Album der Woche

Wenn der Bass pumpt und ein Herz zerbricht

Von Thomas Lindemann
 - 14:05

Natürlich schreien in der Panorama-Bar des Berliner Clubs Berghain alle, als die Bassdrum nach einer Minute endlich anfängt, auf jede Viertelnote zu knallen. Dieses 4-to-the-Floor ist der Motor des Techno, das Triebwerk für die Stimmung im Club. Aber der Jubel ist dann noch ein zweites Mal regelrecht frenetisch, als Annegret Fiedler alias Perel danach auch noch zum Mikrofon greift. Und singt. Und wie! „Du kannst dich nicht verstecken“, deklamiert sie, scharf artikuliert, immer wieder, „du kleines süßes Ding.“

Erfrischend mag daran zunächst mal das durchaus zynische Spiel mit Geschlechterrollen sein. Hier behauptet sich ja auch eine Frau in einer überwältigend männerdominierten Domäne, der Welt der Techno-DJs, und sieht dabei elegant und selbstsicher aus. Ihr Stimme ist aber auch an sich geradezu aufregend verwirrend – sie singt hervorragend, kiekst und stöhnt punktgenau in ihre Tracks, und dann teilt sie noch etwas mit. Immer deutsch.

Wegen ihres warmen und eher tiefen Timbres schwingt da eine Nähe zu deutschen Chansons mit, Techno-Knef wurde sie auch schon genannt. Man kann aber genausogut an den Spoken-Word-Elektro der Londonerin Anne Clarke denken – wegen dieser Eindringlichkeit, die zum Hinhören zwingt. Und weil diese Musik sich weit aus der Technoszene herauslehnt hin zu einem Pop, der eben auch ein größeres Publikum erreichen wird.

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Musikvideo„Die Dimension“ von Perel

Das ist auch ganz das Konzept ihres neuen Labels. Perel ist die erste deutsche Künstlerin, die auf dem New Yorker Plattenlabel DFA erscheint. James Murphy, der Kopf der Band LCD Soundsystem, gründete es im Jahr 2001 mit Freunden, die Musik seiner eigenen Band erscheint dort. Nicht nur sind LCD gerade derzeit wieder spektakulär erfolgreich, DFA hat sich auch sonst einen Namen für humorvollen, angenehm sperrigen Elektropop gemacht, etwa mit Hot Chip oder Death from Above. Und nun eben auch mit einer junge Frau aus Sachsen, die bis eben hier zu Lande noch kaum jemand kannte.

Vom Erzgebirge in die Clubs der Welt

Fiedler stammt aus Thalheim im Erzgebirge, hat in Halle Soziologie studiert. Sie spielte in verschiedenen kleinen Bands, auch mal Punk. Sie ist ausgebildete Sängerin, ihre Tracks baut sie alle selbst, in täglicher Arbeit an Computer und Keyboards. Und die Karriere ist nun offensichtlich im Höhenflug. Perel spielt jedes Wochenende mehrere Abende, in ihrem Tourplan quetschen sich Clubs in Amsterdam, Barcelona, Ibiza, dann Festivals, Deutschland hat also einen hochaktiven DJ beziehungsweise Live-Act mehr.

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Musikvideo„Alles“ von Perel

Und einen interessanten. Die Freude am Erbe des Minimal-Music-Erfinders Steve Reich ist gut hörbar – klar, naheliegend für House und Techno – aber hier springt sie das Ohr ganz besonders an. Überall wuseln Patterns, kleine Figuren, die lange wiederholt werden, und die hier sogar durch verschiedene harmonische Stufen getrieben werden. Darunter legen sich weiche Pads und Strings, den Sound einer Solina hört man manchmal, eines dieser Keyboards von 1974, die den Sound der Siebziger und Achtziger mitbestimmten. Perels Album „Hermetica“ ist auch seine eigene kleine Retro-Bewegung, kleine Verbeugungen vor DAF sind drin oder vor dem frühen Mike Oldfield und der Jan Hammer Group.

Aber dann ist da eben noch etwas, das überraschend wirkt. „Ein Haus, ein Zaun, der Vogel erstickt“, heißt es auf der zentralen Nummer „Alles“. Dazu ein Track, als wäre Bernard Sumner von New Order heute ganz jung und würde beginnen, sich einen Weg durch Sound und Zeitgeist zu erfühlen. Insistierend, aber nicht grob, der Bass pumpt, aber darüber glitzern leise glockige Spielereien. „Der Weg – das Ziel – sie finden sich nicht. Auf einem Hof – ein Herz zerbricht“ flüstert Perels Stimme bedrohlich hinein. Das ist gefährliche Musik für die Nacht. Die beste Abkühlung für diese Tage.

Perel: Hermetica. DFA Records (Emi)

Quelle: FAZ.NET
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