Album der Woche

Wenn die Nacht am stärksten schwitzt

Von Edo Reents
 - 14:04

Nathaniel David Rateliff hat sich vom etwas unterprivilegiert wirkenden Singer-Songwriter zu einem Rhythm-&-Blues-Kraftpaket entwickelt, das seine robuste Körperlichkeit nicht mehr in zarte, zögerliche Musik packt, sondern in der glaubwürdigen Cowboy-Aufmachung eines gereiften Mannes offensiv ausstellt und dabei musikalisch ausgesprochen deftig hinlangt.

Waren seine ersten drei Alben, von denen das verschwenderisch bestückte mittlere „In Memory Of Loss“ (2010) für die Kritik schon keinen Achtungserfolg mehr darstellte, sondern von ihr als Großereignis gefeiert wurde, manchmal fast zu spärlich instrumentiert, so drehte Rateliff alsbald mächtig auf. Er formte sich ein treffend benamstes Quintett (The Night Sweats) und feiert seither in jeder Darreichungsform Rhythm-and-Rock-Shows, wie man sie selten erlebt.

Schon auf dem Ensemble-Debüt „Nathaniel Rateliff & The Night Sweaters“, 2015 passenderweise auf dem Stax-Label herausgebracht, gab er einen auf Anhieb überzeugenden, frenetischen Soul-Shouter, der sich mit mal schneidender, mal euphorisch jubelnder Stimme durch die Mid- und Uptempostücke fräst und dabei jede Bläserattacke pariert wie King Kong die ihn wie Mücken umschwirrenden Flugzeuge.

Während er sich in Videos ganz unprätentiös in den Dienst einer beachtlichen Kollektivkomik stellt (bestes Beispiel: „I Never Get Old“), zeigt er auf der Bühne, welcher Gitarrist in ihm steckt – man sehe sich dazu auf Youtube nur den Acht-Minüter „Shake“ an.

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Musikvideo„You worry me“ von Nathaniel Rateliff & The Night Sweats

Bis alle Nähte reißen

Rateliffs Entwicklung, die eine der wunderbarsten Metamorphosen der jüngeren Rockgeschichte ist, hat mit Neuerfindung nichts zu tun; sie vollzog sich, wie beim Schmetterling, organisch. Noch aus seinen kärgsten alten Akustikstücken, die manchmal gefährlich an der Hörgrenze herumschlingerten, war sein Soul herauszuhören, wie dieser eben überhaupt näher am Folk siedelt, als landläufig gemeint wird; man denke an Altmeister wie Bill Withers, Billy Vera oder jüngere Interpreten wie Bobby Bazini oder Ray Lamontagne, von dem bald auch etwas Neues kommt.

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Musikvdeo„Coolin’ Out“ von Nathaniel Rateliff & The Night Sweats

Jetzt hat Rateliff wieder zugelangt: „Tearing At The Seams“ (An den Nähten reißen) deutet schon im Albumtitel das Saftig-Pralle dieses Soul-Rock an. Wieder werden hier keine Gefangenen gemacht. Alles klingt entschlossen, von der schwerfällig-schleppenden Titelballade bis hin zum fast hechelnd durchgeprügelten Material. Diese Musik hat quasi aus Prinzip etwas pochend Fiebriges an sich, wie man es vom klassischen Soul kannte und das seither nur noch ganz selten zum Ausbruch kommt, zum Beispiel auf den Alben von Anderson East, dem anderen weißen Soul-Wunder unserer Tage.

Nathaniel Rateliff bringt seine uramerikanische Mischung bemerkenswert freigebig unter die Leute, bisher ohne jede Rücksicht auf die Gefahren des Kräfteverschleißes, des Ausbrennens. Hoffentlich ergeht es ihm nicht so wie einst Ryan Adams, dessen Ausstoß schnell zu stark wurde und der dann einen gewissen Überdruss erzeugte. Aber Nathaniel Rateliff ist dazu wahrscheinlich zu selbstbewusst und zu bodenständig. Aber so schnell – da wird er mit seinem Song schon recht haben – altert dieser bemerkenswerte Cowboy nicht.

Nathaniel Rateliff & The Night Sweats, „Tearing At The Seams“. Stax/Caroline Records (Universal Music)

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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