Album der Woche

Kein Donut für Haim

Von Anna Gyapjas
 - 16:02

Unverdorben wie sie waren, eroberten Haim die Herzen ohne große Mühe. Drei Schwestern aus Los Angeles stecken hinter den vier Buchstaben: Este, Danielle und Alana Haim, die dank Papa Mordechai Drumsticks in der Hand hielten, noch bevor sie lesen und schreiben konnten. Während in den Jahren darauf Altersgenossen ihre Eltern mit Piercings und Drogen auf die Palme brachten, coverten die Geschwister Haim mit ihren Eltern Rock- und Motownklassiker und tourten als „Rockinhaim“ über die örtlichen Jahrmärkte. 2006 sagten sie sich vom Familienprojekt los, präsentierten 2012 ihren erste EP „Forever“ und landeten – nach Vorgruppengigs etwa für Mumford & Sons und dem Abschluss eines Plattenvertrags – auf Platz eins bei der BBC-Sendung „Sound Of“.

Ohne große Mühe nicht nur, weil junge Frauen an Gitarre (Danielle/Alana), Bass (Este) und Schlagzeug (Alana) vor allem dann ein Hingucker sind, wenn sie die Instrumente so gekonnt beherrschen wie diese drei. Ohne große Mühe vor allem, weil Haims unbemühter Soft-Rock-Sound so herrlich nach Altbekanntem klingt und die Schwestern unwiderstehlich eingängige Harmonien und Texte komponieren. Der Vergleich mit den Fleetwood Mac der Siebziger Jahre war der wohl am häufigsten bemühte, nachdem sie „Forever“ veröffentlicht hatten. Im dazugehörigen Video cruisten sie in zerrissenen Shirts auf BMX-Rädern durch die kalifornische Nachbarschaft. In den Schnittbildern bäumten sich Motorräder zu sogenannten „Wheelies“ auf.

Wo bleiben Reibung und Hitze?

Das war lässig und Girlpower zugleich. Fünf Jahre später, als sie das erste Video zum aktuellen Album drehen, gilt es, die gleiche Haltung zu inszenieren. Mit dem Unterschied, dass es diesmal Autos statt Motorrädern sein sollen, und Este, Danielle und Alana Haim direkt hinters Steuer wollen. Den jungen Frauen schwebt ein „Donut“ vor, die Königsdisziplin der Stunts. Dabei rotiert das Hinterteil des Wagens um die Vorderräder, die sich nur um Zentimeter vom Fleck bewegen. Gummi reibt an Asphalt, Hitze entsteht, Rauch hüllt das Manöver ein.

An einem Sonntagmorgen früh um vier ist der Venutura Boulevard gesperrt, der Stuntman zur Stelle, die Karre eingefahren. Bei der Generalprobe aber verliert der Fahrer die Kontrolle und kracht mit Leadsängerin Danielle auf dem Beifahrersitz in eine Parkuhr. Zwar wird niemand verletzt, die Band verabschiedet sich dann aber doch von diesem Bild der kontrollierten Eskalation. Kein Donut für Haim. Stattdessen laufen sie nun die selbe abgesperrte Straße hinunter, immerhin handelt es sich beim Ventura Boulevard um die längste Ladenzeile der Welt, die Hauptstraße der Haim’schen Jugend, und dank Tom Pettys „Free Fallin'“ und Frank Zappas „Valley Girl“ um Popkulturerbe. Die drei Schwestern aus dem San Fernando Valley ihrerseits airdrummen im Gehen, schnipsen zur Musik von „Want You Back“ und streichen sich die Haare aus dem Gesicht. Mehr passiert dann aber nicht wirklich. Auch nicht auf „Something To Tell You“, dem neuen Album: Keine Reibung, keine Hitze.

Nach dem Hype um ihr Debüt „Days Are Gone“ hätten Haim jetzt Staub aufwirbeln können. Denn das Debüt bezeichnete das britische Magazin NME immerhin als „very earnest portrait of three people learning how to shape their own identities“. Das Ergebnis dieser Selbstfindung hätte überraschen können. Von der Familienband „Rockinhaim“ über das Teenpop-Produkt „Valli Girls“ zum eigenen Sound ist es schließlich kein kurzer Weg, und die Einflüsse der späten Siebziger sind mittlerweile weiter weg von Haims Realität als das, was sich seither im Pop getan hat. Aber die Coming-Of-Age-Phase hat nicht weit geführt. Die musikalische Identität, die Haim jetzt präsentieren, wirbelt ungefähr so viel Staub auf wie ein trockener Steppenläufer, den der Wind über die Prärie trägt.

„Something To Tell You“ ist die Chronologie des zweiten Anlaufes zweier Liebender und damit zugänglich für jeden, der eine Trennung hinter sich hat. Das Album beginnt, rhythmisch beklatscht, mit dem entschlossenen Willen, den Ex zurückzuerobern; dem Bedürfnis, gesagt zu kriegen, dass dem Verlassenen das auch total in den Kram passt – „Nothing’s Wrong“ lautet der Titel –; führt zur Erkenntnis, dass der einen ja doch nur zum Heulen bringt; dann zur Einsicht, dass man alleine eh besser dran ist und zur anschließenden Trauerbewältigung.

Haim kamen bisher ohne das große (Melo-)Drama einer Lorde, Adele oder Lana Del Rey aus. Weil ihre leichtfüßige Musik so wenig dem wuchtigen Sound anderer Emotionsinterpretinnen glich, schien der Ansatz zunächst durchaus spannend. Allerdings bekennen sich die die Schwestern diesmal nachdrücklicher zu den Soft-Rock-Elementen als gewohnt. Das einfältige Begehren auf „Nothing’s Wrong“ wird in ätherischen Hall gehüllt, zum titelgebenden „Something To Tell You“ donnert das Schlagzeug wie einst bei Phil Collins’ „In the Air Tonight“, und wenn sich zum Schluss Danielle Haim mit einem einzigen, wiederholten Refrain von der Liebe verabschiedet, Este und Alana das Ganze zu einem engelsgleichen Chor auffüllen und nur die E-Gitarre für ein wenig Bodenhaftung sorgt, dann klingt das schon extrem aus der Zeit gefallen. Zwar haben die Produzenten Ariel Rechtshaid und Rostam Batamanglij peinlich genau darauf geachtet, jeden Song mit stilfremden, elektronischen Elementen zu spicken. Das makellos gearbeitete Klanggerüst hält aber tatsächlich nur das Retrobekenntnis der Schwestern zusammen.

So aufrichtig arglos, wie die Band zu ihren Einflüssen steht, ist das sicher ein identitätsstiftendes Statement. Aber eben eines, das die Gratwanderung zum Kitsch maßgeblich erschwert. Für „Found it in Silence“ etwa schrecken die Schwestern auch vor hymnischem „Viva-La-Vida“-Flair nicht zurück, was beinahe die Grenzen des Erträglichen sprengt. Das ist allein deshalb schon traurig, weil die von eifrigen Streichern herbeigedrängelte Botschaft prinzipiell gar nicht mal so unbeachtlich ist: „There’s no turning back / I know what’s good for me“. Namaste, hat das schon jemand als Meme designt?

Immerhin reicht es trotzdem für ein paar Zwischentöne. „You Never Knew“ beginnt harmlos, bald schon schmachtet die E-Gitarre, harfenartige Synthies folgen. Zuckerwattemusik, die Zeile „we shared such beautiful moments“ – selbst für ein Meme zu platt – tut ihr Übriges. Bis man die selbstbewusste Attitüde hinter dem Refrain vergegenwärtigt, den man dank der typischen Eingängigkeit bereits mitgeflötet hat: „I guess you never knew what was good for you“ ist weniger brav als es zunächst scheint. Solche seltenen Brüche machen die Höhepunkte von „Something To Tell You“ aus.

Haim: „Something to Tell You“. Universal Music

Quelle: Faz.net
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