise sehr langlebige Karriere im anspruchsvollen musikalischen Psychotheater unserer Zeit angefangen hat, erkennt selbst der Teufel – wie alle, die sich gern ab und an von eiskalter ästhetischer Intelligenz das zynische Herz brechen lassen.

Lorde: „Melodrama“. Universal Music

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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