Album der Woche

Die besseren Lügen

Von Oliver Jungen
 - 14:01

„Another Half Life“, das vor drei Jahren erschienene Debüt von And The Golden Choir, war ein Ereignis: zerbrechlich und intim, das enthüllte Menschenherz, aber dabei warm und reinigend wie ein Sommerregen. Man hätte gar nicht gedacht, dass man das vermisst hatte, eine Stimme, die einen packte wie ein mächtiger Greifvogel und durch alle Höhen und noch höheren Höhen bis in den Himmel trug. „In Heaven“ hieß der Zielpunkt dieses Wunderalbums, und da erwartete einen „Angelina“: „You, you hold me softly / Pull me in, pull me in, pull me in“. Als würde man Radiohead noch einmal entdecken. In Bio. Ohne Zusatzstoffe, aber literweise mit Arganöl verfeinert.

Es war natürlich mitnichten ein wirkliches Debüt, denn Tobias Siebert, der tatsächlich einzige Kopf hinter And The Golden Choir – Arrangeur, Texter, Sänger, Gitarrist, Multiinstrumentalist – ist einer der renommiertesten Berliner Musiker und Produzenten, der unter anderem Bands wie Kettcar, Juli und Phillip Boa and the Voodooclub produziert hat. Dazu ist er Sänger und Gitarrist der famosen, keiner Sentimentalität aus dem Weg gehenden Deutschpop-Indie-Band Klez.e, die sich inzwischen dem Retro Wave verschrieben hat (ihre gelungen jammernde Cure-Hommage „Desintegration“ war allenfalls halb ironisch gemeint). And The Golden Choir ist gewissermaßen die lichtere, authentischere Rückseite von Klez.e, komplett auf Ironie und Coolness pfeifend, mit englischen statt deutschen Texten, das andere halbe Leben.

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MusikvideoAnd the Golden Choir - Angelina

Und wer macht so etwas denn heute noch: über fünf Jahre hinweg im eigenen Kreuzberger Studio (Radiobuellebrueck) an einem Album feilen, auf dem man jeden Ton selbst einspielt, die Chöre Stimme für Stimme einsingt? Und das alles dazu noch komplett analog? Diesem Connoisseur ist nichts zu schwör. Bei einer solchen Entstehungsgeschichte verwundert vielleicht nicht allzu sehr, dass dabei kristallklare Erleuchtungsmusik herauskommt. Eremitenpop. Und natürlich sind sie dann doch wahnsinnig cool, die Auftritte Sieberts, für die er alle Tonspuren, die er nicht live spielt (oft die Gitarre), auf eine Vinylplatte hat pressen lassen. Ein Sänger und sein Plattenspieler auf der Bühne, das hatte in seinem Minimalismus etwas Ursprüngliches, Reines, in Verbindung mit der sakralen Anmut dieser frühen Songs geradezu Bettelmönchrevolutionäres. Irgendwann ging dem Musiker die Schizophrenie dieser Situation – ein Tobias von hundert äolischen Luft-Tobiassen begleitet – so sehr auf die Nerven, dass er sich für einige Konzerte doch noch eine Band dazu holte. Die anstehenden Konzerte zum neuen Album sollen aber wieder als One-Man-Show stattfinden. Allerdings kommt zum Plattenspieler nun noch ein Tonbandgerät hinzu. Und diese Aufrüstung ist gut begründet.

Das grandiose zweite Album von And The Golden Choir, das sich keinesfalls so anhören sollte, wie das erfolgreiche erste – diese Aussage Sieberts wurde quasi zum Titel: „Breaking With Habits“ –, ist nämlich tatsächlich anders geworden. Verspielter, opulenter, vielgestaltiger. Aber erneut handelt es sich um elevatorische Traummusik, die man irgendwo oberhalb der Wolken verorten würde. Wieder hat der leidenschaftliche Instrumente-Sammler seine Schränke geplündert, lässt es auf tausenderlei Arten klimpern und klöppeln, klirren und zittern. Doch öffnet sich Siebert diesmal stärker dem großen, flächigen Klang und elektronischen Sounds. Natürlich geht es wieder um alles, um die Liebe und das Leben, um das Schöne, Gute, Wahre an sich, um das Außen im Innen, um unbekannte Mächte und die letzten Dinge. Was die in ganz verschiedene Richtungen strebenden Songs voller Verheißungspathos, die mal an Antony & the Johnsons oder Dead Can Dance erinnern, dann wieder an poppigen Indierock, an Elektro-Avantgardismus, Weltmusik, Gospelgesänge oder Orchesterstücke, verbindet, ist ihre ganz und gar unkitschige Aggressionsfreiheit. Überwältigung durch Harmonie lautet die Devise, ein fast schon gregorianisches Programm. So gut wie jedes dieser unwahrscheinlich dichten, gerne leicht verkopft beginnenden Stücke bricht früher oder später auf in eine mitreißende Melodie, einen lange nachschwingenden Refrain mit Hall und Chor. Wird man je wieder aufs Meer blicken können, ohne dass irgendwo im Hinterkopf „Into The Ocean“ abläuft?

Die Reise geht nach Innen

„The Jewelry“ zieht uns auf schmerzlose Weise hinein in Sieberts Parallelwelt, die – mit Dr. Who gesprochen – „bigger on the inside“ ist. Der mondfern anhebende, getragene, choralartige Gesang, den ein entspannter Beat mehr kitzelt als konterkariert, lässt uns erwartungsvoll auf den Wogen eines Sees treiben (noch nicht der Ozean, von dem die Rede war: der steht am Ende des Albums). Und schon erfüllt sich die Erwartung: Da tanzt und schwebt er über den Wassern, der markante, einnehmende, mitunter in die Kopfstimme wechselnde und im Sinne des Bandnamens in der Tat goldene Gesang Sieberts. Staubkörner im Licht. Das Stück öffnet sich immer weiter, wird chorischer, fügt Spur um Spur hinzu. „In all directions I spread“ lautet eine der ersten Zeilen der Platte und liefert die vielleicht treffendste Beschreibung ihres Stils. Das Ich im Lied, sich wie eine zerrissene Perlenkette fühlend, sieht darin durchaus ein Problem – „I fall apart“ –, und sehnt sich nach Errettung: „Show me your grace“. „Jewelry“ aber ist nur das Tor, durch das wir schreiten. Dahinter wartet bereits die nächste Erleuchtung.

Das in seinem Pulsieren weniger spirituell anmutende „My Lies“ verschaltet Passagen mit vertrackter Rhythmik und „No way out“-Lyrik mit einem hymnischen Refrain, der wie ein Sonnenstrahl durch dunkle Wolken bricht: „I lie to make you feel better – every day“. Vielleicht darf man auch das auf diese Musik selbst beziehen: der Refrain als Lüge, der unserem inneren Harmonieschweinehund entgegenkommt. Freilich wäre man damit mitten im Kreter-Paradox, wenn die Lüge sich selbst als Lüge zu erkennen gibt. Dass Siebert solche Spielchen liebt, macht das nächste Stück deutlich. „Clocks“ führt uns klanglich ins tiefe Afrika: Mit Marimba-Gedöngele, kerniger Rassel und entrücktem Klatschrhythmus soll gar aber keine exotische Elefanten-unter-Affenbrotbäumen-Atmosphäre aufgerufen werden, sondern ganz im Gegenteil ein urdeutsches Wohnzimmer voller Tick-Tack-Wanduhren. Der Gesang fügt dem noch einmal eine Drehung hinzu, indem das Ich beichtet: „I hate clocks on walls“. Angeblich handelt es sich um eine Abrechnung Sieberts mit dem eigenen Elternhaus, aber natürlich geht auch das tiefer, bezieht sich auf die Zeit selbst, die hier verknäult, zertrümmert und gedehnt wird, bis sie selbst nicht mehr weiß, wo Früher und Später wohnen.

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MusikvideoAnd The Golden Choir - How To Conquer A Land

An den leicht hängenden Gesang, dem der Beat vorauseilt (etwa bei „The Queen of Snow“), kann man sich gewöhnen. In der schon mit Windspielen beginnenden Elemente-Meditation „Air Fire Water“ übertreibt es Siebert freilich ein wenig mit der Komplexität. Gleichwohl hält er auch hier eine schönes Versprechen parat, das jeden Hörer wieder versöhnen dürfte mit einer Klangstruktur, für die man promoviert haben muss: „And we’ll get the stars“. Die sind nämlich noch übrig, weil die Alchimisten sie einfach übersehen haben. Und was wollte man mehr?

Es ist folgerichtig, dass auf dieses die Elemente beschwörende Stück der bereits früh ausgekoppelte Song „Joker“ folgt, der kürzeste des Albums, ein ruhiger, von einem radikal entschleunigten Piano und klagender Oboe (oder was auch immer) begleiteter Bittgesang an Joker, den Teufel, dem Singenden zu Hilfe zu kommen: „I’ve got so much to burn.“ Und er tut es offenbar, der Teufel, dieser Teufelskerl, denn „Joker“ erweist sich als Scharnier zwischen den beiden in quasireligiöser Dialektik aufeinander bezogenen Hälften des Albums. Nach den irdischen Klagegesängen (die in den Flammen verschwinden) folgen nun himmlische Jubelarien. Komplett anders klingt das nicht, aber entscheidend ist die Richtung: ab hier also von oben herab statt von unten hinauf.

Wie man ein Land erobert

Gleich mit dem Höhepunkt des Albums beginnt dieser Part: „How To Conquer A Land“ ist eine astreine Indierockpop-Hymne, deren „Captain Captain“-Anrufungen eine solche Strahlkraft und so viel John-Lennon-Messianismus besitzen, dass man kaum bemerkt, dass es irgendwie ja um politische Schweinigeleien geht, um Landnahme, Einmarsch, Krieg: „My heart is filled with shame.“ Im nicht nur technisch ziemlich perfekten Video zu dieser Vorab-Single sieht man, wie verloren und planlos dieser einsame Captain Sisyphos, seinen Fallschirm wie eine Strafe hinter sich herschleppend, durch Wälder und verstoppelte Landschaften stolpert (also doch irgendwie das Heimatland, nicht die Wüsten Afghanistans), bis er schließlich erlöst wird. Bei der Besetzung hat man sich nicht lumpen lassen: Die Schauspieler Sebastian Hülk und Corinna Harfouch spielen den verwirrten Heroen und seine Schicksalsgöttin. Und sie tun das mit geradezu weihevoller Dignität.

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MusikvideoAnd The Golden Choir - The Rain

Einige Melancholie steckt in dem groovenden „The Rain“, ein dramatisches Liebeslied, zu dem es inzwischen auch ein Video gibt, handgemacht und voller Raketenpathos. Da möchte jemand aus jemandes Regen genommen werden, vor allem aber wohl zu Herzen. Noch mehr Zutrauen scheint auf in „The Distressed Jeans“, eine eher traumlogische Hoffnung, in chic zerrissenen Hosen die Liebe an sich zu finden. Die Texte stochern einige Probleme zutage – weinende Tiere, zerbrechende Welt –, aber die Melodie lässt keinen Zweifel: Das Positive wird siegen. Das Licht nimmt zu. Wir sind auf dem richtigen Weg. Und dann betreten wir „The Garden“. Das Lied ist ein einziger Introitus, ein Triumphmarsch durchs letzte Tor, hinein ins Sanctum Sanctorum der reinen Harmonie. Hallo Einhörner, seid gegrüßt, Engel. „One day“ werden wir dort anlangen, „blown away from the world“. An diesem Tag tönt hoffentlich diese überirdisch schöne, vielstimmige Melodie aus gewaltigen Boxen, lässt das Heiligtum erzittern: „We’re in the garden.“

Wir haben diese detailverliebte Platte nun fast durchquert, den „Garten der Lüste“ von rechts bis links abgeschritten. Aber war schon bei Hieronymus Bosch die Landschaft auf dem Eden-Flügel eigentlich die langweiligste, hat die alte Paradiesvorstellung spätestens im ultraprofanen Urban-Gardening-Berlin kaum noch Zugkraft. Das weiß auch Siebert respektive And The Golden Choir, schließlich hatte er kein wirklich religiöses Album im Sinn, sondern allenfalls ein Pendant von gleicher Intensität. So öffnet sich zuletzt in der rückwärtigen Steinwand des Paradiesgärtleins noch eine Tür, die uns ins Offene bringt, zum Ozean. Im Abschlussstück „The Ocean“ liegt sie vor uns, die Unendlichkeit. Alles an Halleluja, Hosianna und Hymnik wird nun auf uns losgelassen, bis wir einsinken in dieses Meer der Zeiten: „You are inside.” Das ist Epiphanie für Agnostiker. Schwerelos treiben wir die letzten beiden Minuten in langsamen Drehungen durch dieses weite helle Dunkel. Mehr als zufrieden. So kann man abtreten. Und ist es nicht wahr, ist es doch herrlich gelogen.

And The Golden Choir: „Breaking With Habits“. Caroline (Universal)

Quelle: Faz.net
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