Album der Woche

Und er so: Wow

Von Jan Wiele
 - 20:17

Stärker hat wohl selten ein fast Fünfzigjähriger seine Berufsjugendlichkeit ausgestellt. Beck Hansen, der schon Anfang der Neunziger, also vor einem Vierteljahrhundert, Antiheld der blutjungen Slacker-Generation war, zeigt in seinen neuesten Musikvideos der Jugend von heute, dass er immer noch ganz schön hip ist – oder vielleicht sogar hipper denn je, denn die Schlabberklamotten von einst hat er längst gegen engsitzende Show-Anzüge eingetauscht.

Oder ist das etwa nur böse Ironie? „It’s like right now / It’s like wow“, singt Beck, und man könnte dies als Zurschaustellung einer Armutssprache verstehen, in der all das, was man nicht auszudrücken vermag, durch das sinnentleerte Vergleichswort „like“ ersetzt wird. Das Musikvideo zu dem Lied, das schlicht „Wow“ heißt, präsentiert tanzende oder trampolinspringende Kinder in Zeitlupe, amerikanische Revolverhelden und Szenen aus Computerspielen. Es wirkt geradezu wie die Antithese zu Becks stilbildendem Musikvideo für „Loser“ (1994), hat eher die Anmutung von Getränkewerbung – und dann kommen auch noch Kalendersprüche: „It’s your life, live it once, can’t live it twice.“ Der Beat ist in etwa so minimalistisch wie der von Snoop Doggs „Drop it Like it’s Hot“, und dort, wo kein Sprechgesang ist, dominieren seltsame Panflötenmotive. Was soll das?

Eine Antwort könnte lauten: Es ist die künstlerische Gegenreaktion, die auf ein Werk folgt, das nicht mehr zu überbieten war. Denn „Morning Phase“ (2014) wirkte wie ein Abschluss, es bildete zusammen mit „Sea Change“ (2002) ein perfektes Doppelalbum, das klanglich und textlich der weltentrückten Kontemplation gewidmet war, eine Art Space-out-Symphonie aus sehr weichem Countryfolk und anderen Retrosounds. „Morning Phase“ wurde bei den „Grammys“ als Album des Jahres ausgezeichnet, was den Konkurrenten Kanye West auf die Palme brachte und zu Beck auf die Bühne drängte, wo er gegen die Entscheidung protestierte. Beck war überrumpelt, rief dann West aber sogar nochmal freundlich zurück, als wollte er sagen: Ja, auch du hättest es verdient. Diese Geste war nicht bloß gönnerhaft, sondern gründet bei Beck auf einem Musikertum, das durchaus nicht im Gegensatz zu den ganz zeitgenössischen Pop-Phänomen steht, vielmehr diese schon immer direkt mit aufgenommen und so auch weiterentwickelt hat.

Der Gegensatz zwischen „Loser“ und „Wow“, zwischen den Neunzigern und heute, erscheint nicht mehr so scharf, wenn man Becks überreiche Produktion dazwischen in den Blick nimmt: Denn dass er nicht nur als Spalter in die Musikgeschichte eingehen wollte, sondern vielmehr als einer, der verschiedene Traditionen umarmt und wild mit ihnen feiert („Sexx Laws“), gerne auch in Form von eingebauten Samples mit ihnen spielt, hat er schon oft gezeigt.

Auf dem neuen Album „Colors“, an dem er sehr lange herumgedoktert hat, wendet Beck sich demonstrativ ab vom schwelgerischen Sound und hin zu einem, den man überaus upbeat nennen kann. Ein jüngst im „Rolling Stone“ veröffentlichter Artikel zur Frage „How did pop music get so slow?“ jedenfalls, der ernsthaft behauptete, aktuelle Lieder seien als Reaktion auf weltweite Krisen immer langsamer geworden, wird mit den Songs auf „Colors“ mühelos widerlegt.

Das aufgekratzte „Seventh Heaven“ erreicht die Geschwindigkeit von „Footlose“ oder ähnlichen Tanzliedern der Achtziger, bei denen vor dem inneren Auge sofort Stahlwerke und lila Leggings auftauchen, und auch das noch schwitziger pumpende „No Distraction“ unterstreicht diesen Eindruck.

Wieder ins Reich des Augenzwinkerns führt der Song „Up All Night“, weil hier trotz des nicht eben originellen Titels wohl jeder, der die Popmusik der vergangenen Jahre nicht vollständig verschlafen hat, an Daft Punk und deren Kollaboration mit dem Funk-Gitarristen Nile Rodgers denken muss und somit an eine der größten Tanznummern aller Zeiten, in der man eben „up all night to get lucky“ ist.

Dass Beck aber auch ernsthaft auf der Suche nach dem perfekten Tanzhit ist, scheint beim Anhören von „Colors“ nicht abwegig, vielleicht, so denkt man manchmal, strengt er sich allerdings auch zu sehr an, um ihn wirklich zu erreichen. Beck hat selbst einmal im Interview die Anekdote erzählt, wie er mit dem Kollegen Pharell Williams eine Zusammenarbeit plante und ihm bei dem Treffen dann sagte, er wolle etwas machen, das einfach nur „happy“ klinge. Williams habe darauf geantwortet, nun, er habe da zufällig gerade einen Song dieses Namens gemacht – „Happy“ wurde bekanntlich ein Welthit.

Womöglich ist Becks Album der Versuch, diese verpasste Chance anders zu ergreifen. Trotz einiger Mainstream-umarmender Gesten liegt im lyrischen Sprechgesang, den Beck wie eh und je pflegt, noch manches Geheimnis. Und außerdem hat sein neues Werk die wichtigste Qualität, die große Popmusik ausmacht: auch die dämlichsten Zeilen sehr eingängig klingen zu lassen. Und schon ist es passiert: „It’s like right now / It’s like wow.“

Beck: „Colors“. Capitol (Universal)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKanye WestSnoop Dogg