Album der Woche: Josh Ritter

Das hast du nicht auf der Bibelschule gelernt, Junge!

Von Jan Wiele
 - 15:56
© Laura Wilson, Josh Ritter

Der amerikanische Folksong funktioniert manchmal nach dem Prinzip des Spiels „Ich packe meinen Koffer“: Wer sich in der zwanzigsten Strophe von Bob Dylans Lied „Highlands“ noch an den Text der ersten erinnert, hat mächtig etwas auf dem Kasten, und wer tatsächlich die Geschichte von Arlo Guthries „Alice’s Restaurant“ bis zum Ende auswendig kann, der hat gewonnen.

Josh Ritter, 1976 irgendwo in Idaho geboren, spielt das Spiel naturgemäß noch nicht so lange wie die älteren Kollegen, aber er ist auch schon richtig gut darin geworden. Das mag mit daran liegen, dass er im Lande der „Liberal Arts Colleges“ das Hauptfach seines Studiums selbst erfinden konnte, nämlich „American History through Narrative Folk Music“ - wer würde das nicht gern studieren? Am Oberlin College in Ohio war Ritter dann auch bald Mitbegründer eines neuen Folk Festivals und wurde gleichzeitig selbst Musiker: Sein erstes, selbstbetiteltes Album aus dem Jahr 2000 entstand auf dem Campus, und auch das zweite „Golden Age of Radio“ (2001) war noch eine sparsam hergestellte Eigenproduktion.

Dann erhielt Ritter zum Glück die Aufmerksamkeit einiger bekannterer Musiker, die ihn in ihr Vorprogramm nahmen. Er absolvierte die Ochsentour des Sichdurchsetzens als Singer/Songwriter unter sehr zahlreichen Kollegen - kein leichtes Unterfangen zu Beginn des neuen Jahrtausends. Aber wer sich ansieht, wie der Mann nur wenige Jahre und einige Alben später zu den ständigen Gästen in David Lettermans Talkshow gehörte und wie er dort etwa im Jahr 2008 mit einer ausgelassenen Band, strotzend vor Spielfreude, seinen Song „To the Dogs or Whoever“ (Nettogewicht: elf Strophen) zum Besten gab, der wird ihn sofort zu den großen lyrischen Kofferpackern zählen.

Josh Ritter
„Homecoming“
© Laura Wilson, Josh Ritter

„I was flat on my back with my feet in the thorns / I was in between the apples and the chloroform / She came to me often, I was sure I was dying / It was always hard to tell if she was laughing or crying“: Das hat das Kryptische von Dylan und den Humor der Guthries, wird bei Josh Ritter allerdings auch noch stark elektrifiziert und damit noch druckvoller. Jede der zungenbrecherisch schnell vorgetragenen Silben sitzt wie ein Faustschlag, das muss man bei Ritter unbedingt mal live gehört und gesehen haben.

Mit seinem neuen Album geht Ritter diesen Weg lyrisch konsequent weiter - musikalisch allerdings legt er diesmal noch ein paar Schippen darauf: Mit einer gewissen Dreistigkeit klaut er sich hier einige der besten Ideen von Paul Simon, Tom Petty und noch manchen anderen zusammen - und kommt damit auch noch sehr gut durch. Da tauchen zum Beispiel häufiger diese beschwingten Gitarrenmelodien im Hintergrund auf, die nach afrikanischem Township klingen, oder man wähnt den Sänger schon mit wildgewordenen Südstaatlern einen heißen Zydeco auf die Tanzfäche legen - beides sind bekanntlich Markenzeichen von Simons Meisterwerk „Graceland“, hier heißt das Lied „Cumberland“. Diese Euphorie kann bei Josh Ritter aber auch überraschend kippen, wie beim tiefschwarzen „Seeing Me Around“ oder der zumindest ziemlich dunklen Folkballade „Henrietta, Indiana“.

Und dann ist da noch eine deutliche musikalische Referenz, die auf einen großen Hit verweist. Wenn Billy Joel mit „We Didn’t Start the Fire“ den Talking Blues in die Achtziger gerettet hat, dann gelingt dies Ritter nun nochmals für das einundzwanzigste Jahrhundert: „Getting Ready to get Down“ ist, betrachtet man nur die Worte, nichts anderes als wieder so eine ellenlange Folk-Story, aber die Musik dazu hat Züge des rockmusikalischen Großangriffs, das weiß man sofort, wenn das Schlagzeug einsetzt.

So freundlich das Lied klingt, ist der Text doch geladen mit Spott und Witz: Da geht es um ein junges Mädchen, dem Eltern und auch der Pastor den Hang zur schiefen Bahn schon ansehen und es zur Seelenrettung auf ein Bibelcollege nach Missouri schicken: „Four long years studyin’ the bible / Infidels, Jezebels, Salomes, and Delilahs“. Doch es fruchtet alles nichts, am Ende lernt das Mädchen auch dort all die Dinge, die man auf amerikanischen Colleges so lernt: „If you wanna see a miracle, watch me get down“.

Der Spott wie auch der erotische Witz in diesem Song haben vielleicht sogar einen realen Hintergrund, denn vor zwei Jahren war von Josh Ritter einmal zu lesen, er halte die Ansichten, die man am Messiah College, einer Bibelschule in Pennsylvania, gegenüber Homosexuellen vertrete, für bigott. Er hatte dort einen Auftritt zugesagt, bevor er davon wusste, und er hat dann später die Gage an eine Hilfsorganisation für homosexuelle Suizidgefährdete gespendet.

Eine Spitze gegen amerikanisches Predigertum ist nicht zuletzt auch der Albumtitel, „Sermon on the Rocks“, der einerseits auf die Bergpredigt anspielt, andererseits auf das Eis in dem Drink, der manche Zunge erst so richtig löst. Josh Ritter meint damit wohl durchaus auch seine eigene, bezeichnet er doch die Musik auf dem neuen Album als „messianic oracular honky-tonk“. Das ist jedenfalls nichts, was man auf der Bibelschule lernt.

Bedenkt man, dass Ritter musikalisch auch im Country beheimatet ist, kann man giftige Zeilen wie „Jesus hates your high school dances“ auch mutig nennen, denn manche Fans verstehen in Amerika gar keinen Spaß, wenn es um ihre Vereinnahmung von Jesus geht. Aber vielleicht holt Ritter auch diese mit der Macht der Musik wieder in seine Gemeinde zurück: Wenn nach dem fast ausgeklungenen Lied „Young Moses“ die Twang-Gitarre nochmals mit voller Wucht einsetzt, sieht man sie alle schon in Horden zum Line-Dancing antreten.

Neben dem Bibelschullied, das sofort großes Ohrwurmpotential entwickelt, hat Josh Ritter noch ein, zwei Pfeile im Köcher, die auf die Zielscheibe richtig großer Americana-Musik gerichtet sind. Einen Song nach wohl Hunderten Variationen über dieses Thema heute noch „Homecoming“ zu nennen ist schon kühn. Und man weiß nicht, wieso, aber selbst die gängigsten Mittel der Pop-Produktion (das Lied scheint vorbei, dabei sind es nur die zwei Takte Pause, bevor das „Homecoming“ zusammen mit dem Stampfschlagzeug auf jedem einzelnen Beat erst so richtig losgeht) wirken bei Josh Ritters Mutreden, Wutreden und manchmal auch Deliriumsermonen so frisch und überzeugend, dass man nur noch Halleluja rufen kann.

Josh Ritter: „Sermon on the Rocks“. Thirty Tigers (Alive).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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