Album der Woche von N.E.R.D.

Revolutionshymnen aus dem Flipperautomaten

Von Jan Knobloch
 - 21:32

Es ist das Versprechen der Monotheismen, aber auch jenes der Popmusik: „No one Ever Really Dies“ – der Tod ist eine Illusion, keine Sorge, irgendwie wird es schon weitergehen. Im Purgatorium, nach der Auferstehung, oder eben im nächsten Song. Das Akronym, unter dem die beiden Schulfreunde Pharell Williams und Chad Hugo gemeinsam mit Shay Haley Rock, Hip-Hop und Funk in tanzbare Formen gießen, steht für dieses Versprechen. Nun melden sich N.E.R.D. nach siebenjähriger Pause mit einem neuen Album zurück. Vom wunderbaren Infantilismus, von Lust und Ewigkeit ist dabei nur wenig geblieben.

Denn „No One Ever Really Dies“ (so auch der Titel des Albums) fühlt sich an wie ein großangelegtes Modernisierungsprogramm, klanglich wie textlich. Zwar gelten Williams und Hugo, zwei der erfolgreichsten Produzenten der Musikbranche, weiterhin als feinfühlige Erspürer neuer Trends – man denke nur an die Pharrells Feder entsprungenen Festzelthymnen „Happy“ und „Get Lucky“, die 2013 weltweit den kleinsten musikalischen Nenner ermittelten. Um das Nebenprojekt N.E.R.D. aber war es zuletzt still geworden. Sogar der Titel des letzten Albums schien das anzuerkennen: „Nothing“.

Dabei waren Williams und Hugo als Produzenten maßgeblich am Klang der späten Neunziger sowie der Zweitausender Jahre beteiligt. Ob man es wusste oder nicht: In Kaufhäusern, vor Autoradios, bei Großveranstaltungen und Sportereignissen lauschte man den Hits, die das Duo unter dem Namen The Neptunes Künstlern von Jay-Z über Snoop Dogg bis Justin Timberlake und Britney Spears auf den Leib geschrieben hatte. Das klang selten beliebig: Teil des Erfolgs war vielmehr ein charakteristischer Sound mit hohem Wiedererkennungswert. In dessen Zentrum stand eine konzentrierte, funkige Bassline, umspielt von stampfenden Drums und warmen Percussions, denen die sonstige, meist spärliche Instrumentierung untergeordnet wurde. Wer diesem Sound nachspüren möchte, sollte sich noch einmal „Superthug“ anhören, den ersten größeren Erfolg des Produktionsduos. Es grenzt schon ans Wunderbare, wie hier eine Hook allein dadurch entsteht, dass der Rapper Noreaga siebenmal hintereinander das Wörtchen „what“ auf einen hart angespielten Bass bellt. Selten wurde die Gleichgültigkeit gegenüber veralteten Spielregeln so präzise in Musik übersetzt. Der Neptunes-Sound, das war gekonnte Reduktion: Nachzuhören in Stücken wie Ol‘ Dirty Bastards „Got Your Money“, Kelis‘ „Milkshake“ (grandiose Einfachheit: „La la, la la la“), Mystikals „Shake Ya Ass“ oder Britney Spears‘ „I’m a Slave 4 U“.

Am Ende des Eskapismus?

Auch N.E.R.D. funktionierte vor allem durch die Unterordnung des Melodischen unter das Rhythmische, auch wenn zur Hip-Hop-Rock-Funk-Mixtur eine wohldosierte Portion Punk hinzukam. Mit Singleauskopplungen wie „Hot-n-Fun“ (2010) aber begann man, sich selbst zu musealisieren: Der verwässerte Remix von „Got Your Money“ bezeugte vor allem Einfallslosigkeit. Statt der hypnotischen Kelis schwebte nun Folkpop-Klingel Nelly Furtado in die Hook ein wie ein deux ex machina, der sich in der Vorstellung geirrt hat: „Look at you, look at me/look at you, look at me/hot-n-fun, hot-n-fun“, heißt es da, und, fast schon reuig: „Okay we wrote this for a purpose / to motivate you at the time“. Belanglosigkeit als Programm.

Dass „No One Ever Really Dies“ dagegen politisch sein möchte, weil heißer Spaß sich dieser Tage schnell dem Vorwurf des Eskapismus ausgesetzt sieht, wird von der ersten Zeile an deutlich: „The truth will set you free, but first it will piss you off“. Auch bei N.E.R.D. ist Amerika eine krisengeschüttelte Nation auf der Suche nach Erneuerung, ein Ort „where corporations won’t pay/for effects they cause“. Liebesgeschichten nehmen nicht mehr im Club, sondern auf Demos ihren Anfang, und selbst Drachen steigen nur noch, um Grenzen zu überwinden („Kites“ mit Kendrick Lamar und M.I.A.). So weit, so eindeutig. Das spiegelt sich auch auf der klanglichen Ebene: Hin und wieder sind Spuren der alten N.E.R.D.-Instrumentierung erkennbar, der düstere Mantel des Trap jedoch liegt über allem wie der Schatten des Präsidenten über seinem Land. Es ist ein komplexerer, verspielterer Sound, mit schleppenden Basslines und knisternden Hi-Hats anstelle der alten Drums. Auch die Songstrukturen sind weniger linear, dazu gibt es finstre Synths und sogar traptypische Adlibs („Skrt“, „Sheesh“). In Songs wie „Lightning Fire Magic Prayer“ oder „ESP“ wächst sich das zu halluzinatorischen Environments aus, aber auch zu albtraumhaften Hetzjagden durch bunte Elektronikkostüme („Rollinem 7’s“) oder zur minimalistischen Tanznummer „Lemon“, in der Rihanna als Gastrapperin überzeugt. Mit dabei sind außerdem André 3000, Future und Gucci Mane. Fast möchte man Pharrell zustimmen, wenn er ruft: „Motherfucker we ain’t finished“.

Doch das wäre zu viel gesagt. So recht passen will es nicht, wenn in „Secret Life of Tigers“ Stadionrock und Trapbeat miteinander harmonieren sollen. Oder wenn Ed Sheerans schwer erträgliche Adventskalender-Sentimentalität mit Dancehall kollidiert. Insbesondere die zweite Hälfte des Albums wirkt mitunter repetitiv. Unfreiwillige Komik erzeugt außerdem das Nebeneinander von neuem politischem Bewusstsein und gegenläufigen Genrekonventionen – so in „1000“, einer hochgepitchten Revolutionshymne aus dem Flipperautomaten, in der Future Vermögenswerte vorrechnet, als sei nichts gewesen: „Champagne in the club costs thousands/We got gold by the bar, that’s thousands“. Insgesamt aber ist etwas gelungen, das sich zu hören lohnt. Allein schon wegen des gemeinsam mit Kendrick Lamar eingesungenen „Don’t Don’t Do it!“, dem engagiertesten Track des Albums. Verhandelt wird der Fall des Afroamerikaners Keith Lamont Scott, der im September 2016 bei einer Polizeikontrolle erschossen wurde – angeblich, weil er eine Waffe getragen und nicht kooperiert hatte. „They wanna see your hands, tell you hold up your arms (Something says)/Don’t do it, don’t don’t do it“ – das Heben der Hände, auf dem Dancefloor eine selbstverständliche Geste, wird problematisch, sobald man Vertretern einer rassistischen Staatsgewalt gegenübersteht. Immer wieder rief Scotts Ehefrau, die den Vorfall gefilmt hat, ihrem Mann und den Polizisten zu: „Don’t do it!“ Auch das kann dieses Album: Verzweiflung ausdrücken angesichts der Tatsache, dass das Befolgen der Regeln womöglich ebenso tödlich endet wie das Auflehnen gegen sie.

N.E.R.D.:  „No One Ever Really Dies“. Columbia (Sony)

Quelle: Faz.net
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