Album der Woche

Country-Sirenen sterben nicht aus

Von Rolf Thomas
 - 14:21

Blondlockige Geschöpfe, die singen und zudem auch noch ihre eigenen Songs schreiben können, sind der amerikanischen Country-Musikindustrie immer hochwillkommen. Ashley Campbell kann nicht nur das, sie spielt zudem auch noch ziemlich virtuos auf dem Banjo und ist außerdem die Tochter von Glen Campbell. Der im letzten Jahr verstorbene Sänger und Gitarrist („By The Time I Get To Phoenix“, „Rhinestone Cowboy“) war nicht nur ein Superstar des Genres, sondern hat als Studiomusiker so ungefähr jeden amerikanischen Musiker von Frank Sinatra bis zu den Beach Boys begleitet.

Ashley ist das jüngste seiner acht Kinder und ob sie es ihm gleichtun will, ist einstweilen nicht bekannt. Auf „The Lonely One“ wirkt sie eher wie ernsthafte Konkurrenz für Taylor Swift – die, viele haben es bereits vergessen, einst auch als Countrysängerin gestartet ist – oder Nachfolgerin von Dolly Parton, denn wie die unvergleichliche Diva streut sie auch gerne kleine instrumentale Bluegrass-Häppchen in ihr Repertoire. Vor allem aber schreibt und singt sie griffige Country-Pop-Songs wie „Better Boyfriend“, in denen Fiddle und Banjo zwar eine prominente Rolle einnehmen, die aber so sorgfältig produziert sind, dass sie auch einem großstädtischen Publikum gefallen können, das etwa eine Shania Twain vermisst (die gerade an einem Comeback arbeitet).

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Ashley Campbell„Nothing Day“


Das Banjo hat Ashley Campbell keineswegs von Kindesbeinen an bearbeitet, sondern erst als Studentin und Schauspielerin für sich entdeckt – eigentlich hatte sie eine Karriere bei der Fernsehshow „Saturday Night Live“ im Auge. Sie lernte den „Foggy Mountain Breakdown“ auf dem Banjo zu meistern – eine Art Reifeprüfung für Bluegrass- und Country-Musiker und einst ein großer Hit für Earl Scruggs – und spielte in Los Angeles mit der dortigen Bluegrass-Band The Dust Bowl Cavaliers.

Zwischen Bluegrass und Rock-Dinosauriern

Diese Einflüsse kann man noch in dem betörend süßlichen Titeltrack ihres Debüt-Albums hören. Ein Bluegrass-Veteran namens Carl Jackson, der dann auch noch Ashley Campbells Patenonkel ist und schon für ihren Vater gespielt hat, ist auf „Carl & Ashley's Breakdown“ zu hören. Als Banjospieler ist er für Ashley Campbell eine Art Vorbild, die ihr Debüt als Musikerin vor fünf Jahren im amerikanischen Fernsehen gab, als sie gemeinsam mit der Country-Band Rascal Flatts und den amerikanischen Rock-Dinosauriern Journey auftrat. Mit ihrem Bruder Cal gründete sie die Rock-Band Instant People, mit einem anderen Bruder betrieb sie das Duo Victoria Ghost. Zusammen mit Cal hat Ashley Campbell „The Lonely One“ selbst produziert. Aufgenommen wurde das Album in Los Angeles, aber es klingt, als ob es auch im berühmten RCA-Studio B in Nashville entstanden sein könnte – eine sphärische Ballade wie „Wish I Wanted To“ erinnert sogar an die großen Allison Krauss.

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Ashley Campbell„A New Year“

Es sind fast zu viele Talente, die die auch noch wie ein Filmstar aussehende Ashley Campbell auf sich vereint, was einen durchaus misstrauisch macht. Nach mehrmaligem Anhören von „The Lonely One“ findet sich aber partout kein Haar in der Suppe, ganz im Gegenteil: Songs wie „How Do You Know“, die auch einer Martina McBride oder Reba McEntire gut zu Gesicht stehen würden, erscheinen einem immer attraktiver und nutzen sich kaum ab. Wer also ein Herz für Country-Sirenen hat, die für Abstecher in Richtung Pop („We Can't Be Friends“ lässt verruchte R&B-Töne anklingen) und Bluegrass zu haben sind, der liegt mit „The Lonely One“ genau richtig – unter den dreizehn Songs findet sich jedenfalls kein Ausfall.

Ashley Campbell: „The Lonely One“. Hump Head Records/Harmonia Mundi

Quelle: FAZ.NET
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