Album der Woche

Hoffnungsmaschine: Läuft bei mir

Von Jan Wiele
 - 14:03

Hallo, ihr wunderbaren Leute, ich poste Videos jeden Montag, Mittwoch und Freitag, darunter auch eine Menge Schauspielvideos, so wie das hier. Heute reden wir darüber, wie man Fake-Tränen machen kann, in genau zehn Schritten, obwohl, ich denke, wenn man sich selbst zum Weinen bringt, sinds eigentlich gar keine Fake-Tränen, aber ihr wisst, glaube ich, was ich meine.“

Kann so ein Liedtext beginnen? Bei der Band Ermöbel: ja, gar kein Problem, sie hat Erfahrung mit lyrischer Readymade-Kunst. Vor Jahren schon sang Markus Berges den Beipackzettel einer taiwanesischen Spielzeugpuppe („Ich weine / Wenn Du mich / Streichelst / Schlaf' ich ein / Atme tief / Wenn ich mich / Aufrichte, lache ich“). Nun nutzt er als Sample den Text eines jener Legion gewordenen Selbsthilfe-Videos auf YouTube, der Schritt für Schritt erklärt, wie man sich schauspielerisch von einem Zustand des Glücks in einen der Trauer versetzen kann.

Das Musikvideo zu „Tutorial“ erzeugt einen doppelten Verfremdungseffekt, indem der Text akustisch von Markus Berges vorgetragen wird, während im Bild Schauspielerinnen lippensynchron dazu agieren - und so Momente des Absurden, aber auch solche der plötzlichen philosophischen Tiefe hervorbringen.

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MuikvideoErdmöbel – „Tutorial“

Die lyrische Verwertung von in der Welt vorgefundenem Textmaterial wird hier demonstrativ auf die Spitze getrieben, sie gehört aber auch in den „richtigen“ Erdmöbel-Songs, also solchen mit Gesang, seit jeher zum Prinzip, nur eben in kleineren Umfang von einzelnen Zeilen oder Phrasen. Da kann zum Beispiel ein scheinbar sinnloser Satz einer Fernsehmoderatorin zum Refrain werden (das war auf dem schönen Album „Altes Gasthaus Love“, 2006) oder jetzt ein Lied den Titel „Hinweise zum Gebrauch“ tragen.

Indem auch das ganze neue Album diesen Titel übernimmt, wird das interessante lyrische Prinzip programmatisch ausgestellt - und findet in der Gestaltung des Beilagenheftchens, das ganz in Form einer Gebrauchsanweisung mit seltsam kryptischen Symbolen und unverständlichen Grafiken gehalten ist, spielerische Fortsetzung.

Auftritt DJ Uhrensohn

Auf der Skala Richtung Dadaismus rücken die Texte dieses Mal noch ein Stückchen weiter vor als bisher: „Am liebsten Abends schreckt mich das Ende auf eines feuerroten Fadens ohne Hinweise zum Gebrauch“. Weiteres Sample-Textmaterial können Twitternachrichten sein oder auch SMS von Kindern - dann wieder wirken Textteile wie aus einer automatischen Übersetzung, manchmal auch einer vom Emoji ins Wort: „Bin beim Ypsilon, dann kritische Masse - Die Lucky Cat winkt mit einem Post-it-Kuss, Yvonne“.

Nach langer Vertrautheit mit Erdmöbel dürfte es eigentlich nicht mehr verwundern, dass man so etwas singen kann und sogar eingängige Lieder daraus werden - aber trotzdem ist man immer wieder überrascht darüber. Dabei sollte einen doch nichts mehr wunder bei jemandem, der „Andrea“ auf „Rasenmäher“ reimt. Auch das klingt schön. Und ganz plötzlich steht dann mitten zwischen solchen Zeilen auch ein ganz klar verständlicher Appell: „Steig nicht in den Bus. Tu das nicht.“

Wie schon oft enthalten die Songs manchmal Liebesszenen der fernen Erinnerung - hier reicht sie zurück bis in die Pubertät und zum Herstellen von Mixtapes, an deren Bändern das ganze Leben zu hängen schien: „Was ich Dir nicht sagen kann, sagt Dir mein Mixtape. Ich, Punkrock und Du / Das Grüner-Apfel-Shampoo / Stadtverwaltung“. Dazu hat Ekki Maas ein ebenso fernschön klingendes Gitarrenriff geschustert, das an die Sitar-Experimente George Harrisons erinnert.

Und dann mausert sich die Musik noch mir nichts, dir nichts, zu einem Radio-Refrain, unterstützt von Judith Holofernes: „Lass die Hoffnungsmaschine laufen“. Man wird kaum je wieder eine Spülmaschine einräumen können, ohne daran zu denken.

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MusikvideoErdmöbel & Judith Holofernes – „Hoffnungsmaschine“

Dass es bei einer Band wie Erdmöbel auch „engagierte Literatur“ geben kann, mag manche überraschen, dabei war es schon immer eine Frage des Hinhörens und der Deutungsbereitschaft. Aber selbst wenn jetzt mal ein Lied mit dem zynischen Titel „Erschlagt die Armen“ noch etwas deutlicher wird als bisher - für einen schlichten Protestsong ist auch dieser dann noch viel zu gewitzt.

Die Hinweise auf das, was nicht in Ordnung ist auf der Welt, sind an anderen Stellen vager und doch hörbar auf diesem Album - und manchmal treten sie in Form der Nostalgie auf. „Barack Obama“ heißt das letzte Lied. Dabei spielt es die Erinnerung an die Leistungen dieses Mannes nur über Bande an - eigentlich handelt es nämlich von dem verstorbenen Sänger Al Jarreau, genauer gesagt ist sein Text die Agenturmeldung zu dessen Tod. Mit leichten Modifikationen wird daraus Erdmöbel-Lyrik:

Im weißen Haus war Al Jarreau noch letztes Jahr

Und sang im Einmal-im-Leben-Orchestra vor noch nicht Ex-Präsident Barack Obama.

Im Einmal-im-Leben-Orchestra.

Erdmöbel: „Hinweise zum Gebrauch“. Jippie!/John Management (Rough Trade)

Quelle: FAZ.NET
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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